Monika Litschko

The Purple Circle - Teil 4

Wir fuhren über unebenes Gelände. Nur die mit Unkraut überwucherten Wege, die von schweren Reifen in den Boden gestanzt waren, dienten als Orientierung. Grüne saftige Wiesen, auf denen sich bunte Blumen im Wind wiegten, belebten die Landschaft. Es war ein leicht hügeliges Gebiet, an dessen Ende ein bewaldetes Gebiet immer näherkam. Ich folgte Glenn und staunte nicht schlecht, als wir vor einem Blockhaus hielten, welches direkt an einem verschlafenen Waldsee stand.
„Wir romantisch“, murmelte Elsa. „John, ich träume, oder?“
„Nein du träumst nicht, es ist wunderschön hier. Wir sollten aussteigen.“

Kira war schier aus dem Häuschen. „Hier will ich bleiben!“, rief sie überschwänglich. „Ich stehle mir ein paar Millionen und kaufe dieses Häuschen!“
Ihren Wunsch konnten wir nur zu gut verstehen, denn dieser Ort war die reinste Idylle. Ein Steg führte hinaus aufs Wasser und lud zum Verweilen ein. Enten schaukelten auf den leichten Wellen des Sees, der nicht übermäßig groß war, und quakten. Am anderen Ufer war der Baumbestand dicht, und auch dort war ein Steg zu sehen.
„Ob da noch jemand wohnt?“, fragte Tim. „Da vorne ist ein Bootshaus, und wenn wir Glück haben, auch ein Boot. Das sollten wir gleich mal in Augenschein nehmen.“ Wir schlenderten zum Bootshaus und warfen einen Blick hinein.
„Ok, was zum Paddeln“, sagte Tim leicht enttäuscht, „aber besser wie gar nichts.“
Ein alter Kahn, der aber noch ganz passabel aussah, schaukelte festgebunden auf dem niedrigen Wasser.
„Platz für alle“, stellte Ulf fest, „und Paddel sind auch vorhanden. Das sollten wir im Auge behalten und jetzt endlich unsere Reisetaschen hineintragen, denn langsam wird es kühl. Vergesst nicht, wir haben erst Mai, da sind die Abende noch ganz schön frisch, auch wenn es tagsüber herrlich warm ist. Ach so, da drüben am anderen Ufer, das könnte der besagte Wald sein.“
Wir schauten automatisch hinüber. Kira schien zu frösteln, denn sie rieb sich die Oberarme. „Nun will ich keine Million mehr stehlen.“
Wie recht sie hatte. Diese Idylle verlor schlagartig ihren Reiz. Der Wald wirkte auf einmal dunkel und bedrohlich, das Geschnatter der Enten klang wie Hohn in unseren Ohren und man erwartete, dass drei zu Unrecht hingerichteten Damen dem See entstiegen.
„Lasst uns die Wagen leeren“, schlug Glenn vor. „Es könnte der Wald sein, wohlgemerkt. Oder auch nicht. Lasst es uns später herausfinden. Nun ja, jedes Fleckchen rund um den See wird so aussehen.“
Wir holten unsere Reisetaschen aus dem Auto und stiegen auf die Veranda. Glenn suchte nach seinem Schlüssel und öffnete die Tür, damit wir eintreten konnten.

Elsa stellte die Reisetasche ab und sah sich neugierig um. „So waren die Häuser eingerichtet, als der Sheriff noch mit dem Pferd unterwegs war und die Frauen sich ihre langen Kleider selbst nähten. Nur standen keine elektrischen Geräte mitten im Raum. Was haben die gemacht?“
„Den eigentlichen Zustand wiederhergestellt“, antwortete Ulf. „Diese Hütte war Schrott, das hat Bone mir gesagt. Sie haben sie aufwendig wiederherstellen lassen, da sie anschließend, wenn wir hier fertig sind, an die Gemeinde Ashmourd geht. Als Wiedergutmachung für alle Unannehmlichkeiten, die sie vielleicht haben werden. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft und das Vergessen fällt leichter. Und was die elektrischen Geräte angeht, die werden wir gleich in eine Ecke verfrachten.“
Ich sah mich um und fühlte mich in eine andere Zeit versetzt. Wir standen in einem Raum, der stark an eine Küche erinnerte. Links von mir stand ein langer Holztisch, der vor einer einfachen Holzbank stand. Vier wuchtige Stühle waren außerdem vor den Tisch geschoben. Wer seinen Platz auf der Bank suchte, hatte zwei nicht zu große Fenster im Rücken, an denen rot karierte Gardinen hingen. Eine aus Holz gefertigte und auf uralt getrimmte Küche, stand an der linken Wand. Vor Kopf war ebenfalls ein Fenster, an denen die gleichen Gardinen hingen. Eine breite Treppe führte nach oben zu drei Zimmern, die nebeneinanderlagen. Rechter Hand führte eine weitere Treppe nach oben und ich vermutete, dass dort die restlichen Zimmer waren. Ich schaute nach rechts und sah eine Art Büro. Ein schwerer Ledersessel stand hinter einem rustikalen schweren Schreibtisch, auf dem eine Öllampe stand. Neugierig betrat ich den Raum. Er war schlicht eingerichtet. Ein Kamin, ein Regal und ein schwerer dunkler Schrank, der hinter dem Sessel positioniert war, füllten den Raum. Ich schaute aus dem Fenster und blickte direkt auf die Veranda, die groß und einladend war. Ein Ölgemälde hinter mir weckte mein Interesse. Ein Mann in den besten Jahren hatte zärtlich seinen Arm um eine junge Frau gelegt, die glücklich lächelte. In ihrer beider Augen war eine tiefe Liebe zu sehen, die mich berührte. Wer waren sie gewesen?
„Kommt mal alle her!“, hörte ich Kira rufen. Seufzend machte ich kehrt und suchte nach ihnen.

Ich fand sie zusammen mit den anderen in einem Wohnzimmer, welches auch mir den Atem raubte. In der Mitte des Raumes stand ein rundes Etwas, auf dem locker sechs Personen sitzen konnten. Die etwas höhere Rundung in der Mitte diente zum Anlehnen. Ein Diwan, auf dem etliche Kissen verteilt waren und zwei lindgrüne Ohrensessel, mit Blick auf einen Kamin, vor dem ein großes Bärenfell lag, waren vor zwei Fenster platziert und luden zum Träumen ein. Ein paar Ölgemälde, die sicher die Landschaft um Ashmourd zeigten, hingen an den Wänden und verliehen dem Raum noch mehr Atmosphäre. Auch in diesem Raum waren Öllampen, die gleichmäßig verteilt standen.
„Du hast es richtig erkannt“, sagte Elsa, „hier gibt es keinen Strom. Das wiederum wirft die Frage auf, wo wir uns duschen können. Oder wo wir unsere Notdurft verrichten.“
Tim kratze sich den kahlen Schädel und sagte schelmisch: „Draußen, wo sonst. Waschen können wir uns unten am See.“
Bevor Elsa ganz die Fassung verlor, mischte sich Ulf ein. „Das Haus ist weitgehend dem Original nachgebaut worden, samt Inneneinrichtung. Es stimmt, in allen Räumen gibt es keinen Strom und fließendes Wasser haben wir auch nicht, das müssen wir uns aus einem Brunnen holen. Aber die Zimmer haben moderne Bäder, dafür wurde gesorgt. Wer hier später einmal Urlaub machen sollte, darf alle Annehmlichkeiten und natürlich auch Unannehmlichkeiten des Wilden Westen richtig ausleben. Aber aufgepasst, nur die Bäder haben ein Stromaggregat.“
„Also haben wir auch keinen elektrischen Ofen?“, fragte Kira seufzend.
Ulf lachte. „Nein, haben wir nicht, aber jede Menge Holz. Damit kann man den Ofen befeuern und kochen. Aber einen riesigen Kühlschrank unter der Erde, den haben wir. Ach ja, und dort unten ist auch Strom.“
„Eine Luke im Boden, die in einen kleinen Keller führt?“, fragte Elsa und zog eine Augenbraue hoch. „Dort werden wir die Lebensmittel lagern?“
Ulf nickte ergeben und schlug vor, nach oben zu gehen.
 

Die ersten drei Zimmer nahmen Glenn, Elsa und ich in Beschlag. Die Oberen, Ulf, Kira und Tim. Irrwitziger weise führte nochmals eine Treppe, die allerdings nur ein paar Stufen hatte, zu Ulfs Zimmer.
„Ihr habt eine halbe Stunde“, sagte Glenn, „dann treffen wir uns unten und werden den Kühlschrank inspizieren. Ich hoffe, einer von euch kann kochen.“

Mein Zimmer war geräumig. An der linken Wand stand ein altes, aber kunstvoll verziertes Bettgestell, auf dem bunt gemusterte Kopfkissen und Decken lagen. Neben der Eingangstür stand ein massiver Holzschrank, dessen Türen aufstanden. Ich ging zum Fenster und schaute hinaus. „Wald und Wiesen, was will man mehr“, murmelte ich und griff nach meiner Reisetasche. Erst jetzt fiel mir der blinde Spiegel auf. Ich schaute zum Bett und dann wieder zum Spiegel. „Der hängt nicht gerade günstig.“ Schnell erkannte ich, dass die Türen des Schrankes nicht umsonst aufstanden, denn ein muffiger Geruch machte sich breit. Ich beschloss aus meiner Reisetasche zu leben und stellte diese neben das Bett. Hatte Ulf nicht von modernen Badezimmern gesprochen? Meine Augen suchten nach einer Tür. „Aha, direkt neben dem Spiegel, noch gruseliger.“ Man hatte die Tür zum Bad einfach tapeziert, deshalb hatte ich sie nicht sofort gesehen. Ich griff nach meiner Reisetasche und holte ein Handtuch und Toilettenartikel heraus, um mich frisch zu machen.

„Oh Gott, Glenn, ich wusste nicht, dass du auch im Bad bist!“, rief ich erschrocken.
Glenn trocknete sich die Hände ab und grinste. „Ich hoffe, dass Elsa ein eigenes Bad hat. Wir beide müssen uns eines teilen. Aber jeder von uns kann beide Türen abschließen und ungestört duschen. Wir dürfen nur nicht vergessen, auch wieder aufzuschließen. Und jetzt lasse ich dich allein. Bis gleich.“
Ich schüttelte den Kopf und wusch mir die Hände. Anschließend haute ich mir ein paar Hände voll Wasser ins Gesicht, um klarer zu werden. Als ich nach meinem Handtuch tastete, glaubte ich eine Stimme zu hören. Das fing schon gut an. „Jetzt habe ich noch keine Lust“, sagte ich energisch und ging nach unten zu den anderen.

c Monika Litschko

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Monika Litschko).
Der Beitrag wurde von Monika Litschko auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Sex für Aktionäre von Klaus-D. Heid



Na? Wie stehen die Aktien? Sind Aktionäre die besseren Liebhaber? Wie leben Aktionäre mit der Furcht vorm Crash im Bett? Diese und andere Fragen beantworten Klaus-D. Heid und der Cartoonist Karsten Schley.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Unheimliche Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Monika Litschko

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Kamera - Das vierte Medaillon Teil 5 von Monika Litschko (Unheimliche Geschichten)
Gläserrücken von Katja Ruhland (Unheimliche Geschichten)
Meine Bergmannsjahre (elfter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)