Monika Jarju

Monsieur, aber wo ist das Leben (3)

Warum ruft er nicht an, dachte sie. Da hatte sie schon zwei Mails im Postfach, eine SMS auf dem Handy und einen anonymen Anruf. Er schrieb: „Ich habe Sehnsucht nach dir. Je T embrasse très très fort. Wartest du morgen mal in der U-Bahn auf mich?“
In einer klaren Frühlingsnacht liefen sie lange durch die Straßen. Die Luft duftete, Bäume blühten. Er umarmte sie, hob sie hoch, wirbelte sie herum. „Ich hoffe, dass ich mit dir an die Elfenbeinküste fahre. Am Wochenende wäre ich mit dir am liebsten nach Hamburg gefahren, ich bin manchmal so spontan.“, verriet er. Sie drückte ihm ein Konfekt in die Hand, Rocher, nicht Mon Cherie.
„Wo ist das wirkliche Leben?“, rief er erregt an einer leeren Straßenkreuzung. Kein Mensch lief vorbei, kein Auto fuhr. Er schlug seinen Mantelkragen hoch. „Auf Guadeloupe tanzen sie jetzt Samba“, sagte er und tänzelte ein paar Schritte vor der Bank. „Und nun?“, fragte sie. „Nach meiner ersten Heirat wegen Papieren, der zweiten wegen Kindern, möchte ich jetzt etwas Schönes, nichts Anstrengendes mehr“, sagte er. Er hatte die Nase voll vom Eheleben genau wie sie. Wollte sie mit ihm etwas anfangen, überlegte sie unschlüssig. Wie beiläufig legte er den Arm um sie, streifte ihre Taille, klopfte ihr auf den Rücken, fuhr durch ihre langen Haare. Er seufzte resigniert. „Ich bin zu dick“, gestand er. „Liegt es am Essen?“ – „Wegen dem Fou-Fou meinst du“, fragte er kleinlaut zurück. Sie nickte. „Wenn ich dich jetzt nach Hause bringe, schaffe ich keine Bahn zurück“, sagte er und blickte verlegen zur Seite. „Stimmt!“, antwortete sie lakonisch. Der Kuss fiel ohne Umarmung aus. Sie stieg in den Zug. Er winkte ihr lange nach.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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