Claudia Savelsberg

Der verzauberte Prinz

Blandine setzte den Korb, in dem sie Beeren gesammelt hatte, auf den Boden und schaute nach dem Stand der Sonne. Es wäre bald Zeit, nachhause zu gehen, sonst würde die Familie sich sorgen. Blandine ging jeden Tag in den Wald, um dort Feuerholz, Beeren oder Pilze zu sammeln. Die Vierzehnjährige war ein hübsches Mädchen mit ihren großen blauen Augen und den weizenblonden Haaren, die sie zu Zöpfen flocht. Blandine hatte ein heiteres und ausgeglichenes Naturell. Sie ging gerne in den Wald, und wenn sie allein war, summte sie oft die Melodie eines Liedes vor sich hin.

Blandine bückte sich nach dem Korb, dann hielt sie in der Bewegung plötzlich inne. Ein Wolf stand nicht weit von ihr entfernt und schaute sie an. Blandine richtete sich auf und blieb regungslos stehen, sie hatte keine Angst vor dem Tier. Die Männer ihres Dorfes hassten die Wölfe, es waren Bestien, die nachts die Herden überfielen. Sie rissen blutrünstig Rinder und Lämmer. Die Ältesten des Dorfes erzählten sogar, dass Wölfe auch schon Menschen gefressen hätten.

Blandine hatte noch nie einen Wolf gesehen, sie schaute ihn intensiv an. „Er ist wirklich schön,“ dachte sie, „und er sieht stolz aus. Er muss doch glücklich sein, dass er frei im Wald leben kann.“ Der Wolf bewegte sich immer näher auf Blandine zu und fixierte sie mit seinen unergründlichen grünen Augen. Blandine rührte sich nicht, sie dachte keine Minute daran, vor dem Wolf zu fliehen. Sie war fasziniert von diesem Tier.

Der Wolf blieb stehen und verharrte einige Minuten still, dann sagte er: „Du bist ein reines und unschuldiges Wesen. Dir kann ich mein Geheimnis anvertrauen. Ich bin kein Wolf, ich bin ein verzauberter Prinz.“ Blandine lauschte seinen Worten, seine Stimme klang so sanft. Der Wolf sprach weiter: „Ein Mensch, der mich liebt und mein Wesen versteht, kann mich von diesem Zauber erlösen. Dieser Mensch muss mich zähmen, dann wirkt der Zauber nicht mehr.“ Der Wolf schwieg und schaute Blandine auffordernd an. Sie nestelte an ihren Zöpfen und schien intensiv zu überlegen. Dann blickte sie auf: „Aber du bist doch ein wildes Tier. Wie geht das mit dem Zähmen? Davon habe ich noch nie gehört.“ Der Wolf lächelte: „Es ist nicht schwer. Wenn du mich zähmen willst, dann musst du jeden Tag kommen und mit mir sprechen. Dann werde ich Vertrauen zu dir fassen. Wenn ich Vertrauen zu dir habe, dann werde ich dir erlauben, über mein Fell zu streicheln. Und wenn du über mein Fell gestreichelt hast, dann erlischt der böse Zauber, und ich werde wieder ein Prinz.“

Blandine war irritiert von dem, was der Wolf gesagt hatte. Sie setzte sich auf den Waldboden und nahm eine Beere aus dem Korb, die sie langsam kaute. Dann fragte sie mit kindlicher Naivität: „Du bist ein Wolf, der ein verzauberter Prinz ist. Warum hat man dich denn verzaubert? Was hast du getan?“ Wieder lächelte der Wolf: „Ich will dir meine Geschichte erzählen, damit du mich verstehen kannst.“ Blandine nahm eine zweite Beere aus dem Korb und steckte sie in den Mund. Sie war gespannt und neugierig.

Der Wolf begann zu erzählen: „Ich bin Aramis, der Sohn von König Sigismund, der über Genovia herrscht. Der ärgste Widersacher meines Vaters ist der finstere König Woldemar, der Patania regiert. Woldemar hat schon oft Krieg gegen uns geführt, weil er nach dem Thron von Genovia strebt und Herrscher beider Reiche sein will. Verstehst du?“ Blandine erinnerte sich, dass vor einigen Jahren einmal ein Moritaten-Sänger in ihr Dorf gekommen war. Alle hatten sich aus diesem willkommenen Anlass auf dem Dorfplatz versammelt, um ihm zu lauschen. Er hatte die Geschichte der Feindschaft zwischen Sigismund und Woldemar erzählt und dafür als Obolus ein paar Pfennige bekommen.

Der Wolf erzählte weiter: „Eines Tages ließ mich Woldemar von seinen Schergen entführen und auf sein Schloß bringen. Er bot mir Gold und die Hand seiner Tochter, wenn ich ...“ Blandine unterbrach ihn neugierig: „War die Tochter schön? Eine schöne Prinzessin?“ Der Wolf überhörte diese Frage: „... wenn ich meinen Vater vom Thron stürzte und Woldemar als Herrscher über beide Reiche einsetzte.“ Wieder unterbrach Blandine, dieses Mal empört: „Was für ein gemeiner Plan. Ein Sohn darf doch seinen Vater niemals verraten.“ Der Wolf schaute sie an und nickte zustimmend: „Ja, Woldemar ist gemein, und er ist gefährlich. Natürlich lehnte ich sein Ansinnen ab. Er ließ mich in Ketten legen und in den Kerker werfen. Aber das reichte ihm noch nicht. Er gab einer Hexe, die sich nachts unerkannt in seine Gemächer schlich, viel Geld und befahl ihr, mich in einen Wolf zu verwandeln. Das war seine Rache.“

Blandine seufzte tief. Es war eine sehr traurige Geschichte, und sie empfand tiefes Mitgefühl für den Wolf, der ein verzauberter Prinz war. Es war spät geworden, und sie musste nachhause. Sie sah den Wolf an, der plötzlich müde und alt wirkte. Er wandte sich von ihr ab: „Es ist Zeit, ich muss gehen. Leb' wohl.“ Blandine schaute ihm noch lange nach. Sie hatte Herzklopfen und spürte plötzlich ein großes warmes Gefühl in sich aufsteigen.

Beim Abendbrot fragte sie ihren Vater immer wieder lebhaft nach Wölfen, Hexen und Zauberei. Sie wollte alles wissen, was er darüber wusste. Der Vater strich sanft über ihren Kopf: „Blandine, meiner kleiner Sonnenschein, das sind Dinge, von denen du nichts wissen solltest.“ Er senkte die Stimme: „Es ist nicht gut, darüber zu reden; denn sonst rächen sich die bösen Mächte an uns. Jetzt geh' zu Bett.“ Blandine konnte keinen Schlaf finden, sie wälzte sich unruhig hin und her. Sie dachte über alles nach, was sie heute erlebt hatte. Sie bemühte sich, ihre verworrenen Gedanken zu ordnen, und dann kam wieder dieses große warme Gefühl in ihr hoch. Schließlich stand sie auf und öffnete das Fenster ihrer Kammer, ein kühler Wind brachte Erfrischung. Sie schaute in die sternenklare Nacht und glaubte das lang gezogene Heulen eines Wolfes zu vernehmen.

Am nächsten Tag lief Blandine hurtigen Schrittes in den Wald. Sie hoffte inständig, dass der Wolf schon auf sie wartete, und dann trat er plötzlich aus dem Schatten eines Baumes auf sie zu. Er lächelte: „Ich habe dir meine Geschichte erzählt. Jetzt frage ich dich, ob du mich zähmen willst, damit der Zauber seine Wirkung verliert und ich wieder ein Prinz werde.“ Blandine schaute zu Boden und schwieg. Sie hatte Angst davor, ihm zu antworten. Doch schließlich sagte sie: „Ich bin nur ein Mädchen, und ich bin gewiß nicht besonders klug. Aber ich folge immer der Stimme meines Herzens, und diese Stimme war mir schon oft eine gute Beraterin.“ Sie stockte und suchte nach Worten, dann fuhr sie fort: „Mein lieber Wolf, du bist ein schönes Tier, du bist ein stolzes Tier. Du bist frei.“ Der Wolf nickt stumm und schaute Blandine erwartungsvoll an, die mit fester Stimme weitersprach: „Wenn ich dich zähme, dann bist du wieder ein Prinz. Dann musst du eine Prinzessin heiraten, die dein Vater für dich bestimmt. Dann musst du regieren und auch Kriege führen. Dann musst du für deine Untertanen sorgen. Als Wolf bist du frei! Aber als Prinz bist du nicht mehr frei! Jeder Mensch braucht seine Freiheit. Ich will nicht, dass du deine Freiheit verlierst, deshalb kann ich dich nicht zähmen. Verzeih mir!“ Tränen liefen über ihre Wangen, die sie mit dem Zipfel ihrer Schürze weg wischte. Dann war es wieder da, dieses große warme Gefühl. Zärtlich sah sie den Wolf an: „Es ist mir eins, in welcher Gestalt ich dich sehe. Als Wolf oder als Prinz. Ich will nur, dass du glücklich bist.“ Bei diesen Worten wurde Blandine von Weinkrämpfen geschüttelt, ihr zarter Körper bebte. Sie suchte Halt an einem Baumstamm, dann sackte sie in sich zusammen. Der Wolf wachte neben ihr und wärmte sie mit seinem Körper bis sie wieder zu sich kam.

Der Wolf trug Blandine zu einer schattigen Stelle und bettete sie behutsam auf weiches Moos. „Du bist wahrlich ein reines und unschuldiges Wesen, und dein Herz ist erfüllt von Liebe und Güte. In deiner Nähe werde ich immer glücklich sein, das weiß ich. Als Wolf werde ich dich begleiten und beschützen. Als Prinz werde ich dich lieben und ehren. An deiner Seite werde ich immer frei sein, im Herzen frei. Willst du mich zähmen?“

Blandine stand auf und ging tiefer in den Wald hinein. An einer Quelle wusch sie ihr verweintes Gesicht, dann richtete sie ihre Kleidung und löste ihre Zöpfe. Das weizenblonde Haar fiel über ihre Schultern wie ein lichter Brautschleier. Blandine erblickte ihr Spiegelbild im Wasser, sie sah eine schöne junge Frau. Entschlossen und selbstbewusst ging sie zurück zu dem Wolf, der ihr noch stolzer und schöner erschien als zuvor. Sie beugte sich zu ihm, schloss die Augen und streichelte liebevoll über sein Fell. Ein Beben ließ die Erde erzittern, der Zauber hatte seine Macht verloren. Blandine öffnete die Augen. Vor ihr stand Prinz Aramis in Menschengestalt, schöner und stolzer als sie je zu träumen gewagt hätte.

Prinz Aramis brachte Blandine nachhause in sein Reich Genovia und nahm sie zur Frau. Nach dem Tod seines Vaters, König Sigismund, bestieg er den Thron und herrschte fortan über Genovia. Blandine, seine Königin, war ihm eine liebende Frau und eine kluge Beraterin in Staatsgeschäften. Blandine vergass nie, wie das Schicksal sie und Aramis zueinander geführt hatte. In sternenklaren Nächten stieg sie auf den Schloßturm und ließ sich vom kühlen Wind erfrischen. Wenn sie in der Ferne das lang gezogene Heulen eines Wolfes vernahm, füllte pures reines Glück ihr Herz.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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