Karin Keutel

Erinnerung - Gruß aus dem Jenseits

Erinnerung – Gruß aus dem Jenseits
Wenn heute meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen, muss ich an Onkel Karl denken. Er war der Neffe meines Großvaters. Er war ein großer, gutaussehender Mann von stattlicher, etwas schwerfälliger Statur und von Herzen gut.
Er arbeitete im nahen Kaliwerk und bewirtschaftete nebenher noch eine kleine Landwirtschaft.
Seine Leidenschaft aber war das Klavier spielen. In der Nachkriegszeit spielte er sogar in einer kleinen Kapelle, die über die Dörfer und nahen Städte zog und zum Tanz aufspielte.
   Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als er schon im Rentenalter war und noch einer Tätigkeit als Pförtner in einer Textilfabrik im Nachbarort nachging.
So kam es, dass wir früh um 6:00 Uhr den gleichen Bus nahmen, um zur Arbeit zu fahren.
Ich arbeitete in einem Energieunternehmen und musste immer noch eine Station weiter- fahren.
Der Bus war sehr groß mit einer Drehplattform (wir nannten ihn Schlenkerbus (Gelenkbus), weil das hintere Teil nach der Plattform sich mehr bewegte) und er kam meistens schon voll besetzt angefahren, sodass jeder versuchte noch einen Sitzplatz oder günstigen Stehplatz zu erhaschen.
Onkel Karl war geduldig, er stieg als Letzter ein und blieb oft neben dem Fahrer stehen, aber nicht ohne sich nach mir umzuschauen und wenn er mich entdeckte, rief er durch den ganzen Bus „Guten Morgen Karienechen“. Man kann sich vorstellen wie peinlich
mir das in jungen Jahren war. Ich winkte ihm zu, aber manchmal hätte ich mich am liebsten unter dem Sitz versteckt.
Wenn er Frühschicht hatte, fand das Gleiche am Nachmittag statt. Er stieg in den Bus und rief „Hallo Karienechen – wie war dein Tag“. Trotzdem mochte ich ihn sehr.
An meinem 30. Geburtstag hatte Onkel Karl Mittagschicht und konnte zur Feier nicht kommen, so besuchte er mich am Vormittag und brachte mir ein Geschenk.
Es waren Taschentücher und Garn zum umhäkeln, die er für mich extra erstanden hatte.
Hier muss ich anfügen, dass ich gern Handarbeiten machte und diese Sachen bei uns in der DDr zur Mangelwaren gehörten.
Ich habe mich sehr über das Geschenk gefreut und war erstaunt, dass er überhaupt wusste, wie dringend ich die Taschentücher benötigte, denn sie wurden mit den schönsten Spitzenmustern umhäkelt. Danach konnte ich sie bei einem Bekannten, der ein Textilgeschäft besaß, zum Verkauf anbieten und mir eine kleines Taschengeld dazu verdienen.
   Ich denke gern an Onkel Karl, auch weil er trotz seiner körperlich, schwer fälligen Art, immer froh gelaunt war.
So war es auch, wenn wir Frauen vom Chor, nach der Übungsstunde noch auf ein Gläschen in unsere „Kleine Kneipe“ im Ort gingen und dort auf Onkel Karl trafen. Er freute sich immer uns zu sehen und setzte sich nach einer Weile an das Klavier, haute mit seinen großen Händen in die Tasten, sodass manchmal das Klavier wackelte und spielte auf und wir sangen was unser Kehlen so hergaben. Es waren immer ausgelassene, fröhliche Abende, über die wir heute noch gerne sprechen, vielleicht sogar mit etwas Wehmut, denn heute gibt es nicht mal mehr eine Gaststätte im Ort.
   Eine kleine Episode möchte ich noch anfügen.
Unsere Familie machte Urlaub im Thüringer Wald, es war uns geglückt eine 14tägige Urlaubsreise vom FDGB zu bekommen. Wir hatten schon einige schöne Tage verlebt und waren nach einer langen Wanderung einer Gaststätte in Oberhof, auf Kaffee und Kuchen eingekehrt.
Wir waren gerade in ein Gespräch vertieft, als die Tür aufging und ein Ehepaar eintrat,
Mein Mann und ich, wir sahen uns an, vor Schreck blieb uns das Wort im Hals stecken und mein Sohn flüsterte entgeistert, Onkel Karl,
Man kann sich sicher vorstellen, was in uns vorging, die Gedanken spielten Karussell.
Obwohl wir alle Drei im gleichen Moment wussten, das geht nicht, Onkel Karl ist vor 5 Jahren verstorben, also tot.
Der Man der da zur Tür hereingekommen war, sah aus wie der perfekte Doppelgänger meines Onkels.
Es gibt viele Menschen, die sich auf irgendeiner Weise ähnlichsehen, das hat jeder schon einmal erlebt.
Aber was wir da sahen war anders, nicht nur die auffällige Erscheinung, das runde Gesicht, nein auch das kleinkarrierte Jackett und die helle Schiebermütze
waren es, die das Bild abrundeten.
Wir waren so perplex und sprachlos, dass uns nichts anderes einfiel, als – das gibt es doch nicht, das kann nicht sein.
Aber es war so authentisch, dass uns diese Begegnung noch lange Zeit beschäftigte.
Im nach hinein habe ich es bereut, den Mann nicht angesprochen zu haben und ihn zu fragen, wie er heißt und wo er herkommt.
So ist uns Onkel Karl, nach seinem Tod nochmal erschienen.
Wenn heute meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen, fühlte ich schmerzlich den Verlust, eine Stimme die vertraut war, schweigt für immer.
Plötzliche Leere – und nie wieder werde ich meinen Namen so liebevoll hören

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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