Markus Zinnecker

als Goethe die Oma erschreckte

Der Bücherschrank des Großvaters war eines jener antiken Möbelstücke, die einen Raum dominieren. Dunkles Holz, von Alter und jahrzehntelangem Gebrauch etwas mattiert, vor einem Jahrhundert vom Schreiner in eine strenge, massive Beständigkeit ausstrahlende Form gebracht. Was den Jungen, vielleicht zehn Jahre alt, mehr beeindruckte als der Schrank, war sein Inhalt. Lange Reihen von Büchern, einige in moderner Form bunt eingebunden, andere in Leder gehüllt, in das goldene Buchstaben eingegraben waren.
 
Der Junge las gerne und es war ein grausig kalter, von trübem Nebel und Nieselregen dominierter Herbsttag. Eigentlich hatte der Großvater ihm versprochen, dass sie heut einen Ausflug machen würden. Aber bei dem Wetter? Das hatte keinen Sinn, das sah der Junge ein. Darum stand er jetzt vor dem Bücherschrank, irgendetwas zu Lesen wäre schön. Er sah sich also die Titel auf den Buchrücken an und blieb an einem Band hängen. „Die italienische Reise“ hieß das Buch. Ein alter Band, in Leder gebunden und schwer, aber Italien, das klang interessant. Auch weil seine Eltern im kommenden Jahr mit ihm dort hinfahren wollten. Also nahm er das Buch, setzte sich in den Sessel und begann zu lesen.
 
Bereits nach den ersten Seiten war er gefesselt von diesem Reisebericht. Ein Mann hat ihn geschrieben, vor gut zweihundert Jahren. Damals, das wusste der Junge schon, gab es natürlich noch keine Autos, keine Eisenbahn oder gar Flugzeuge. Darum reiste der Autor mit der Postkutsche. Auf abenteuerlich schlechten Straßen, von Böhmen kommend nach Regensburg und dann weiter in Richtung Süden. München, Mittenwald und Innsbruck beschrieb er, Orte die der Junge selbst kannte. Aus dem Buch sprach aber eine andere Zeit, in sanfter, aber trotzdem kraftvoller Sprache berichtete der Autor davon, wie es damals gewesen war. Er schlug damit eine Brücke über die Jahrhunderte hin zu seinem jungen Leser.
 
Irgendwann, es mochte eine Stunde vergangen sein, betrat die Großmutter den Raum und sah einen Moment schweigend zu. Dann sagte sie: „Was liest du da?“ Der Junge erschrak, er hatte sich völlig in der Welt des Buches vertieft und sie nicht bemerkt. Dann sagte er: „Weiß nicht, ich habe es im Schrank gesehen. Ist gut.“ Dann hielt er das Buch so, dass die Großmutter den Titel sehen konnte. Sie lächelte und meinte: „Ich glaube, das ist nichts für dich. Das verstehst du noch nicht.“ Sie nahm das Buch an sich, klappte es zu und stellte es in den Schrank, bevor sie den Raum verließ. Ihr Enkel sah ihr verwirrt nach. Wieso sollte er das nicht verstehen? Es ist ein schöner Bericht über eine Reise vor langer Zeit. Genau wie die Bücher über die alten Seefahrer, über Vasco da Gama und James Cook, oder die Bücher Karl Mays, die ihm seine Mutter geschenkt hat. Nur, dass der Autor der italienischen Reise sich das wohl nicht ausgedacht hat, sondern wirklich dort gewesen ist. So wie Admiral da Gama und Captain Cook. Er denkt nach, was war das wohl für ein Mensch, dieser Goethe?
 
Tatsächlich hat sich dies genau so zugetragen. Genauso sicher, wie Johann Wolfgang von Goethe in den Jahren 1786 bis 1788 Italien bereiste und darüber sein berühmtes Buch schrieb. Die „italienische Reise“ ist letztlich ein in literarischer Form bearbeitetes Tagebuch, damit unterscheidet es sich wirklich nicht großartig von den Logbüchern da Gamas oder den Reiseberichten anderer Entdecker. Interessant ist eher, dass wir die Bücher da Gamas oder Cooks, ja sogar die teilweise reichlich unglaubwürdigen Machwerke Mays, jederzeit recht bedenkenlos in die Hände unserer Kinder geben. Doch das Buch Goethes, das sowohl literarisch als auch inhaltlich sehr viel besser ist, nicht. Liegt es an der, teilweise bizarr anmutenden, Verehrung für den Dichterfürsten? Ja, sicher auch daran. Kaum ein andere deutscher Autor wurde so fleißig katalogisiert, besprochen, analysiert, ja regelrecht seziert. Generationen von Schülern und Studenten haben ihn aufgeschnitten und auseinandergenommen, wie man sonst wohl nur einen Frosch seziert. Wirklich gelesen haben ihn dabei, und das ist eigentlich traurig, die wenigsten.
 
Die „italienische Reise“ hat unser Junge übrigens doch noch zu Ende gelesen und sich daran sehr gefreut. Auch wenn er die wissenschaftlichen und kulturellen Betrachtungen Goethes tatsächlich nur teilweise verstanden hat. Aber die Reise als solche, die hat ihn fasziniert und tatsächlich hat er in den folgenden Sommerferien einige der Orte selbst gesehen, über die Goethe geschrieben hat. Nebenbei ist die „italienische Reise“ bis heut eines meiner Lieblingsbücher, nicht wegen übertriebener Verehrung für Goethe, sondern weil es einfach ein gut geschriebenes, lesenswertes, ja sogar unterhaltsames Buch ist. Wer es noch nicht kennt, der sollte es wirklich einmal lesen, einfach so, ganz ohne Skalpell im Hinterkopf.

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