Monika Litschko

The Purple Circle - Teil 2

Die restliche Crew begrüßten mich ebenfalls, und sie erzählten mir, was sie in der Zwischenzeit alles erlebt hatten.
Elsa hatte unzählige Séancen gehalten. Kira und Tim hatten wie ich, die anfallenden Büroarbeiten der Crew erledigt und nebenbei alle elektrischen Geräte durchgecheckt und vorgeschickt.
„Das war so was von langweilig“, stöhnte Kira, „gut, dass es wieder losgeht.“
„Ja, da bin ich auch froh drüber“, sagte Elsa, „auch wenn ich erst nicht so recht wollte. Aber diese Séancen gehen mir langsam auf den Geist.“
Wir mussten lachen, und Elsa begriff den Sinn ihres Satzes etwas später.
„Ihr seid mir welche“, sagte sie und lachte, „aber wir passen zusammen, das muss ich immer wieder feststellen.“

Wir wunderten uns, als der Fahrer nach einer knappen halben Stunde Fahrt in eine abgelegene Seitenstraße einbog und hielt.
„Verzeihen Sie, es ist jetzt an der Zeit, dass ich mich vorstelle“, sagte er und drehte sich zu uns. „Nennen Sie mich einfach Mr. Bone. Ich bin beauftragt worden, Sie über alles, was diesen Fall betrifft, zu informieren.“
„Na endlich!“, sagte Glenn. „Das Ulf so gar nichts preisgegeben hat, wunderte mich schon ein wenig.“
„Das ist auch nicht seine Aufgabe“, antwortete Mr. Bone, „denn alles, was Sie wissen müssen, erfahren Sie von mir. Mr. Baker hat diese Befugnis gar nicht.“
Ulf schaute uns verlegen an. „Ist so“, sagte er und lächelte entschuldigend, „ich bin eben auch nur ein kleiner Furz im Getriebe.“
Mr. Bone verzog keine Miene, als er fortfuhr. „Unsere Abteilung untersucht Fälle, die einfach nicht zu erklären sind. Auf die übliche Vorgehensweise nicht und auch nicht auf Thesen gestützte Argumente. Sie unterstehen bei jedem Fall, den es zu klären gilt, der Regierung. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an mich. Brauchen Sie zusätzliches Hilfsmaterial, wie zum Beispiel elektrische Geräte oder anderes, wenden Sie sich an mich. Müssen wir Ihnen anders zur Seite stehen, wenden Sie sich an mich. Sie haben Entscheidungsfreiheit in Ihrem Handeln, da greifen wir nicht ein.“

Mr. Bone war schnell zu beschreiben. Klein, korpulent und mit einer Billardkugel auf den Schultern, die wie poliert aussah. Einer besseren Billardkugel, denn er steckte in einem eleganten grauen Anzug und trug ein weißes Hemd. Bone hatte eine enorme Ausstrahlung, das musste ich ihm lassen.

„Wer gehört zur Regierung?“, fragte Kira zaghaft. „Ich meine, wie viele Personen und wer sind Sie?“
„Mrs. Baldwin, das werden Sie noch nicht erfahren“, antwortete Bone ruhig. „Für Sie alle bin ich ein Stellvertreter der Regierung. Ich werde Ihnen jetzt Handys aushändigen, in denen nur meine Nummer gespeichert ist. Benutzen Sie diese nur im Notfall und verlieren Sie die Handys nicht. Obendrein sind sie für anderweitige Anrufe nutzlos. Verlieren oder verlegen Sie die Dinger, sind Sie im Falle eines Falles schutzlos.“
Bone reichte die Handys weiter und bat uns, die Anruftaste zu drücken.
„So, jetzt sind Ihre Fingerabdrücke registriert“, sagte er zufrieden. „Verlieren Sie es und es gelangt in fremde Hände, löscht sich die Nummer automatisch.“

Ich war sprachlos, denn ich kam mir kontrolliert vor und Kontrolle konnte ich nicht ertragen.
„Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“, fragte ich gereizt. „Ich meine, wir sind erwachsene freie Menschen.“
„Sie werden nicht kontrolliert, Mr. Jackson, sondern geschützt, falls Ihnen das Sorgen machen sollte. Sie alle sind für uns wichtig, denn Ihr Ruf ist ausgezeichnet. Den Whynstock Fall haben Sie exzellent zum Abschluss gebracht. Für ihre Frau tut es mir sehr leid. Mr. Jackson, ich weiß, wie sie zu ihr standen, sorry.“
„Ok, alles gut und schön, aber woher kommt so schnell Hilfe, falls wir welche benötigen?“, fragte Tim skeptisch.
„Wir haben auf der ganzen Welt Verbündete, Mr. Northen“, antwortete Bone wie selbstverständlich. „Es wird immer schnellstens Hilfe zur Stelle sein, falls welche benötigt wird.“
Glenn mischte sich nun auch ein. „Mr. Bone, wir werden versuchen den Fall in Ashmourd zu lösen. Sollte uns an einer Zusammenarbeit danach nicht gelegen sein, werden wir wieder wie gewohnt arbeiten.“
Bone nickte. „Selbstverständlich können Sie das machen. Hier wird nichts unterschrieben oder dergleichen. Wie Mr. Jackson schon sagte, Sie sind, freie Menschen. Geben Sie sich und uns eine Chance.“
Das hörte sich für mich schon besser an. Ich schaute zu Glenn, der ebenfalls meinen Blick suchte.
„Gut, wir werden uns danach entscheiden“, sagte er schließlich.

Bone fasste in die Innentasche seines Blazers und zog sechs Kuverts heraus, die er uns überreichte.
„Sie werden Auslagen haben. Damit meine ich Lebensmittel oder Toilettenartikel. Ein kleiner Vorrat ist aber vorhanden. Wohnen werden Sie etwas außerhalb von Ashmourd. Wir haben eine alte verfallene Blockhütte renovieren lassen, unter dem Vorwand, dass sie einige Zeit von Touristen bewohnt wird, die die Umgebung erkunden wollen. Mr. Baker hat sie über alles informiert, was diesen Fall betrifft, darum muss ich mir jetzt die Mühe nicht mehr machen. Wir haben zwar die Ermittlungen eingestellt, aber diese hartnäckigen Anrufe waren schon merkwürdig. Gewisse Personen, die ihren Namen nicht preisgaben, behaupteten, Verstorbene gesehen zu haben. Wir haben die verwüsteten Gräber öffnen lassen, aber nichts Verdächtiges gefunden. Daraufhin sollten die Ermittlungen endgültig eingestellt werden, aber dann rief eine Frau an, die immer wieder den Namen Catkrabatz stammelte. Wir haben den Anruf leider nicht zurückverfolgen können, aber einen Mitschnitt des Gespräches, den Sie sich jetzt hören werden.“ Bone griff nach einem Diktiergerät und hob die Hand. „Hören Sie zu.“
„Bitte helfen sie uns. Sie dürfen die Ermittlungen nicht abbrechen. Ich weiß, dass Catkrabatz zurückkommt. Es ist vor fünfzig Jahren passiert. Verdammt, bitte glauben sie mir. Sie nimmt das Aussehen frisch Verstorbener an. Mehr darf und kann ich nicht sagen. Catkrabatz will zurück und …“
Wir hörten rasche Schritte und eine Männerstimme, die rief: „Was machst du da? Das kann nicht wahr sein! Wie oft soll ich dir noch sagen …!“Es folgte ein ängstlicher Aufschrei, dann knallte der Hörer zurück auf die Gabel.
„Wer dachte, das war es, irrt“, sagte Bone und drückte erneut die Taste. „Sie lebt bei den Erdfrauen, ich weiß es“, flüsterte die Frau. „Liliane, Oda und … es tut mir leid, ich muss auflegen.“
Nach einer kurzen Schweigeminute legte Bone das Diktiergerät beiseite. „Dieser Anruf gab uns zu denken, und wir recherchierten. 1730 wurden in Ashmourd drei Frauen der Hexerei beschuldigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Allen dreien wurde zu Last gelegt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Was allerdings nicht stimmte, denn die Frauen waren ehrbare Bürgerinnen und hatten Familie. Eine Norma Jong setzte dieses Gerücht in die Welt. Nun ja, Norma ließ sich gerne mit verheirateten Männern ein. Auch gleich mal mit mehreren. Sie hoffte, dass sich wenigstens einer von seiner Gemahlin trennen würde und sie somit zur Frau des Hauses machte. Als dieses nicht geschah, bezichtigte sie die armen Frauen der Hexerei. Bei den Ehemännern fiel der Groschen zu spät und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als den qualvollen Schreien ihrer Weiber zuzuhören, wollten sie nicht selbst der Inquisition zum Opfer fallen. Alles Gute kommt bekanntlich von oben und in dem Fall auch. Ein heftiges Unwetter löschte die Flammen, in denen die Frauen verzweifelt um Hilfe schrien. Dieses Unwetter kam für die damalige Zeit aus heiterem Himmel und war somit ein weiterer Beweis dafür, dass Hexerei im Spiel war. Die Menschen flüchteten in ihre Häuser und ließen die Frauen, deren Fleisch noch dampfte und sich langsam von den Knochen löste, auf ihren Scheiterhaufen zurück. John Slide, der Ehemann von Liliane, drehte sich noch einmal um. Als man ihn einen Tag später aufgehangen in seiner Scheune fand, hatte er folgendes Papier in seiner Hosentasche. Ich zitiere: „Ich habe meine geliebte Frau durch einen dummen Fehler verloren. Die Mutter meiner Kinder war keine Hexe, aber ich war ein schlechter Ehemann. Ich kann den Anblick ihrer Körper nicht vergessen. Große klaffende Wunden, verbranntes Fleisch, welches sich von den Knochen lösen wollte. Haarlose verbrannte Schädel, an denen aufgedunsenes mit Brandblasen übersätes Fleisch klebte. Augen, die orientierungslos hin und her zuckten. Ich liebte Liliane, aber das was ich getan habe, hat sie getötet. Gott möge mir verzeihen und sich meiner Kinder und mich annehmen.“
„Slide hatte seine Kinder erstochen und sich dann selbst gerichtet. Aber er ließ die anderen aus dem Spiel, um nicht noch mehr Leid unter die Leute zu bringen. Feiner Zug von ihm.“

„Aber diese Frauen sind 1730 gestorben und Catkrabatz vor fünfzig Jahren, wo ist da der Zusammenhang?“, fragte Kira.
Bone räusperte sich. „Als man am anderen Tag die Körper der Frauen abnehmen wollte, waren sie verschwunden. Die Leute lebten von da an in ständiger Angst. Sie glaubten, die Hexen würden sich an ihnen rächen wollen. Lange Zeit geschah nichts, aber dann tauchten plötzlich frisch Verstorbene auf und suchten nach ihren Familien. Sie kamen immer bei Dunkelheit und starrten durch die Fenster in das Innere der Häuser. Jede Nacht, bis sich jemand das Leben nahm. Dann verschwanden sie. Ein junger Mann, namens Wilfried Becker, wanderte oft zu einem See, der außerhalb von Ashmourd lag. Die Gegend hatte es ihm angetan und eines Tages baute er sich ein Floss, um auch die andere Seite zu erkunden. Als er dort ankam und in den Wald ging, überkam ihn ein lähmendes Gefühl. Kein Vogelruf war zu hören und kein Tier zu sehen. Die Blätter aller Bäume waren welk und der Boden unter seinen Füssen wie Asche. Wilfried rannte zu seinem Floss und machte sich vom Acker. Ein Priester weihte anschließend diesen Ort und vergrub etwas am Ufer. Was es war, weiß man nicht, aber die Toten kamen nicht mehr zurück. Wir gehen davon aus, dass er eine magische Schranke setzte, die jetzt zerstört wurde.

©Monika Litschko

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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