Klaus Buschendorf

10. Eine Depesche

Was wäre, wenn …

Geschichten zur Geschichte

 

10. Eine Depesche

„… Der König hat dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen.“ Letzter Satz einer Zeitungsmeldung über eine Begegnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I.  am 13. Juli 1870 mit dem Botschafter Frankreichs Benedetti auf der Promenade von Bad Ems in einer Sonderausgabe der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“. Am 19. Juli erklärte der französische Außenminister de Gramont Preußen den Krieg. Musste das so kommen?

Es schwelte schon länger zwischen den beiden Großmächten. In Frankreich kursierten in den Medien Meinungen über die „Rache für Sadowa“, wie die Schlacht von Königgrätz 1866 in Frankreich genannt wurde. Napoleon III. hatte sich einen Anteil an Preußens Sieg versprochen als Dank für seine Neutralität. Aber da kam nichts außer Verwunderung über dieses Ansinnen. In Spanien wurde Königin Isabella gestürzt. Nach den Erbgesetzen des Hochadels kamen für die Nachfolge ein Bourbone und ein Hohenzoller in Frage. Bei Letzteren musste der preußische König als Oberhaupt der Dynastie einverstanden sein, dass ein Hohenzollernfürst spanischer König wird. Aber das wollte jener Leopold gar nicht. Nun sollte König Wilhelm auch für alle Zukunft erklären, dass niemals ein Spross der Hohenzollern König von Spanien würde. Das lehnte er ab. Der französische Außenminister ließ seinen Botschafter erneut darauf drängen. Höflich wies das König Wilhelm wieder zurück. Er unterrichtete seinen Ministerpräsidenten darüber und stellte ihm frei, die Presse zu informieren. Bismarck kürzte den Text der Depesche, der Ton wirkte nun schroffer. Vor der Veröffentlichung fragte Bismarck Generalstabschef Moltke, ob alle Rüstungsvorbereitungen abgeschlossen seien. Besser jetzt ein Krieg als später, soll Moltke geknurrt haben..

In der französischen Öffentlichkeit reagierte man empört. Am 16. Juli bewilligte das französische Parlament die finanziellen Mittel. Drei Tage später folgte die Kriegserklärung.

Warum so schnell? Napoleons Wille zum Krieg stand schon vorher fest. Für ihn bedauerlich wollte Leopold von Hohenzollern gar nicht Spaniens Thron. Deshalb erhöhte er die Forderung an König Wilhelm in übertriebener Weise.

Frankreichs Generäle wollten einen schnellen Vorstoß ihrer Truppen in der Mainebene, um den Norddeutschen Bund von den südlichen Staaten zu trennen. Vielleicht, so die Hoffnung, blieben sie dann doch neutral. Doch über Saarbrücken kamen sie nicht hinaus. Die deutschen Eisenbahnlinien waren vorwiegend in Ost-Westrichtung gebaut und brachten die preußischen und bayrischen Truppen schnell an den Rhein. Die ersten Grenzschlachten fanden auf französischem Gebiet statt und stets waren deutsche Truppen zahlenmäßig überlegen. Bald musste sich eine französische Armee in die Festung Metz zurückziehen. Eine Entsatzarmee geriet bei Sedan in die Einkreisung und ergab sich am 2. September und mit ihr Napoleon III. Der Krieg hätte nach den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts zu Ende sein können.

Aber Frankreich ist anders. Bei der Nachricht von der Gefangennahme Napoleons III.   ergriffen republikanisch gesinnte Kräfte zwei Tage später die Macht und riefen zum Volkskrieg auf. Doch die ausgebildete Armee war besiegt, die neu eingezogenen, unerfahrenen Soldaten verloren jede Schlacht. Paris war seit dem 19. September eingeschlossen und lag unter Geschützfeuer. Am 31. Januar 1871 schloss die provisorische Regierung einen dreiwöchigen Waffenstillstand. Preußen wollte den Krieg beenden, gestattete die Wahl einer neuen Nationalversammlung. Die verlangte Frieden. Am 26. Februar unterzeichnete der zum provisorischen Staatsoberhaupt gewählte Adolphe Thierse einen Vorfrieden. Am 10 Mai, noch während in Paris Kämpfe mit der Kommune tobten, wurde der Frieden in Frankfurt unterschrieben.   

„Die hundert Tage der Kommune.“ Am 13. März versuchte die neue Regierung die noch verteidigungsbereite Nationalgarde zu entwaffnen. Das führte zu einem Aufstand. Am 26. März übernahm die „Commune de Paris“ die Macht. Ihr Wirken schätzten Karl Marx und Friedrich Engels später als erste proletarische Revolution der Geschichte ein. Die alte Regierung formierte die Regierungstruppen neu und im Mai zerschlugen sie die bewaffneten Milizen. In der „blutigen Woche“ vom 21. bis 28. Mai wurden etwa 25.000 Menschen getötet. Verhaftungen, Erschießungen und 15.000 Deportationen brachen den Widerstand der Kommunarden. Ihre Erfolgsaussichten waren von Beginn an gering. Aus dem eingeschlossenem Paris konnte ihre Bewegung unmöglich ins Land hinaus wirken.

Am 18. Januar 1871 proklamierten die deutschen Fürsten König Wilhelm zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles. Das war pragmatisch für die deutsche Seite, noch herrschte Krieg und in Versailles lag das deutsche Hauptquartier. Der französischen Elite galt die Wahl des Ortes als Demütigung. Der spätere französische Revanchismus fand darin eine seiner Quellen. Für Bismarck konnte es nicht besser kommen. Er hatte die Einheit Deutschlands unter preußischer Führung angestrebt und sie nun „mit Blut und Eisen“ erreicht. Zwei Kriege verliefen schon programmgemäß, jetzt vollendete der dritte sein Deutschland.  Dazu brauchte er die Kriegserklärung Frankreichs, damit sich die süddeutschen Staaten mit dem Norddeutschen Bund solidarisieren. Geheime Schutz- und Trutzbündnisse existierten bereits seit Beendigung des Krieges gegen Österreich.

Das neue Deutschland brauche sichere Grenzen gegen den Erbfeind Frankreich. So lautete die allgemeine bürgerliche Meinung. Aus der Perspektive der damaligen Zeit ist eine solche Haltung verständlich. Die Grenze des „alten Reiches“ lag jahrhundertelang an der Rhone. Die ersten deutschen Kaiser holten sich oft ihre Ehefrauen aus Burgund. Noch heute gibt es in Gent ein touristisches Spektakel: Die burgundische Hochzeit von 1477. Da nahm der spätere Kaiser Maximilian die burgundische Erbin Maria zur Frau. Gent war damals die reichste Tuchmacherstadt der burgundischen Niederlande – nach der die heutigen Niederlande ihren Namen haben. Der Ehemann Maria Theresia von Österreich war ein Herzog von Lothringen und deutscher Kaiser.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg begann das französische Königshaus mit Gewalt und List dem Reich Land zu entreißen, mit Kriegen und bei den kleinen elsässischen Herrschaften mit gefälschten Testamenten. Die Menschen erinnerten sich noch der Schrecken des Pfälzischen Erbfolgekrieges, der das Heidelberger Schloss als Ruine hinterließ und die süddeutschen Länder verwüstete. 1792 erreichten die französischen Revolutionstruppen den Rhein, der Frieden von Campoformio 1797 legte die Rheingrenze auf ganzer Länge vertraglich fest. Erst die Befreiungskriege führten den Grenzverlauf ungefähr auf die heutigen Linien zurück. Und so fanden die Forderungen der jungen deutschen Sozialdemokratie nach einem Frieden ohne Annexionen kaum Verständnis.  

Der Krieg schloss mit der Annexion von Elsass-Lothringen und der Zahlung von fünf Milliarden Franc. Der Generalstab hatte sichere Grenzen mit den Ardennen und den Vogesen. Deutschland ist saturiert, wie es Bismarck ausdrückte, mehr brauche es nicht. Seine weitere Politik blieb darauf ausgerichtet, mit allen Großmächten Europas durch Verträge Ausgeglichenheit herzustellen, die verwandtschaftlichen Beziehungen der Herrscherhäuser untereinander sollten das ergänzen. Deutschlands Wirtschaft erlebte eine Blüte. Doch 1890 entließ ihn Kaiser Wilhelm II. Er wollte Deutschland zu „einem Platz an der Sonne“ führen. Doch: „Der Lotse musste von Bord“.

Aber was wäre geschehen, wenn Napoleon III. seine Forderung nicht übertrieben und Bismarck die Depesche in der Zeitung nicht so kurz und schroff formuliert hätte?

 

Klaus Buschendorf                                                                                                     25.07.2020            

 

 

 

 

 

      

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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