Wolfgang Küssner

Abgerichtet

Hunde treiben das Wild vor die Flinten der Jäger; führen als treue Begleiter von Blinden diese kollisionsfrei durchs Leben; hüten Schafe. Pferde tragen Lasten; pflügen Äcker; schüchtern im Polizeidienst Demonstranten ein. Kamele, sogenannte Wüstenschiffe, haben durch ihren Einsatz als Transportmittel viele Regionen in Afrika, Indien und China für Menschen erst bewohnbar gemacht; geben Schatten, Milch, Wolle, Fleisch und Zuflucht; befördern Seide und Dattelernten; bewegen Wassermühlen. Nachrichten wurden von Tauben übermittelt; heute fliegen sie für Prämien ihrer Besitzer um die Wette. Schafe treten die Deiche fest, rasieren das Grün; liefern wärmende Wolle; erhalten Heidelandschaften. Wach-Hunde setzen Ohr und Auge und notfalls auch Schnauze und Körper für Grundstücke, Häuser und Menschen ein; schnüffeln nach  Sprengstoff und Drogen und jüngst sogar nach Corona-Viren. Kormorane sind fleißige Helfer beim Fischfang.

Bienenvölker befruchten Blüten, ermöglichen uns den Verzehr vitaminreicher, süßer Früchte und liefern Honig. Elefanten ziehen zur Verschönerung unserer Wohnzimmer Edelhölzer aus dem Dschungel. Kühe produzieren in Stallungen und auf Weiden möglichst viel Milch. Affen drehen reife Kokosnüsse von den Bäumen. Haushunde bringen die Zeitung; fressen Leckerlies; sind Gesellschafter für Einsame; Therapie für Kranke; spielen Kindersatz und dürfen im Haus nicht koten. Reitpferde überspringen immer höhere Hindernisse; andere Vierbeiner mit Schweif werden auf Dressur getrimmt und beklatscht; wechseln die Gangart auf Zuruf. Seidenspinnen weben für polynesische Fischer Netzte von recht stabiler, beachtenswerter Qualität. Der Autor erinnert sich an einen durch ein Spinnennetz versperrten Weg im Dschungel der Insel Praslin (Seychellen). Der Versuch, mit dem kräftigen Schlag eines Stockes das Netz zu beseitigen, sich Durchgang zu verschaffen, ließ den nicht gerade dünnen Stock einfach zurückfedern.

Schweine suchen nach Trüffel; haben nach 150 Tagen die Schlachtreife erlangt. Der Grill wartet. Wasserbüffel bereiten die Reisfelder vor. Esel bringen die Olivenernte ein; lassen  Salami erst richtig schmecken. Ratten spüren in Asien Landminen auf. Lawinenhunde suchen nach Verschütteten in Schnee, Geröll und Erbebenschutt. Falken lernen die Beizjagd auf frei lebendes Wild. Katzen sollen als Haustiere Mäuse fangen. Lamas liefern Wolle für kalte Anden-Tage. Die CIA bildet Delfine für die Spionage aus.

Schlittenhunde. Fiaker. Ziegenmilch und -käse. Würmer zum Angeln. Schäferhunde. Fahrten mit der Kutsche. Blutegel. Hühnereier. Vatertagstour. Brauereipferde. Windhunde usw. usf.. Indigene Völker wie die Inuit, die Samen etc. würden ohne Tiere vermutlich gar nicht existieren. Gemästete Gänse gelangen häufig noch kurz vor Weihnachten zu der Erkenntnis: Nie ging es uns so gut wie heute.

Abrichten ist laut Duden ein schwaches Verb. Ob das von den betroffenen Tiere auch so empfunden wird? Wir können sie nicht fragen. Abgerichtet ist die Vollendung. Abrichten klingt nicht nach Streicheleinheiten. Die Synonyme kommen deutlich friedlicher, gütiger, gewaltfreier, sanfter daher und heißen dressieren, trainieren, schulen, erziehen; im Jagdwesen wird einfach von arbeiten gesprochen.

Was ist Arbeit? Philosophen liefern folgende Erklärung: Der Prozess der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen. Und sozialwissenschaftlich definiert, ... eine zielbewusste und sozial durch Institutionen (Bräuche) abgestützte besondere Form der Tätigkeit, mit der Menschen  ihrer Menschwerdung in ihrer Umwelt zu überleben versuchen. (Wikipedia) Das Tier hat den Menschen immer begleitet. Es lieferte Nahrung und Kleidung, Brennmaterial und Schmuck; ermöglichte den Bau von Unterkünften und ist therapeutisch im Einsatz.

Tiere überleben in der Regel ihren von Menschen geplanten Arbeitseinsatz, obwohl die Situationen, Umstände nicht immer ihrem natürlichen Verhalten, ihren Gewohnheiten entsprechen. Nebenbei bemerkt, sieht es auch beim Arbeits-Einsatz von Menschen nicht immer natürlich aus. Da werden Erntehelfer bäuchlings liegend von einem Traktor über Felder gezogen, um Gurken aufzulesen. Da stehen Arbeiter an Fließbändern, um in einem vorgegebenen Zeittakt dieselben Arbeiten zu verrichten. Drehen, Schrauben, Schweißen. Technische Teilchen sind zu platzieren, Fisch oder Fleisch zu filetieren, Kleidung zu nähen, Smartphones  zu komplettieren. Es würde den Rahmen dieser Geschichte mehr als sprengen, alle unnatürlichen Tätigkeiten aufzulisten. Monotonie.

In vielen Fällen bedient sich der Mensch des Tiers. Und da beginnt das Problem, wie Farmer in Thailand jüngst erfahren mussten. Seit vielen Generationen werden Makaken, eine Affenart, dazu ausgebildet, die in 20 bis 25 Meter Höhe an den Palmen gereiften Kokosnüsse zu ernten. Diese Praxis ist auch in Indonesien und Malaysia üblich. Die Alternativen wären heraufkletternde, sich somit in Gefahr begebende, Menschen, oder kleine Sägen an langen Stangen, die aber sehr schlecht vom Boden aus zu handhaben sind. Die Makaken werden in Schulen ausgebildet und ein guter Affe kann es auf bis zu 1000 von der Palme abgedrehte Kokosnüsse pro Tag bringen. Die Affen rasen durch den Wald, der eine macht den anderen kalt. Die ganze Affenbande brüllt: Wer hat die Kokosnuss, wer hat die Kokusnuss, wer hat die Kokusnuss geklaut? So lautete es einst in einem Kinderlied; ein wenig von der Realität entfernt.

Stichwort Realität: Da gibt es im Land der einst unbegrenzten Möglichkeiten eine Organisation, die sich People for the Ethical Treatment of Animals nennt, PeTA abgekürzt wird. Mit Sitz in Norfolk, Virginia kümmert sich der Verein unter Führung von Ingrid Newkirk um tierische Rechte. Etwas ältere Daten nennen knapp 200 Mitarbeiter, mehr als 6 Millionen Unterstützer und ca. 50 Millionen Dollar Umsatz. Tierversuche, Haustierhaltung, Hahnenkämpfe, Massentierhaltungen, Angeln, Pelztierhaltung, Trophäenjagd und mehr stehen auf der Agenda. Logisch, dass man keine Tierprodukte isst und in der Sprachwahl auch nicht gerade zimperlich ist; eine Kampagne zur Massentierhaltung wurde z.B. mit Holocaust auf Ihrem Teller tituliert. Apropos Haustierhaltung: Im Internet kursieren nicht wenige Fotos, die die radikale Mrs. Ingrid Newkirk freundliche lächelnd, stolz mit Haustieren zeigt.

PeTA kritisiert den Arbeitseinsatz von Makaken generell; und ergänzt, dass die Affen an Leinen geführt und dirigiert, in Käfigen untergebracht und ausgebeutet werden. Wozu die Details, wenn doch ein Arbeitseinsatz prinzipiell abgelehnt wird? Etwas widersprüchlich. Zur Entlohnung der Affen gibt es keine Vorschläge seitens der Organisation. Ein bisschen wirr und fragwürdig ist der PeTA-Schuss gegen die thailändischen Farmer schon. Idealistische, visionäre, realitätsfremde Ideen. Bemerkenswert: Das Wohl der Tiere scheint einen höheren Stellenwert als das Wohl der Menschen zu haben. Zugegeben, man darf träumen, fantasieren, in Utopien verfallen, spinnen, sich radikalisieren. Die Distanz zwischen Ideal und Realität sollte überschaubar, überbrückbar beiben. Allerdings, auch das sei an dieser Stelle klar formuliert, Auswüchse, Missstände, Mängel, Übel, Verletzungen gehören aufgezeigt, angeprangert, abgestellt.

PeTA geht offensichtlich einen etwas anderen Weg; setzt beim Konsumenten an. Radikale Forderungen für die Tierrechte werden aufgestellt. Tausendjährige Domestizierungen negiert, einfach nicht berücksichtigt. Ohne all die domestizierten Tiere sähe die Welt ganz anders aus. Unseren Wohlstand haben wir auch diesem Prozess zu verdanken. Die Tiere gehören zu uns, sind Teil unserer Kultur. Das spielt bei dieser Vereinigung alles offensichtlich keine Rolle. Auswirkungen auf Gesellschaft und  Mensch werden nicht gesehen, missachtet. Eindruck: Ein sehr realitätsfernes, radikales und fanatisches Ideal wird dort gelebt. Ihre Lösung, Reaktion, Antwort heißt simpel: Boykott! Kauft keine Kokosmilch aus Thailand! Was ist mit Kokosraspeln, Kokoswasser? In USA und Europa wurden einige Produkte bereits aus den Regalen der Supermärkte genommen. Bleiben Bounty und Raffaello und die vielen anderen Kokosprodukte verschont? Wen und was trifft der Bann aus Norfolk, Virginia als nächstes?

PeTA erhebt die Stimme gegen die Ausbeutung der Tiere; das  Thema der Organisation. In Ansätzen voll nachvollziebar. Doch Fanatismus ist auch hier keine Lösung. Und wie steht es um die Ausbeutung des Menschen? Sicherlich erwartet kaum ein real denkender Mensch eine Idee, Lösung, Änderung aus den USA. Oder? Wenn PeTA und ähnliche Organisationen sich nicht für den Menschen interessieren, warum soll der Mensch sein Herz für PeTA-Forderungen erwärmen? Zu schnell wird stigmatisiert, verurteilt, abgerichtet.

Juli 2020

© 2020

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Bringt mir den Dolch von Germaine Adelt



Was haben eine Hebamme, ein Englischstudent, eine Bürokauffrau, ein Übersetzer, eine Technische Zeichnerin, ein Gymnasiast, eine Reiseverkehrskauffrau, ein Müller, eine Sozialpädagogikstudentin, ein Kfz-Meister, ein Schulleiter i.R., ein Geographiestudent und ein Student der Geschichtswissenschaften gemeinsam?

Sie alle schreiben Lyrik und die schönsten Balladen sind in dieser Anthologie zusammengefasst.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Wolfgang Küssner hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Tiergeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Vorspiele und Höhepunkte - 1. Akt von Wolfgang Küssner (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Der kleine Bär von Helmut Wendelken (Tiergeschichten)
An den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika von Klaus-D. Heid (Satire)