Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, Teil 28

– 13 –

 

„Sie haben sich getrennt“, stellte Hilly fest, die nachdenklich die Spuren eines verlassenen Lagerplatzes betrachtete. Sie waren bis spät in die Nacht den gut sichtbaren Karren- und Hufspuren der Händlergruppe gefolgt. Angeblich sollte sich Nobeline der Händlergruppe angeschlossen haben, wollte man den Aussagen der Leute Glauben schenken, die die Gefährten unterwegs befragt hatten. Der Hinweis auf eine Reisegruppe, in deren Begleitung sich eine hellblonde Frau befand, die mit schriller, quietschender Stimme unablässig Gedichte aufsagte, sprach allerdings für sich. So waren sie bis spät in der Nacht den Spuren gefolgt, ohne die Flüchtende jedoch einzuholen.

Im Morgengrauen waren sie wieder aufgebrochen und im Eiltempo den Spuren gefolgt, bis sie auf diesen Lagerplatz gestoßen waren, der ein Problem in sich barg. Der Troß der Händler war weiter dem Handelsweg gefolgt, während eine einzelne Spur nach Westen abbog. Diese Spur war frischer. Das gab Anlaß zur Vermutung, daß die Händler jemanden zurückgelassen hatten und bei Nacht und Nebel verschwunden waren. Wen das Los getroffen hatte, war nicht all zu schwer zu erraten.

„Sieht so aus, als wenn deine hoch wohl geborene Fürstentochter ihren Begleitern den letzten Nerv geraubt hat, so daß sie sich von ihr getrennt haben.“ Geschmeidig stand Hilly auf und klopfte sich den Schmutz von den Knien. „Eine einzelne Spur führt jedenfalls nach Westen, während der Troß weiterhin nach Versmas unterwegs ist.“

„Das versteh ich einfach nicht.“ Ratlos kratzte ich mich am Kopf und beobachtete Mikesch, der das Lager auf der Suche nach etwas zum Fressen durchsucht hatte. Erfolglos.

„Was zum Teufel will sie im Westen?“

„Tja, da liegt der Hase im Pfeffer“, bemerkte der Kater.

Wo?“, fragte Gorgus, der sich sofort hungrig umsah, aber zu seiner Enttäuschung keinen Hasen entdecken konnte. Gegen einen gepfefferten Imbiß hätte er nichts einzuwenden gehabt.

„Ich erklär’s dir bei Gelegenheit, mein Großer“, schnurrte der Kater.

„Was hältst du davon, Bärbeiß“, wandte sich Hilly an unseren wortkargen Begleiter, der unablässig seine Axt schärfte, als erwarte er das Schlimmste.

„Im Osten liegt der Drachenwald“, stellte Bärbeiß mit düsterer Stimme fest. „Das ist ein Ort, den man nur gut bewaffnet und gerüstet aufsuchen sollte.“ Das schleifende Geräusch des Wetzsteins unterstrich seine Worte. „Der Wald heißt schließlich nicht umsonst so.“

„Sag mir, daß das nicht wahr ist“, flehte der Kater. „Du willst uns wirklich weismachen, daß dort ein grün geschupptes Ungetüm haust?“

„Nein“, brummte der Zwerg, worauf der Kater erleichtert maunzte.

„Walddrachen sind braun.“

„Ich finde, wir sollten dem Troß nach Versmas folgen“, entschied Mikesch spontan. „Schließlich wollte Hobelbiene dorthin. Die Spur, die nach Osten führt, gehört vermutlich nur zu einem Drachenjäger, der scharf auf eine neue Trophäe ist.“ Um Zustimmung heischend sah der Kater uns an, erntete aber nur ein entschiedenes Kopfschütteln Hilly’s und skeptische Blicke von uns anderen.

„Sieh es dir selbst an, Fellknäuel“, riet Hilly dem Kater, wobei sie in die Knie ging und mit den Fingern über die Ränder einer bestimmten Spur fuhr. „Wer immer Richtung Westen geritten ist, war auf jeden Fall eine Frau. Die Fußabdrücke sind klein und drücken nicht so tief ein, wie die anderen.“

„Ein Zwerg?“, versuchte Mikesch einen letzten Vorstoß, der jedoch kläglich scheiterte, als sein Blick die Füße von Bärbeiß streifte. Der Zwerg verfügte über Füße der Größe Elbschute. „Na schön, gehen wir also in den Drachenwald“, gab Mikesch nach. „Es soll ja auch nette Drachen geben.“

Bärbeiß hob bei diesen Worten die buschigen Augenbrauen, so daß diese vollständig in den, ihm tief ins Gesicht hängenden Haaren verschwanden.

„Wo kommst du bloß her?“, brummte er.

 

Der Weg in den Drachenwald war alles andere als ein Vergnügen. Insbesondere wenn man einer Spur folgen mußte, die offenbar ohne jeden Plan, dafür aber mit bewundernswerter Kontinuität durch die schlimmsten Hindernisse hindurch führte.

„Eine Zumutung für meinen Pelz“, klagte Mikesch, als sie das sechste Dickicht des Tages hinter sich gelassen hatten. Allerdings sah das, was sie dafür vor sich hatten, keinen Deut besser aus.

Heimat von Vetter Grumbatz“, stellte Gorgus erfreut beim Anblick des stinkenden Morastes fest, der sich vor ihnen wie ein Teppich erstreckte. Und wie nicht anders zu erwarten, führte die Spur mitten hindurch.

„Die ist hart im Nehmen“, bemerkte Bärbeiß mit unverhohlener Bewunderung in der Stimme.

„Lebensmüde trifft es eher“, brummte Mikesch mißmutig. Der Gedanke, mit den Pfoten durch dieses Sumpfland zu tapsen, fand verständlicherweise nicht seine Begeisterung. Auf der anderen Seite war er schlicht zu groß, um auf einem der Pferde mit zu reiten, ganz abgesehen davon, daß diese alles andere als erfreut wären, eine Großkatze mit messerscharfen Krallen auf ihrem Rücken zu transportieren.

„Weiter“, befahl Hilly. Ihre Stimme klang ungewohnt dumpf hinter dem Tuch, das sie sich gegen den Gestank vor das Gesicht gebunden hatte. Die anderen taten es ihr gleich, abgesehen von Gorgus, der einen fröhlichen Eindruck machte und Mikesch, der aussah, als würde er gleich die Pfoten strecken. Als wir uns vorsichtig in das Sumpfland begaben, verfluchte ich zum wer weiß wievielten Mal den Tag, an dem ich den Meister ins Nirwana geschossen hatte.

„Warum tust du das eigentlich?“, fragte ich Hilly, die neben mir durch den Morast ritt und sich tief über den Pferdehals beugte, um die Spur nicht zu verlieren.

„Um der Spur zu folgen.“

Ich seufzte angesichts ihres Sarkasmus.

„Und um die Belohnung zu kassieren“, ergänzte sie, wobei sie mir einen kurzen Blick zuwarf, den ich nur schwer deuten konnte. Bildete ich es mir nur ein, oder hatte ich wirklich einen Hauch von Zuneigung in ihren Augen wahrgenommen. Ich ließ meinen Blick gedankenverloren über ihren Körper wandern und übersah so einen tief hängenden Ast, der mich auf den Boden der Tatsachen zurück beförderte.

„Hier ist sie auch vom Pferd gefallen“, verkündete Hilly trocken, nachdem ich mit einem dumpfen Platschen im Morast aufschlagen war.

„Mußt du dein Wellnessprogramm ausgerechnet im Wohnzimmer von Vetter Grumbatz durchziehen“, lästerte Mikesch. Sorgfältig schlug der Kater einen Bogen um mich, während ich mich fluchend auf die Füße und von dort auf mein Pferd kämpfte, das mein Bemühen mit einem entrüsteten Schnauben quittierte.

Ich ignorierte sein Widerwillen sowie die feixenden Gesichter um mich herum und fragte mich, welcher Dämon mich bloß geritten hatte, um auf dieses Abenteuer einzulassen?

„Geh bitte aus der Windrichtung“, klagte der Kater wie aufs Stichwort und erinnerte mich daran, wem ich all das zu verdanken hatte.

 

Aber auch Mikesch war derzeit alles andere als erfreut. Der Sumpf war für den Kater noch schlimmer als der räudige Köter Schluffi, den die Freundin seiner Dosenöffnerin gelegentlich anschleppte. Zwar verfügte der inzwischen über eine stattliche Anzahl von Narben auf seiner langen Schnauze, klüger war er deshalb aber trotzdem nicht geworden. Mikesch schüttelte bei der Erinnerung sein pelziges Haupt und blickte zu Gorgus auf, der unaufhaltsam wie ein Eisbrecher in der Antarktis durch das Sumpfgebiet stapfte. Seine gewaltigen Füße hinterließen Zerstörungen, an der die Natur lange zu knacken haben würde. Mikesch fragte sich, wo der Troll wohl normaler Weise lebte und ob er sein gewohntes Umfeld vermißte.

„Weißt du, was Heimweh ist?“, fragte er, worauf der Troll ratlos seine Stirn in Falten legte.

Heim mit Aua?“, fragte er treuherzig, was den Kater auf maunzen ließ.

„Sei dankbar, daß die Natur dich so kräftig gemacht hat, mein Großer, sonst würde deine Spezies schon lange ausgestorben sein“, seufzte er. Mit Trollen konnte man einfach kein Gespräch führen. Das zumindest hatte Gorgus mit Schluffi gemein.

Wie dein Heim?“, wollte Gorgus zu Mikesch Erstaunen wissen. Seine Stimme klang ungewohnt sanft, sofern man das Grollen einer Steinlawine, an das die Stimme des Trolls stets erinnerte, so interpretieren mochte.

„Kabelfernsehen, Dosenfutter und ‘ne funktionierende Heizung“, antwortete der Kater automatisch. „Anders ausgedrückt, es ist ganz OK“, ergänzte er, als er das ratlose Gesicht des Trolls betrachtete.

Du gern zurück?“

„Na klar, ich meine..“, stockte Mikesch, der sich von der Frage überrumpelt fühlte. Wollte er wirklich zurück? Sicher, regelmäßige Fütterung und ein warmes Plätzchen sind stets ein guter Grund. Aber was erwartete ihn sonst noch?

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte seine Dosenöffnerin schon lange nicht mehr viel Zeit für ihn übrig gehabt, insbesondere nicht, seit sie diesen neuen Freund hatte.

 

Was würde passieren, wenn der Freund keine Katzen mochte?

 

Würde der Miezekater dann auf dem Abstellgleis landen?

 

Endstation Tierheim. Alle Stubentiger bitte aussteigen.

 

Die Aussicht war alles andere als verlockend. Aber wer konnte schon ahnen, wie eine Dosenöffnerin im Liebestaumel reagieren würde?

Eines wurde Mikesch bei diesen Überlegungen bewußt, die Entscheidung zurückzukehren, falls er überhaupt jemals die Möglichkeit haben sollte, bedurfte der sorgfältigen Abwägung.

„Ich überlege noch“, murrte er daher in einer Stimmlage, die deutlich machen sollte, daß er das Thema nicht vertiefen wollte.

Ich hoffen, du entscheiden für hier“, brummte Gorgus verlegen. „Du große Klappe, aber Freund.“

„Ich denk drüber nach, mein Großer“, maunzte Mikesch, der von der Offenheit des Trolls gerührt war. Mit deutlich besser Laune und mehr Optimismus als zuvor, patschte er weiter durch den Sumpf.

„Wie bist du eigentlich bei Hillys traurigem Haufen gelandet?“, fragte der Kater nachdem sie den Waldrand wieder erreicht hatten. Dichtes Gestrüpp mit einer erlesenen Auswahl aus Dornen erwartete sie dort, was nicht unbedingt eine Verbesserung zu dem stinkenden Morast darstellte. Zumindest dann nicht, wenn man Wert auf ein gepflegtes Fell legte. Und natürlich führte die Spur mitten hindurch.

Brauchte Versteck“, brummte Gorgus und weckte damit die Neugier des Katers. Was mochte einen Kraftklotz wie diesen dazu veranlassen, ein Versteck zu suchen. Nach Mikesch Ansicht benötigten eher diejenigen, die das Pech hatten, dem Troll in die Quere zu kommen, dringend eine bombensichere Unterkunft.

Was also hatte er angestellt?

„Hattest du ein Schaf zu viel gefuttert?“, fragte Mikesch lässig, um den Troll aus der Reserve zu locken.

Nein, Schafherde“, korrigierte Gorgus mit düsterer Miene. „Frühstück“, ergänzte er, als er den erstaunten Blick des Katers auffing. Nun verstand er allmählich. Vermutlich war er von einer Armarda erboster Bauern mir Mistgabeln und Sensen verfolgt worden, nachdem diese die erschreckende Dezimierung ihres Viehbestands festgestellt hatten.

„Hör mal, mein Großer. Du kannst nicht einfach durch die Gegend spazieren und dir ‘n halben Bauernhof zum Frühstück einwerfen. Da ist der Ärger vorprogrammiert.“

Bauer geschuldet“, brummte Gorgus empört. „Ganzen Sommer gearbeitet, nicht bezahlt, Schafe Entschädigung.“

„Er hat dich reingelegt und du hast zur Selbstbedienung gegriffen. Warum hast du nicht auf deinem Recht auf Lohn bestanden?“

Gorgus sah den Kater an, als habe der ihn gefragt, warum er nicht Hochseilartist geworden sei.

Trolle nicht beliebt. Trolle gut für Arbeit, Kampf und beschimpfen. Wenn Mensch tötet Troll, kein Problem, wenn Troll tötet Mensch...“

„..oder frißt Schaf...“

..dann Problem!“

„Also bist du nach einem Frühstück mit Schaf und Käse bei Hilly untergetaucht.“

Gorgus nickte.

Hilly Familie. Freunde. Ich gerne dort.“

„Schön, wenn man weiß, wo man hingehört“, brummte Mikesch mit einer ungewohnten Melancholie in der Stimme, während er hinter Gorgus her schlich, dem die Natur nicht viel entgegenzusetzen hatte. Gorgus war schon ein echtes Problem für jedes intakte Ökosystem.

Nach ein paar hundert Schritten und circa zwei Dutzend nieder getrampelten Jungbäumen später erscholl plötzlich Hillys aufgeregte Stimme von der Spitze ihres Pfadfinderwandertrupps.

„Hier hat sie gerastet.“

Schnell fanden sich die Gefährten auf der kleinen Lichtung zusammen, die offenbar von Nobeline als Übernachtungsstätte auserkoren worden war und betrachteten die Spuren, die sie hinterlassen hatte.

„Sie hat ‘n Wildschwein tot gedichtet“, staunte Mikesch beim Anblick der Überreste eines Wildschweinkadavers, den Hilly unter einem Baum entdeckt hatte.

Sie von dir gelernt?“, fragte Gorgus trocken und fing sich dafür einen Prankenhieb des Katers ein, der allerdings an der zähen Haut des Trolls noch nicht einmal Kratzer hinterließ.

„Hört auf zu streiten, und seht euch lieber das an. Hier sind Spuren eines weiteren Pferdes sowie Männerfußspuren. Sie ist hier auf jemanden gestoßen, vermutlich einen Jäger, und mit ihm zusammen weitergezogen“, teilte Hilly nach sorgfältiger Untersuchung des Waldbodens mit.

„Ist sie freiwillig mitgegangen?“, fragte Bärbeiß, der schon wieder seine Axt schärfte.

„Schwer zu sagen. Auf jeden Fall stellt uns das vor neue Probleme. Wer immer sie auch begleitet, kennt sich im Wald aus und ist bewaffnet. Wir müssen ab jetzt sehr vorsichtig sein. Heute Nacht stellen wir Wachen auf. Bärbeiß, du übernimmst die erste Schicht.“

Der Zwerg grunzte zustimmend und spähte daraufhin mißtrauisch in das dichte Gebüsch am Rande der Lichtung, als würde er jeden Moment einen Überfall erwarten. Mikesch hielt das zwar für unwahrscheinlich, da vermutlich nur wenige Lebewesen auf dem Planeten so tolldreist oder strohdumm wären, sich mit einem Troll anzulegen, es sei denn, sie litten an akutem Lebensüberdruß oder vermißten eine Schafherde.

Auf der anderen Seite hatte Vorsicht aber noch nie geschadet; denn schließlich hielten auch sieben Leben nicht ewig.

Insbesondere dann nicht, wenn man das Gerede über Drachen ernst nehmen wollte...

Mikesch hatte nur zu gut noch die Worte des Zwergs im Ohr. Doch zum Glück waren sie bisher noch auf keine Drachenspuren gestoßen, ein Umstand, den der Kater nicht ernsthaft bedauerte. Zumindest ließ diese Tatsache ihn hoffen, daß die geschuppten Feuerspeier deutlich tiefer im Wald zu leben pflegten. Sein Blick wanderte zu Hilly, die sich in diesem Moment erhob und den Staub von den Händen wischte.

„Die Spur führt tiefer in den Wald hinein“, verkündete sie zum Entsetzen des Katers.

„Noch tiefer? Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt.“

Hund ist in Pfanne?“, fragte Gorgus hoffnungsvoll, der sich in Erwartung eines schmackhaften Abendessens umsah.

„Nein! Aber tröste dich. Dafür kommt wahrscheinlich Morgen flambierter Kater auf die Speisekarte“, murrte Mikesch sarkastisch.

Kater schmecken furchtbar“, beschwerte der Troll sich trocken über die angekündigte Änderung des Speiseplans.

„Teil das bitte den Drachen mit, mein Großer.“ Mikesch sah alles andere als begeistert aus. Verdenken konnte ich es ihm nicht. Ein Wald, in dem angeblich Drachen hausten, war auch nicht unbedingt der Ort, deren Erforschung ich oben auf die Liste meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen gesetzt hätte.

„Besteht tatsächlich die Gefahr, auf einen Drachen zu stoßen?“, fragte ich beklommen in die Runde.

„Worauf du deine Axt verwetten kannst. Der Weg von diesen Irren führt geradewegs in ihr Revier“, erklärte Bärbeiß zu den schleifenden Geräuschen des Wetzsteins, mit dem dieser offenbar zur eigenen Nervenberuhigung seine Axt schärfte. Ich war überzeugt, daß er, wenn er so weitermachte, bald ohne Axtblatt dastehen würde.

„Hast du noch mehr so gute Nachrichten?“, fragte ich bedrückt, worauf ein Grinsen das Bartgestrüpp des Zwerges teilte. Das Blitzen in seinen Augen verriet mir, daß mir die Antwort nicht gefallen würde.

„Du hast die Mitternachtswache“, brummte er.

 

– 14 –

Nobeline Laune sank mit jedem Tritt, den ihr unmusikalisches Roß machte. Nach einem überraschend wohlschmeckenden Abendessen waren sie am frühen Morgen aufgebrochen und ritten nun dem Sonnenaufgang entgegen.

Das war soweit ja ganz nett.

Weniger erfreulich war der Umstand, daß Van ihr seit dem Aufbruch eine Jagdgeschichte nach der anderen auftischte. Inzwischen schwirrte ihr der Kopf von der unablässigen Prahlerei. Zum ersten Mal hatte sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich Leute in ihrer Gegenwart fühlen mußten, wenn sie aus ihrem reichhaltigen Gedicht- und Liederfundus vortrug. Bisher hatte sie sich zwar manchmal schon gewundert, warum jeder Zweite in ihrer Gegenwart plötzlich unter Zahnschmerzen litt, wenn sie in künstlerische Wallung geriet. Angesichts dessen, was ihr selbst gerade widerfuhr, dämmerte ihr langsam, woran es möglicherweise gelegen haben könnte. Mit vibrierenden Nerven musterte sie ihren unablässig erzählenden Gefährten und fragte sich, ob es wohl noch schlimmer kommen konnte?

Wenn sie so Resümee zog konnte die Antwort nur lauten:

Aber selbstverständlich!

Prompt entdeckte sie etwas das diese Annahme einwandfrei bestätigte. Entsetzt sah sie zu Van hinüber, der dermaßen in seiner Jagdprahlerei aufging, dass er offenbar nichts mehr von seiner Umgebung mitbekam.

„Mit gespannter Armbrust kroch ich durch das Dickicht, die Gefahr ignorierend und nur beseelt von dem Wunsch...“

Van!“

„... das Ungetüm zu erleg..“

Van, das Ungetüm!“

Nobelines Stimme wirkte noch schriller als gewöhnlich.

„Davon wollte ich doch gerade erzählen.“ Vans Stimme klang ungewöhnlich schmollend. „Also, das Ungetüm..“

...sitzt vor uns auf dem Pfad“, beendete sie den Satz mit zitternder Stimme.

Tatsächlich erhob sich ein paar Dutzend Schritte weiter eine braune, mit Schuppen versehene, gigantische Gestalt und kam seelenruhig auf die beiden Gefährten zu, wie ein alter Hofhund, der zum Futterfassen antrabt. Das Ganze sah fast possierlich aus, hätte das Ungetüm nicht die Ausmaße eines soliden Stadthauses und ein mit Unterarm langen Reißzähnen bewehrtes Maul gehabt. Zur Begrüßung spuckte es eine beeindruckende Feuerlanze in die Luft, was Nobeline angesichts des trockenen Holzes um sie herum für sträflich leichtsinnig hielt. Dafür aber war nun zumindest jeder Zweifel hinsichtlich der Identität des Ungetüms aus dem Weg geräumt.

Ein Drache“, kreischte sie entsetzt, wobei sie Mühe hatte, ihr Pferd unter Kontrolle zu halten. „Los, tu was. Greif dir eine Lanze und rette die hilflose Maid. Worauf wartest du noch. Das Vieh ist gleich da. Ich unterstütze dich mit einem Lied.

Auf in den Kampf,

der Dra a a che naht,

siegesgewiß

klappert sein Gebiß“,

schmetterte sie lautstark ein altes Schlachtenlied, ohne damit die geringste Wirkung zu erzielen. Frustriert brach sie ab, als der Drache nun haushoch vor ihr aufragte, ohne daß Van auch nur einen Handschlag zu ihrer Rettung unternommen hatte.

Ein Skandal!

Die Bücher über ehrenwerte Ritter im Drachenkampf mußten dringend mal überarbeitet werden. Zu ihrer Verblüffung tat der Drache jedoch nichts von dem, was sie von den Erzählungen her von einem Drachen erwartet hätte. Kein vernichtendes Feuerspeien und kein markerschütterndes Gebrüll erfüllte die Luft. Lediglich die feuerroten Drachenaugen blitzten belustigt, als er sie neugierig musterte.

Sei ehrlich, Van. Du hast ihr was in den Tee getan“, brummte der Drache in einer Tonlage, die Nobelines Brustkorb vibrieren und ihr gleichzeitig die Kinnlade herunterklappen ließ.

„Ihr kennt euch?“, fragte sie ungläubig und erntete einmal mehr das schallende Lachen ihres Begleiters, das sie wie gewohnt auf die Palme brachte. Van nickte nur. Vor Lachen brachte er kein Wort heraus.

Er hat mitunter einen skurrilen Humor“, klärte der Drache sie mitfühlend auf. „Das Lied war schön, zumindest der Text.. Kennst du auch ein paar Geschichten?“, fragte der Drache, wobei seine brummende Stimme einen kindlich neugierigen Unterton annahm. Das ernüchterte Van schlagartig, als er Nobeline begeistert nicken sah.

„Ich kenne sogar eine mit zehn Akten!“, berichtete sie stolz. Die Furcht vor der Kreatur war schlagartig zugunsten der Möglichkeit gewichen, einen Fan zu gewinnen. Aber auch der Drache schien erfreut.

Das ist toll und bestimmt besser als seine langweiligen Jagdgeschichten“, brummte er und spuckte eine kleine Feuerlanze aus. „Sag mal, hast du Zahnschmerzen, Van“, wandte er sich besorgt an Van, dem das Lachen endgültig vergangen war.

„Alles bestens, Borogaad“, winkte Van ab. „Was treibst du hier in der Gegend?“, versuchte er das Interesse des Drachen in eine andere Richtung zu lenken. Zehn Akte aus dem Repertoire dieser Kunstbesessenen würden ihn seine letzten Kraftreserven kosten, auch wenn er seine Begleitung zunehmend anziehender fand. Die blitzenden Augen und das brodelnde Temperament gefielen ihm. Diese Frau war anders als all die Frauen, die er bisher kennengelernt hatte. Er dankte seinem inneren Schweinehund, daß er sich gegen die Zwangsvermählung gewehrt hatte, die sein Vater für ihn mit einer ihm völlig unbekannten Fürstengöre arrangiert hatte.

Bin auf der Suche nach Abwechslung. Apropos Abwechslung. Sag mal Van, wolltest du nicht heiraten?“

Besorgt musterte er Van, der plötzlich aussah, als würde er unter einer schlimmen Magenverstimmung leiden.

„Du willst heiraten?“, fuhr ihn Nobeline an. Zu ihrem Erstaunen blickte Van bei diesen Worten, als habe er gerade auf eine saure Zitrone gebissen.

„Ich nicht! Aber mein Vater will, daß ich das tue.“

„Das kommt mir bekannt vor“, seufzte Nobeline.

„Du auch?“

„Hmmm.“

Van sah seine Begleiterin mit großen Augen an. Es war schon erstaunlich, daß sich zwei Gleichgesinnte ausgerechnet in diesem abgelegenen Wald getroffen hatten. Nobeline fing seinen Blick auf und hielt ihn für einen Augenblick fest, bevor sie fortfuhr.

„Laß uns über was Erfreulicheres reden“, beendete sie dieses, für beide Parteien unangenehme Thema, wofür Van ihr dankbar war.

„Einverstanden“, stimmte er zu. „Laß uns bei einem netten Happen zu Essen über unsere Reisepläne nach Versmas sprechen.“

Ihr wollt nach Versmas“, staunte der Drache. „Da komme ich mit.“

Nobeline war fassungslos. In letzter Zeit hatte sie ja schon einiges mitgemacht, aber die Vorstellung, bei ihrem triumphalen Einzug in die Stadt der Prosa und Dichtung von einem Feuer speienden Ungetüm begleitet zu werden, toppte schlicht alles. Wie sollte sie ihre Brüder und Schwestern im Geiste mit dem Ungetüm im Schlepptau begrüßen?

Willkommen im Club der demnächst toten Dichter würde vermutlich nicht so gut ankommen. Nein, ein Feuer speiendes Ungetüm und Menschen, die blütenweißes Papier mit geistigen Ergüssen bedeckten, paßten einfach nicht zusammen. Irgendwie mußte sie den Drachen umstimmen.

„Versmas ist für dich zu langweilig. Es ist die Stadt der Kunst und Kultur, der Dichtung und Prosa, der Anmut und Schönheit“, wandte sie vorsichtig ein.

Dann werden die Leute mich lieben“ brummte der Drache vergnügt.

„Das ist ein Scherz, oder?“ Nobeline wußte nicht mehr weiter. Hilflos sah sie zu Van hinüber, der schon wieder grinste.

„Ich fürchte nein“, gluckste er. „Drachen machen keine Scherze.“

Demonstrativ schüttelte Borogaad sein massiges Haupt, um die Feststellung zu unterstreichen.

„So schnell kann eine Karriere zu Ende gehen“, seufzte sie, wagte aber nicht, das Ansinnen zurückzuweisen. Bisher war der Drache erstaunlich friedlich gewesen. Allerdings konnte auch Nobeline eins und eins zusammenzählen, und das bedeutete, daß sie und Van zusammen vermutlich eine gute Zwischenmahlzeit für den Drachen abgeben würden. Also hielt sie den Mund. Wenigstens hatte sie einen begeisterten Zuhörer dazu gewonnen.

Man mußte eben immer das Positive im Leben sehen.

„Willkommen im Club“, seufzte sie, wobei sie sich fest vornahm, dem Drachen die Idee auszureden.

 

Nunmehr also zu dritt schlug sich die kleine Gruppe nach einer kleinen Zwischenmahlzeit weiter durch den nicht enden wollenden Wald. Während Van und der Drache Seite an Seite die Spitze ihrer kleinen Gruppe bildeten und Erfahrungen austauschten, brütete Nobeline still vor sich hin. Wenn ihr jemand vor wenigen Monden noch erzählt hätte, daß sie sich demnächst in Begleitung eines wilden Jägers und eines Drachens durch ein finsteres Waldgebiet quälen würde, hätte sie für denjenigen nur einen mitleidigen Blick übrig gehabt und sofort nach dem Heiler gerufen. Bedauerlicherweise hatte das Leben aber die unerfreuliche Eigenschaft, gelegentlich selbst die ausufernste Phantasie noch zu übertreffen. Natürlich gab es Schlimmeres, als mit seinem Traummann durch die Botanik zu streifen. Wenn dieser allerdings zu seinem Freundeskreis Ungeheuer wie den Drachen zählte, bekam das Ganze einen anderen Anstrich.

Nobeline wagte nicht darüber nachzudenken, wovon sich das Ungetüm ernährte.

Besonders aber ärgerte sie sich darüber, daß die beiden sich gelegentlich nach ihr umdrehten und dabei jedesmal breit grinsten. Was zum Henker mochte dieser Waldläufer dem Drachen wohl über sie erzählen? Sie beschloß, zu den beiden aufzuschließen und ließ ihr Pferd antraben.

„Und dann hat sie brav Holz geholt“, hörte Nobeline gerade Van prahlen, als sie ihr Pferd zwischen die Gefährten drängte. Das Pferd schnaubte und tänzelte leicht, da es sich immer noch nicht damit anfreunden konnte, als potentielle Mahlzeit in die Nähe des Drachen zu kommen. Eine Empfindung, die Nobeline nachvollziehen konnte. Trotzdem brachte sie das Pferd energisch zur Ruhe.

Hmmm, Pferdesteak“, verkündete der Drache, der belustigt Nobelines Kampf mit dem störrischen Pferd betrachtete. Leichte Dampfwolken stiegen dabei aus seinen Nüstern auf, die nicht nur Nobeline nervös machten. Ihr Entschluß, den Drachen loszuwerden, wurde damit nur noch bestätigt, selbst wenn dieser gerne Geschichten hörte.

„War einer von euch schon mal in Versmas?“, eröffnete sie das Gespräch und erntete dafür beidseitiges Kopfschütteln. Befriedigt nickte sie. Wäre der Drache schon einmal dort gewesen, würde es entweder Versmas oder ihn nicht mehr geben. Nun galt es, geschickt weiter zu argumentieren.

„Wart ihr überhaupt schon einmal in einer großen Stadt und wißt, was euch dort erwartet?“, hakte sie mit Unschuldsmiene nach. Wieder erntete sie beidseitiges Kopfschütteln, was jedoch den Drachen zu erstaunen schien.

Aber Van, du..“, setzte er an und wurde von selbigen mitten im Satz abgewürgt.

„.. warst zumindest schon mal in kleineren Dörfern“, wolltest du mich bestimmt korrigieren. „Schließlich kommt man als einfacher Jäger ein wenig herum.“

Du bist ein einfacher Jäger?“, staunte der Drache.

Van nickte bestimmt.

Borogaad konnte dem eisigen Blick seines Freundes entnehmen, daß es ihrer Freundschaft nicht zuträglich wäre, diese Behauptung zu hinterfragen. Aus irgendeinem Grund, den der Drache sich nicht erklären konnte, schien sein alter Freund sich in der Rolle des einfachen Jägers zu gefallen. Nun, ihm sollte es egal sein. Er würde das Spiel auf seine Weise mitmachen.

Und ich bin ein Zwerg und kenne nur die Minen“, brummte er daher vergnügt, worauf Nobelines Blick frostig wurde. Die beiden veralberten sie, und sie wußte nicht, was sie davon halten sollte. Irgend etwas war hier im Busch. Daran bestand kein Zweifel. Aber was dahinter steckte, konnte sie immer noch zu einem anderen Zeitpunkt klären. Einstweilen galt es, das wahnsinnige Unterfangen, in Begleitung eines Feuer speienden Ungetüms in Versmas einzufallen, zu unterbinden.

„Nun, Städte sind voller enger Gassen mit stinkenden Rinnsalen. Kein Vogelgezwitscher erfüllt die Luft; denn Bäume findet man dort nur als Kamin- oder Bauholz. Für jemanden, der die Natur liebt, ist das ein schrecklicher Ort“, verkündete sie mit möglichst düsterer Stimme. Erwartungsvoll sah sie zum Drachen hoch, doch dessen Antwort fiel anders aus, als sie es erwartet hatte.

Das klingt interessant. Man soll schließlich stets seinen Horizont erweitern“, merkte der Drache mit erhobener, rechter Vorderpfote an, als wäre er ein dozierender Gelehrter. „Du wirst eine gute Reiseführerin abgeben“, lobte er die kochende Nobeline.

„Und ein gutes Abendessen dazu“, erwiderte sie verdrossen. Allmählich gingen ihr die Ideen aus. Wenn es ihr nicht gelang, den Drachen umzustimmen, würde ihr Name bald in aller Munde sein. Allerdings nicht in der Art und Weise, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie fragte sich, wie ihr Vater wohl reagieren würde, wenn er sie jetzt sehen könnte? Nun, zumindest würde es ihm schwer fallen, willige Heiratskandidaten für eine Tochter zu finden, die mit Feuer speienden Ungeheuern durch die Gegend zog. Sie grinste unwillkürlich, auch wenn ihr nicht gerade zum Lachen zumute war. Zumindest war dies ein guter Stoff für eine Geschichte. Dabei dachte sie an die vielen Bücher, die sie im Laufe ihres jungen Lebens verschlungen hatte. Alle Abenteuer waren dort gut ausgegangen, so daß eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür sprach, daß dies auch bei ihr so sein würde. So richtig überzeugte sie ihre Schlußfolgerung trotzdem nicht. Möglicherweise hatten ja einfach nur diejenigen, deren Geschichte nicht gut ausgegangen war, keine Gelegenheit mehr gehabt, dies für die Nachwelt auf Papier zu bannen, womit ihr wieder Versmas, die Stadt der Dichter und Denker einfiel.

„Was zum Henker willst du als Drache bloß in Versmas?“, wagte sie einen erneuten Vorstoß.

Lyrik und Prosa genießen....“

„Die sind nicht eßbar“, merkte Nobeline bissig an. Irgendwie war sie überzeugt, daß den Drachen etwas ganz anderes antrieb, doch der blieb ungerührt.

„...und Geschichten vernehmen....“, schwärmte er mit verklärtem Blick.

„Hmmm.“

...Liederabende erleben...

Nobeline stöhnte.

..und außerdem werden die Schafe in dieser Gegend knapp.“

„Aha! Wußte ich’s doch!“

Entrüstet blickte Nobeline zu dem schuppigen Untier hoch. Nicht prosaische Wißbegierde sondern ein gieriger Schlund trieb den Drachen an.

„Du denkst nur ans Fressen“, schimpfte sie verärgert. Der Drache schnaubte daraufhin beleidigt.

Unsereins braucht regelmäßig eine saftige Mahlzeit, und in letzter Zeit hatte ich lediglich einen zähen Esel nebst launigen, alten Händler zum Mittag“, klagte Borogaad. „Da wird’s mal wieder Zeit für ein saftiges Schaf, und wenn ich dabei noch etwas vorgesungen bekomme, um so besser.“

Das ernüchterte Nobeline schlagartig. Ein Dankesständchen geplagter Bauern an einen vollgefressenen Drachen war ihr bisher noch nicht untergekommen. Sie bezweifelte, daß ein solches Anklang finden würde und schob den Gedanken, eins zu komponieren, genauso schnell wieder beiseite, wie er ihr gekommen war. Dabei wurde ihr erst jetzt bewußt, was der Drache von sich gegeben hatte.

„Du... du hast einen Händler gefressen?“, ächzte sie.

Er hatte die Leute ohnehin regelmäßig übers Ohr gehauen.“

„Das ist abscheulich!“ Nobeline war entsetzt.

In der Tat. Darum war es an der Zeit für eine Marktbereinigung.“

„Aber...“ Nobeline fehlten die Worte. Der Schlagfertigkeit des Drachens war sie nicht gewachsen.

„Nimm ihn nicht ernst. Er macht nur Spaß.“ Vans aufmunterndes Lächeln löste in ihr erneut ein Gefühl aus, das sie schwindeln und für einen Moment ihre Entrüstung vergessen ließ.

„Du meinst, er hat ihn gar nicht gefressen?“, fragte sie zaghaft.

„Einen zähen Esel nebst alten, launigen Händler? Kaum! Drachen sind Feinschmecker. So was kommt bei ihm nicht auf den Tisch.“

Nobeline wußte nicht, was sie von dieser Antwort halten sollte. Irgendwie beruhigte sie die Beschwichtigung nicht. Im Gegenteil. Sie mußte das Ungetüm loswerden. Fragte sich bloß, wie? In Gedanken ging sie ihre Möglichkeiten durch. Wie würde es ihr gelingen, Van auf ihre Seite zu ziehen? Zu zweit würden die Chancen besser stehen, den Drachen zur Umkehr zu bewegen. Was also wußte sie über den Drachen? Nun, er war groß, wirkte gefährlich und mochte Lieder und Geschichten. Vielleicht sollte sie ihr gesamtes Repertoire an Liedern zum Besten geben. Auch wenn sie sich es nicht gerne selbst eingestand, so wußte sie doch, daß Singen nicht gerade zu ihren Stärken gehörte. Ihre Stimme war zu schrill, und sie hatte Mühe den Ton zu treffen, was ihrer Begeisterung bisher allerdings keinen Abbruch getan hatte. Wenn sie allerdings an die entsetzten Gesichter der Kulturbanausen auf Schrottingham angesichts ihrer Ode über die taumelnden Schmetterlinge im Sonnenlicht zurückdachte, kam ihr eine Idee.

„Schön, daß du uns begleitest“, sagte sie mit warmer Stimme an Borogaad gewandt, worauf Van einen Hustenanfall bekam. „Der Weg ist ja sehr lang. Vielleicht kann ich dir ja unterwegs mit Liedern und Geschichten die Zeit vertreiben“, schlug sie dem Drachen vor, der daraufhin erfreut brummte und kleine Dampfwolken ausstieß. Van hingegen wirkte, als hätte jemand gerade vorgeschlagen, ihm zum Zeitvertreib die Zehennägel auszureißen.

„Das ist sehr freundlich von dir“, ächzte er um Fassung bemüht, „aber das können wir von dir wirklich nicht verlangen.“

„Unsinn, das mache ich gerne. Ich beginne mit einer Arie über die unglückliche Liebe der holden Irmgard von Hohenstein zu einem armen Ritter. Das ist ein Stück für Sopran“, verkündete sie dem unglücklichen Van, der aussah, als würde ihm eine lange Zahnbehandlung ohne Betäubung bevorstehen. Ohne weitere Worte legte Nobeline mit hoher, schriller Stimme los und sorgte so dafür, daß Van vor Schreck beinahe vom Pferd fiel und sämtliche Waldbewohner im Umkreis einer halben Meile Reißaus nahmen. Nur dem Drachen schien ihr Gekreische zu gefallen.

Großartig“, lobte er zwischen den kurzen Atempausen, die Nobeline brauchte, um ihre Lungen für die nächste Herausforderung voll Luft zu pumpen. „Das erinnert mich an die alten Zeiten, als wir Drachen noch mit den Dämonen der Unterwelt kämpften. Ihr Kriegsgeschrei klang ähnlich“, schwärmte er, worauf Nobelines Gesicht leicht säuerlich wurde. Mit noch mehr Elan trug sie die nächsten Strophen vor, deren Refrain der Drache mit tiefem Baß als Kontrapunkt begeistert mit summte. Begleitet von Vans gelegentlichen Stöhnen und dem protestierenden Wiehern der Pferde ergab sich damit eine Geräuschkulisse, die ihresgleichen suchte. Als Nobeline etliche Strophen später die letzte Liedzeile in einem Ton ausklingen ließ, der mühelos ein ganzes Kücheninventar aus Trinkgläsern zum Zerspringen hätte bringen können, klatschte der Drache freudig mit den kurzen Vorderpfoten.

Einmalig“, rief er erfreut. „Das kann den ganzen Tag so weitergehen.“

„Den ganzen Tag“, krächzte Nobeline, die verstimmt realisierte, daß auch dieser Plan nicht aufzugehen schien. Den Drachen wurde sie einfach nicht los, dafür aber ihre Stimmbänder, wenn das so weiter ging. „Das ist sehr schmeichelhaft“, sagte sie ohne rechte Begeisterung. Dabei übersah sie, daß Borogaad dem wie betäubt auf seinem Pferd sitzenden Van zuzwinkerte. Natürlich hatte der Drache die List Nobelines so einfach durchschaut, als würde er auf den Boden eines glasklaren Teichs blicken. Also hatte er das Spiel mitgemacht und den Spieß umgedreht. Er hatte sich schon lange nicht mehr so amüsiert. Die gemeinsame Reise versprach interessant zu werden.

wird fortgesetzt.........

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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