Patrick Rabe

Das Gedicht "Die schlesischen Weber" und aktuelle Bezüge dazu

Das Gedicht “Die schlesischen Weber“ von Heinrich Heine, die Vorteile einer Räterepublik, und die esoterisch-mystische Bedeutung des „Webers“

Ein Essay von Patrick Rabe

Die schlesischen Weber
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!

( Heinrich Heine)

Viele stellen sich den Dichter Heinrich Heine heute als alten Mann vor, der „langweilige, deutsche Klassik-Gedichte“ geschrieben hat. Ja, er gilt als deutscher „Klassiker“. Und man HAT seine Gedichte lange Zeit auch in der Schule gelernt. Aber wurde nur knapp über 30 Jahre alt.

Er lebte in der Zeit nach der französischen Revolution, die Europa sehr geprägt hatte, in Deutschland. Die Deutschen versuchten Ähnliches wie die Franzosen mit der Revolution 1848. Hierbei ging es um eine Abrechnung mit dem alten, ans römische Reich gebundenen Deutschland, und den Versuch, die Monarchie zu stürzen. Man wollte das Ganze in eine sogenannte Räterepublik überführen, eine Staatsform, in der die Regierung gebildet wird von Vertretern aller im Land vorhandenen Interessenlobbys.

Im Gegensatz zur Parteiendemokratie, in der jeweils eine Partei die Interessen einer bestimmten Lobby abdeckt, regieren in einer Räterepublik dauerhaft alle zusammen. Das ist jedoch weit entfernt von einer Einparteienherrschaft oder Diktatur, eben, WEIL an der Regierung Vertreter ALLER Interessensverbände beteiligt sind. Da die geplante Räterepublik von 1848 in ihrer gewollten Form gescheitert ist, konnte sich diese Staatsform noch keinem historischen Test unterziehen. Die Argumente dagegen sind oft, dass dann politische Entscheidungen viel zu lange dauern würden, bzw. dass die verschiedenen Volksvertreter viel zu unterschiedliche Interessensgruppen verträten, um sich je einig zu werden, oder überhaupt harmonisch miteinander regieren zu können.

Allerdings stellt die Mehrparteiendemokratie aus meiner Sicht auch immer weniger eine brauchbare Alternative dar. Erstens vertreten die jeweiligen Parteien kaum noch die Interessen ihrer eigenen, ihnen zugeordneten Lobbys, sondern die Interessen von zusehends untransparenter werdenden Seilschaften aus Wirtschaft, religiös-weltanschaulichen Interessensgruppen und Lobbys, die ihre Ziele mit Gewalt und Kriegseinsatz erreichen wollen, ohne dass diese Kriege und militärischen Interventionen sauber und ehrlich begründet werden, und zweitens geht die Vier-Jahresregentschaft einer Einzelpartei bzw. Einzellobby (auch, wenn wir das in Deutschland durch die große Koalition schon lange nicht mehr haben), immer zu Ungunsten der dann jeweils nicht berücksichtigten Interessensverbände.

So kommen einige Menschen in diesem Land nie zu Gehör, und es wird ein Bild von Deutschland, bzw. Europa erweckt, propagiert und „zementiert“, das andere, davon abweichende „Bilder“ konsequent ausschließt, unterdrückt und kleinhält, oft mit der Begründung, jene anderen Blickwinkel seien „gefährlich“ oder „böse“. So finden Menschen, die einer esoterischen Weltdeutung, wie es sie seit den 1990ern vermehrt nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa gibt, in der Öffentlichkeitsdarstellung kaum Gehör, oder die Möglichkeit, ihre Ansichten fach-und sachgerecht darzustellen. Sehr schnell wird das von den „Meinungszensoren“ dann in eine Ecke mit Scientology, rechtsradikalen Verbindungen, oder abstrusen Verschwörungstheorien gestellt. (Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die Regierungsverantwortlichen selber bestimmte Verschwörungstheorien ausdenken, und sie unters Volk streuen, um das Ganze noch lächerlicher zu machen.) Immer wieder wird versucht, Menschen, die so aufgestellt sind, zur Einordnung in eine Gruppe oder Sparte zu nötigen, am Liebsten immer im christlichen Gewand, wo sie dann am besten mit der Moralkeule gemaßregelt werden und wieder „normal gemacht“ werden können.

Ich denke, die größte Furcht von Machthabern vor einer solchen esoterischen Weltdeutung ist stets ihr Weit-und Tiefblick, sowie ihre Ablehnung von Macht als Selbstzweck. Immer wieder wird daher z.B. behauptet, eine solche Anschauung excludiere das originär Christliche, oder sei in sich selber autokratisch oder diktatorisch. Das ist Blödsinn. Jesu Lehre IST dem Wesen nach esoterisch, und unterscheidet sich in nichts von den Lehren anderer „Meister“ wie Lao Tse oder Buddha. Jedenfalls nicht, was die Weltdeutung angeht. Natürlich schon, und das würde ja auch niemand bestreiten, in der Zielrichtung und im „Telos“, also in der Vorstellung, wohin das Ganze genau führen soll. Wobei auch dies bei genauem Hinsehen nicht ganz stimmt. Denn auch die Vorstellungen vom irdisch-kosmischen „Endprodukt“ sind in den unterschiedlichen Religionen sehr ähnlich. Die Beschreibung des Weges dahin ist im Christentum, bzw. Neuen Testament jedoch für meine Begriffe außerordentlich präzise, besonders was die Zeit der „Wehen“ vor dem „Neuen Jerusalem“ bzw. dem „goldenen Zeitalter“ angeht. Jedenfalls, wenn man in der Lage ist, die Angaben dazu mystisch-metaphorisch zu verstehen. Genaue Ausdeutungen mit Zuschreibungen auf konkrete historische Personen („Ronald Reagan ist der Antichrist, etc.“) haben sich hingegen oft als unbrauchbar und gefährlich herausgestellt.

Jedoch scheint mir z.B. eine korrekte Deutung des Bildes der „großen Hure Babylon“ zur Zeit unerlässlich, um verantwortungsvolle Entscheidungen fällen zu können. Zu wenig ist bekannt, dass „Babylon“ in der jüdisch-christlichen Mystik die Antipodin zur „wahren Braut“ oder „Braut des Lammes“ darstellt, also der Gesellschaft bzw. Gesellschaftsform, die sich vor Gott bewährt, und in der am Ende „der Löwe neben dem Lamm liegen kann“, das heißt, die aggressiven und die sanften Impulse des Menschen harmonisch, aber auch ohne jeweilige Selbstverleugnung miteinander auskommen können.

Der Weg dahin ist zu sehr in Vergessenheit geraten. Jeden Tag müssen wir aufs Neue in jeder einzelnen Situation zwischen beiden „Bräuten“ entscheiden. Die Religionen jedoch behaupten, es würde reichen, einmal „Ja“ zu einer von beiden zu sagen (zu der „Guten“ natürlich!!! *smile* ), und dann würde alles im Leben des betreffenden Menschen „in Butter“ sein, und quasi von selbst laufen.
Das ist aus meiner Sicht eine völlige Fehleinschätzung und dient eher dem spirituellen Wegpennen, und der geistigen Bewusstlosigkeit. Es ermöglicht dem wahren Bösen, zwischen den beiden Bräuten hindurch durch die Hintertür nach der Macht zu greifen (Man schaue sich dazu das Beispiel Hitlers in der Weimarer Republik an).

An der Revolution 1848, die zur Räterepublik führen sollte, waren auch viele Dichter und andere Künstler beteiligt, wie Ernst Toller, Erich Mühsam oder eben Heinrich Heine. Sein Gedicht „Die schlesischen Weber“, das auch vertont wurde, greift den Protest der für die Oberschicht arbeitenden Weber auf, die hauptsächlich Aufträge zur Kleiderproduktion für die Oberschicht bearbeiten mussten, aber selber unter prekären Verhältnissen lebten. Mir ist nicht bekannt, ob er die protestierenden Weber (Weber stellten am Webstuhl Kleider her) persönlich kannte. Aber alleine nur mitzuempfinden, dass sie alle unter menschenunwürdigen Bedingungen zu viel zu niedrigen Löhnen arbeiteten, Tag und Nacht, und auch im Winter teilweise bei offenen, zugigen Fenstern; und außerordentlich oft auch für das Königshaus und andere Adlige Seidenkleider weben mussten, die man damals aus dem Faden der Seidenraupe herstellte, der außerordentlich dünn ist, und der beim Weben auf normalen Webstühlen andauernd entzweiriss, muss den jungen Heinrich Heine in so tiefes Mitgefühl und so tiefe Verzweiflung gestürzt haben, dass er dieses Lied schrieb, wohl auch in der Hoffnung, die Weber möchten dies für ihren Protestkampf benutzen. Was sie meines Wissens nach auch taten.

Im Englischen bezeichnet das Wort „Weaver“ sowohl die klassischen Textilweber, als auch Korbflechter. Es wird manchmal auch scherzhaft mit der Bedeutung „Weichei“, „Heulsuse“ oder „Schwuchtel“ benutzt. Das Märchen vom „Fingerhütchen“ handelt auf doppeldeutige Weise von einem solchen „Weaver“, und davon, was er vollbringen kann. (Ich füge es im Anschluss an) . Denkt man diese Negativ-Zeichnung wieder ins Positive, dann ist ein solches „Weichei“ eigentlich der klassische „Sanftmütige“, den das Neue Testament in den Seligpreisungen der Bergpredigt beschreibt.

Den „Weaver“ gibt es auch in der zoologischen Sprache, also in der Tierwelt. Es werden damit meistens Spinnen bezeichnet, verblüffender Weise aber auch der Kuckuck. Was nahelegt, dass der Mensch mit dem Wort „Weaver“ (auf Deutsch finden wir das beim „Weberknecht“, der auch „Schuster“ genannt wird) immer etwas tendenziell parasitäres verbindet.

Das beruht meines Erachtens auf einem Vorurteil und auf der Unfähigkeit, zu erkennen, welche Kostbarkeiten beispielsweise die von Spinnen gesponnenen Netze sind. Der Weberknecht ist ein äußerst scheues, zartes und sensibles Tier, und auch Spinnen haben ihre eigene Schönheit, so wie betörende Muster (z.B. die Kreuzspinne). Auch auf den munteren Ruf des Kuckucks zur Frühlingszeit wollen wir doch hoffentlich nicht verzichten. („The cookoo is a pretty bird, she warbles, as she flies.“ „Der Kuckkuck ist ein schöner Vogel, er tiriliert, während er fliegt“, ein amerikanisches Volkslied).

Es ist immer die menschliche Unart, bestimmte Dinge mit der Wertung „böse, störend, hässlich“ und so weiter zu belegen, die man dann auf bestimmte Menschen, Tiere oder Pflanzen überträgt. Dies hat allzuoft in der Geschichte dazu geführt, dass man die dann abgelehnten Geschöpfe zur Ursache allen Übels erklärt hat und mehr oder weniger erfolgreich versucht hat, sich ihrer zu entledigen. Würden wir lernen, diese ungeliebten Dinge, Eigenschaften und Seelenregungen in uns zu lieben, akzeptieren und ohne Angst auszuleben, wären wir ein ganzes Stück weiter.

Jedoch zeigt unsere Gesellschaft immer noch den Hang sowohl zum Autokratischen, als auch zur Unterdrückung und Maßregelung von Minderheiten, auch wenn das in Deutschland so gut kaschiert ist, dass es kaum jemand, dem es noch halbwegs gut geht, mitbekommt. Die Grundphilosophie der Bundesrepublik ist immer noch die einer „Leitkultur“, der sich alle „Subkulturen“ anpassen und tendenziell unterwerfen müssen, oder, um es mit einem milderen Wort auszudrücken: sie müssen die sukzessive Umformung, „Korrigierung“ und Beschneidung ihrer Wesensart hinnehmen. Wer bei all dem die Deutungshoheit hat, und aus welchen Gründen eine solche Beschneidung und Begrenzung vorgenommen wird, ist nicht immer ersichtlich, da es auch oft den Betreffenden nicht erklärt wird. Das nährt natürlich noch mehr die Tendenz zu Verschwörungstheorie, Misstrauen und Paranoia, sowie dem schleichenden Gefühl eigentlich „von denen da oben“ permanent nur angelogen zu werden.

Pluralistisch ist unsere Gesellschaft nur der öffentlich dargereichten Form nach. Begründet wird das in der Regel mit der Notwendigkeit, uns vor uns feindlich gesonnenen Strömungen oder Menschen schützen zu müssen. Das mündet aber im Endprodukt immer in sinkender politischer Transparenz, immer unlogischer begründeten Kleinhaltungen und Maßregelungen der Bürger, und zum Schluss oft in völlig unbegründeter, diktatorisch durchgesetzter Autokratie und dem Hang zum „Polizeistaat“. Dieser “Von-oben-nach-unten“-Mentalität könnte eine moderne, und zeitgemäß aufgefasste und umgesetzte Räterepublik meines Erachtens nach überzeugend entgegenwirken. Was wir brauchen, um so etwas probieren und umsetzen zu können, ist gegenseitiges Vertrauen und das Abbauen von Vorurteilen und Feindbildern.

Patrick Rabe, 10. August 2020, Hamburg.

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zur Beachtung noch wie angekündigt das Märchen vom Fingerhütchen aus Irland:

FINGERHÜTCHEN
Es war einmal ein armer Mann, der lebte in dem fruchtbaren Tale von Acherlow an dem Fuße des finstern Galti-Berges. Er hatte einen großen Höcker auf dem Rücken und es sah gerade aus, als wäre sein Leib heraufgeschoben und auf seine Schultern gelegt worden. Von der Wucht war ihm der Kopf so tief herabgedrückt, daß wenn er saß, sein Kinn sich auf seine Knie zu stützen pflegte. Die Leute in der Gegend hatten Scheu, ihm an einem einsamen Orte zu begegnen und doch war das arme Männchen so harmlos und friedliebend wie ein neugebornes Kind. Aber seine Ungestaltheit war so groß, daß er kaum wie ein menschliches Geschöpf aussah, und boshafte Leute hatten seltsame Geschichten von ihm verbreitet. Man erzählte sich, er besitze große Kenntnis der Kräuter und Zaubermittel, aber gewiß ist, daß er eine geschickte Hand hatte, Hüte und Körbe aus Stroh und Binsen zu flechten, auf welche Weise er sich auch sein Brot erwarb.

Fingerhütchen war sein Spottname, weil er allzeit auf seinem kleinen Hut einen Zweig von dem roten Fingerhut oder dem Elfenkäppchen trug. Für seine geflochtenen Arbeiten erhielt er einen Groschen mehr als andere und aus Neid darüber mögen einige wohl die wunderlichen Geschichten von ihm in Umlauf gebracht haben. Damit verhalte es sich nun, wie es wolle, genug es trug sich zu, daß Fingerhütchen eines Abends von der Stadt Cahir nach Cappagh ging und da er wegen des lästigen Höckers auf dem Rücken nur langsam fortkonnte, so war es schon dunkel, als er an das alte Hünengrab von Knockgrafton kam, welches rechter Hand an dem Wege liegt. Müde und abgemattet, niedergeschlagen durch die Betrachtung, daß noch ein gutes Stück Weg vor ihm liege und er die ganze Nacht hindurch wandern müsse, setzte er sich unter den Grabhügel, um ein wenig auszuruhen und sah ganz betrübt den Mond an, der eben silberrein aufstieg.
Auf einmal drang eine fremdartige, unterirdische Musik zu den Ohren des armen Fingerhütchens. Er lauschte und ihm deuchte, als habe er noch nie so etwas entzückendes gehört. Es war wie der Klang vieler Stimmen, deren jede zu der andern sich fügte und wunderbar einmischte, so daß es nur eine einzige zu sein schien, während doch jede einen besondern Ton hielt. Die Worte des Gesangs waren diese: "Da Luan, Da Mort, Da Luan, Da Mort, Da Luan, Da Mort. ( auf Deutsch „Es lauert der Tod“) Darnach kam eine kleine Pause, worauf die Musik von vorne wieder anfing.

Fingerhütchen horchte aufmerksam und getraute kaum Atem zu schöpfen, damit ihm nicht der geringste Ton verloren ginge. Er merkte nun deutlich, daß der Gesang mitten aus dem Grabhügel kam und obgleich anfangs auf das höchste davon erfreut, ward er es doch endlich müde, denselben Rundgesang in einem fort, ohne Abwechslung, anzuhören. Als abermals Da Luan, Da Mort dreimal gesungen war, benutzte er die kleine Pause, nahm die Melodie auf und führte sie weiter mit den Worten: augus Da Cadine! (auf Deutsch: Es erhebt sich die Seele) dann fiel er mit den Stimmen in dem Hügel ein, sang Da Luan, Da Mort, endigte aber bei der Pause mit seinen augus Da Cadine.

Die Kleinen in dem Hügel, als sie den Zusatz zu ihrem Geistergesang vernahmen, ergötzten sich außerordentlich daran und beschlossen sogleich das Menschenkind hinunter zu holen, dessen musikalische Geschicklichkeit die ihrige so weit übertraf, und Fingerhütchen ward mit der kreisenden Schnelligkeit des Wirbelwindes zu ihnen getragen.
Das war eine Pracht, die ihm in die Augen leuchtete, als er in den Hügel hinabkam, rund umher schwebend, leicht wie ein Strohhälmchen! und die lieblichste Musik hielt ordentlich Takt bei seiner Fahrt. Die größte Ehre wurde ihm aber erzeigt, als sie ihn über alle die Spielleute setzten. Er hatte Diener, die ihm aufwarten mußten, alles was sein Herz begehrte, wurde erfüllt und er sah, wie gerne ihn die Kleinen hatten; kurz, er wurde nicht anders behandelt, als wenn er der erste Mann im Lande gewesen wäre.

Darauf bemerkte Fingerhütchen, daß sie die Köpfe zusammensteckten und mit einander ratschlagten und so sehr ihm auch ihre Artigkeit gefiel, so fing er doch an sich zu fürchten. Da trat einer der Kleinen zu ihm hervor und sagte:

"Fingerhut, Fingerhut!
faß dir frischen Mut!
lustig und munter,
dein Höcker fällt herunter,
siehst ihn liegen, dir gehts gut,
Fingerhut, Fingerhut!"

Kaum waren die Worte zu Ende, so fühlte sich das Fingerhütchen so leicht, so selig, daß es wohl in einem Satz über den Mond weggesprungen wäre, wie die Kuh in dem Märchen von der Katze und der Geige. Er sah mit der größten Freude von der Welt den Höcker von seinen Schultern herab auf den Boden rollen. Er versuchte darauf, ob er seinen Kopf in die Höhe heben könnte, tat es aber mit Vorsicht und Verstand, aus Furcht, er möchte ihn an dem Tafelwerk der großen Halle einstoßen. Dann aber schaute er rings herum mit der größten Bewunderung und ergötzte sich an all den Dingen, die ihm immer schöner vorkamen. Zuletzt ward er so überwältigt von der Betrachtung des glänzenden Aufenthalts, daß ihm der Kopf schwindelte, die Augen geblendet wurden und er in einen tiefen Schlaf verfiel.

Bei seinem Erwachen war es voller Tag geworden. Die Sonne schien hell, die Vögel sangen und er lag gerade an dem Fuße des Riesenhügels, während Kühe und Schafe friedlich um ihn her weideten. Nachdem Fingerhütchen sein Gebet gesagt hatte, war sein erstes Geschäft mit der Hand nach seinem Höcker zu greifen, aber es war auf dem Rücken keine Spur davon zu finden, und er betrachtete sich nicht ohne Stolz, denn aus ihm war ein wohlgebildeter, behender Bursche geworden, und, was keine Kleinigkeit schien, er sah sich von Kopf bis zu Füßen in neuen Kleidern und merkte wohl, daß die Geister ihm diesen Anzug besorgt hatten.

Nun machte er sich auf den Weg nach Cappagh, er ging so tapfer daher und sprang bei jedem Schritte, als wenn er es sein Lebtag nicht anders gewohnt gewesen wäre. Niemand, der ihm begegnete, erkannte Fingerhütchen ohne den Höcker und er hatte große Mühe, die Leute zu überreden, daß er es wirklich wäre und in der Tat, seinem Aussehen nach war er es auch nicht mehr.

Wie es aber zu gehen pflegt, die Geschichte von Fingerhütchens Höcker wurde überall bekannt und viel Wesens davon gemacht. Meilenweit in der Gegend redete Jedermann, vornehm oder gering, von nichts als von dieser Begebenheit.
Eines Morgens saß Fingerhütchen an seiner Haustüre und war guter Dinge. Da trat eine alte Frau zu ihm und sagte: "Zeigt mir doch den Weg nach Cappagh."

"Ist nicht nötig, liebe Frau", antwortete er, "denn das ist hier Cappagh, aber wo kommt ihr her?"

"Ich komme aus der Gegend von Decie in der Grafschaft Waterford und suche einen Mann, der Fingerhütchen genannt wird und dem die Elfen sollen einen Höcker von der Schulter genommen haben. Da ist der Sohn meiner Gevatterin, der hat einen Höcker auf sich sitzen, der ihn noch tot drücken wird; vielleicht würde er davon erlöst, wenn er wie Fingerhütchen ein Zaubermittel anwenden könnte. Nun stellt Ihr Euch leicht vor, warum ich so weit hergekommen bin, ich möchte, wenns möglich wäre, etwas von dem Zaubermittel erfahren."

Fingerhütchen, das immer gutmütig gewesen war, erzählte der alten Frau den Hergang ganz umständlich, wie es den Gesang der Elfen in dem Grabhügel fortgeführt, wie sie den Höcker von seinen Schultern weggenommen und wie sie ihm einen neuen Anzug von Kopf bis zu Füßen noch obendrein gegeben hätten.
Die alte Frau dankte tausendmal und machte sich wieder auf den Heimweg, zufrieden gestellt und ganz glücklich in ihren Gedanken. Als sie bei ihrer Gevatterin in der Grafschaft Waterford angelangt war, erzählte sie genau, was sie von Fingerhütchen erfahren hatte. Darnach setzte sie den kleinen buckelichen Kerl, der sein Lebelang ein heimtückisches, hämisches Herz gehabt hatte, auf einen Wagen und zog ihn fort. Es war ein langer Weg, "aber was tut das", dachte sie, "wenn er nur den Höcker los wird"; eben als die Nacht einbrach, langte sie bei dem Riesenhügel an und legte ihn dabei nieder.
Hans Madden, denn das war der Name des Buckelichen, hatte noch gar nicht lange gesessen, so hub schon die Musik in dem Hügel an, noch viel lieblicher als je, denn die Elfen sangen ihr Lied mit dem Zusatz, den sie von Fingerhütchen gelernt hatten: Da Luan, Da Mort, Da Luan, Da Mort, Da Luan, Da Mort, augus Da Cadine, ohne Unterbrechung. Hans, der nur geschwind seinen Höcker los sein wollte, wartete nicht, bis die Elfen mit ihrem Gesang fertig waren, noch achtete er auf einen schicklichen Augenblick, um die Melodie weiter, als Fingerhütchen fortzuführen, sondern als sie ihr Lied mehr als siebenmal in einem fort gesungen hatten, so schrie er ohne Rücksicht auf Takt und Weise der Melodie, und wie er seine Worte passend anbringen könnte, aus vollem Halse: Augus Da Dardine, augus Da Hena (es erhebt sich der Dunst/die Wolken steigen auf, es erhebt sich/es steigt auf die Wärme/die Hitze/das Wetter), und dachte: "war ein Zusatz gut, so sind zwei noch besser, und hat Fingerhütchen einen neuen Anzug erhalten, so werden sie mir wohl zwei geben."

Kaum waren aber die Worte über seine Lippen gekommen, so ward er aufgehoben und mit wunderbarer Gewalt in den Hügel hineingetragen. Hier umringten ihn die Elfen, waren sehr böse, und schreiend und kreischend riefen sie: "Wer hat unsern Gesang geschändet? Wer hat unsern Gesang geschändet?" Einer trat hervor und sprach zu ihm:

"Hans Madden, Hans Madden!
deine Worte schlecht klangen,
so lieblich wir sangen,
hier bist du gefangen,
was wirst du erlangen?
zwei Höcker für einen! Hans Madden!"

Und zwanzig von den stärksten Elfen schleppten Fingerhütchens Höcker herbei und setzten ihn oben auf den Buckel des unglückseligen Hans Madden und da saß er so fest, als wenn er mit Zwölfpfennigs Nägeln von dem besten Zimmermann, der je Nägel eingeschlagen hat, aufgenagelt wäre. Darnach stießen sie ihn mit den Füßen aus ihrer Wohnung und am Morgen, als Hans Maddens Mutter und ihre Gevatterin kamen, nach dem kleinen Kerl zu sehen, so fanden sie ihn an dem Fuß des Hügels liegen, halbtot mit einem zweiten Höcker auf seinem Rücken. Sie betrachteten ihn eine nach der andern, aber es blieb dabei; am Ende ward ihnen Angst, es könnte ihnen auch ein Höcker auf den Rücken gesetzt werden. Sie brachten den armseligen Hans wieder heim, so betrübt im Herzen und so jämmerlich anzusehen, als noch je ein paar alte Weiber. Hans, durch das Gewicht des zweiten Höckers und die lange Fahrt erschöpft, starb bald hernach, indem er jedem eine schwere Verwünschung hinterließ, der auf den Gesang der Elfen horchen wollte.

***
Ein paar Anmerkungen zur Geschichte:

Der Gesang der Elfen, der jeweils von Fingerhütchen und Hans Madden ergänzt wird, hat eine mystische, esoterische Bedeutung. Auf das bedrohliche „Es lauert der Tod“, ergänzt die reine Seele Fingerhütchen „Der Hauch/die Seele steigt auf!“ (der Satz kann auch bedeuten „In der Bedrängnis des Todes/des Unbills/des Schicksalsschlages findet die Seele Erleichterung“), Hans Madden, der im Gegensatz zu Fingerhütchen sein Schicksal mit Groll getragen hat, ist hingegen nicht in der Lage, den mystischen, metaphysischen Aspekt wahrzunehmen, und fügt hinzu: „Die Wolken/der Dunst steigen auf, die Wärme steigt auf.“ Das hat nichts mehr von der beseelten, poetischen Kraft dessen, was Fingerhütchen zum Elfengesang beigetragen hat. Er ist nur in der Lage, den rein körperlichen Vorgang des Todes zu beschreiben. Aus dem poetischen „Hauch“ (biblisch: ruach, Seele, Atem, Heiliger Geist) macht er das platte, profane „Dunst“, das man auch mit „Nebel“ oder sogar „Rauch“ übersetzen kann. Nicht genug damit: Er fühlt sich noch bemüßigt, zu ergänzen, dass auch die Wärme bzw. Hitze den Körper verlässt. Es ist hier der Unterschied zwischen einer Lebensdeutung im Bewusstsein oder Empfinden Gottes und der göttlichen Kräfte und einer Lebensdeutung ohne Gott mit einem rein materiellen Zugang beschrieben. Wer nicht im Einklang mit Gott lebt, wird ein Schicksal wie das von Fingerhütchen mit Groll tragen, und eine Begegnung mit der mystischen Ebene lediglich berechnend zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen wollen. Das merkt die mystische Ebene aber. Denn das dann beigetragene Lied ist keine erhebende Ergänzung, sondern allerhöchstens eine platte Erklärung. Interessant immerhin, dass wir es in unserer mehrheitlich materialistischen Welt nun mit einer Klimaerwärmung bzw. Veränderung zu tun haben.

© by Patrick Rabe, 10. August 2020, Hamburg

Zum tirilierenden Vogel/Kuckuck:

Das neugriechische Wort „poein“ (Tirilieren, Vogelgesang), das verwandt ist mit dem englischen „Poem“ (Gedicht), ergibt in der griechischen Schrift, wenn man diese auf den Kopf stellt, das altgriechische Wort „anthropos“ (Mensch). Ist das nicht verblüffend?

Als ich das herausfand, stieß ich auch auf folgenden interessanten Artikel von Constance Scharf. Er ist enthalten in einer wissenschaftlichen Arbeit über die Sprache.

Leider sind in diesem Text viele Wörter falsch getrennt. Ich bitte, zu entschuldigen, dass ich keine Lust hatte, dies zu korrigieren.

Trällern und Tirilieren.
Biologische Parallelen zwischenmenschlicher Sprache und Vogelgesang

Von Constance Scharff

Nicht nur die Nachtigall tiriliert, auch Amsel, Drossel, Fink und Star sowie die anderen über viertausend Singvogelar-ten der Welt sind begnadete Trällerer. Ihre Melodien be-schwingen und faszinieren uns [→Wonnig lallen]. Vielleicht können wir von den Vögeln sogar etwas darüber erfahren, wie der Mensch zu seiner Sprache gekommen ist? Vor über zweitausend Jahren bemerkte Aristoteles in seinen Zoolo-gischen Schriften bereits erstaunliche Parallelen zwischen dem Vogelgesang und der menschlichen Sprache. Auch Dar-win schrieb 1871, dass der Gesang der Vögel in verschiedenen Aspekten die beste Analogie zur Sprache sei (»The sounds utt ered by birds off er in several respects the nearest analogy to language.« Darwin 1871: 55).Sprache und VogelgesangAristoteles beobachtete, dass junge Singvögel ihren Gesang von erwachsenen Vorbildern erlernen. Wie erstaunlich dieser Prozess den ersten zwei Jahren unseres Lebens ähnelt, in denen wir so viel Zeit damit verbringen, das Sprechen zu mei-stern, hat die moderne Forschung gezeigt: Das monologische Lallen des Säuglings wird abgelöst vom Babybrabbeln, aus dem sich mehr und mehr Silben entwickeln und dann das erste Wort, das große Ereignis des ersten Lebensjahrs. Da-nach entstehen einfache Konstruktionen, »mehr Keks«, und schließlich ganze Sätz e. Ähnlich durchlaufen auch Singvögel verschiedene Meilensteine, bis sie das Singen perfektionie-
206ren: Nach den ersten Lauten im Nest, den Bett elrufen nach Futt er, beginnt eine Phase, in der die oft erst gerade fl ügge gewordenen Jungvögel ohne Punkt und Komma brabbeln. Schon bald folgen die ersten Gesangssilben, die noch wirr durcheinander gesungen werden. Zunehmend kommt je-doch auch bei den Vögeln Ordnung und Syntax dazu und am Ende der Lernphase, wenn der Vogel erwachsen ist, hat er sein Lied gemeistert.Sowohl für Menschen als auch für Singvögel ist der soziale Bezug während dieses Prozesses enorm wichtig. Je mehr mit Babys und Kleinkindern gesprochen wird, umso besser und schneller können sie die Sprachlaute nachahmen und benut-zen. Dabei spielt der lebendige Austausch, die Kommunikati-on mit den Bezugspersonen eine Schlüsselrolle. Dies gilt auch für Singvögel. Sie lernen in der Interaktion mit erwachsenen Artgenossen viel besser und schneller, als wenn ihnen die zu erlernenden Gesänge nur vom Tonband vorgespielt werden. Und wer hätt e gedacht, dass nicht nur Menschen ihre Sprache mit Gesten begleiten? Auch viele Singvögel koordinieren ihren Gesang mit Körperbewegungen, ein Thema unserer aktuellen Forschung (Ullrich/Norton/Scharff 2016).Gehirn, Sprache und VogelgesangWeitere Parallelen zwischen Mensch und Federvieh betreff en die biologischen Mechanismen, die das Sprechenlernen bei Menschen und das Singenlernen bei Vögeln ermöglichen. Als Kinder eignen wir uns in der Regel ohne Mühe und akzentfrei eine oder mehrere Sprachen unserer sozialen Umgebung an. Singvögel sind in ihrer Jugend ebenfalls in der Lage, ihren arteigenen Gesang zu erlernen, manchmal sogar den Gesang einer anderen Art. Später, nach der Pubertät, können wir Menschen zwar weitere Sprachen erlernen, doch den meisten von uns gelingt dies nicht akzentfrei. Unsere Mutt ersprache drückt ihren Stempel auch auf Fremdsprachen, indem sie Rhythmus, Melodie und Aussprache beeinfl usst. Laute, die in der eigenen Sprache nicht vorkommen, sind für Erwachsene meist schlecht zu meistern: Deutschen Mutt ersprachlern rollt
207das Spanische r in ferrocarril nicht gut von den Lippen und sie tun sich oft schwer mit dem englischen th in the, these, there. Auch Singvögel lernen ihren Gesang am besten in einer begrenzten, der sogenannten sensiblen Jugendphase. Nach der Pubertät und dem damit veränderten hormonel-len Milieu funktioniert das Nachahmen ihres erwachsenen Gesangstutors nur noch eingeschränkt.Obwohl der letz te gemeinsame Vorfahre von Singvögeln und Menschen vor mehr als 300 Millionen Jahren gelebt hat, weisen sogar die Schaltkreise im Gehirn, die Menschen das Sprechen und Singvögeln das Tirilieren ermöglichen, erstaunliche Ähnlichkeiten auf. So ist eine Gehirnhemisphäre für die Sprachfähigkeit dominant, bei den meisten Menschen ist es die linke. Aus diesem Grunde beeinträchtigen Schlag-anfälle in der linken Gehirnhälfte die Sprache typischerweise viel mehr als solche auf der rechten Seite. Bei Singvögeln dominiert ebenfalls eine Gehirnhälfte den Gesang. Welche die dominante Hälfte ist, variiert von Art zu Art. Bei Zebrafi nken dominiert rechts, bei Kanarienvögeln links. Menschen und Singvögel ähneln einander frappierenderweise auch mehr als Menschen und Menschenaff en in der Art, wie bestimmte Gehirnregionen miteinander verbunden sind.Sprachgene?Schließlich gibt es sogar erstaunliche Parallelen bei Genen, die sowohl für die menschliche Sprache als auch für das Singen von Vögeln wichtig sind. Nun überrascht es zunächst vielleicht, dass Gene überhaupt für Sprache relevant sein sollen. Da das Sprechen erlernt werden muss und »genetisch« und »erlernt« fälschlicherweise oft als Gegensätz e verstan-den werden, ist die Auff assung verbreitet, dass Sprache keine genetische Komponente hat. Dies ist aber nicht der Fall. Gene beeinfl ussen alles Leben und deswegen auch das Lernen. Ob es allerdings Gene gibt, die eine spezielle Rolle für das Sprachlernen des Menschen spielen, wurde lange angezweifelt. Das lag daran, dass alle bekannten, durch Mutationen in Genen verursachten Krankheiten (»Erbkrank-
208heiten«), die die Sprachfähigkeit einschränkten, auch andere mentale Fähig keiten beeinträchtigten. Deswegen war es eine große Überraschung, als 2001 in einer englischen Sprachheil-schule bei mehreren Kindern einer verzweigten Familie ohne geistige Behinderung eine Mutation im sogenannten FOXP2-Gen entdeckt wurde. Die Kinder nuschelten so stark, dass sie kaum zu verstehen waren. Genauere Untersuchungen zeigten, dass auch bei den Eltern und Großeltern ähnliche Artikulationsprobleme vorkamen, die ebenfalls durch die FOXP2-Mutation im Erbgut bedingt waren. In den darauf-folgenden Jahren konnten klinische Genetiker zusammen mit Phoniatriespezialisten weltweit noch weitere Patienten mit demselben spezifi schen Sprachdefi zit identifi zieren, bei denen ebenfalls eine Mutation im FOXP2-Gen zugrunde lag. Sie konnten auch zeigen, dass bei den Betroff enen weder die Hörfähigkeit eingeschränkt war noch eine allgemeine Muskel- oder Koordinationsschwäche existierte.Diese Entdeckung führte zunächst zu großem Enthusi-asmus bei denjenigen Linguisten, die schon seit langem po-stulierten, dass die menschliche Sprachfähigkeit auf einem besonderen, angeborenen Sprachinstinkt beruhe; sie argu-mentierten, dass ein Sprachinstinkt der Grund sei, warum trotz großer Unterschiede zwischen den Sprachen der Welt dennoch allen Sprachen gewisse universale linguistische Prinzipien gemein seien. Auch wenn diese Idee der »uni-versellen Grammatik« bei Experten sehr umstritt en war, trug sie zur Geburt des Mythos von FOXP2 als Sprachgen bei. Und da Sprache ja Kopfsache ist, wurde die Aktivität des FOXP2-Gens auch alsbald im Gehirn nachgewiesen sowie eine spezifi sch menschliche Version des Gens bei Menschen entdeckt. Die Theorien, wie FOXP2 die Evolu-tion unseres Gehirns verändert und damit die Evolution der Sprache hervorgebracht haben könnte, überschlugen sich.Doch schon bald schlug der Enthusiasmus ins Gegenteil um, als sich herausstellte, dass die spezifi sch menschliche Version des FOXP2-Gens nur ein Tausendstel der im Gen enthaltenen Information betriff t und dass alle Wirbeltiere
209extrem ähnliche FOXP2-Gene in ihrem Erbgut tragen. Da Fische, Vögel, Mäuse und Ratt en normalerweise nicht spre-chen, war die Entt äuschung groß. Zudem wurde bekannt, dass das FOXP2-Gen nicht nur im Gehirn eine Rolle spielt, sondern auch in vielen anderen Organen, unter anderem Herz, Lunge und Darm.Doch war die Entt äuschung gerechtfertigt? Um dies zu beleuchten, muss man die Funktion von Genen etwas ge-nauer betrachten. Gene sind die Bauanleitung für Proteine, die Bausteine, aus denen Zellen und Gewebe zusammenge-setz t sind. Genauso wie man aus Ziegeln sowohl Kathedralen als auch Supermärkte oder Einfamilienhäuser bauen kann, gibt es Proteine, die für Gehirn, Herz und Lunge gleicher-maßen wichtig sind. Die Tatsache, dass FOXP2 also nicht nur im Gehirn gebraucht wird, schließt nicht aus, dass es für die Sprache besonders relevant sein kann.Aber widerspricht die Tatsache, dass das FOXP2-Gen auch bei so vielen Tieren existiert, nicht der Möglichkeit, dass es für die menschliche Sprache spezifi sch wichtig sein soll? Auch dies muss verneint werden. Man kann sich das Zusammenspiel von Proteinen auch ein bisschen wie Kochen vorstellen. Mit unterschiedlichen Zutaten und Kochmetho-den können sehr verschiedene, doch jeweils einzigartige Gerichte entstehen. Eine Gruppe von Proteinen kann also beispielsweise bei Fisch und Mensch in fast unveränderter Form vorliegen, aber die unterschiedliche Art ihres Zusam-menwirkens und der Einfl uss zusätz licher Faktoren können beim Fisch zur Ausbildung von Flossen führen und beim Menschen zur Entwicklung von Gliedmaßen.Kommen wir zurück zum FOXP2-Gen und dessen be-sonderer Funktion für die Sprache. Welche Rolle spielt es in der Küche, in der die Sprachfähigkeit »gebacken« wird? Ist es wichtig für eine zentrale, sprachessenzielle Komponente wie die Hefe für den Hefezopf? Oder ist FOXP2 eher eine Zutat, die auch gebraucht wird, aber weniger spezifi sch ist, wie die Prise Salz? Oder ist das FOXP2-Gen gar so wenig spezifi sch wie der Strom, mit dem nicht nur der Backofen betrieben wird, sondern auch zig andere Geräte?
210Hier schlagen wir den Bogen zurück zu den Singvögeln. Wenn FOXP2 speziell für die Fähigkeit wichtig wäre, als Baby die Sprachlaute der Umwelt zu identifi zieren und dann im Laufe des ersten Lebensjahres aus den ungeformten ersten Lalllauten nach und nach durch Nachahmung die Mutt er-sprache zu entwickeln, dann könnte FOXP2 bei Singvögeln vielleicht eine ähnliche Funktion beim Singenlernen haben? Ermutigt durch die Tatsache, dass FOXP2-Aktivität bei Ze-brafi nken ausgerechnet in der Gehirnregion nachgewiesen werden konnte, die bereits als Gesangslernzentrum bekannt war, haben wir in einem Experiment bei brabbelnden Jungvö-geln die Aktivität des FOXP2-Gens in dieser Region reduziert. Und tatsächlich führte dies dazu, dass die jungen Vögel den Gesang ihrer erwachsenen Vorsänger, ihrer »Tutoren«, da-nach viel schlechter nachahmten, als dies normalerweise der Fall ist. Erstaunlicherweise ähnelten die Gesangsstörungen sogar den Sprachstörungen der menschlichen Patienten mit einer FOXP2-Mutation: Die Zebrafi nken hatt en ein kleineres Gesangsrepertoire als ihre Tutoren, analog zu den kürzeren, einfacheren Sätzen, die für Patienten mit FOXP2-Mutationen charakteristisch sind. Zudem war die »Aussprache« der Ge-sangssilben bei den behandelten Zebrafi nken auch besonders nuschelig (Haesler et al. 2007). Diese Befunde unterstreichen eindrucksvoll, dass eine verminderte Menge des FOXP2-Proteins sowohl bei Menschen als auch bei Singvögeln das Erlernen von Kommunikationslauten beeinträchtigt.Helfen uns diese Resultate nun zu verstehen, welche Be-deutung dieses Gen für die Sprache hat? Welche Funktion spielt das Gen in Gehirnzellen? Das FOXP2-Gen gehört zu den sogenannten Transkriptionsfaktoren, die regulieren, ob andere Gene aktiv »abgelesen« und dadurch in Proteine umgeschrieben werden können oder ob sie inaktiv sind. Ein einziger Transkriptionsfaktor kann hunderte anderer Gene regulieren. Im Falle von FOXP2 sind eine ganze An-zahl dieser sogenannten FOXP2-Zielgene bereits identifi ziert worden durch Forschung an humanen Zellen und Geweben, an Mäusen und Singvögeln. Wir wissen auch, dass manche Zielgene wichtig für die Informationsübertragung zwischen
211Nervenzellen im Gehirn sind, die das Lernen von besonders schnellen Bewegungen ermöglichen. Veränderte FOXP2-Proteinmengen beeinträchtigen beim Menschen die schnelle deutliche Aussprache, bei Mäusen schnelles, tritt sicheres Rennen und bei Zebrafi nken schnelles, präzises Singen. Diese Ergebnisse bieten Erklärungsansätz e, warum FOXP2-Muta-tionen beim Menschen zum Nuscheln führen. Sie erklären aber noch nicht, warum Patienten auch Probleme mit dem Verständnis komplexer grammatischer Satz konstruktionen haben, wie »der Bleistift, der auf dem grünen Tisch liegt, ist rot«. Die Ergebnisse erklären auch nicht, warum Menschen sprechen und Menschenaff en nicht. Um diesen Geheim-nissen auf die Spur zu kommen, haben Forscher die ganz leicht abweichende Version des menschlichen FOXP2-Gens experimentell in Mäuse eingeschleust. Die Tatsache, dass Mäuse daraufh in zwar nicht zu sprechen begannen, aber gewisse Gehirnzellen anders funktionierten und auch be-stimmte Lautäußerungen und das Lernverhalten verändert waren, zeigt sehr eindrücklich, dass FOXP2 nicht »das Sprach-gen« ist, kein Zauberstab, mit dessen Hilfe Sprache plötz lich aus dem Nichts gezaubert werden kann. Vielmehr ist es ein Gen, das durch die Regulation vieler anderer Gene zur normalen Entwicklung des Gehirns beiträgt, vor allem für bestimmte Gehirnstrukturen, die Sinneseindrücke wie Hören und Fühlen in Bewegungen umsetz en. Versuche mit Singvö-geln zeigen auch, dass FOXP2 auch nach der Entwicklung, also im erwachsenen Tier gebraucht wird, damit Zebrafi nken ihren Gesang richtig einsetz en. Richtig einsetz en? Warum singen Vögel eigentlich?Funktion von Sprache und VogelgesangSehr viele Experimente können zeigen, dass es zwei Funkti-onen von Gesang gibt: die Balz und die Revierverteidigung. Der Gesang eines Vogels kann dem potenziellen Paarungs-partner sehr viel Aufschluss über seine »genetische Qualität« mitt eilen: Wenn zum Beispiel ein Nachtigallmännchen ein sehr großes, variationsreiches Gesangsrepertoire erlernt hat,
212das es viele Nachtstunden lang laut schmett ert, dann hat dieser Nachtigall-Caruso bei den Weibchen bessere Chan-cen als ein Männchen mit kleinerem Repertoire, dem schon nach kurzer Zeit die Puste ausgeht. Bei vielen Vögeln wird der Gesang auch zum Ausloten von Rivalitäten eingesetz t. Reviere müssen erworben und verteidigt werden, und wer der Stärkere ist, zeigt sich ebenfalls oft im Gesang. Ein klas-sisches Experiment mit Meisen bewies beispielsweise, dass Reviere, aus denen Meisengesang aus Lautsprechern schallte, von anderen Männchen gemieden wurden, dass also der Gesang allein schon abschreckende Wirkung für Rivalen hat. Und Weibchen hören bei Revierauseinandersetz ungen zwischen Männchen oft zu und wählen dann den Gewinner eines Sängerstreits öfter als Paarungspartner als den Verlierer.Auch wir Menschen setz en unsere Sprache zum Flirten und zum Streiten ein, aber zusätz lich können wir damit, um Wilhelm von Humboldt zu zitieren »von endlichen Mitt eln einen unendlichen Gebrauch machen« (Humboldt 1836: 106). Wir können unser endliches artspezifi sches Lautrepertoire zu Silben formen, diese zu unendlich vielen Worten verbin-den und schließlich durch deren Kombination unendlich viele Sätz e schöpfen. Wir können so unser Denken in Laute (oder Gebärden) umwandeln, damit die Vergangenheit be-schreiben oder über die Zukunft philosophieren, wir haben die Wahl, mit Sprache wahrhaftig zu sein oder zu lügen [→Flunkern]. Die Regeln der Sprache geben uns die Fähigkeit, winzige Lautunterschiede richtig zu interpretieren: »Der Mann hat die Frau umgebracht« oder »Den Mann hat die Frau umgebracht«. Tieren werden derartige Fähigkeiten im Großen und Ganzen abgesprochen, ohne dass wir dafür sehr gute Beweise hätt en. Zugegeben, bisher gibt es keine Google-Übersetz ungsfunktion, mit der wir erfahren können, ob Tiere sich mehr mitt eilen, als dass ein Feind im Anmarsch ist, dass sie bereit sind, sich zu paaren, oder dass sie einem Rivalen den Kampf androhen. Es lohnt sich aber, darüber nachzudenken, welche Experimente zeigen können, ob beim Trällern und Tirilieren der Vögel etwas mitgeteilt wird, was wir noch nicht entdeckt haben. Ob wir die Vögel dann
213allerdings besser verständen? Wittgenstein jedenfalls war skeptisch: »Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen« (Wittgenstein 1953: 568).

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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