Hans Fritz

Ein Tunnel aus der Vorzeit


Wir besuchen nochmals den in unvorstellbarer Ferne vermuteten Planeten Tambosirk, dort den ‘Steinernen Kontinent’ Pojassod samt seiner vorgelagerten Neulandinsel. Ein breiter Meeresarm, der Puntjeh-Graben, trennt die Festlandmasse von der langgestreckten, reich bewaldeten Insel.

Nirgendwo soll das Leben ruhiger, angenehmer, ja frei von atemraubenden Ereignissen verlaufen als in der Bezirksmetropole Egewapob, deren äusserstes Siedlungsgebiet sich bis zum ‘Graben’ hin erstreckt. Im Umfeld jener Stadt möge sich die folgende Geschichte abspielen.


***

Die Burtanegs, Inhaber einer Giesserei im hohen Norden des Kontinents, folgen einer Einladung der Molikjals nach Egewapob. Es handelt sich um eine Ferienbekanntschaft, die vor langer Zeit beim gemeinsamen Durchstreifen der Neulandinsel geschlossen wurde. Mit reichem Besitz gesegnet, sind Aldo und Caloza Burtaneg nicht von tragischem Geschick verschont geblieben. Sohn Gerald und seine Freundin nahmen sich, wie wir heute sagen würden, eine Auszeit und brachen zu einem Segeltörn rund um den Kontinent auf. Die letzte Nachricht, die die Burtanegs per Brief erhielten, kam aus einer kleinen Siedlung am Westende der Neulandinsel. Küstenwachen und sämtliche Fischereiunternehmen suchten wochenlang vergeblich nach den Verschollenen. Auch das Boot wurde nie gefunden.

Heute treffen sich die beiden Ehepaare in der lauschigen Laube der Molikjal’schen Villa in der Südstadt. Die Burtanegs tragen kaftanähnliche Überröcke, er in Gelb, sie in Grün. So will es ein ungeschriebenes pojassod’sches Gesetz für auswärtige Besucher der Region Egewapob. Die Molikjals treten in nüchternem Alltagsgrau auf.

Es verspricht ein unterhaltsamer Abend zu werden. Das kühle Frühherbstwetter schafft eine angenehme Atmosphäre. Letzte schwere Gewitterwolken haben sich verzogen. Also kann sich Stadtschreiber Bangu Molikjal den Eintrag über ein Unwetter und seine Folgen für dieses Mal schenken.

Der runde Gartentisch steht vor einem hochragenden, vierkantigen Kamin, der mit rotgelben Klettertrieben spärlich umrankt ist. «Was habt ihr für ein Ungetüm hier im Garten stehen?» möchte Caloza wissen.

Hausherr Bangu Molikjal erklärt: «Es ist die Nummer vierzehn der 62 noch vorhandenen Kamine, die in einer geraden Linie stehen und jeweils auf Sichtweite voneinander entfernt sind. Die Kolosse erheben sich über dem Peghoid, einem vermutlich vor Urzeiten gegrabenen Tunnel. Sie dürften der Belüftung gedient haben. Beim Baumaterial handelt es sich um einen Klinkerstein, wie er sonst nirgends in und um Egewapob zu finden ist. Die sechs Kamine auf der Neulandinsel wurden von der Bezirksregierung zum Abbau und zur Umnutzung der Steine freigegeben und sind inzwischen gänzlich verschwunden».

«Wozu diente der Tunnel?» möchte Aldo Burtaneg wissen.

«In der Hoffnung, euch nicht mit einer Tunnelgeschichte zu langweilen, möchte ich euch eine solche in Kurzform erzählen», spricht Heimatkundlerin Alisia Molikjal. «Wir hören gerne zu», meint Caloza.

 

Verlockende Tiefe – Alisias Erzählung

Wir sind fünf junge, abenteuerlustige Leute, als wir auf einer Feier zum Abschluss des Studienjahres den Entschluss fassen den Peghoid zu erkunden. Es gibt zwar über Sinn und Zweck der Anlage eine Vielzahl an Theorien, die aber einer seriösen Untersuchung schon in ihrem Ansatz nicht gerecht werden. Wir stellten uns also die Aufgabe etwas Licht ins Dunkel des Tunnels zu bringen und damit vielleicht eine echte Sensation zu landen.

Die im Stadtarchiv aufgestöberte Beschreibung mit beigefügten Skizzen und einer Karte liess vermuten, dass am Ende des Festlandsockels durch einen engen Schacht eine Stiege nach unten führt, wo eine Fortsetzung des Tunnels unter dem Puntjeh-Graben hinüber zur Neulandinsel führt.

Nach zähen Verhandlungen mit der Regionalverwaltung bekommen wir die Erkundung des Tunnels genehmigt. Drei Männer und zwei Frauen als voll beamtete Heimatforscher in spe bilden den kleinen Expeditionstrupp. Die beiden Frauen sind meine ältere Schwester Jessika und ich.

Der Einstieg beginnt am Ende eines Fusswegs, der den alten, heute stillgelegten Bauhof überquert. Der Ortsunkundige findet den Einstieg nie. Ich hatte dank guter Beziehungen meiner Eltern zu den Oberen eines Bauunternehmens einen Plan des Riesengeländes beschaffen können.

Mit vereinten Kräften heben wir die stark angerostete Metallplatte an und schieben sie zur Seite. Wir steigen die schmale Treppe  hinab und gelangen in den schätzungsweise drei Meter hohen und an seiner Sohle sechs Meter breiten Tunnel. Ein schwaches, von irgendwoher kommendes Licht gestattet vorerst das Schonen unserer Stirnlampenbatterien. Nach wenigen Schritten ist die Öffnung des ersten Kamins erreicht. Entgegen unserer Erwartung folgt der weitere Weg keinem Gefälle, es geht topfeben weiter. Kamin Nummer zwei scheint etwas mehr Helligkeit hinabzuschicken, Kamin Nummer drei ewiges Dunkel zu transportieren. Der Belag des Gewölbes samt Boden scheint aus einer bitumenähnlichen Masse zu bestehen. ‘Hätten menschliche Wesen den Tunnel gebaut, befänden sich Zeichnungen an den Wänden’, meint Jessika. Kamin Nummer 27 spendet eine erstaunliche Lichtfülle, die bis in eine grob ins Gefels gehauene Nische reicht. Wir entschliessen uns zur ersten Rast. Proviant aus Fertigspeisen und kühlen Getränken zaubern wir aus den Umhängetaschen hervor.

Bald geht es weiter. Droben beginnt jetzt die Abenddämmerung, aber das berührt uns hier unten nicht. Aber wo bleibt der auf der Karte vermerkte Abstieg? Es gibt keinen! Der Tunnel endet abrupt an der Steilküste. Später werden wir erfahren, dass es den Abstieg nie gab. Er ist die Erfindung eines Reiseschriftstellers.

Die Öffnung des Tunnels zum Graben hin gibt den Blick frei auf die stählerne Brücke der Überlandbahn im Norden. Ein Zug aus mehreren Wagen ergänzt das Bild. «Heute der vorletzte Zug nach Egewapob Süd», weiss Jessika. Der Weg zurück gestaltet sich paradoxerweise zur nicht enden wollenden Nachtwanderung».

«Vor drei Jahren war der Tunnelausgang zum ‘Graben’ hin mit einem Gitter verschlossen», sagt Frau Burtaneg. «Woher weisst du das?» fragt Alisia. «Unser Sohn Gerald und seine Freundin machten auf ihrer Fahrt durch den Graben diese Entdeckung. Sie erwähnten es in ihrem letzten Brief –«

***

Im Schauspielhaus nebenan ist Pause. In der Tragikomödie mit dem ominösen Titel ‘Ein Irdisches Leben’, die heute über die Bühne geht, spielen die Egewapob-Kamine lediglich eine Nebenrolle, was einige Theaterbesucher nicht davon abhält den Molikjal’schen Kamin abzulichten was das Zeug hält, mit oder ohne Blitzlicht. Da bekommt der Kamin eine nicht minder fotogene Konkurrenz in Form der Mimin Branzeska, die in goldglitzerndem Gewand an einer Mauer lehnt. Ihr rotgebändertes Hütchen scheint das Interesse einiger spät fliegenden Käferartigen zu wecken. Auch die Branzeska, die landein landaus Hochberühmte, spielt in diesem Stück nur eine Nebenrolle. «Wir hatten das seltene Glück Karten für die morgige Abendvorstellung zu bekommen», erklärt Bangu Molikjal. «Apropos Karten. Ich möchte euch zwei Karten zur Eröffnungsfahrt mit dem Boot durch den gefluteten Tunnel überreichen. Damit könnt ihr auch die Rückreise per Bahn antreten. Die Fahrt wird zwar erst in zwei Jahren stattfinden, aber schon jetzt ist die Zahl der Berechtigten sehr begrenzt. Spätestens bei jener Gelegenheit werden wir uns wiedersehen, wie ich hoffe».

 

Fragenkatalog und Deutungen

Selbst halbwegs seriösen Berichten zufolge muss der Tunnel älter sein als das grosse Beben vor geschätzten elftausend Jahren. Denn zu jener Zeit ereigneten sich tambosirkweit heftige Erschütterungen, die auf dem Kontinent Pojassod zum Einsturz des Nord-Süd-Grabens führte. Der Graben wurde zum Puntjeh, einem neu entstandenen Meeresarm.

Nach Meinung der Wissenschaft gab es auf dem Pojassod schon zu Urzeiten so etwas wie menschliche Wesen. Nein, nicht schon wieder Aliens von fernen Planeten. Gelegentliche Skelettfunde auf dem Hauptkontinent ergaben Hinweise auf primatenähnliche Wesen mit enormen handwerklichen Fähigkeiten und die als Selopianen in die Rubrik Primatoide des vorläufigen Stammbaums der Tambosirker Lebewelt Einzug hielten.

Es könnte also schon in vorgeschichtlicher Zeit ein reger Handel mit dem Ostland, also der heutigen Neulandinsel, stattgefunden haben. Bleibt nur die Frage ob und wie die Beförderung der Waren durch den Tunnel vonstattenging. Aber warum überhaupt durch einen mit wahrscheinlich primitivem Werkzeug unter enormem Aufwand gegrabenen Tunnel? Machten häufige Unwetter mit unberechenbaren Stürmen den normalen Weg durchs Gelände äusserst beschwerlich bis unmöglich, oder waren gefährliche Kreaturen im Spiel, die es auf bestimmte Güter abgesehen hatten und die Transporte überfielen?

Da gibt ein Fund aus dem versumpften Boden des Puntjeh-Grabens der Deutung der Tunnelgeschichte neuen Auftrieb. Es handelt sich um einen Riesenlöffel aus eng geschlungenem Maschenwerk. Archäologen schätzen das Alter des Fundstücks auf acht- bis zehntausend Jahre. Über den einstigen Verwendungszweck wird heftig spekuliert, bis ein Bootsbauer erklärt es handele sich zweifellos um ein Paddel oder Ruder. Darauf erklärt die lokale Presse, beim Tunnel handele es sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um eine Wasserstrasse, deren Nass vom Fluss Taborhaj abgeleitet wurde. Tatsächlich führte einst vom heutigen Bauhofgelände ein Kanal zum Fluss. Von einem solchen Wasserweg sollen Spuren im Garten des Ministerienparks erhalten sein.

Warum sollte der Warentransport auf dem Wasserweg erfolgt sein, dazu durch einen Tunnel? Nach Meinung der Archäologen kannten die Selopianen das Rad nicht, konnten also nichts mit Wagen oder Karren transportieren. Blieb also das Wasserfahrzeug irgendeiner Art auf sicherer Route.
 

***

Nun sollen bald wieder Wasserfahrzeuge auf dem Kanal verkehren. Von langen schmalen Booten für jeweils 18 Personen ist da die Rede. Anheimelndes Laternenlicht soll die Szenerie ausleuchten. Der Bootsführer wird zwar nicht singen, aber öfter einen Hinweis auf den Ort geben, unter dem sich die Boote gerade befinden. Infolge zunehmender Wasserknappheit des Taborhaj wird die zunächst vorgeschlagene Ableitung zum Tunnel streng untersagt. Das Wasser des Kanals wird nun am Rande der Neulandinsel aus dem Meer geschöpft und gute 600 Meter nach oben gepumpt. Der aufwendigste Teil des Unternehmens, an welchem die Burtanegs als Stahllieferanten beteiligt sind. Der Bau der Tunnelröhre aus ‘Frühbeton’, die den Kontinent mit der Neulandinsel verbinden soll sowie die Wiedererrichtung der sechs abgebrochenen Kamine sind ein Klacks dagegen. Als Ausgangspunkte der Bootsfahrten sind die so genannten Wendebecken an beiden Tunnelenden vorgesehen.

 

Nachspeise

Ein rötlich schimmerndes Gebilde namens Plunigtho, das in seiner Form einem irdischen Riesenbovist ähnelt, gedeiht noch heute auf fruchtbarem Humusboden des Ostlands. Zu fortgeschrittener Stunde tischt Alisia einen solchen ‘Pilz’ auf, und zwar in feingehackter Form, versetzt mit einer scharfen Sosse. Der Geschmack ist nicht eines jeden Sache, aber lukullischen Kreationen des Gastgebers gegenüber ist der Tambosirker meist höchst tolerant.

Die Plunigthos werden sofort nach der Ernte in lichtdichte Folien verpackt, da der im Boden haftende Teil sich in Sonnenlicht blau verfärbt und nach kurzer Zeit eine recht unappetitliche, schleimige Beschaffenheit annimmt, dazu noch einen üblen Geruch verbreitet. «Jetzt ist mir absolut klar, was die Urgenossen in der Dunkelheit beförderten», sagt Aldo Burtaneg. «Die hatten nicht nur kein Rad, sondern auch keine lichtundurchlässige Folie.» «Ausserdem sind ja die Nächte hier wohl seit eh und je nicht sehr dunkel», meint Caloza. Damit ist die Geschichte um den Tunnel wieder um eine Theorie reicher geworden.

***

Wie steht es um die erste neuzeitliche Bootsfahrt durch den Tunnel? Die findet statt!

Die Burtanegs finden sich am Egewapober Wendebecken ein. «Bitte besteigen Sie unverzüglich die Boote, wir müssen in wenigen Minuten ablegen», tönt es aus einem Lautsprecher. Wo bleiben die Molikjals? Sie kommen nicht und zwei Plätze bleiben unbesetzt. Ein paar Tage später entschuldigen sie sich bei den Burtanegs. Bangu hatte einen schweren Unfall und sie hätten daher auf die Bootsfahrt verzichten müssen.

Die Überlandbahn bringt die Burtanegs zurück in die Heimat. Von der stählernen Brücke aus blickt der Reisende staunend auf die Peghoid-Riesenröhre, die den Meeresarm alias Puntjeh-Graben überspannt.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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