Michael Waldow

Die rote Couch

Was Felix Jacob sah, war die reinste und schönste Liebe auf den ersten Blick. Und diese Liebe galt definitiv diesem roten kuscheligen Ding, das im Schaufenster des Möbelhauses stand und ihn anflehte, dass er sich auf sie legen solle. Felix war kein Möbelfetischist, aber diese Couch, dieses geniale Flachlegeding ging ihm durch Mark und Bein. Er musste sie kaufen, er musste sie haben, koste es, was es wolle. Er wusste in diesem Moment, dass sein Leben von dieser Couch abhing, seine gesamte Existenz. Also beschloss er sofort, ohne jede Zuckung dieses Möbelstück vom Fleck weg zu zu kaufen. Zu Hause würde er für sein Kleinod schon Platz schaffen oder etwas anderes musste weichen. Ihm war egal was weichen musste. Hätte ihn jemand in diesem Moment gefragt, warum er auf diese Idee gekommen war und was an der Couch Besonderes dran sein sollte, da sie ja immerhin sechs Monate im Schaufenster vor sich hindämmerte, hätte Felix auch keine Antwort gehabt. Er brauchte keine Antwort, er brauchte nur diese Couch, sie war für ihn perfekt gemacht. Der Verkäufer guckte nicht schlecht, als der junge Mann zielgerichtet diese komische Couch kaufte, die bis jetzt niemand kaufen wollte. Sie war zum Ladenhüter geworden und man überlegte schon sie zu verschenken. Sie zu beschreiben war durch ihre Schlichtheit unmöglich, es war halt eine Couch mit seitlichen Armlehnen, nur das Rot schien ein wenig zu rot zu sein. Felix bestand auf sofortige Lieferung und legte als Bonus 300 € freiwillig hin, damit das Teil umgehend an die angegebene Adresse ging.

Zu Hause angekommen, guckte seine Frau nicht schlecht und wusste mit dem Teil nichts Rechtes anzufangen, passte doch weder die Farbe noch die Gestaltung zu irgendeinem Zimmer, außerdem hatten sie doch eine Couch. Marina versuchte ihren Mann mit allen Mitteln dazu zu bewegen, das Teil zurückzugeben, was in einen mörderischen Krach endete und Felix, die Couch in sein Arbeitszimmer stellte. Ein Schrank, sein Bürostuhl und der kleine Tisch landeten flugs auf der Straße. Das Arbeitszimmer sah irgendwie nicht betretbar aus mit der roten Couch, doch Felix kullerte sich wie eine junge Katze auf der Sitzfläche und stieß seltsame Töne aus. Marina schwankte zwischen Mitleid und Angst, konnte sie sich das merkwürdige Verhalten ihres Mannes kaum noch erklären und das war erst der Anfang.

In den folgenden Wochen ging eine seltsame Wandlung mit Felix vonstatten. Zunehmend schlief er auf seiner Couch und ließ auch niemanden in die Nähe. Als Marina versuchte, das Teil zu säubern, flippte Felix beinah aus und untersuchte akribisch die Couch nach irgendwelchen Schäden. In seinen Gesprächen stand immer mehr dieses Ding im Mittelpunkt und Marina hätte schwören können, dass er heimlich mit der Couch sprach. Nach und nach räumte Felix sein Zimmer aus, sodass nach vier Wochen nur noch die Couch in der Mitte des Zimmers stand. An der Wand hunderte Fotografien, sogenannte Selfies von ihm und der Couch. Irgendwann kündigte er seine Arbeitsstelle, weil er nicht länger als zwei Stunden ohne seine Couch leben konnte. Zunehmend bemerkte Marina den Verfall Felix‘, konnte aber nichts dagegen tun, da er seine Aufmerksamkeit nur noch der Couch zuwandte. Sie beschloss sich von Felix zu trennen, so konnte es nicht mehr weitergehen, mit seiner Kündigung hatte Felix eine Grenze überschritten.

Felix bekam zunehmend Depressionen, weniger wegen Marina, die ständig ihm irgendwelche sinnlosen Gespräche aufhalsen wollte, sondern mehr wegen seiner Angst um die Couch. Er wusste, dass draußen in der Welt nur Typen lauerten, die ihm seine Couch stehlen wollten. Doch Felix war klug und hatte sich längst aus dem Darknet ein Gewehr organisiert, mit dem er seine Couch verteidigen konnte. Niemand würde es wagen, seine geliebte Couch auch nur zu berühren. Es war ihm egal, dass sich Marina scheiden lassen wollte, er hatte mit der Couch alles, was er brauchte. Sie war seine Muse, seine Glückseligkeit.

Gerrit Büchner hielt sich für einen realistischen Typ. Das brachte ihn zwar bei Frauen nicht weiter, aber es gab ihm innere Sicherheit und Wohlbefinden. Er glaubte weder an Gott noch Teufel und hielt auch Geister oder esoterische Kräfte für ein vom Menschen geschaffenen Humbug.  Er konnte sich in seinem Beruf auch nicht vorstellen, anders zu sein und beäugte seinen Assistenten argwöhnisch, der sogar heimlich Tatorte auspendelte. Natürlich hielt der Assistent es vor ihm geheim und natürlich wusste er auch, dass Kommissar Büchner es wusste. Es war ein nicht vereinbartes Stillschweigen zwischen ihnen, das aber auch keine Freundschaft zuließ. Harald Clemens, sein Assistent, war ansonsten recht patent und geistig beweglich und nur deshalb hielt es Gerrit neben diesen Mann aus. Gerrit schaute angestrengt auf die Fahrbahn und hätte am liebsten umkehren wollen. Kaum zwei Stunden Schlaf und schon beorderte man ihn zum nächsten Tatort. Man müsste die Mörder für diese Rücksichtslosigkeit mir gegenüber noch einmal extra verurteilen‘, dachte er und wurde sich im selben Moment der Lächerlichkeit seines Wunsches bewusst. Irgendwie war er trotzdem frustriert, als die Zentrale ihn vor einer Stunde aus dem Schlaf klingelte. „Du musst zum Tatort“, beschwor ihn sein Vorgesetzter, „Harald bekommt es nicht in den Griff.“  „Harald?“, Gerrit schüttelte den Kopf, „Ein Profi kommt nicht zurecht?“ Erst jetzt begriff er die Tragweite.  Es musste ungeheuerliches passiert sein. Sein Körper straffte sich, er war gleich da. Die Blaulichter wiesen ihm die letzten Meter. Gerrit stieg aus dem Auto aus und hörte in die Stille. Es war eine unheimliche Stille und ihm fiel fröstelnd auf, dass nicht einmal Vogelstimmen zu vernehmen waren. Noch bevor er sich einen Reim darauf machen konnte, wurde die Stille durch ein würgendes Geräusch unterbrochen. Gerrit erfasste die seltsame Szenerie vor dem Haus der Jacobs. Unmittelbar neben dem Eingang stand eine Frau völlig apathisch in Kittelschürze mit einem großkalibrigen Gewehr, das nach unten baumelte. Neben der Frau kniete Kommissar Clemens und würgte lange Fäden aus dem Mund. Ein Zinksarg befand sich umgestoßen auf dem Rasen und zwei schwarz gekleidete Typen standen unwirklich halb schräg daneben, lehnten sich am Leichenwagen und schüttelten wie von Sinnen den Kopf. Einer von ihnen brach kurz darauf zusammen. Gerrit ging auf das Haus zu. Aus den Augenwinkeln sah er zwei Sanitäter am Notarztwagen hocken. Der kleine Dicke hatte das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, der andere schlug mit dem Kopf immer wieder langsam an die Seitenfront des Krankenwagens.


 Als Gerrit durch die sperrangelweite Tür des Hauses trat, dachte er für einen Moment an die wie aus Stein gemeißelte Hausfrau mit dem baumelnden Gewehr und wunderte sich über sich selbst, dass er an ihr vorbeigegangen war. Er bog nach dem kurzen Flur in das Arbeitszimmer von Felix Jacob und ihm bot sich eine eigenartige Szenerie. In dem Raum war bis auf ein mit einem blutigen Tuch abgedeckten Etwas, das wie eine Couch aussah und einem Fernseher absolut nichts. Merkwürdig waren die hunderten Selfies an der Wand, die einen Mann in allen möglichen Positionen auf und neben der Couch zeigten. Gerrit bemerkte den riesigen Blutfleck vor der abgedeckten Couch und es schien aus dem Möbelstück immer noch zu tropfen. Hinter der Couch an der Wand befanden sich großflächige Blutspritzer, der Raum war abgedunkelt, sodass sich Gerrit erst langsam an die Dunkelheit gewöhnen musste. Gerrit betrachtete den Fernseher, ging neugierig auf den Bildschirm zu und konnte es sich nicht verkneifen darauf zu stupsen. Ungläubig schaute er sich das auf den Monitor geklebte Bild. Es war eine große rote Couch in einem völlig schwarzen Raum. Ein in Weiß gekleideter Forensiker betrat mit sichtlichem Würgereiz den Raum. „Was ist denn hier passiert?“, entfuhr es Gerrit. Der Forensiker ging auf die Couch zu. Gerrits Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und er bemerkte, dass die Abdeckung seltsam spitze Erhebungen im zweiten Drittel aufwies. Der Forensiker zog die Abdeckung mit einem Ruck ohne Hinzusehen weg. Der Anblick, der sich Gerrit bot, bohrte sich in sein Gedächtnis und er wusste sofort, dass er dieses Bild nie wieder loswerden würde. „Wo ist der Rest der Leiche?“, fragte er mit aufkommenden Würgereiz. Der Forensiker schaute immer noch weg, „Das ist die gesamte Leiche. Das Ding wurde erschossen mit drei Schrotladungen von der Frau, die da draußen seit einer Stunde bewegungslos steht.“ Gerrit schaute sich die Couch näher an. Ein Mann schien in das Ding hinein gefädelt zu sein, das Gesicht war mit der Armlehne förmlich verwachsen, die Beine staksten durch die Sitzfläche nach unten, eine Hand lag auf der Sitzfläche, zwischen den Fingern wuchs der rote Stoff, die andere Hand war bis zum Oberarm mit Stoff und Bast durchzogen, die Knochen schienen mit den Holzverstrebungen verwachsen zu sein. Irgendwelche gebrochene Holzlatten staksten in die Höhe. In der Mitte der Couch oder besser gesagt, da wo die Brust des Körpers sein musste, lag das zerfaserte Herz des Toten, das ebenfalls von rotem Stoff durchzogen war. Die Venen und Aortenadern verliefen sich im Inneren der Couch. Drei große Löcher gingen durch die Couch, einer durch die Sitzfläche und zwei durch die Lehne. Es waren wie Schusseintritte, faserig zerfetzt aus denen noch langsam Blut tropfte, obwohl kein Körperteil erfasst wurde. Der Schuss durch die Sitzfläche ließ so etwas wie einen Darm nach unten baumeln, aus dem brauner Schleim heraustrat, der einen seltsam ekligen Geruch ausbreitete.

Als Gerrit aus dem Haus kam, um Luft zu schöpfen, war er wie benommen und ging auf Harald zu. Der hatte sich zwar inzwischen gefangen, aber sein weißes Gesicht wurde noch wesentlich blutleerer als er Gerrit anschaute. Dessen schwarzes Haar war inzwischen fast schlohweiß geworden. „Es sieht aus, als hätte die Couch ihn gefressen“, flüsterte Harald. Gerrit schaute Harald intensiv an. „Oder er hat sich körperlich mit der Couch vereinigt. Wichtiger ist, hat die Frau die Couch oder den Mann erschossen“, murmelte Gerrit. Ein Forensiker trat an die beiden heran. In seinem Gesicht war die Fassungslosigkeit zu lesen. „Also, ich glaub jetzt nicht, was ich sage, die Couch war der Mann, oder der Mann war die Couch, sie bestehen aus demselben Gewebe, Eiweiß, Fette, Stoff, Watte, Bast und all dem anderen Zeugs von Möbelstücken und menschlichen Fleisch und Eingeweiden. Das ist alles miteinander verwoben, man kann es nicht trennen. Die Frau hat einen Couchmann erschossen, ein lebendes Ding“, schüttelte er hilflos den Kopf. „Und war das jetzt Mord?“, fragte ungläubig Harald. Gerrit zuckte die Schultern „Ich würde es Altmöbelentsorgung nennen, oder?“ Die Vögel waren immer noch nicht zu hören und die Männer schwiegen. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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