Monika Litschko

Die Kamera - Das vierte Medaillon Teil 6

Ich musste mich beeilen und setzte die Kamera auf einen Mauervorsprung. Danach stellte ich das Licht sehr hell ein, ja, fast grell und drückte eine der verborgenen Tasten, die sich unter der Kamera befanden. Eine Taste, mit der Nummer drei, sendete Marius und Senoknanok ein Signal, damit sie wussten, wo und wie sie mich finden konnten.

Es war, als würde ich in phosphorzierenden grellen Nebel treten. Die Landschaft und alle Gebäude waren mit einem Mal ausgeblendet. Es gab nur mich und mein Unterfangen. Jetzt musste ich warten und darauf hoffen, dass Senoknanok und Marius meinem Signal folgten.

Es dauerte, aber sie traten aus dem Nichts in meinen phosphorzierenden Nebel. Senoknanok nahm ich zuerst wahr, denn seine hallenden Schritte waren nicht zu überhören. Marius trat links von mir in den Nebel und begrüßte mich freundlich und auch Senoknanok griff nach meiner Hand.
„Simon, was ist geschehen?“, fragte der Hüne mit tiefer Stimme. „Wie können wir dir helfen? Es ist äußerst selten, dass du unsere Hilfe benötigst.“
„Es muss schon eine große Sache sein“, sagte Marius ernst, der ganz leger in Jeans und Shirt gekleidet war.
„Es ist eine große Sache“, antwortete ich und bedankte mich für ihr Erscheinen. Ich erzählte ihnen, was sich hier zugetragen hatte und wartete auf ihre Antworten.
„Eigentlich bereitet es Schattenwesen keine Schwierigkeiten ein Portal zu verlassen“, sagte Marius. „Vorausgesetzt, es ist geöffnet. Aber dass sie sich zeigen, ohne das Portal verlassen zu können, ist ungewöhnlich. Es ist mir ein Rätsel, warum sie vier Medaillons benötigen, um in diese Welt zu gelangen.“
„Ich bin bereit, meine Waffen einzusetzen“, sagte Senoknanok, „aber wir müssen wissen, mit wem wir es zu tun haben. Und obendrein müssten sie diese Welt betreten können.“
„Wir dürfen keine Zeit verlieren“, sagte ich drängend, „Iris weiß, wo das Medaillon ist. Und ich denke, heute Nacht wird sie es sich holen. Ich möchte unbedingt das Mädchen schützen.“
„Eine Möglichkeit hätten wir noch“, sagte Marius nachdenklich. „Wir müssen die Mutter zu uns rufen. Sie ist die Einzige, die jetzt weiterhelfen kann. Das ist mir alles zu undurchsichtig. Außerdem haben die Mädchen Iris gezwungen, ihren Geist an das Medaillon zu binden und das bedeutet nichts Gutes. Hole uns aus diesem Licht, denn die letzte Option, die wir haben, ist der Friedhof. Wir werden das Grab der Frau aufsuchen. Wie war ihr Name?“
„Jana. Ihr Name war Jana. Iris erwähnte ihn irgendwann. Jana Floyd.“
„Simon, drücke die Taste“, drängte Marius. „Senoknanok wird sie aus dem Reich der Toten zu uns holen.“
 

Ich nahm die Kamera vom Mauervorsprung und drückte die Taste sieben. Der phosphoreszierende Nebel lichtete sich und eine Lichtspirale zog uns zum Friedhof, direkt zu Jana Floyds Grab, welches von einem Marmorengel beschützt wurde.
In der aufkommenden Dämmerung konnte man schon einige Sterne erkennen. Hin und wieder zogen feine Schleierwolken über den Himmel und hauchten dem Engel Leben ein. Licht und Schatten zauberten ein Minenspiel auf dessen Antlitz und auch sein Schatten schien sich zu bewegen.
„Senoknanok, geh und hole Jana Floyd zu uns“, sagte Marius.
„Ich werde sie holen“, antwortete der Hüne und lief in die aufkommende Dämmerung.
„Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wie ihr das hinbekommt“, murmelte ich beeindruckt.
„Nun ja, du machst deine Arbeit und wir unsere“, antwortete Marius lächelnd. „Eigentlich haben alle Dimensionen ordentlich zu tun. Dieses Mal hast du einen außergewöhnlichen Fall erwischt, der etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt.“
Ich schaute auf die Kirchturmuhr und erschrak. „Wir haben gleich einundzwanzig Uhr und ich denke, Melanie wird irgendwann schlafen gehen. Die Zeit rennt, Marius.“
„Sobald sie hier sind, werde ich die Zeit anhalten, Simon. Aber jetzt geht das noch nicht.
Wir warteten und mir schien die Zeit davon zu laufen, aber es nützte ja nichts, denn nur Jana Floyd konnte uns weiterhelfen.
„Hörst du die lauten Schritte?“, fragte Marius. „Er kommt zurück.“

Senoknanok trat aus der Dämmerung. An seiner Hand, Jana Floyd, die irritiert um sich schaute. Die Ähnlichkeit zu Melanie, war unverkennbar. Schwarzes langes Haar umrahmte Janas blasses Gesicht, aus denen uns blaue Augen befremdlich anschauten.
„Warum bin ich hier?“, flüsterte sie hilflos.
Marius hielt wie versprochen die Zeit an und antwortete. „Weißt du, wer du bist?“
„Nein.“
„Wo warst du?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ich werde dir helfen, dich zu erinnern. Du musst dich nicht fürchten. Wirst du dich fürchten?“
„Nein.“

Marius legte seine rechte Hand über Janas Augen und berührte ihren Arm.
„Weißt du es jetzt?“
„Ich bin Jana Floyd.“
„Jana, wir brauchen deine Hilfe. Es geht um deine Tochter, um Spiegel und vier Medaillons. Erinnerst du dich?“
„Ich erinnere mich. Auch daran, dass ich Melanie vor Ida gewarnt habe. Mein Kind, mein über alles geliebtes Kind.“
„Du musst uns helfen, Melanie zu retten. Ist Ida Iris?“
„Nein.“
„Wer ist Ida?“
„Mein Schatten.“

Ich schluckte. Ida war Janas Schatten? Wie konnte das sein?“
„Jana, warum ist Ida dein Schatten? Und wirst du uns helfen?“
„Ich kann euch nicht helfen“, antwortete sie mit leiser Stimme. „Ich war einmal unsterblich und forderte meinem Kind zuliebe die Sterblichkeit ein. Ich bin noch so müde vom Tod und muss mich konzentrieren.“
„Die Zeit steht still, Jana. Wir haben also Zeit. Erzähle uns alles. Vielleicht finden wir Möglichkeiten, die uns weiterhelfen.“
„Also gut“, antwortete Jana, „ich werde euch alles erzählen.“

„Ich war auch einmal ein Kind, eine Heranwachsende und eine liebende Ehefrau. Aber ich war auch eine weiße Hexe. Wenn eine weiße Hexe geboren wird, entwickelt sie sich normal, aber ab ihrem zwanzigsten Lebensjahr bleibt die Zeit für sie stehen. Ich lernte Ben auf der High-School kennen und wir verliebten uns. Ich wusste, dass ich das nicht durfte, aber ich konnte nicht gegen meine Gefühle handeln, also heirateten wir irgendwann. Als Melanie geboren wurde, fiel es noch nicht auf, dass nur Ben sich langsam veränderte. Wir redeten von meinen guten Genen und so. Aber ich wusste, irgendwann würde ich weiße Magie einsetzen müssen, damit er mich so sehen würde, wie ich eigentlich aussehen müsste. Doch das wollte ich nicht und ich entschloss mich, um Sterblichkeit zu bitten.“
„Wer hat dir gesagt, dass du eine weiße Hexe bist?“ fragte Senoknanok.
„Niemand. Wir wissen es einfach und reden nicht darüber. Ich kann es dir nur so erklären. Meine Mutter sagte, als ich geboren war, sah sie ganz kurz einen silbernen Funken in meinen Augen. Diesen Funken sah ich bei Melanie auch. Wenn meine Mutter gewusst hätte, was es mit dem Funken auf sich hatte, sie hätte es nicht verstanden.“
„War sie eine weiße Hexe?“
„Nein, war sie nicht. Meine Tante, also ihre Schwester war eine. Auch sie redete nicht darüber, aber sie beobachtete mich aufmerksam. Als sie starb, hielt ich ihre Hand und in der Sekunde ihres Todes, wusste ich plötzlich alles. Nach ihrem Tod konnte ich in die Spiegel sehen und gehen. Meine Tante hatte sie vorher anbringen lassen. Ein Geschenk an Ben und mich zur Hochzeit. So dachte ich damals. Sah ich in die Spiegel, schauten mich Meinesgleichen an und baten mich, dem magischen Zirkel beizutreten, was ich auch tat. Wenn Ben schlief, besuchte ich die andere Seite. Mit der Zeit wurde meine Kraft immer stärker und ich wurde eine von vier hohen Priesterinnen. Dann kam die Schattennacht. In dieser Nacht legt jede weiße Hexe ihre böse Seite ab, denn auch wir tragen sie in uns. Nur die Magie, dir wir anwenden, hält sie in uns gefangen, denn unsere Schatten sind böse. In einer großen Zeremonie zwingen wir die Schatten unsere Körper zu verlassen. Wenn sie dieses tun, werden sie Statuen, die zu Staub zerfallen, wenn die vier hohen Priesterinnen ihre Medaillons über das kalte Feuer der Magie halten. In jener Nacht bat ich um Sterblichkeit, die mir verwehrt wurde, da ich eine hohe Priesterin war. Ohne mein Medaillon und ohne meinen Schatten, hätten sie die Zeremonie nicht abhalten können. Ich akzeptierte und verzichtete auf Sterblichkeit. Aber irgendetwas lief schief, denn unsere Schatten wurden nicht zu Statuen. Amira, sie war auch eine von uns, hatte ihren Schatten geweckt und unsere Medaillons entweiht. Deshalb geschah, was nicht geschehen sollte. Die Schatten traten aus unseren Körpern und vernichteten die weißen Hexen. Ich lief zum Spiegel, um dem zu entkommen und schaffte es auch, aber mein Schatten heftete sich an mich. Beatrice, eine neu dazugekommene Hexe, sammelte mit letzter Kraft die Medaillons ein und folgte mir. Sie schaffte es nicht, dem Massaker zu entkommen, aber sie schmiss mir die Medaillons zu, dann starb sie durch die Hand ihres eigenen Schattens. Amalie, auch eine große weiße Hexe, gewährte mir mit letzter Kraft die Sterblichkeit, kurz bevor sie starb. Sie schrie mir zu, dass ich frei sei. Dann starb auch sie. Ich weihte die vier Medaillons und gab ihnen die Kräfte zurück. So schnell es ging, versiegelte ich die Spiegel und das Böse konnte nicht in diese Welt gelangen. Da die Medaillons nicht zusammenbleiben durften, verschenkte ich drei von ihnen an gute Freunde. Nur das Stärkste behielt ich, denn es ist das Wichtigste. Ich versiegelte die Spiegel mit vier Medaillons, aber mit nur einem, kann man das Tor wieder öffnen. Als mein Schatten sich in dieser Welt zurechtgefunden hatte, wollte er mit aller Macht Besitz von mir ergreifen, aber das Medaillon schützte mich. Ich trug es immer um meinen Hals und legte es auch nie ab.“

Wir hatten ihr wortlos zugehört und waren beeindruckt, von dem, was sie erzählte.
„Dein Schatten hat sich an Iris geheftet, Bens neuer Frau“, sagte ich mit trockener Kehle. „Und nun versucht er durch sie, an das Medaillon zu gelangen. Du warntest Melanie vor einer Ida.“
Mein Zweitname ist Ida“, antwortete Jana. „Der Schatten hat diesen Namen für sich beansprucht. Ich habe so wahnsinnige Angst um mein Kind. Melanie konnte meine Warnung nur hören, weil sie die Gene einer weißen Hexe in sich trägt. In vier Jahren wird sie wissen, wer sie wirklich ist und ich möchte, dass sie es erlebt. Ben hat wieder geheiratet?“
Ich nickte. „Ja, das hat er. Trifft es dich?“
„Nein, ich bin froh, dass er ein neues Glück gefunden hat. Diese Frau kann nichts für ihre Handlungen, denn der Schatten hat sich bei ihr eingenistet und benutzt sie so, wie er es möchte.“

Marius griff nach Janas Hand. „Du wurdest dann zu einer Sterblichen, das wussten wir nicht. Somit wirst du uns nicht helfen können.“
„Doch, das kann ich. Aber dazu brauche ich das Medaillon. Wenn ich Melanie sterben lasse, geht ihre Seele in eine Zwischenwelt, aus der ich sie jederzeit zurückholen kann. Da Melanie noch keine weiße Hexe mit allen angeborenen Fähigkeiten ist, kann sie selbst nicht handeln. Sie muss mir ihren Körper leihen. Dieses Medaillon gibt mir für kurze Zeit meine Kräfte zurück. Wie lange, das kann ich nicht sagen. Aber sagt mir was ich tun soll, denn in dem Moment, als sie das Medaillon berührt hat, ist sie mit ihm eine Verbindung eingegangen.

©Monika Litschko

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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