Rüdiger Wulf

Heimweg bei Vollmond

Er schaute auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht. Und doch noch richtig warm. Die erste warme Nacht in diesem Sommer. Und dann gleich eine „Tropennacht“, wie die Meteorologen es nannten, wenn die Nachttemperatur nicht unter 20 Grad fiel.

Er hatte Freunde besucht, man hatte ein wenig gefeiert, nun war er auf dem Heimweg. Durch den Wald … Obwohl er eigentlich ein sehr ängstlicher Mensch war. Doch er hatte sich seit ein paar Monaten intensiv mit seinen Ängsten auseinandergesetzt, hatte eine Menge Bücher dazu gelesen, von denen manche tatsächlich den einen oder anderen brauchbaren Tipp enthielten. Dass er den Heimweg zu Fuß durch den Wald nahm, war auch eine Art Probe aufs Exempel, eine Mutprobe. Natürlich hatte ebenso der mit den Freunden über mehrere Stunden genossene Alkohol zur Entscheidungsfindung beigetragen. Doch es war nicht allzu viel gewesen – drei, vier Flaschen Bier vielleicht. Und zwei, drei Schnäpse.

Wenn nicht gerade Vollmond gewesen wäre, hätte er sich aber vermutlich wohl doch ein Taxi bestellt. Das Licht des Mondes am wolkenlosen Himmel ließ ihn mühelos den Weg finden – der zudem ja auch nicht besonders lang war: eine knappe Dreiviertelstunde, wenn er zügig ausschritt.

Das fahle, bläuliche Mondlicht hatte natürlich etwas Unheimliches – zumal jetzt, so kurz vor Mitternacht. Vor der Geisterstunde. Er kannte sich recht gut aus mit dem Aberglauben, dem Glauben an die Existenz von allerhand Gespenstern und ähnlichen Wesen, der in Westfalen ziemlich ausgeprägt gewesen war. Noch vor drei, vier Generationen.

Der Mond schien besonders groß zu sein in dieser Nacht. War da nicht auch in den Nachrichten von einer besonderen Konstellation die Rede gewesen? Er blieb einen Moment stehen, konzentrierte sich auf die Flecken in der Mondscheibe, musste an den „Mann im Mond“ denken … Was für eine alberne Vorstellung! Kaum zu glauben, dass sich erwachsene Menschen früher solche Sagen erzählt, manche womöglich deren Inhalt für bare Münze genommen hatten. Andererseits … auch ganz schön gruselig – die Vorstellung, dass jemand nur für die Missachtung der Arbeitsruhe an einem Feiertag oder einem Sonntag auf den Mond verbannt wurde … für ewige Zeiten … Ihm fiel der „ewige Jäger“ ein, der auch „wilder Jäger“ hieß – und noch viele andere Namen trug im alten Westfalen. Nicht selten nannte man ihn von Ort zu Ort ganz unterschiedlich. Nur der Grund für sein Verderben blieb im Wesentlichen immer gleich: seine unersättliche Gier zu jagen … die ihn weder am Sonntag während der Messe, noch an hohen Feiertagen losließ … und dann oft noch die Bereitschaft, auf das Himmelreich zu verzichten, wenn er stattdessen ewig jagen durfte – was ihm dann ja auch bewilligt wurde. Wenn der Sturmwind nachts urplötzlich durch die Baumwipfel des Waldes brauste, ohne dass der verspätete Wanderer am Boden den Wind spürte, glaubte er dem „wilden Jäger“ zu begegnen … Wie naiv die Menschen früher doch gewesen waren, dachte er und setzte seinen Weg fort.

„Der Mond ist die Sonne der Toten.“ Den Satz hatte er neulich irgendwo gelesen. Er las viel über solche Themen. Der Mond ist die Sonne der Toten. Es ging da unter anderem um Goethes „Totentanz“. Die Ballade vom Türmer, der um Mitternacht auf dem Friedhof beobachtet, wie sich die Toten aus ihren Gräbern erheben. Und der dann einem Skelett das Totenhemd stiehlt, das dieses, wie die anderen auch, zum Tanzen abgelegt hat … und sich nun zurückholen will. Vom Türmer auf seinem Turm.

„Das Hemd muss er haben, da rastet er nicht, da gilt auch kein langes Besinnen, den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht und klettert von Zinne zu Zinnen. Nun ist’s um den armen, den Türmer getan! Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan, langbeinigen Spinnen vergleichbar.“

Die Strophe, in der das Skelett am Turm hochklettert, hatte es ihm besonders angetan. Schon damals in der Schule, als ihnen der Deutschlehrer die Ballade vortrug, um ihr Interesse für Goethe zu wecken … Er hatte das Gedicht abends vor dem Zubettgehen noch einmal gelesen. Die Szene, wie das Skelett sich, mit seinen langen Knochenfingern jeden Vorsprung, jeden Riss im alten Mauerwerk ertastend, Zug um Zug dem Türmer näherte, hatte er sich so lebhaft vorgestellt, dass sie ihn noch im Traum verfolgte. Aus dem er schweißgebadet aufgewacht war … Die Ballade faszinierte ihn so sehr, dass er sie sogar auswendig lernte – und bis heute nicht vergessen hatte.

Er blieb einen Moment stehen, um sich zu orientieren. Im Mondlicht sah die Gegend doch irgendwie anders aus als bei Tage. Dann erkannte er jedoch die Bank, die kurz vor der Einmündung des Weges stand, in den er einbiegen musste. Seine Gedanken wanderten wieder zu dem Gedicht zurück. Zu der Szene mit dem Toten … oder besser: dem erwachten Untoten, der sich die Mauer hinaufbewegte wie eine Spinne. Woran erinnerte ihn das jetzt? Eine andere Szene nahm in seinen Gedanken Gestalt an. Ein Mann in einem Mantel, der ihn umhüllte wie ein Paar große schwarze Flügel … Seine Finger und Zehen klammerten sich in Mauerritzen, nutzten jede kleine Unebenheit, um die Mauer hinabzusteigen, wie ein Tier … die Mauer des Schlosses, in dem Jonathan Harker zu Gast war – bei Graf Dracula. Wie oft schon hatte er den Roman von Bram Stoker gelesen?

Vampire gehörten seines Wissens zu den wenigen Horrorgestalten, an die man nicht glaubte im alten Westfalen. Anders als andere Untote, wie etwa das Klapperbein aus dem „Totentanz“, das Goethe auch nicht selbst erfunden, sondern der Sagenwelt entnommen hatte. Auf dem Friedhof der kleinen damals noch selbständigen Stadt Hörde hatte man angeblich zuweilen eine weiße Gestalt auf einem Grab sitzen sehen. Als eine junge Frau aus Übermut dem Gespenst das Totenhemd stahl, war sie bald darauf selbst des Todes gewesen … Obwohl sie das Hemd, auf Anweisung des Pfarrers, zurückgegeben hatte. Ob man in Hörde an diese Spukgeschichte früher wirklich glaubte? Er war sich da nicht so sicher.

Aber vorstellen konnte man es sich schon … dass man Gespenster sah, wenn man bei Mondlicht auf dem Friedhof unterwegs war … oder im Wald … Er schaute sich um. Da hatte doch etwas geraschelt. Etwas Größeres. Im Gebüsch. Doch als er näherkam, rührte sich nichts mehr. Ein Dachs vielleicht? Es sollte ja welche geben hier im Wald. Andererseits … wirkte jedes Geräusch lauter, beängstigender in der Stille, die einen umgab. Sein Blick fiel auf einen Schatten hinter dem Gebüsch. Hatte sich da was bewegt? Doch Vorsicht. Wenn er jetzt anfing, sich verrückt zu machen, würde er irgendwann überall Gespenster sehen. Und losrennen.

Wieder ein Geräusch. Aber dieses Mal eins, das er kannte. Ein Käuzchen rief. Der Totenvogel, wie ihn die Leute früher nannten. Wenn er vor dem Haus rief, starb darin bald jemand. Er hatte mal gelesen, dass die kleine Eule vom Licht in den Fenstern angezogen wurde. In den Fenstern alter Bauernhäuser brannte nachts aber nur Licht, wenn dort jemand ernstlich krank war. Wieder rief das Käuzchen, aber jetzt schon etwas weiter entfernt. Er setzte seinen Weg fort.

„Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins, die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins, und unten zerschellt das Gerippe.“ Die letzten drei Zeilen des Goethe-Gedichts hatte er noch parat. Er schaute auf die Uhr. Bis ein Uhr war es noch eine Weile hin. Die Geisterstunde hatte gerade erst begonnen. Müde schloss er einen Moment die Augen, öffnete sie erst wieder, als er Gefahr lief, vom Wege abzukommen.

Er stolperte, wäre fast gefallen. War der Weg nicht gerade noch asphaltiert gewesen? Er dreht sich um. Gerade noch rechtzeitig, um der Kutsche auszuweichen, die in hohem Tempo auf ihn zuraste.

Die Pferde gingen durch. Der Kutscher zerrte an den Zügeln. Vergeblich. Die schweißbedeckten Tiere hatten Schaum vor dem Maul. „Dann rennt doch, in drei Teufels Namen!“ Das Gebrüll des Kutschers schien die Pferde nur noch mehr aufzuregen, anzustacheln. Die junge Frau hinten im Wagen riss die Augen weit auf und schrie etwas, das aber im Lärm unterging. In halsbrecherischem Tempo verschwand das Gefährt an einer Weggabelung aus seinem Blick. Er starrte ihm noch eine ganze Weile hinterher, bevor das Denken wieder einsetzte. Eine Kutsche … Eine Kutsche?? Er schüttelte den Kopf.

Es war keine Kutsche gewesen, wie man sie hin und wieder noch in ländlichen Gegenden sah, in denen es Pferdehöfe gab. Sie erinnerte ihn vielmehr an die Kutschen in einem Museum, das er im vergangenen Jahr im Urlaub besucht hatte. Ein altes Schloss, das man zum Museum gemacht hatte. Und im Stall des Schlosses waren noch die alten Kutschen ausgestellt gewesen. Aus dem 18. Jahrhundert vor allem, wenn er sich recht erinnerte.

Doch nicht über das Fahrzeug machte er sich Gedanken. Er fragte sich vor allem, wer wohl die junge Frau gewesen war, die in der Kutsche gesessen hatte. Dass sie jung war, hatte er trotz des höllischen Tempos erkennen können. Auch dass sie merkwürdig gekleidet war, altmodisch wohl oder besser altertümlich, war ihm aufgefallen. Ob ihr verzerrter Gesichtsausdruck jedoch Angst verraten hatte – oder vielleicht auch eine Art wilder Begeisterung –, vermochte er jetzt im Nachhinein nicht mehr zu sagen.

Er kannte gleich mehrere Sagen, die von solchen teuflischen Kutschfahrten berichteten. Aber das war natürlich kein Grund dafür, dass er die Kutsche gesehen hatte. Oder vielleicht doch? Er musste an das Buch von Giacomo Tiefenbach denken, das er gerade zum dritten Mal las: „Die Angst ist ein Tiger, der im Schatten lauert“. Tiefenbach ging darin ausführlich auf das „Kopfkino“ ein: die Horrorfilme, die die grauen Zellen ängstlicher Menschen ohne deren Zutun, ja gegen ihren Willen produzierten. „Realität“ war für den Menschen letztlich nur das, was ihn sein Gehirn als Realität wahrnehmen ließ. Konnte es sein, dass ihm sein Gehirn gerade, angeregt durch die unheimliche Atmosphäre im nächtlichen Wald, eine Art Film vorgeführt hatte? Unter Verwendung der im Gedächtnis gespeicherten Sagen?

Sein Blick fiel auf einen Baumstumpf. In letzter Zeit waren hier viele Bäume gefällt worden. Nach der anhaltenden Trockenheit der letzten Jahre war das kein Wunder. Der Stumpf kam ihm gerade recht. Er musste sich einen Moment setzen, war etwas zittrig in den Knien, sah immer noch die Kutsche vor seinem inneren Auge, hörte noch das Gerumpel und Gerassel der eisenbeschlagenen Holzräder. Alles war so echt gewesen … doch es konnte ja nicht sein. Wo sollte um diese Zeit eine historische Kutsche mit historisch passend gekleideten Menschen herkommen? Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und stand wieder auf. Die Knie zitterten nicht mehr, es konnte weitergehen.

Trotz seiner Zweifel, ob das soeben Erlebte wirklich geschehen war, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, dem Weg zu folgen, den die Kutsche (scheinbar) genommen hatte. Wenn er sich recht erinnerte, versank das Gefährt in der Sage in einem Sumpf oder einem See … Und war da nicht auch kurz nach dem Verschwinden der Kutsche ein Geräusch zu hören gewesen, das durchaus zu diesem Ausgang der Geschichte gepasst hätte? Er bog an der Weggabelung ab und erreichte kurz darauf den See – an den er sich auch erinnern konnte, aber irgendwie war es in seiner Erinnerung eher ein Teich gewesen … ein vielleicht mit den Jahren zu einem kleinen Teich verlandeter See? Doch sein Interesse galt jetzt nicht irgendwelchen landschaftlichen Veränderungen. Er suchte nach der Kutsche. Und fand – nichts. Keine Spur deutete darauf hin, dass hier vor kurzem ein von zwei Pferden gezogener Wagen mitsamt Kutscher und Passagier im tiefschwarzen Wasser des Sees verschwunden war. Also doch nur ein Hirngespinst. Ein Produkt seiner Fantasie. Ein Horrorfilm, im Kopfkino vorgeführt von den grauen Zellen, die sich mal wieder selbständig gemacht hatten … Er grinste. Doch dann fielen ihm die Lichter auf. Hinter dem See. Ein ganzes Stück weit entfernt. Womöglich schon außerhalb des Waldes. Zuerst schienen es nur zwei, drei zu sein, doch dann blinkten zwischen den Bäumen immer mehr auf. Fünf, sechs, sieben, acht … Woher kamen sie? Was war ihre Ursache? Er machte sich auf den Weg.

Irrlichter kann man aus der Ferne für Laternen halten. Wenn sie wie gehetzt hin und her fliegen, liegt das daran, dass es umherirrende Geister von Verstorbenen sind, die keine Ruhe finden, weil sie sich etwas haben zuschulden kommen lassen, das nicht gesühnt wurde. Irrlichter verkünden Unglück. Wem sie erscheinen, der verunglückt oder stirbt kurz darauf. Irrlichter führen nächtliche Wanderer, die ihnen folgen, vom rechten Weg ab in die Irre, oft in einen Sumpf. Wenn unter einer alten Burg ein Schatz vergraben liegt, steigen Irrlichter aus dem Wassergraben auf … Hatte er noch etwas vergessen? Bestimmt. Die hanebüchenen Spukgeschichten, die man sich früher in Westfalen über die angebliche Existenz von Irrlichtern erzählt hatte, waren ebenso zahlreich wie weit verbreitet gewesen. Er musste unwillkürlich mit dem Kopf schütteln beim Gedanken daran, welche Ängste ein nächtlicher Wanderer damals ausgestanden haben mochte beim Anblick der mit Sicherheit völlig harmlosen Lichter, auf die er jetzt zumarschierte.

Irgendwie hatte er das Gelände von seinen früheren Waldspaziergängen – der letzte war nur wenige Wochen her – nicht so unwirtlich und unwegsam in Erinnerung. Gar nicht erinnern konnte er sich an einen so nahe gelegenen Waldrand … und an die Heidelandschaft, die unvermittelt dahinter begann. Und natürlich … auch nicht an das prächtige Schloss auf der Heide, das plötzlich vor ihm auftauchte.

Die Lichter, denen er gefolgt war, stiegen aus dem Wassergraben auf, der das Schloss umgab. Auf der Seite, von der er sich der Anlage näherte, konnte man die Lichter besonders gut sehen, da sich hinter ihnen dunkles Mauerwerk erhob, das erst ziemlich weit oben ein paar Fensteröffnungen enthielt. Die Fenster waren dunkel – was sich aber änderte, als er ein Stück weit am Graben entlang gegangen war und in den weitläufigen Hof vor dem mächtigen Herrenhaus blicken konnte. Die Fenster in der ersten Etage der prächtigen Fassade waren sämtlich hell erleuchtet. Er meinte Musik zu hören, Stimmen, Gelächter, Gläserklirren. Offenbar wurde gefeiert. Er blieb stehen, um der Zugbrücke nicht zu nahe zu kommen, die bestimmt bewacht wurde. Ein Teil der Festgesellschaft erschien an den Fenstern, die er von seinem Standort aus gut im Blick hatte. Vermutlich wollten sie etwas Luft schnappen. Er hörte, wie ihre Gläser klirrten, wenn sie sich zuprosteten und … Moment mal. Was war denn das? Einer der schwarz Gekleideten hatte sich zum Fenster umgedreht und … er rieb sich unwillkürlich die Augen … konnte nicht glauben, was er sah … und doch änderte sich nichts daran: Der Mann war unverkennbar – ein Wolf … Und jetzt drehten sich auch andere um: ein Bär, ein Fuchs, ein Hund und eine Katze, tief schwarz, wie die Gewänder der Zechkumpane, und mit glühenden Augen … Ein Maskenball? Nein, so viel konnte er auch aus der Distanz mit Sicherheit erkennen – das waren keine Masken. Die Gestalten hatten tatsächlich die Köpfe von Tieren … und schienen außerdem jetzt, einer nach dem anderen, mit furchterregend gefletschten Zähnen in seine Richtung zu grinsen. Plötzlich brach die Musik ab. Lautes Geschrei ertönte, Befehle wurden gebrüllt – zumindest hörte es sich für ihn so an –, und das schwere Tor im Hofportal des Schlosses wurde aufgerissen. Er wartete keine Sekunde länger. Schon im Laufen hörte er noch die Hufschläge auf dem Pflaster des Innenhofs und das ächzende Knarren und Knarzen der hölzernen Zugbrücke, die an ihren Ketten heruntergelassen wurde.

Er stolperte mehr, als dass er sich setzte. Der quer über den schmalen Waldweg gestürzte Baumstamm kam ihm gerade recht. Er bekam keine Luft mehr, musste sich unbedingt ein paar Minuten ausruhen. Und er musste seine Gedanken ordnen … Das Pferdegetrappel war nicht das einzige – ja nicht einmal das beunruhigendste Geräusch gewesen, das er gehört hatte. Ihm fiel diese Redewendung ein, die er immer als kurios empfunden hatte, weil sie, biologisch betrachtet, so völlig unsinnig war. Das Gefühl, dass einem vor Schreck das Blut in den Adern gefror … Jetzt konnte er sich immerhin vorstellen, wie man auf solch ein Bild kommen konnte. Dieses Gelächter … Es hatte irgendwie … ihm fiel beim besten Willen kein besserer Ausdruck ein … irgendwie teuflisch geklungen … Aber … konnte es tatsächlich so laut gewesen sein, dass er es immer noch hörte, als er schon wieder den Wald erreicht hatte? Oder war es vielleicht doch … nur in seinem Kopf zu hören gewesen, nur ein Produkt seiner Fantasie? Er musste an die Gestalten an den Schlossfenstern denken … Bären, Wölfe, Füchse, Hunde, schwarze Katzen mit glühenden Augen … In welchen Film war er da nur hineingeraten? Ihm fiel das „Kopfkino“ wieder ein, von dem er bei Giacomo Tiefenbach gelesen hatte. Die Horrorfilme, die die grauen Zellen ängstlicher Menschen ohne deren Zutun, ja gegen ihren Willen produzierten. Aber war das nicht bloß im übertragenen Sinne gemeint, als Metapher gedacht? Und doch … Jede andere Erklärung war noch abenteuerlicher, noch viel unglaubwürdiger. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf, als könne er damit die abwegigen Gedanken loswerden, und stand wieder auf, um endlich seinen Weg fortzusetzen und nach Hause zu kommen. Doch ehe er losging, schaute er sich noch einmal um, schloss kurz die Augen und genoss die Stille. Der Spuk war offenbar vorbei. Nichts schien geblieben zu sein von dem, was ihn eben noch in Angst und Schrecken versetzt hatte. Nichts außer dem Rascheln im trockenen Laub, das er zunächst in seiner beginnenden Panik schon einem Verfolger zugeschrieben hatte, obwohl es in Wirklichkeit nur von einem harmlosen nachtaktiven Tier, einem Dachs vielleicht, herrührte.

Der Dachs – oder was für ein Tier es sonst sein mochte – schien den gleichen Weg zu haben wie er. Doch er zeigte sich nicht. Nur das Rascheln im Laub war zu hören, hin und wieder auch das Brechen eines trockenen Zweiges unter den Tritten des Tieres. Er ging etwas schneller, doch der unsichtbare Begleiter hielt Schritt. Als er das Tempo noch weiter erhöhte und das Tier immer noch im Gebüsch in seiner Nähe hörte, kamen ihm erste Zweifel. Waren Dachse wirklich so schnell? Auch hatte er irgendwie das Gefühl, es müsse sich doch um ein größeres Tier handeln. Ein Wildschwein vielleicht? Vor Wildschweinen – und vor allem vor den männlichen Tieren, den großen Keilern – hatte er mächtigen Respekt. Er schaute sich nach einer Waffe um … irgendetwas, mit dem er sich im Notfalle verteidigen konnte … ohne jedoch das Dickicht aus den Augen zu lassen, in dem das Tier rumorte … Er fand schließlich einen Knüppel, der, obwohl ziemlich schwer, doch noch gut in der Hand lag. Er hieb ein paar Mal nach den Brennnesseln am Wegesrand, korrigierte den Griff noch etwas, bis er ein gutes Gefühl hatte. Jetzt mochte das Schwein nur kommen!

Dann hörte er das Knurren. Ein tiefes, bösartiges Knurren … So knurrte kein Wildschwein. So knurrte nur ein Hund. Ein großer, kräftiger, wütender, angriffslustiger Hund … Als er das Tier dann sah, war er dennoch erschrocken. So ein mächtiges Vieh hatte er noch nicht gesehen: groß wie eine Dogge, aber noch schwerer, kräftiger, massiver. Und das Fell – das glatte, kurze Fell tief schwarz … mit einem, wie ihm schien, leicht bläulichen Schimmer … aber das konnte auch vom Mondlicht herrühren … Doch all dies beeindruckte ihn noch gar nicht mal so sehr … Wirklich beeindruckt – oder besser gesagt entsetzt – war er vor allem vom Gebiss des Tieres … einem Gebiss, um das es jeder Wolf beneidet hätte.

Zähne fletschend und bösartig aus tiefster Kehle knurrend, näherte sich das Vieh, das direkt einer der vielen Sagen über riesige schwarze Gespensterhunde entsprungen zu sein schien … bei denen es sich meist um Untote, für ihre Sünden bestrafte Wiedergänger handelte. Oder auch um den Teufel selbst. Er fasste den Knüppel fester, hieb zwei-, dreimal probehalber durch die Luft. Den Hund schien das wenig zu beeindrucken. Er näherte sich in leicht geduckter, sprungbereiter Haltung, sein Ziel, oder besser gesagt seine Beute keinen Moment aus den Augen lassend. Die Augen … sie wirkten … Konnte man bei einem Tier von verschlagen sprechen? Aber … war das überhaupt ein Tier? Er ertappte sich bei dem Gedanken, was wäre, wenn er es tatsächlich nicht mit einem normalen Hund zu tun hatte … Seltsamerweise fiel ihm dazu der „Hund von Baskerville“ ein. Als er den Roman von Arthur Conan Doyle mit zehn oder elf Jahren zum ersten Mal – damals natürlich noch heimlich – gelesen hatte, war ihm die Bestie anschließend mehrere Nächte lang im Traum erschienen. Er konnte sich noch genau an jedes Wort der Schilderung erinnern, wie Sherlock Holmes dem Tier begegnete:

„Es war ein Hund, ein riesiger pechschwarzer Hund, aber ein Hund, wie ihn noch keines Menschen Auge gesehen hat. Feuer sprühte aus seinem offenen Rachen, die Augen glühten, Lefzen und Wamme waren von hellem Glast umloht. Ein Wahnsinniger konnte sich in seinen Träumen kein wilderes, grausigeres Untier ausmalen. Wie eine Ausgeburt der Hölle brach die Bestie aus dem Nebel hervor.“ Und doch hatte sich später herausgestellt, dass es sich nicht um einen Dämon handelte, sondern um einen – wenn auch von Menschenhand etwas veränderten – großen Hund.

Er ließ das Biest nicht aus den Augen. Es hatte sich in zwei, drei Metern Entfernung, immer noch laut knurrend und in Lauerstellung, auf den Boden gekauert. Was ihm etwas Zeit zum Nachdenken gab. Er war mittlerweile überzeugt, dass es ein Streuner sein müsse, ein verwilderter Ausreißer, der sich hier nachts im Wald herumtrieb und sich tagsüber irgendwo versteckte, um nicht vom Förster entdeckt zu werden, der ihm gewiss schon auf der Spur war. Eine ganz … oder ziemlich … normale Geschichte also. Doch dieser Gedanke beruhigte ihn zwar etwas, half ihm aber auch nicht wirklich weiter, wenn ihn das Vieh, wie zu erwarten schien, angreifen würde …

Sie, liebe Leserin, lieber Leser, geben mir sicherlich Recht, wenn ich meine, dass unser Held vielleicht doch etwas vorschnell alle ihm nicht geheuer erscheinenden Mutmaßungen über den Charakter des schwarzen Hundes beiseite gewischt hat. Und da ich davon ausgehe, dass Sie – zumindest in groben Zügen – damit vertraut sind, wie man sich in einer Situation wie dieser am besten gegen den Teufel, seine Dämonen oder andere böse Geister schützt, vermute ich, dass auch Sie unserem Helden jetzt gerne zurufen würden: „Mensch, zieh doch wenigstens einen Zauberkreis um dich! Nur zur Sicherheit …“ Aber das geht natürlich nicht. Oder?

Wie aus dem Nichts hörte er plötzlich eine Stimme, die ihm zurief: „Mensch, zieh doch wenigstens einen Zauberkreis um dich! Nur zur Sicherheit …“ Er war sich nicht sicher, ob er die Stimme wirklich gehört hatte oder ob sie nur in seinem Kopf existierte. Was ein Zauberkreis war, wusste er natürlich. Darüber hatte er schon einiges gelesen. Um sich vor den Angriffen böser Geister, Dämonen oder gar des Teufels selbst zu schützen, musste man einen Kreis auf den Boden zeichnen und sich hineinstellen. Zusätzlich konnte auch ein Kreuz nicht schaden, das in den Kreis hineingezeichnet wurde. Aber wer glaubte noch an so etwas? In der heutigen Zeit! Er jedenfalls nicht. Andererseits … schaden konnte es ja auch nicht … und so lang niemand zusah … Mit einer raschen Bewegung des Knüppels zeichnete er – ohne den lauernden Hund aus den Augen zu lassen – einen Kreis um sich in den Staub des Waldweges und fügte zum Schluss noch ein großes Kreuz hinzu, gerade noch rechtzeitig …

Der Hund hatte, kaum dass er die Bewegung seines Gegenübers wahrnahm, nicht nur den Kopf gehoben und wieder, womöglich noch eine Spur bösartiger als zuvor, laut zu knurren begonnen – er war auch aufgestanden und suchte jetzt augenscheinlich eine günstige Position, um zum Sprung anzusetzen. Immer wieder zusammenzuckend und ausweichend, wenn der schwere Knüppel in seine Richtung gestoßen wurde, gab das Tier dennoch nicht auf, umkreiste unablässig sein Opfer, lauernd, hasserfüllt knurrend, dann unvermittelt das Maul aufreißend, mit den furchterregenden Zähnen nach ihm schnappend, immer jedoch noch eine gewisse Distanz wahrend, einen gleichbleibenden Abstand haltend … fast so, als würde es tatsächlich von dem in den Staub gezeichneten Kreis zurückgehalten.

Er hatte gerade wieder, nach kurzer Atempause, zu schreien begonnen, brüllte dem Hund alle Flüche entgegen, die ihm noch einfielen, wirbelte dazu heftig – so heftig, wie es seine nachlassenden Kräfte zuließen – den schweren Knüppel durch die Luft … als plötzlich etwas Eigenartiges geschah. Der Hund schien für einen Moment zu erstarren, hob den Kopf, als würde er eine Witterung aufnehmen – oder einem nur für ihn vernehmbaren Signal lauschen? –, knurrte dann noch einmal voller Wut und … war im nächsten Augenblick in einem nahe gelegenen Gebüsch verschwunden.

Völlig erschöpft sank er zu Boden, ließ sich einfach auf den Waldboden fallen, musste sich erst einmal von der Anstrengung und der Aufregung erholen. Immer wieder schaute er hinüber zu dem Gebüsch, in dem das Tier verschwunden war, konnte aber dort nichts Verdächtiges mehr entdecken. Offenbar war er tatsächlich allein … hatte das Untier vertrieben … hatte die Bestie nur mit dem Knüppel und seinem Geschrei verscheucht! Bevor er, mit stolzgeschwellter Brust, seinen Heimweg antrat, schaute er noch mal auf die Uhr. Es war kurz nach eins.

Man muss schon ausgesprochenes Glück – oder Pech, wie man’s nimmt – haben, um just in der einen Vollmondnacht alle hundert Jahre ausgerechnet in jener Gegend zwischen Schwerte und Wandhofen in Westfalen unterwegs zu sein, in der um Mitternacht das alte Schloss wieder sichtbar wird. Dass im Schloss opulent gefeiert wird, ist kein Zufall, war doch sein letzter Besitzer ein Herr, der, wie es heißt, Pracht und Üppigkeit liebte und seinen Begierden und Wollüsten frönte … weshalb er ja auch, um die nötigen Mittel dafür zu besitzen, einen Pakt mit dem Teufel schloss. Als die beiden dann irgendwann in Streit gerieten, wollte der Teufel kurzen Prozess machen, den Preis für seine Hilfe sofort kassieren und das ganze Schloss mit all seinen Bewohnern in die Hölle versetzen. Was er dabei aber nicht bedachte: Die Zeit des Schlossherren war noch nicht um … Der Teufel schaffte es zwar noch, das Schloss unsichtbar zu machen, doch dann verließen ihn seine Kräfte. Das Schloss blieb stehen, war fortan nur unsichtbar …

Das üppige Feiern mit vielen Gästen war auch, neben der Jagd, die Hauptbeschäftigung eines Ritters, dessen Burg in der Nähe von Wetter an der Ruhr lag. Als ihm eines Tages, wohl durch Zufall, alle zum nächsten Fest geladenen Gäste Absagen schickten, geriet er vor Jähzorn außer sich und stieß die, wie sich zeigen sollte, folgenschweren Worte aus: „Wenn kein Mensch kommen will, mag der Teufel mit der ganzen Hölle bei mir speisen!“ Die Gäste, die sich daraufhin einfanden, waren schwarz gekleidete Ritter in der Gestalt von Bären, Wölfen, Füchsen, Hunden, schwarzen Katzen …

Die Erfahrung, dass man den Teufel besser nicht rief, machten im übrigen auch andere. Wie etwa der Leibkutscher eines Schlossfräuleins, das im Schloss seines Vaters auf einem Berg in der Nähe der Hohensyburg residierte: Als sich einmal auf dem Weg nach Wandhofen die feurigen Rappen partout nicht zügeln lassen wollten, rief der Mann auf dem Bock ihnen wutentbrannt zu: „Dann rennt doch in drei Teufels Namen!“ Was sich die Teufel offenbar nicht dreimal sagen ließen … In halsbrecherischem Galopp stürmten die wild gewordenen Pferde mitsamt Wagen, Kutscher und vergeblich um Hilfe schreiendem Schlossfräulein geradewegs in einen nahe gelegenen Sumpf – an dem dann später bei Nacht Gespenster gesichtet worden sein sollen … Ob es jedoch der Kutscher und sein Schlossfräulein waren, die dort spukten, wissen auch die Sagenbücher, die uns bis hierher so zuverlässig Auskunft gegeben haben, nicht mehr zu berichten.

„Hören Sie mal, Watson“, sagte Sir Henry, „was würde Holmes dazu sagen? Wie war das doch mit der Stunde der Finsternis, in der die Mächte des Bösen entfesselt sind?“*

* Sir Arthur Conan Doyle: Der Hund von Baskerville. 21. Aufl. 1995. S. 95

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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