Rüdiger Wulf

Der Nachtmarder

Am nächsten Morgen hätte er beim besten Willen nicht mehr sagen können, ob er alles nur geträumt oder wirklich erlebt hatte. Das Tier war vom Fußende des Bettes aus über seine Beine und den Unterleib auf seine Brust gelangt, ohne dass er irgendetwas dagegen hatte tun können. Das Tier? Ja, es hatte sich angefühlt wie ein Tier. Ein haariges, pelziges Tier von der Größe einer Katze. Einer aber schon sehr großen Katze … Oder vielleicht eines Bibers? Einer Art von Dachs …? Schwer gewesen war das Tier auch – so schwer, dass er kaum noch Luft bekam, als es auf seiner Brust lag. Die Angst zu ersticken … und dazu noch diese Hilflosigkeit, dieses Gefühl absoluten Ausgeliefertseins: Kein Glied hatte er rühren können, keinen Ton von sich geben. Bis das Tier wieder verschwunden war, ganz unvermittelt nach einer gefühlten Ewigkeit … ohne dass er zu sagen wusste, wie und wohin es sich entfernt hatte. Es war ganz einfach verschwunden. Spurlos. Geräuschlos. Ohne irgendwas zu hinterlassen außer dem Gefühl, dass es ein großes, pelziges Tier gewesen war, das ihm die Luft zum Atmen nahm – und ihn in Todesangst versetzte. Schweißnass war er am nächsten Morgen aufgewacht, schweißnass wie beim ersten Mal.

„Fred?“ Er bekam er einen Stoß in die Seite. „Hallo? Jemand zu Hause?“ Gelächter. Er lachte mit, wollte die gute Stimmung nicht kaputtmachen, war schließlich froh, endlich wieder in dieser Runde zu „tagen“, wie sie es nannten. „Bestellen wir noch eins?“ Er hob sein Glas, um Nachfragen zu seiner gedanklichen Abwesenheit vorzubeugen. „Na klar!“ „Nur noch eins?“ „Abwarten!“ Seine Freunde waren sichtlich bemüht, nicht schon wieder auf das Thema zurückzukommen. Sein Thema – das ihn aber in ihren Augen offenbar weniger bedrückte, als zu erwarten … weshalb sie wohl glaubten, dass er seine Gefühle nur nicht herausließ. Dass er mehr unter Rikes Verschwinden litt, als er zugab.

„Um noch mal auf das Thema Alpträume zurückzukommen …“ Die resolute Anne ließ sich nur ungern unterbrechen, wenn sie eine Erzählung begonnen hatte. Rike hatte an ihr vor allem die offensive Art, in der sie mit dem Älterwerden umging, bewundert. Die grauen, kurzen Haare in Verbindung mit den hohen Wangenknochen in einem etwas streng wirkenden, mageren Gesicht machten aus ihr das, was man wohl gemeinhin eine „aparte Erscheinung“ nannte. Annes tiefe, wohlklingende Stimme tat ein Übriges. „Ich finde es so schrecklich, wenn man im Traum verfolgt wird, davonrennen will, aber nicht kann … sich wie in Zeitlupe bewegt und nicht vom Fleck kommt … schreien will, aber kein Ton herauskommt …“

"Wenn du wüsstest …“ Tom musste es wissen. Als Ehemann lag er ja schließlich meistens neben ihr, wenn sie träumte. Er strich sich mit den kräftigen Fingern – es gab Menschen, die sie „Wurstfinger“ genannt hatten, aber natürlich nur hinter seinem Rücken … Mit seinen kräftigen Fingern also strich sich Tom jetzt über die Glatze, wobei sein prächtiger Siegelring zur Geltung kam, den er zuweilen als altes Familienerbstück bezeichnete. Was aber definitiv nicht stimmte: Der Ring stammte – wie alle anderen Ringe, die Tom trug – aus einem gut sortierten, teuren Antiquitätenladen. Und seine Vorfahren gehörten auch nicht dem grundbesitzenden Erbadel an, sondern dem ehrbaren Handwerk – das in Toms Fall sogar auf dem sprichwörtlichen goldenen Boden gedieh: Er hatte sich vom Schreinermeister emporgearbeitet zum gefragten Möbelrestaurator. Und war ein ganzes Stück jünger als Anne.

„Wie bitte?“ Anne schaute Tom gespielt verärgert an. „Willst du etwa behaupten, ich schreie im Schlaf?“ Tom widmete sich intensiv seinem Siegelring, grinste verschmitzt und murmelte nur: „Manchmal schon …“ Annes Reaktion ging im Gelächter unter.

"Schreibt man Alptraum eigentlich mit B oder mit P?“ Die Frage war in jeder Hinsicht typisch für Lisa. Für eine angehende Grundschullehrerin hatte sie manchmal doch erstaunliche Defizite auf Gebieten, die sie bald unterrichten würde. Andererseits offenbarte sie ihre Lücken freimütig – wohl von dem ja nicht ganz abwegigen pädagogischen Merksatz geleitet, dass auch Lehrer nicht den Anschein erwecken sollten, allwissend zu sein. Und dass sie sich überhaupt für Details der Rechtschreibung interessierte, musste man ihr wohl, angesichts mancher Berichte aus den Schulen, schon hoch anrechnen. Dass sie die Jüngste in der Runde war, sah man sofort. Wie andere, die beruflich oder als Eltern ständig mit Kindern oder Jugendlichen zu tun hatten, neigte sie dazu, sich auch äußerlich an die Moden ihrer Schützlinge anzupassen. Allerdings wirkte das hochgebundene Zöpfchen, das seine Trägerinnen wie Bilderbuchhexen aussehen ließ, bei Lisa nicht ganz so albern wie bei manchen anderen, die dafür deutlich zu alt waren.

„Mit P natürlich!“ Sven verdrehte die Augen. Doch ehe Lisa den frechen Einwurf ihres „Liebsten“, wie sie ihn ironisch zu nennen pflegte, parieren und damit eines der unterhaltsamen Wortgefechte auslösen konnte, für die die beiden im Freundeskreis bekannt waren, mischte Fred sich ein: „Ganz so einfach ist die Sache gar nicht. Unter dem Alp stellte man sich früher eine Art Nachtgespenst vor, das für die Alpträume verantwortlich war. Das Wort ‚Alp‘ hing aber auch mit dem Wort ‚Elbe‘ – mit B also – zusammen. Die Elben waren kleine Wesen der alten nordischen Mythologie. Es gab zwei Arten von ihnen: Lichtelben und Dunkelelben. Die Lichtelben wohnten im Himmel, waren schön und freundlich, die Dunkelelben aber waren hässlich und böse, sie lebten unter der Erde …“ Fred nahm einen Schluck aus dem Bierglas – was Tom, der schon eine Weile mit seinem Smartphone beschäftigt war, Gelegenheit gab zu einer Zwischenbemerkung: „Man kann es auch mit B schreiben.“ „Wie bitte?“ Anne schaute auf das Display des Smartphones. „Tatsächlich! Beide Schreibweisen sind erlaubt.“ Fred musste an die „Rechtschreibreform“ denken. In einer Art Kapitulation vor dem zunehmenden Unvermögen der Schulen, ihren Schülern Rechtschreibung beizubringen, hatte man damals alles Mögliche für erlaubt erklärt, was vorher undenkbar gewesen wäre. Doch Lisa war längst vom Thema Rechtschreibung ab: „Waren die Elben nicht auch mit den Elfen verwandt?“ Sven verdrehte wieder die Augen, was allgemeines Gelächter auslöste und für Fred das Signal bildete, seine Ausführungen abzukürzen. „Ja, aber das Wort ‚Elfe‘ kannte man bei uns früher nicht. Es stammt aus England.“ „A propos England!“ Diese Chance ließ sich Sven nicht entgehen. „Wir planen gerade unseren Urlaub – in Cornwall …“

Während Sven von seinen und Lisas dramatischen Erlebnissen beim Buchen ihrer England-Reise berichtete, glitten Freds Gedanken wieder ab. In Westfalen nannte man das Nachtgespenst nicht Alp, sondern Nachtmahr oder Nachtmahrte – Begriffe, die von den Leuten, die sich mit so etwas beruflich befassten, mit „Nachtmarder“ übersetzt wurden. Worum es sich dabei handelte, war nicht ganz klar. Von Hexen war ebenso die Rede wie von Untoten – oder besser Wiedergängern, wie man die Menschen, die nach ihrem Tode „umgingen“, früher nannte. Am weitesten verbreitet schien jedoch die Meinung zu sein, dass es sich bei Nachtmahr und Nachtmahrte um lebende, ansonsten ganz normale Menschen handelte, die lediglich aufgrund einer Veranlagung nachts in Tiergestalt ihre Mitmenschen aufsuchten – Mitmenschen, mit denen sie verfeindet waren. Oder in die sie sich verliebt hatten. Oder auch einfach nur so … aus einem unbestimmten, unkontrollierbaren Drang heraus. Manchmal kamen auch die Frauen – in diesem Falle waren es immer nur Frauen – von weither … geflogen.

War Lisa einfach nur das übertriebene Brimborium leid, das Sven um die kleine Pannenserie bei ihren Urlaubsvorbereitungen veranstaltete, oder interessierte sie die Frage wirklich? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall unterbrach sie Svens Erzählung mit der Frage an Fred: „Woher weißt du eigentlich solche Sachen? Mit den Alpträumen und den Elfen und so … Hast du dich mal im Studium damit beschäftigt? Eine Arbeit darüber geschrieben?“

Wenn er jetzt ehrlich war, lachten sie ihn aus. Mindestens. Also musste er improvisieren: „Hab‘ da so ein Buch … geschenkt bekommen … neulich … über westfälische Sagen … und Aberglauben und so …“ Zum Glück erlöste ihn Lisa mit einer Frage, die er problemlos beantworten konnte: „Was muss man denn tun bei Alpträumen?“

„Licht brennen lassen. Gespenster scheuen das Licht. Aber bei Licht kannst du natürlich auch nicht gut schlafen. Also greifst du besser zum zweiten Mittel: dem Pentagramm.“

„Pentagramm? Ist das nicht dieser Stern mit fünf Zacken, der gegen Hexen helfen soll?“, meldete sich Anne zu Wort. „Den man in einem Zug zeichnen kann ohne abzusetzen?“

„Richtig! Wenn du solche Pentagramme an alle Tür- und Fensterrahmen zeichnest, brauchst du keine Angst mehr zu haben, dass dich nachts eine Hexe besucht. Oder ein Nachtmarder. Was nach manchen Berichten sogar dasselbe ist.“

„Nachtmarder? Was ist das nun wieder?“ Kaum hatte Fred angesetzt, Lisas Frage zu beantworten, als er auch schon wieder von Sven unterbrochen wurde: „A propos Marder! Da hat mir doch neulich so ein Vieh im Auto über Nacht die ganzen Kabel der Lichtanlage durchgebissen …“

Eigentlich hatte er ihnen noch von der Vorliebe des Nachtmahrs für Schlüssellöcher erzählen wollen. Unter den vielen Tricks, mit denen man das Nachtgespenst angeblich am Eindringen ins Schlafzimmer hindern oder es, wenn es bereits eingedrungen war, fangen konnte, war ohne Zweifel das Verstopfen des Schlüsselloches das bekannteste und am weitesten verbreitete Mittel. Entweder stopfte man das Loch zu, ehe die Nachtmahrte kam – dann war man vor ihrem Besuch sicher. Oder man stopfte es zu, wenn sie schon eingedrungen war – dann saß sie in der Falle, konnte nicht entkommen und musste am nächsten Morgen ihre menschliche Gestalt annehmen. Der Trick funktionierte, weil das Gespenst ein, wenn auch nur winzig kleines, Loch benötigte, um ins Zimmer zu gelangen. Und das einzige Loch, das nun wirklich jedes Zimmer aufwies, war halt das Schlüsselloch in der Tür. (Manche behaupteten aber auch, Nachtmahr und Nachtmahrte seien so sehr auf Schlüssellöcher fixiert, dass sie selbst dann nicht durch die Tür oder ein Fenster eindringen würden, wenn diese weit offen standen.)

„Hallo, Seide! Schön, dass du es noch geschafft hast!“ Wie zufällig räumte Sven den Platz neben Fred für die Portugiesin, deren aus Arabien stammenden Namen Zaida man tatsächlich „Seide“ aussprach. Wie das edle Gewebe, an dessen sprichwörtlichen Glanz Fred das dunkelbraune Haar Zaidas denken ließ. Er war Sven gar nicht böse, dass er Platz gemacht hatte, obwohl es allzu offensichtlich war, dass die Sache von langer Hand geplant war … dass seine Freunde noch längst nicht aufgegeben hatten, ihn mit Zaida zu verkuppeln … Wobei sie auf mindestens zwei Verbündete zählen konnten: den verführerischen Blick ihrer großen braunen Augen und ihren fröhlich wippenden Pferdeschwanz. Letzteren hatte sie zwar mit Sven gemeinsam, doch dessen blondes gummibandgebändigtes Haarbüschel wirkte eher albern. Zaidas Frisur hingegen mit dem langen, über die Augen fallenden Pony und dem witzigen Pferdeschwanz machten die hübsche Portugiesin in Freds Augen noch ein ganzes Stück attraktiver.

„Wie geht’s dir, Seide, alles im grünen Bereich?“ Tom war nie um einen flotten Spruch verlegen, wenn Zaida auftauchte. Was wohl nicht nur daran lag, dass sie vor ihrem Einstieg als Kulissenbauerin am Stadttheater die gleiche Ausbildung wie er gemacht hatte.

„Ja, ja, olles okay. Obwohl … Ich muss mich erst mal von dem Schreck erholen … Mir ist gerade fast ein Tier vors Auto gelaufen. Hier direkt um die Ecke, kurz bevor es auf den Parkplatz geht. Ein Tier so groß wie eine Katze, aber schlanker und irgendwie länglicher. Ein Marder vermutlich …“

Die Runde prustete los. Zaida war, vorsichtig ausgedrückt, ein wenig irritiert. Was um Himmels Willen war so lächerlich daran, dass sie beinah ein Tier totgefahren und dann mit dem Bremsmanöver fast noch einen Unfall verursacht hatte?

„Sorry!“, wandte sich Anne an die Verdutzte. „Wir lachen nicht über dich, sondern über den Marder.“ Was Zaida natürlich auch nicht besonders lustig fand. „Nein, nicht über deinen Marder …“ Anne hatte Mühe, gegen das Kichern und Prusten anzukommen. „Fred hat uns gerade von einem ‚Nachtmarder‘ erzählt, und Sven von einem Marder, der ihm die Kabel im Auto durchgebissen hat … und ausgerechnet dann kommst du herein und fängst auch noch gleich von einem Marder an …“ Jetzt musste auch Zaida grinsen. „Von einem ‚Nachtmarder‘ hat Fred erzählt? Wer … oder was … ist das denn?“

Hocherfreut darüber, dass sich Zaida mehr für sein Gespenst als für Svens Auto interessierte, gab ihr Fred nicht nur eine Zusammenfassung dessen, was er schon dem Rest der Runde erzählt hatte, sondern ließ sich auch dazu verleiten, etwas zu erwähnen, das er eigentlich hatte weglassen wollen – die sogenannte Mahrtenehe nämlich: die Ehe, die der von der Nachtmahrte Besuchte mit der jungen, schönen Frau einging, in die sich das gefangene Gespenst bei Sonnenaufgang verwandelte …

„Und so lebten sie glücklich und zufrieden bis an das Ende ihrer Tage …“, deklamierte Zaida grinsend einen Satz, der so oder ähnlich den Schluss vieler Märchen bildete.

„Eben nicht!“, korrigierte Fred. „Das Happy End fällt aus. Irgendwann erzählt er ihr – die sich daran nicht mehr erinnern kann – wie sie zu ihm gekommen ist, zeigt ihr das Schlüsselloch, durch das sie einst in sein Zimmer gelangt ist, und … sie verschwindet. Spurlos. Für immer.“

„Sie kann sich nicht erinnern, wie sie zu ihm gekommen ist?“, fragte Zaida erstaunt.

„Ja. Merkwürdig, nicht wahr?“ Fred hatte sich diese Frage auch schon oft gestellt.

„Und was war das nun für eine Frau? Eine Hexe?“, wollte Anne wissen.

„Ein schönes Mädchen“, erwiderte Fred nachdenklich. „Von weither … aus den Niederlanden … oder übers Meer gekommen … aus England … dem Engelland … dem Reich der Toten … der Unterwelt …“

„Ein schönes Mädchen, aber leider auch …“ Sven grinste breit. „… ein Zombie!“

„Du immer mit deinen Zombies!“, stöhnte Lisa. „Die gab es doch in den alten Sagen gar nicht.“

„Na ja …“ Fred sinnierte weiter. „An Untote, sogenannte Wiedergänger, hat man schon geglaubt in Westfalen … Aber die Nachtmahre und Nachtmahrten hielt man in der Regel für noch lebende Menschen – die halt nur eine ungewöhnliche Fähigkeit besaßen …“

„‘Nur‘ ist gut …“ Tom strich sich bedächtig mit der Rechten über die Glatze. „Die Fähigkeit, sich nachts in ein Tier zu verwandeln und dann seinen Nachbarn zu besuchen, um ihn ein bisschen zu würgen, ist doch schon ziemlich ungewöhnlich …“

„Wer bekommt die Mettbrötchen?“, machte sich die Kellnerin bemerkbar. Zwei Finger schnellten in die Höhe.

Rike war Vegetarierin, wie sich am nächsten Morgen herausstellte. In der Nacht hatte er sich, nach den Erlebnissen der drei Nächte zuvor schon am Rande der Verzweiflung, mit entsprechenden Mitteln künstlich wach gehalten. Und richtig, um Punkt zwölf Uhr bemerkte er das Geräusch: ein Rascheln in seinen Kleidern auf dem Stuhl am Fußende des Bettes. Genau wie in einigen der alten Berichte, die er sich besorgt hatte, beschrieben. Sofort war er aufgesprungen, hatte den neben der Tür deponierten Knetgummi ins Schlüsselloch gestopft und sich gleich wieder hingelegt. Die Nacht verlief wie die vorherigen. Nur dieses Mal verschwand das große, pelzige Tier nicht spurlos. Am nächsten Morgen saß sie zusammengekauert in einer Ecke des Schlafzimmers, bekleidet nur mit seiner Kapuzenjacke vom Wacken-Festival – seinem ganzen Stolz. Vor allem weil sie nicht bedruckt, sondern bestickt war. Tiefschwarz wie die Jacke waren auch ihre Haare, die ihr fast bis auf die Hüften reichten, wie sich herausstellte, als sie sich erhob. Die Jacke in der Größe XXL konnte bei ihr durchaus als Kleid durchgehen – war sie doch sehr zierlich gebaut, mehr als einen Kopf kleiner als er, reichte ihm gerade einmal bis zur Schulter. Dass sie nicht so jung war, wie zuerst vermutet, stellte er beim ersten Blick auf ihre Hände fest. Die Hände verrieten das wahre Alter ihres Besitzers – eine Erfahrung, die er immer wieder gemacht hatte. In Rikes Fall waren sie aber auch, wie sich später herausstellte, die einzigen Körperteile, die verrieten, dass sie keine ganz junge Frau mehr sein konnte. Ihr wahres Alter jedoch hatte er nie erfahren, wie fast alles, was Auskunft hätte geben können über ihr bisheriges Leben. Immer wenn er kurz davor gewesen war, sie nach ihrer Vergangenheit zu fragen, hatte ihn der geheimnisvolle Blick ihrer großen, dunklen Augen davon abgebracht – mit dem sie ihn schon bei der ersten Begegnung am Morgen in seinem Schlafzimmer fasziniert hatte.

Die Faszination hielt gut drei Jahre an. Bis zu jener Nacht, in der Fred zufällig erwachte und Rike nicht neben ihm lag. Er rief nach ihr, stand auf, ging durch die Wohnung, aber sie war verschwunden. Am nächsten Morgen dann – Fred war total übermüdet irgendwann wieder eingeschlafen – lag sie doch wieder neben ihm. Und verneinte seine Frage, ob sie schlecht geschlafen habe und in der Nacht aufgestanden sei. Er ließ sich nichts anmerken, machte sich aber Gedanken. Dass ihm dann just an diesem Morgen auf dem Weg zur Arbeit Tom begegnete, war schon ein merkwürdiger Zufall. Tom sah fürchterlich aus, und Fred konnte sich einen Spruch nicht verkneifen. „Na, schwere Nacht gehabt? Zu lange getagt gestern Abend?“ Tom massierte sich den Nacken mit der rechten Pranke und knurrte nur, offenbar noch nicht in der Lage, zusammenhängende Sätze zu formulieren: „Alptraum … heftig, ganz heftig … dachte, das Vieh bringt mich um … keine Luft mehr …“ Der Rest ging im Stöhnen unter. Fred brauchte aber auch nicht mehr zu wissen. Am Abend dann kam er bei einem Glas des Rotweines, den Rike so gerne trank, auf jenes Thema zu sprechen, das sie immer ausgespart hatten, auf die Frage, deren Antwort Rike nicht mehr zu kennen schien: „Weißt du noch, wie du damals hierhergekommen bist?“ Er erzählte es ihr. Ausführlich. Es war ihr letzter Abend. Am nächsten Morgen war sie verschwunden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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