Jürgen Berndt-Lüders

Von da kommt nie jemand

Jeden Tag war ich mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Nie, wirklich nie war irgendein Fahrzeug rechts aus der Eschenallee gekommen, dessen Vorfahrtsrechte ich hätte beachten müssen. Wenn ich nachmittags zurück kam, hätte derjenige, der nun - von wir aus gesehen - links aus dieser Straße kam, mir die Vorfahrt gewähren müssen. Es kam aber nie jemand.

Die Eschenalle war bis dicht an ihre Einmündung bebaut, und deshalb hätte ich jeden Morgen vorsichtig auf diese Einmündung zufahren, wenn nicht gar anhalten und absteigen müssen, und das wäre mir nun doch zu unterwürfig gewesen, zu mädchenhaft, hätten wir damals gesagt.

Ich war fast achtzehn. Mit achtzehn hatte man einen Führerschein zu haben, wenn man zur Elite der Halbstarken gehören wollte. Ich hatte Fahrprüfung. Der Fahrlehrer hatte mich von zuhause abgeholt, der Fahrprüfer und er hatten die Plätze gewechselt und ich steuerte auf die Eschenallee zu.

Ich hatte meine Erfahrungen mit der Eschenallee. Diese Erfahrung war mir zur Gewohnheit geworden. Ich dachte nicht lange nach, sondern ließ die Eschenallee rechts liegen und sah nicht mal hinüber.

„Rechts vor links“ rief der Fahrprüfer. „Fahren Sie mal da drüben rechts ran“. Deutlich zeigte sein Zeigefinger auf eine Stelle rechts jenseits der Einmündung.

„Von da kommt nie jemand“, rief ich, aber es half mir nichts: ich war durchgefallen.

Jedesmal, nicht nur wenn ich die Eschenallee rechts liegen lasse, wenn ich einen Fahrschulwagen sehe oder – seit Neuestem – sogar einen Polizisten, keimt in mir dieses ungute Gefühl auf, mich einer unsinnigen Anordnung beugen zu müssen, obwohl ich noch nie einen Nachteil dadurch gehabt hatte, wenn ich sie ignorierte.

Corona. Die Maske. Der Abstand. Soll ich die Vorschriften ignorieren, weil ich noch nie trotz pausenloser Vertöße dagegen irgendwelche Symptome für eine Ansteckung gespürt, aber ständig Nachteile dadurch gehabt habe? Von da kommt doch nie eine Gefahr.  

Was meint ihr???

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Jürgen Berndt-Lüders).
Der Beitrag wurde von Jürgen Berndt-Lüders auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Jürgen Berndt-Lüders:

cover

Regina Mundis - Königin der Welt. Buch 1: die Berufung von Jürgen Berndt-Lüders



Agnes, die Tochter des Markgrafen vertritt bei einer Konferenz König Otto II, der ein Kindskopf ist. Während dieser Zeit ist sie die mächtigste Frau der Welt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Corona / Coronavirus (SARS-CoV-2)" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Jürgen Berndt-Lüders

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ein seltsamer Besucher 2 von Jürgen Berndt-Lüders (Spannende Geschichten)
Die Zauberblume von Joachim Garcorz (Fantasy)