Klaus Buschendorf

Am Swiepwald

Was wäre, wenn …

Geschichten zur Geschichte

 

9. Am Swiepwald

„Getrennt  marschieren – vereint schlagen“. Generalstabschef Moltke präsentierte mit diesen Worten seinen Kriegsplan zur Entscheidungsschlacht gegen Österreich dem preußischen König Wilhelm I. Er war riskant. Niemals vorher hatten Generäle ihre Truppen vor der Schlacht geteilt, aber niemals vorher konnten Militärs auch mit der Eisenbahn rechnen. Dieser Krieg kam für die Zeitgenossen unerwartet, die Gegner gehörten doch zum Deutschen Bund, geschlossen zum gemeinsamen Kampf nach außen und gegen die demokratischen Revolutionäre im Inneren! Zur Revolution von 1848/49 lehnte der preußische König die Kaiserwürde ab, angetragen von der Frankfurter Nationalversammlung. Und nun kämpfte dieser König nur sechzehn Jahre später mit dem österreichischen Kaiser genau um dieselbe, vorher abgelehnte Krone!

Hinter diesem Gegensatz stand ein Mann, Otto von Bismarck, seit 1862 Ministerpräsident von Preußen. Er sprach davon, dass große Entscheidungen nicht durch Debatten und Beschlüsse (wie in der Paulskirche von Frankfurt) sondern durch Blut und Eisen entschieden werden. Kaiser sollte sein zaudernder König schon werden, aber nicht auf Antrag des „Pöbels“! Mit List und Tücke, also mit Diplomatie arbeitete er daran, den preußisch-österreichischen Gegensatz auf die Spitze zu treiben.

Zunächst verwirklichte er gegen die liberalen Kräfte in Preußen die vom König verlangte Heeresreform. Diese glaubten nicht an die Notwendigkeit eines starken Heeres, dafür gäbe es doch nach dem Wiener Kongress keine Notwendigkeit mehr. Bismarck setzte sie durch zum Wohlgefallen seines Königs, das Heer wuchs. Nun musste er den Gegensatz zu Österreich, der anderen „Vormacht“ im Deutschen Bund verstärken. Eine bürgerliche Revolution in Dänemark kam ihm zu Hilfe. Das neue Parlament degradierte den dänischen König zum Unterzeichner der Verfassung. Das Parlament schrieb sie. Die im Amt jungen Parlamentarier übersahen ein kleines Stück europäischer Geschichte.

An der Grenze zum „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ lagen die Herzogtümer Schleswig und Holstein. „Up ewig ungedeeld“ fühlten sich Landvolk und Adel seit hunderten von Jahren. Die Grenze an der Eider interessierte nicht, denn der dänische König beherrschte Schleswig unmittelbar, als Lehnsmann des Kaisers auch Holstein. Doch die neue Verfassung von 1864 sollte auch für Holstein gelten. Der König wollte nicht unterschreiben, es bedeutete ja eine Annexion fremden Landes und mit dem Deutschen Bund wollte er sich nicht anlegen. Aber das Parlament zwang ihn. Der Deutsche Bund beauftragte Preußen und Österreich mit Wiederherstellung der Rechtslage. Preußen und Österreicher besetzten nach kurzem Kampf ganz Jütland und bei den Düppelner Schanzen gab die dänische Armee den Krieg verloren. Der Deutsche Bund beschloss die gemeinsame Verwaltung beider Herzogtümer, Schleswig wird preußisch, Holstein österreichisch besetzt. So kam die Stadt Flensburg zu Deutschland.

Natürlich gerieten die beiden „Vormächte“ bei der Ausübung der Verwaltung in Streit – Preußen ließ Truppen in Holstein einmarschieren. Österreich forderte die „Bundesexekution“ gegen Preußen, das trat aus dem Deutschen Bund aus und erklärte Österreich am 19. Juni 1866 den Krieg. Bismarck war am Ziel.

Alles lief gut für Preußen. Die anderen Staaten des Deutschen Bundes spielten fast keine Rolle. Das Königreich Hannover (heute etwa Niedersachsen) schlug eine Schlacht bei Langensalza in Thüringen, gewann sogar – und musste doch zwei Tage später kapitulieren wegen hoher Verluste und fehlendem Nachschub. Schnell bewegten sich die drei vorbereiteten Armeen nach Böhmen, entlang der Elbe und Iser, von Görlitz über Reichenberg, nach Oberschlesien übers Riesen- und Eulengebirge – fast alle Gefechte wurden gewonnen. Am frühen Morgen des 03. Juli kamen die Elbarmee und die 1. Preußische Armee westlich von Königgrätz (Hradec Kralowe) miteinander in Berührung und stießen auf die österreichische Nordarmee. Dort sollten sie sich im Angriff verschleißen, so der Plan des österreichischen Befehlshabers Benedek. Er wusste, seine Artillerie schoss besser als die preußische, aber die Infanterie besaß das schlechtere Vorderladergewehr. Seine Stellung war so ausgewählt, dass die eigenen Vorteile gut zur Geltung kamen. Er galt als militärisches Genie, seit er in Italien 1848 stets siegreich geblieben war. Doch Böhmen kannte er nicht, wollte auch den Oberbefehl nicht haben. Sein Kaiser Franz Joseph befahl ihn dennoch dazu.

Bis zum Mittag lief alles nach Benedeks Plan. Seine Artillerie ließ den preußischen Infanteristen mit ihren schneller abzufeuernden Hinterladern keine Chancen. Sie pflügte einen Wald regelrecht um. Zwei seiner Unterführer sahen sich auf der Siegerstraße und wollten ihren Anteil am Schlachtenruhm erhöhen. Sie drangen in diesen Swiepwald ein, den Preußen den Rest zu geben. Dafür mussten sie an ihrer rechten Flanke Stellungen aufgeben.

Vom Riesengebirge kommend, war die 2. Preußische Armee in Eilmärschen Richtung Königgrätz marschiert. Gegen Mittag erreichten ihre Vorhuten das Schlachtfeld. Gerade glaubten die Österreicher, den Sieg in der Hand zu halten. Der Kommandeur einer preußischen Gardeeinheit erkannte die Bedeutung des Dorfes Chlum beim Swiepwald und besetzte es sofort. Andere Einheiten folgten, bald wurden die österreichischen Soldaten von Norden und Osten angegriffen. Benedekt warf alle seine Reserven gegen den Swiepwald und Chlum. Zu spät – das preußische Repetiergewehr bewies seine Feuerkraft, nachmittags gegen vier drohte die Einschließung, er befahl den Rückzug. Von den Kanonen der Festung Königgrätz gedeckt, gelang ihm der Abbruch der Schlacht.

Auf einer Breite von zehn und einer Tiefe von fünf Kilometern hatten etwa 440.000 Soldaten ihr Leben eingesetzt. Der Kampf um die klein- oder großdeutsche Lösung entschied sich in zwölf Stunden. Bismarck blieb dem Primat der Politik treu und hielt seinen König zurück, in Wien die Siegesparade abhalten zu wollen.

Im Vorfrieden von Nikolsburg und Frieden zu Prag am 23. August musste Österreich der Auflösung des Deutschen Bundes zustimmen. Preußen nahm sich keines der österreichischen Länder. Es sollte seine Würde behalten – man könne es doch später als Bundesgenossen brauchen, so das Bismarcksche Kalkül. Das schnelle Ende des Krieges ließ anderen Mächten in Europa keine Chance zum Eingreifen. Österreich, von Tirol bis Böhmen, war kein deutsches Land mehr.

Wäre die 2. Preußische Armee nur wenig später gekommen, die beiden ruhmsüchtigen österreichischen Unterkommandeure nicht in den Swiepwald eingerückt – die Einigung Deutschlands hätte anders verlaufen, vielleicht auch gar nicht geschehen können.

 

Klaus Buschendorf                                                                                                  20.07.2020      

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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