Hans Fritz

Im freien Fall

Der Planet Tambosirk, der vor einigen Jahrhunderten von Erdenmenschen erobert wurde, gibt mehr und mehr Anlass zu Enttäuschungen. Da wäre zunächst einmal das zunehmend aride Klima des ‘Steinernen Kontinents’ Pojassod zu nennen. Auf allen vier Kontinenten zeichnet sich immer mehr ein Mangel an wichtigen Dingen des Lebens ab. Das fast völlige Fehlen energiereicher fossiler Brennstoffe kann mit viel Aufwand kompensiert werden und erspart Belastungen einer noch weitgehend intakten Umwelt. Schlimmer steht es mit dem zunehmenden Mangel an Kochsalz. Die grossen Ozeane und ihre Randmeere mit ihrem geringen Gehalt an Natriumchlorid geben da wenig her. Die Salzlager als Relikte eines im Bereich des heutigen Hauptkontinents vermuteten Urozeans sind bald erschöpft. Doch gibt es auch Positives zu vermelden. Auf Pojassod ermöglicht ein ausgeklügeltes Filtrationsverfahren die Aufbereitung grösserer Mengen Trinkwasser aus den Meeresfluten.

Infolge zunehmender Klimaschwankungen erhält der Wunsch zur Rückkehr auf die Erde neuen Auftrieb, wobei die Noch-Existenz jenes fernen Planeten erst einmal nachzuweisen wäre. Doch die Sondierung des Universums und die Entwicklung der Raumfahrt stehen unter keinem guten Stern. Über mehrere Jahre werden eher Rück- als Fortschritte verbucht.

Der interkontinentale Versand von Gütern wird durch die Unzulänglichkeit der bescheidenen Transportflugzeugflotte einerseits und durch die lange Zeit des Transports zu Wasser andererseits immer mehr erschwert. Nun hat das Ministerium für technische Fortentwicklung einen Plan vorgelegt, der Abhilfe schaffen könnte. Ein Leitartikel der Tagespresse darüber sorgt für einen Riesenwirbel. Wüste Phantasterei, absoluter Wahnsinn, nicht durchführbar, für die Konstrukteure zwar eine Herausforderung aber mit höchster Gefahr für Leib und Leben verbunden, undsoweiter.

Demonstrationen gab es auf dem ‘Steinernen’ noch nie – bis jetzt. Eine Menschenmenge - es sind laut Presse gut fünfhundert Personen, laut Ordnungshüter knapp zweihundert - findet sich vor dem Ministerium ein und skandiert: Wir wollen diesen Schacht nicht … Gegen Abend formiert sich eine Gegendemonstration und fordert lautstark: Baut diesen Schacht, wir brauchen ihn …

Ein Schacht, der nicht oder doch gebaut werden soll? Um was geht es da eigentlich. Kurz und bündig: Ein Tunnel in der Vertikalen vom Hauptkontinent Terragrande zum Pojassod, das Projekt NEJALUD (auf Deutsch etwa WUMMS). Bestünde das Innere des Tambosirk nicht aus mehreren tausend Grad heisser Masse, könnte die Sache vielleicht gelingen. Vorausgesetzt, dass es hier nur einen flüssigen Kern gibt und nicht wie bei der Erde einen glutflüssigen äusseren und einen festen inneren Kern. Die Struktur des Planeteninnern ist noch lange nicht erforscht. Berichte darüber beruhen auf groben Schätzungen. Was bei allen Überlegungen leicht übersehen wird, ist der enorme Druck, der in den Tiefen der Planetenmasse herrschen muss und sich als ein grösseres Problem als die Temperatur erweisen könnte.

Inzwischen hat ein Werk, das auf die Herstellung von Isoliermaterial spezialisiert ist, den Auftrag zur Anfertigung und Erprobung eines gigantischen Schlauchs aus zwei gleichen Teilen mit je 8000 Kilometern Länge bekommen, die im Bereich des Planetenkerns jeweils als Druckschlauch mit feuerfester Ummantelung aus asbestähnlichem Material bestehen sollen. Der Durchmesser von rund anderthalb Meter soll auf der gesamten Schlauchlänge von stolzen 16'000 Kilometern beibehalten werden. Als Bohrmaschine ist eine Fräse vorgesehen, die als Prototyp bereits erprobt ist. Die Stromversorgung des Geräts erfolgt über Kabel, die später einmal zu Überseekabeln umfunktioniert werden könnten. Je eine Fräse soll auf den sich gegenüberliegenden Kontinenten eingesetzt werden. Sollte der Vorschub wider Erwarten an einem festen, metallenen Kern des Planeteninnern scheitern, würde das Projekt fürs Erste gestoppt. Tauchen die beiden Fräsen in die vermutete zähflüssige Masse ein, heisst es «halt». Ihre Arbeit ist getan und das Einschmelzen in der Masse erspart eine spätere Verschrottung. Die grösste Herausforderung des Unternehmens besteht nach Expertenmeinung im Zusammenfügen der Schlauchhälften im Zentrum des Planeten. Aber Aggregate von Sensoren sollen auch das ermöglichen.

Zwei Jahre sind vergangen. Beide Schlauchhälften sind bereits fertiggestellt, als bei Karondschek das Ausheben des Erdreichs beginnt. Jene Kleinstadt auf dem ‘Steinernen’ ist nämlich nicht nur Tabellenerster einer Fussball-Liga, sondern auch der Antipode zur Stadt Moghsunda auf dem Hauptkontinent. Auch dort wird mit dem Ausheben begonnen, und zwar im Bereich eines Grossmarkts für Agrarprodukte aller Art. Von Zeit zu Zeit stossen die Fräsen sozusagen im Rückwärtsgang zerbröseltes Gestein nach oben. Ein Material von unschätzbarem Wert für Gesteinsforscher! Mit dem gesamtem Aushub soll im Bereich der Nordostküste des Pojassod eine künstliche Insel aufgeschüttet werden. Inzwischen ist die Zeit gekommen, wo die Schlauchhälften mit Hilfe gigantischer Kräne in die Tunnelröhren eingeschoben werden.

Kaum ein Tambosirker hatte jemals an die Verwirklichung des NEJALUD geglaubt. Nach acht Jahren Bauzeit ist das Werk vollendet. Ein Glücksfall der Superlative, da offensichtlich kein fester Planetenkern vorhanden ist, an welchem das Projekt hätte scheitern können. Eine erste ‘interkontinentale’ Kapsel, die mit ein paar landesüblichen Produkten bestückt ist, wird losgeschickt und erscheint ein paar Stunden später völlig heil im Karondscheker «Rondell des Handels», der sich seit drei Monaten über dem Schacht erhebt und Antipode des «Palast der Begegnung» in Moghsunda ist. Beide Endstationen werden von Sicherheitskräften streng bewacht, damit keine unerwünschten Waren verschickt werden. Die Medien berichten über den ersten ‘Freien Fall’, nicht ohne auf die ungeheure Beschleunigung hinzuweisen, die ein Gegenstand auf seiner Reise bis zum Mittelpunkt des Planeten erfährt, um dann nach immer langsamer werdender Fahrt den Gegenpol zu erreichen. Bleibt zu erwähnen, dass alle in das Projekt eingebundene Tambosirker jeweils tausend Extrapunkte auf ihrem Konto gutgeschrieben bekommen.

Bald erweist sich der Superschacht insofern als rentabel, als ein Werk für Apparatebau in der Bezirksmetropole Ekewapob vorgefertigte Teile auf den Hauptkontinent ‘schiesst’.

Nun machen Kuriosa von sich reden. Im Gegensatz zum Hauptkontinent ist der ‘Steinerne’ nicht gerade mit einem bedeutenden Arbeitsmarkt gesegnet. Die Regierenden sind allerdings stets bemüht für alle Arbeitsfähigen eine sinnvolle Beschäftigung zu finden. So zum Beispiel gelangen durch den NEJALUD Schuhe der Gäste eines Moghsundaner Grandhotels zum Putzen nach Karondschek. Ein Glossenschreiber, für seinen meist jenseits des guten Geschmacks angesiedelten Humor bekannt, sorgt für allgemeines Entsetzen mit seinem Vorschlag das Nachtgeschirr einer Moghsundaner Altersresidenz zwecks Reinigung nach ‘drunten’ zu spedieren.

Auf dem Tambosirk entwickelt sich die Technik unaufhaltsam weiter, zum Guten und zum Schlechten. Erdenmenschen der ‘Zweiten Ankunft’ hatten Pläne zum Bau von Grossraumflugzeugen im Gepäck. Die in kurzer Zeit konstruierten ‘Giganten der Lüfte’ sollen vor allem dem schnellstmöglichen Transport von leicht verderblichen Waren aller Art dienen. Mit der Idee, dass sich die Superjets im Kriegsfall vorzüglich zum Truppentransport eignen würden, können sich die die meisten Tambosirker nicht so recht anfreunden.

NEJALUD verliert nach und nach an Bedeutung und gerät bei weiten Kreisen der Bevölkerung ins Reich der Bedeutungslosigkeit. Immerhin können die Tambosirker für sich in Anspruch nehmen, das grösste Bauprojekt aller Zeiten verwirklicht zu haben, mit Arbeitsgängen, wie sie normalerweise physikalisch-technisch gar nicht möglich sind.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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