Wolfgang Küssner

Muschi-Mucke

Muschi-Mucke. Sie haben richtig gelesen. Muschi-Mucke. Nein, kein Fehler. Absicht. Wohlüberlegt. Angenehm, informativ und unterhaltsam soll es sein. Aber ausgerechnet Muschi-Mucke? Nun, von Katzenmusik durfte hier ganz einfach nicht zu lesen sein. Denn, so ist bei Wikipedia zu erfahren, Katzenmusik  ...wird als ungewöhnliche Musik oder Lärmmusik verstanden, die meist aus einem Durcheinanderklingen verschiedener Töne und Geräusche besteht. Das Wort leitet sich von dem lauten, eindringlichen und unmelodischen Geschrei rolliger Katzen her. Zu den bevorzugten Lärminstrumenten einer Katzenmusik im Brauchtum oder bei politischen Kundgebungen zählen Trommeln, Pfeifen, Tierhörner, Glocken, Schellen, Ratschen, Peitschen, Dreschflegel, Blecheimer oder Topfdeckel. Damit lassen sich im Protest ohrenbetäubender Lärm und Störungen erzeugen. Katzenmusik hat einen ausgesprochen schlechten Beiklang, wird der Recherchierende abschließend belehrt.

Da Katzenmusik negativ stigmatisiert ist, musste folglich Mucke als Synonym für Musik in dieser Geschichte herhalten. Und da ein Synonym selten allein kommt, galt es ein zweites zu finden. Nicht für Musik, für die Katze.  Die Alternativen sind in beiden Fällen recht überschaubar. Katzen-Mucke wäre naheliegend, denkbar gewesen, klingt aber ein wenig spröde. Schließlich soll hier nicht von Lärm und Durcheinanderklingen zu lesen sein, sondern von Harmonie, von Wohlklang.

Katzen-Mucke hätte als Headline vermutlich an Kater Muck denken lassen, der bekannterweise keine Stiefel und auch kein Glöckchen um den Hals trug, um sich ungehört, ungestört heranschleichen zu können. Es geht um Geräusche, um mehr als das. Es geht um Musik und ums Hören. Doch was hören Kater Muck und die anderen Samtpfoten für Musik? Auf was für Rhythmen stehen diese Vierbeiner? Auf welche Klänge fahren sie ab? Was für Töne macht sich an? Welche Mucken finden ihr Interesse? Wo stimmen sie mit ihren Pfoten ab?

Die sprichwörtlichen blöden Kühe mögen sich mit einer Glocke um den Hals geadelt fühlen. Kühe fressen, soweit bekannt, keine Vögel, die durch einen Glockenklang gewarnt werden müssten. Warum aber sollen Kühe blöd sein? Bringt man ihnen Musik von Mozart zu Gehör, so zeigen sie sich durch eine erhöhte Milchproduktion erkenntlich. Ihre Dankbarkeit soll auch bei Beethovens Pastorale zu besonders gefüllten Eutern führen. Nun ist Beethovens 6. Sinfonie, also die Pastorale, nach etwa vierzig Minuten verklungen, während Mozarts Kompositionen, ohne eine einzige Wiederholung, zu ca. 240 Stunden Beschallung taugen würden. Aber vielleicht merken die Kühe die Pastorale als Endlosschleife nicht und honorieren ganz einfach die guten Absichten, den Willen, das Engagement des Bauern mit mehr Milch. Denn: Zwölf Stunden ruhiger Musik am Stück, bzw. im Stall oder auf der Weide, bedarf es schon, bevor die Milchproduktion erhöht wird. Ob Mozart oder Beethoven beim Komponieren je an lauschende Kühe gedacht haben? Wäre ein anderes Thema, eine andere Geschichte.

Hai-Fische wurden auf ihr Musikverhalten hin getestet. Es wird vermutlich niemanden überraschen, die Raubfische waren ganz verzückt von den Klängen der australischen Band AC/DC, den Pionieren des Hard Rock. Vor Begeisterung rieben sie sich ihre Schnauzen an den Unterwasser-Lautsprechern. Noch populärer war bei den Haien nur noch Death Metal. Dürfte auch keine Sensation sein und bestätigt nur den Haien immer wieder unterstellte, mörderische Absichten. Dabei haben die tiefen Frequenzen einfach nur große Ähnlichkeit mit den Vibrationen von Beutefischen.

Die halbkugeligen, niedlichen Marienkäfer können mit dieser harten Art von Musik überhaupt nichts anfangen. Hatte der Leser etwa bei den filigranen, niedlichen, sechsbeinigen Fliegern und Krabblern anderes erwartet? Bei Beschallung mit Hard Rock reduzierten die gepunkteten, doch keineswegs angezählten, Tierchen ihr Fressverhalten deutlich. Jubel und große Freude über ein längeres Leben machte sich bei den Blattläusen breit. Es gilt festzuhalten: Hard Rock ist kein gutes Mittel zur Bekämpfung dieser Insekten vom Stamm der Gliederfüßer.

In einem weiteren Experiment wurden unterschiedliche Vögel an diversen Futterstellen mit jeweils anderer klassischer Musik beschallt. Das Resultat: Vögel lieben Klassik; ganz besonders die Kompositionen von Claude Debussy. An Trögen mit entsprechender Musik verweilten sie extrem lang. Ganz anders das Verhalten von Finken und Spatzen. Ihre eindeutige Präferenz bei der Nahrungsaufnahme galt der Musik von Metallica. Darf nicht überraschen: Freche Spatzen treffen auf wuchtigen Heavy Metal, nicht gerade die braveste aller Musikrichtungen.

In einem Tierheim wurden einst Hunde auf ihre musikalischen Prioritäten hin beobachtet. Stücke unterschiedlicher Genres brachte man den Vierbeinern zu Gehör. Da ertönte Heavy Metal und Punk, Reggae und Soft Rock, Klassik, Jazz und Pop. Bei klassischer Musik waren die Hunde sehr entspannt, bellten deutlich weniger. Bei Heavy Metal wurde die Stimmung angespannter, aggressiver. Beides wird nicht wundern. Die absoluten Favoriten kamen aus den Bereichen Reggae und Soft Rock. Wer seinem Vierbeiner also Gutes tun will...... Aber bitte nicht in extremer Lautstärk, Hunde haben ein deutlich feineres Gehör; benötigen keine volle Dröhnung.

Alle getesteten Musiken waren für Menschen und ihre Ohren und Gefühle geschaffene Kompositionen. Das interessierte Schafe, Gibbons, Pferde oder Paviane folglich überhaupt nicht. Anders sah es bei Affen, Schimpansen oder Elefanten aus. Dabei ist bei letzteren doch häufig von Dickhäutern zu lesen. Aber der Leser weiss, Musik geht zuerst durch die Ohren und dann unter die Haut. Und am Ohr mangelt es dem Elefanten bekanntlich nicht. Wäre vielleicht interessant zu wissen, ob der afrikanische Elefant mit seinen deutlich größeren Ohren die Musik besser aufnimmt, als der asiatische Elefant. Aber - eine andere Geschichte.

Kühe, Haie, Marienkäfer, Vögel, Hunde etc. Genug der Worte über andere Tiere. Das Thema lautet bekanntlich Muschi-Mucke. Diese Geschichte soll schließlich für die Katze sein. Wie steht es nun aber um die Musik, die Katzen bevorzugen, lieben – oder eventuell meiden?

Ob nun Katzen oder Miezen, Dachhasen oder Muschis, ob Fellnasen, Samtpfoten oder Stubentiger, sie alle haben ein hervorragendes Gehör. Es zählt mit zum Besten im Tierreich. Töne und Geräusche werden von ihnen registriert, die Menschenohren beim besten Willen nicht mehr wahrnehmen können. Selbst im Schlaf bleibt das Gehör der Katze aktiv, kann so vor drohenden Gefahren warnen. Das Gehör der Miezen ist sehr naturverbunden. Taub werden sie geboren. Erst in der zweiten Woche entwickelt sich das Hörvermögen. Das Schnurren der Mutter, die Geräusche der Zitzen sind schnell vertraut, werden zuerst wahrgenommen und mit Wohlklang verbunden.

Verständlich, dass für Menschenohren gemachte Musik wie Heavy Metal, Rock, Jazz, Punk, Pop etc. nichts für die Ohren der Samtpfoten ist. Jazz-Improvisationen nehmen sie im wahrsten Sinne des Wortes wie die eingangs definierte Katzenmusik wahr. Und Lautstärke ist auch nicht ihr Ding. Minz und Maunz die Katzen, erheben ihre Tatzen. Macht Schluss mit dem Gepolter, der Lärm ist für uns Folter. Miau, Mio, Miau Mie, das tut unseren Ohren weh (sehr frei nach Struwwelpeter). Katzen lieben es pianissimo possibile, um es fachlich korrekt zu formulieren. So leise wie möglich.

Das Musical Cats von Andrew Lloyd Webber aus dem Jahr 1980 ist von Menschen für Menschen gemacht worden. Weder Katzenmusik noch Muschi-Mucke. Ein Musical für weit über 30 Katzendarsteller und einem Ohrwurm zum memorieren. Von begeisterten, applaudierenden vierbeinigen Katzen ist allerdings weder in der Literatur noch in Forschungsberichten bisher zu lesen gewesen.

Es gibt aber durchaus Menschenmusik, die bei den sensiblen Muschis Wohlbefinden auslösen kann. Positiv getestet wurden Bachs Goldberg-Variationen, Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 und die Mondscheinsonate (da beginnt offensichtlich auch die Katze zu träumen), Nocturnes von Chopin, Debussys La Mer, Mozarts Sinfonie Nr. 40, Klaviertrios von Maurice Ravel und die Sinfonie Nr. 3 von Saint-Saёns. Katzen fanden die Klänge gut. Nun stellt sich vermutlich die Frage, ob die oben genannten klassischen Kompositionen auch bei den Zweibeinern offene Ohren finden, für Wohlklang und Harmonie sorgen können. Zweifelnden Lesern kann nur ein Selbsttest empfohlen werden. Große Momente der Annäherung von Mensch und Tier wären denkbar.

Das Katzenduett vom italienischen Komponisten Gioachino Rossini muss in dieser Geschichte unbedingt Erwähnung finden, darf hier nicht fehlen. Ein Gesangsstück für Orchester und 2 Soprane bzw. alternativ für Orchester, Sopran und Alt. Keine Katzenmusik, keine Muschi-Mucke, aber ein humorvolles, musikalisches Vergnügen. Mit Lachgarantie.

Wie steht es nun um die echte Musik für die Katze? Es wäre ein Wunder, würde es sie nicht geben. Natürlich wurde die Marktlücke längst geschlossen.  Doch Minz und Maunz mögen entschuldigen, es sind Menschen gewesen, die diese spezielle Musik kreiert haben. Basierend auf Studien über Tierverhalten wurde komponiert. In hohen Tonlagen, denn Katzen lieben es eine Oktave höher. Unter Verwendung von Schnurren und Sauggeräuschen – also naturverbunden. Violine, Violoncello und elektrophone Tasteninstrumente kamen zum Einsatz. Neben dem Klang ist das Tempo für die Musik von besonderer Bedeutung. Das Schnurren der Katze, mit 20 bis 30 Vibrationen pro Sekunde, diente als Tempo-Maßstab. Musik für die Katze.

Schleichwerbung für die exklusive Musik der kleinen Schleicher mit Fellnase und Samtpfote soll an dieser Stelle natürlich nicht stattfinden. Da könnten unlautere Absichten unterstellt werden; dem Schreiber Kopfschmerzen bereiten. Hier geht es um die Musik, nicht ums Produkt. Apropos Kopfschmerzen: Nach dem Genuss von zuviel Alkohol wird am Folgetag häufig über einen Kater geklagt, den man sich da eingefangen habe. Aber warum muss ausgerechnet der Stubentiger für diese Kopfschmerzen herhalten? Warum kein Esel, keine Sau? Im Haushalt der klagenden Person gibt es keine Mieze. Wo kommt der Kater her? Hat das vielleicht etwas mit beim übermässigen Konsum  von Alkohol wahrgenommener Katzenmusik, mit zuviel Lärm und Durcheinanderklingen, zu tun? Nein. Bei aller scheinbaren Logik gibt es jedoch keine Zusammenhänge. Der Kater, dieser beklagte Kater, ist ein durch die sächsische Aussprache verkümmerter Katarrh. (geolino) Gleiches gilt übrigens auch für den Muskelkater. Somit wäre das nebenbei auch geklärt.

Ganz schön kompliziert, was da so leicht, eingänglich und ein wenig humorvoll formuliert und tituliert wurde: Muschi-Mucke.

Juli 2020

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