Hans Fritz

Eine Schlüsselgeschichte


Gemischtwarenhändler Ron Schuppartz macht seinen Morgenspaziergang am Seeufer. Vergangene Nacht schuf heftiger Wind einen beachtlichen Spülsaum mit allerlei Unrat. Aber wie kommt ein Armreif hierher, womöglich einer aus Gold? Als Ordnung liebender Mensch fühlt sich Ron geradezu verpflichtet den Fund abzuliefern. Strandwärter Ottokar nimmt das Schmuckstück mit einem Kopfschütteln entgegen, lobt aber Ron für seine Ehrlichkeit.

Ron hat die Sache mit dem Armreif bald vergessen. Erst viele Jahre später sollte ihn die Erinnerung einholen. Mit Vorlegen seines Abholscheins bekommt er bei der Postagentur ein Päckchen überreicht. Der Absender ist mit gestochen feiner Schrift auf einer Klebeetikette angebracht und lautet: Ute Kannerpog, Sottweiler. Kein Strassenname, keine Hausnummer. Könnte also jemand von Bedeutung sein, ausser Ron jedermann bekannt, denn der hat es nicht so mit Prominenten.

Voller Ungeduld öffnet Ron das Päckchen. Da ist ein goldglänzender Schlüssel, sorgfältig in Seidenpapier verpackt! Seiner Form nach passt der Schlüssel in ein Schloss älterer Bauart. Eine beigefügte maschinengeschriebene Mitteilung lautet:

«Lieber Herr Schuppartz, Sie werden sich wahrscheinlich kaum noch an den goldenen Armreif erinnern, den Sie vor vielen Jahren am Seeufer gefunden und dem Strandwärter anvertraut hatten. Das Schmuckstück war mir infolge einer Unvorsichtigkeit in der Pension, in der ich mich für ein paar Tage einquartiert hatte, gestohlen worden. Ich bat den Strandwärter mir, soweit möglich, die Adresse des Finders mitzuteilen. Aus welchen Gründen auch immer habe ich es nach mehreren Anläufen versäumt, Ihnen ein Dankeschön zu senden. Ich habe den Armreif noch zwanzig Jahre getragen. Kürzlich gab ich ihn einem Goldschmied zum Einschmelzen und Anfertigen eines Schlüssels nach dem Abdruck, den mein Neffe an der Hauptpforte des Waldschlösschens ‘Siebenkorn’ genommen hatte. Im Schlösschen, seit zweihundert Jahren in Familienbesitz, soll gegen Ende der Fünfzigerjahre von einem inzwischen liquidierten Unternehmen der Plan zum Bau eines neuartigen Flugobjekts versteckt worden sein, das seinem Entdecker einen gewissen Reichtum bescheren könnte. Ich wünsche Ihnen als einem begnadeten Finder viel Glück bei der Suche. Ich selbst werde mich demnächst in eine Altersresidenz zurückziehen und dann versuchen jeden Kontakt mit der Aussenwelt zu meiden.
Es grüsst Sie freundlich Ute Kannerpog».

Schon drei Tage später macht sich Ron auf den Weg zum Schlösschen. Zu seinem Glück trifft er auf einen ortskundigen Tankwart, der ihm als Zugabe zum Superbenzin einen kleinen Plan schenkt. Es gibt keine direkte Zufahrt, sodass Ron die letzten drei Kilometer zu Fuss zurücklegen muss.

Schönes altes Waldschlösschen am Rande einer Lichtung. Hier ist die offensichtliche Hauptpforte aus gediegenem Holz. Der Schüssel passt! Ron betritt einen märchenhaft ausgeleuchteten Saal. Das Sonnenlicht dringt durch die Butzenscheiben des hohen Fensters ein.

Nach Rons Einschätzung muss sich der Gegenstand seines Suchens in einem schwer zugänglichen Gelass befinden. Aufs Geratewohl steigt er eine schmale Treppe mit Sandsteinstufen und hölzernem Handlauf hinab. Da die Stufen kaum Tritt- und sonstige Spuren aufweisen, nimmt er an, dass sie nur selten betreten wurden. Er gelangt in einen kleinen, quadratisch angelegten Raum. Die Luft ist stickig. Spärliches Licht fällt durch einen engen Schacht. Hier ist eine Mauer aus glasiertem Ziegelstein. In etwa anderthalb Meter Höhe fehlt das Fugenmaterial um zwei Steine. Mit Hilfe einiger verstreut herumliegender Werkzeuge gelingt es Ron die Steine zu lösen. In der freigelegten Miniaturnische liegt eine Mappe aus grünlich schimmerndem Kunstleder. Die Mappe enthält ein Schriftstück aus mehreren, sorgfältig gefalteten und leicht angegilbten Papierbögen. Da wimmelt es von Formeln und Zeichen, begleitet von kargem Text. Skizzen von Flugapparaten sind eingestreut. Alles deutet auf den Entwurf eines neuartigen Waffensystems hin. Liesse sich bestimmt gut verkaufen, denkt Ron. Aber wem? Dem kürzlich gegründeten ‘Institut zur Erforschung der Kriegswaffenentwicklung’ anbieten? Nein, alles was mit Waffen zu tun hat kann letzten Endes nichts Gutes bringen. Ob gewollt oder nicht, das Dokument könnte leicht in falsche Hände geraten. Er legt den Fund wieder zurück in die Nische. Als führendes Mitglied einer Friedensbewegung fühlt sich Ron dazu verpflichtet. Frau Kannerpog hat es wahrscheinlich gut gemeint, gleich was sie über den versteckten Plan wusste. Ron wirft den Schlüssel in die ausgetrocknete Zisterne vor dem Schlösschen.

Drei Wochen später glaubt ein Jogger, es ist Frau Kannerpogs Neffe Addi, aus der Zisterne ein leises Klirren zu hören. Sollte es ihm gelingen, den goldenen Schlüssel aus der Tiefe zu bergen? Einem vom Glück Verwöhnten wie ihm wäre es auch ein Leichtes das brisante Dokument aufzuspüren, falls es noch vorhanden und von jenem eifrigen Armreiffinder übersehen worden ist. Ob der es vielleicht lediglich abgelichtet und zurückgelegt hat? Heutzutage ist technisch ja alles möglich. Und er findet es!

Ganze fünf Monate nach Addis Mappenraub startet eine staatseigene Luftflotte zum Testflug. An Bord der Maschinen befinden sich für die Augen der Öffentlichkeit als Attrappen getarnte ‘scharfe’ Waffen.

Addi verkündet in einer Boulevardzeitung, dass er nach der Abdrucknahme für Herrn Schuppartz’ goldenen Schlüssel, auch einen eisernen Schlüssel zum eigenen Gebrauch anfertigen liess.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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