Christiane Mielck-Retzdorff

Das waren andere Zeiten

 

 

2030, im Jahr von Covid27

 

Langsam fuhr Janin, umfangen von Erinnerungen durch das ihr bekannte Wohngebiet. Hier war sie aufgewachsen. An einem sonnigen Sommernachmittag war die Straße damals bevölkert von spielenden Kindern, Jungs, die sich Fahrradrennen lieferten oder Mädchen, die sich auf ihren Inlineskates vergnügten. Nun war die Straße gespenstisch leer, nur aus nicht einsehbaren Gärten waren gelegentlich Stimmen und Lachen zu hören.

Janin hielt vor ihrem Elternhaus und war versucht, ihren Sohn zu fragen, ob er eine Maske, den Besuchserlaubnisschein und sein Handy dabei hatte, wusste aber, dass er sich mit seinen 12 Jahren schon sehr erwachsen fühlte, deswegen solche Fragen als Beleidigung empfand.

Mit einem kurzen „Tschüs, bis nachher.“ stieg Emil aus und ging auf seine Oma zu, die ihn bereits an der Tür erwartete und die er noch nie ohne Maske gesehen hatte. Janin winkte ihrer Mutter zu und fuhr davon. Es war der erste Besuch des Jungen bei seinen Großeltern. Beide gehörten mit über 70 Jahren zur Risikogruppe, durften nur mit behördlicher Genehmigung eine einzige Person als Besuch empfangen. Dieses Recht behielt sich lange Janin vor, doch nun hielten ihr Mann und sie es für geboten, dass ihr Erstgeborener drei Stunden allein mit Oma und Opa verbrachte.

Emil kannte seine Großeltern von Besuchen anlässlich des Weihnachtsfestes und von Geburtstagen. Aber auch diese waren zeitlich eng begrenzt gewesen und gewährten dem Jungen kaum Möglichkeiten, eine familiäre Beziehung zu den alten Leuten aufzubauen. Doch ihm war jede Gelegenheit recht, seine Wohnstätte zu verlassen, um Neues zu erfahren und zu entdecken.

2018 geboren, kannte Emil es nicht anders, als Kontakte zu Menschen, die nicht zum engsten Kreis der Familie gehörten, zu vermeiden. Schon als Kind wurde ihm eingeimpft, dass diese gefährlich waren, sein und das Leben anderer gefährdeten. Nur durch einen aufwändigen Antrag per E-Mail und natürlich dessen behördlichen Genehmigung waren Treffen möglich. So konnte er als Kind kaum Freundschaften mit Gleichaltrigen schließen. Deswegen führten seine Eltern ihn schon früh an das Internet und die sozialen Netzwerke heran. So durfte er mittlerweile viele Jugendliche seine Freunde nennen, jedoch ohne diese jemals persönlich kennengelernt zu haben.

Emil war es vertraut, dass das Lernen ausschließlich am Computer stattfand. Ein Schulgebäude hatte er nie betreten, doch seine Lehrer sah er auf Videos, durfte mit Klassenkameraden chatten und in virtuellen Klassenräumen dem Unterricht folgen. Auch seine Eltern arbeiteten ausschließlich zuhause am Computer. Dabei wurde in der Familie stets darauf geachtet, dass sich alle unter Anleitung eines virtuellen Trainers bei weit geöffnetem Fenster körperlich ertüchtigten.

Verantwortungsbewusst verzichteten der Junge und seine Oma auf eine Umarmung zur Begrüßung. Diese Art der körperlichen Nähe galt fast schon als kriminell. Bevor sich beide die Hand gaben, reichte die Großmutter ihrem Enkel ein Desinfektionstuch. Wenigstens durften beide nach den vorgeschriebenen Gesundheitstest auf Masken verzichten.

Beide gingen hinein in das schmucke, ordentlich geputzte Reihenhaus. Emil schaute sich neugierig um. Zuerst entdeckte er ein Foto an der Wand, welches seine Großeltern noch in jüngeren Jahren an einem unwirklich weißen Strand unter Palmen zeigte. Emil blieb kurz stehen, um es zu betrachten.

„Das Bild habe wir in unserem Urlaub auf den Malediven gemacht.“, erklärte die Hausherrin.

Von Zuhause kannte der Junge solche Fotos an der Wand nicht. Diese waren nur mit einer schmucklosen, mit einem speziellen, abwaschbaren Lack behandelten, weißen Tapete beklebt, die leicht desinfiziert werden konnte. Als Emil das Wohnzimmer betrat, sah er zum ersten Mal bedruckte Tapeten, die offensichtlich nicht abwaschbar waren. Er fragte sich, wie viele Viren darin wohl nisteten. Sollte er lieber seinen Mundschutz anlegen? Nein, Emil entschloss sich, das Risiko einzugehen.

Plötzlich fühlte er, dass der Boden unter ihm seltsam weich war. Von seinem Zuhause kannte er nur Spezialfliesen, die regelmäßig mit keimtötenden Mitteln gereinigt werden mussten und diese dann speicherten. Nun erspähte er Teppichboden, den er zwar auch nicht kannte, aber von diesem wusste, dass zwischen den kurzen Borsten allerlei Kleintiere und Krankheitskeime nur darauf lauerten, über Menschen herzufallen. Schon meinte er zu sehen, wie ganze Heere von ekeligen Milben, von Viren als Reittiere benutzt, seine Hosenbeine empor krochen. Doch seine Oma schritt ganz gelassen voraus. Leise schalt Emil sich selbst einen feigen Narren.

An einem alten Holzschreibtisch entdeckte er seinen Großvater und rief diesem „Hallo, Opa.“ zu. Der alte Mann drehte sich etwas behäbig um und lächelte den Besucher an. Es war deutlich zu erkennen, dass er geweint hatte.

„Christian, ist Dir nicht wohl?“, fragte die Oma besorgt.

„Es ist alles in Ordnung, Liebes. Ich dachte nur, wir zeigen dem Jungen mal Bilder aus unseren Fotoalben. Dabei bin ich wohl etwas sentimental geworden.“

„Oh ja, die möchte ich gerne sehen.“, rief Emil freudig.

„Wollen wir nicht erstmal Kuchen essen?“, schlug die Großmutter vor. „Ich habe extra gebacken.“

Emil erspähte den liebevoll gedeckten Tisch mit einer sauberen, weißen Tischdecke, blumigem Porzellan und bunten Papierservietten. In einer Kristallvase standen Rosen auf dem Tisch. Es klang fast wie eine Entschuldigung als die Oma sagte:

„Dein Opa wird nicht müde, mir jeden Monat zu unserem Hochzeitstag rote Rosen zu schenken.“

Emil fragte sich, ob nicht auch Blumen das Virus verbreiten, doch das selig lächelnde Gesicht seiner Großmutter ließ ihn seine Bedenken verwerfen.

Der saftige Obstkuchen mit frischer Schlagsahne schmeckte dem Jungen außergewöhnlich gut. Umgeben von der Pracht der Kaffeetafel fühlte er sich wie ein Prinz. Von Zuhause kannte er nur glatt polierte, weiße Tischoberflächen, auf denen das ebenfalls weiße Geschirr kaum zu sehen war. Dieser Verzicht auf unsinnige Dekoration diente, laut Emils Mutter, der Hygiene.

Nach dem köstlichen Mahl wurde jedem ein Desinfektionstuch gereicht, um Hände und Mund zu reinigen. Dann räumte die Großmutter ab und ihr Mann brachte einen Stapel von Fotoalben. Um die Abstandsregeln einzuhalten, schob er diesen einfach zu dem Jungen hin.

„Schaut Dir die Bilder in Ruhe an und stellte uns gern Fragen dazu.“

Emil war sehr neugierig, was ihn erwartete. Zwar kannte er Fotoalben, die sogar ein Computerprogramm eigenständig erstellte, aber das Erlebnis, etwas anzufassen und mit der Hand umzublättern, war schon etwas ganz Besonderes. In dem ersten Buch erwarteten ihn Bilder von seiner Mutter als Baby, wie seine Großeltern im erklärten. Es folgten Gleiche von Emils Onkel, der nur ein Jahr jünger war als seine Schwester.

Doch dann schaute er auf die Szenen von Geburtstagsfeiern der beiden kleinen Kinder. Kerzen leuchteten auf einer Torte auf einem Tisch, um den sich dich gedrängt Leute scharten. Einige von diesen hatten kleine Kinder auf dem Schoß. Lauter lachende Gesichter ohne Masken oder Abstand voneinander. Auf den Fotos wurde geknuddelt und geherzt. Emil lief ein Schauer über den Rücken.

Bald erkannte er seine Mutter und ihren Bruder als Kleinkinder am Strand, wo sie mit anderen munter spielten. Um sie herum sonnten sich Erwachsene, Kinder und sogar Hunde tollten umher. Diese Szene kam Emil so unwirklich vor. Fragend blickte er seine Großeltern an.

„Ja, mein Junge.“, sprach sein Opa. „Das waren noch andere Zeiten.“

Emil kannte zwar Strand und Meer, aber kein so dichtes Gedränge.

„Wieso durften alle so verantwortungslos mit ihrem Leben und dem von den anderen umgehen?“, fragte er ungläubig.

„So ein Verhalten war damals vollkommen normal. Es waren eben andere Zeiten.“

„Hattet ihr denn keine Angst vor Ansteckungen?“

„Nein, das brauchten wir nicht.“, mischte sich die Großmutter ein. „Natürlich konnte sich der eine oder andere mit der Grippe oder sogar anderen Krankheiten anstecken, aber das hinderte niemand, das Leben zu genießen.“

Emil schüttelte den Kopf über so viel Gleichgültigkeit. Dann entdeckte er die Fotos von der Hochzeit seiner Eltern. Darauf standen die Familien und die Freunde dicht beieinander, lachten fröhlich. Auf der rappelvollen Tanzfläche bewegten sich die Gäste engumschlugen zur Musik. Und mittendrin feierten Emils Eltern ausgelassen das Fest der Liebe. So losgelöst hatte ihr Sohn sie noch nie gesehen.

Der Junge war verwirrt. Er kannte seine Eltern nur als äußerst gewissenhaft. Das Einhalten von Hygiene- und Abstandregeln beherrschte ihr Leben. Umarmungen, selbst in der Familie waren tabu. Und nun musste er auf Fotos sehen, dass sie sich ohne Rücksicht auf die Gesundheit ihrer Mitmenschen wie wilde Tiere benahmen. Das rüttelte an den Grundfesten seiner Erziehung.

Er hatte niemals zuzugeben, wie sehr er oft die Umarmung seiner Mutter vermisste, dass er sich oft wünschte, sein Vater würde ihm nach einer guten Leistung wenigstens auf die Schulter klopfen. Aber nun musste er erkennen, dass seine Eltern körperliche Berührungen in ihrer Jugend durchaus erfahren hatten. Warum wurden ihm diese verweigert?

Langsam erhob sich Emil und schaute in das sanft lächelnde Gesicht seiner Großmutter. So viel Güte und Verständnis strahlten darin. Dieser Anblick schenkte ihm Mut.

„Oma, nimmst Du mich bitte mal in den Arm.“, fragte er unsicher.

Kein Zögern, kein Wort störten den Zauber dieses Moments. Die alte Dame ging zu ihrem beinahe gleichgroßen Enkel, fing seinen erwartungsvollen Blick auf, legte ihre Arme um den Jungen und drückte ihn zärtlich an sich.

Emil spürte die Wärme ihres Körpers, fühlte den leichten Druck ihrer üppigen Brüste, atmete den Duft ihrer Haut. Er empfand zum ersten Mal echte Geborgenheit, Liebe und Vertrauen, die sich zu der Gewissheit vereinigten, dass niemals Furcht diese bedrohen darf.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Die Töchter der Elemente: Teil 1 - Der Aufbruch von Christiane Mielck-Retzdorff



Der Fantasie-Roman „Die Töchter der Elemente“ handelt von den Erlebnissen der vier jungen Magierinnen auf einer fernen Planetin. Die jungen Frauen müssen sich nach Jahren der Isolation zwischen den menschenähnlichen Mapas und anderen Wesen erst zurecht finden. Doch das Böse greift nach ihnen und ihren neuen Freunden. Sie müssen ihre Kräfte bündeln, um das Böse zu vertreiben. Das wird ein Abenteuer voller Gefahren, Herausforderungen und verwirrten Gefühlen.

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