Peter Biastoch

Stroh zu Gold

Wir schrieben damals das Jahr der Doppelzwanzig. Später ging es in die Geschichtsbücher ein, als das Jahr der Corona-Pandemie. Schon seit jahrzehnten hatten wir uns alle an den frühherbstlichen Anblick der Strohrollen auf den abgeernteten Getreidefeldern gewöhnt. Doch in diesem August war etwas anders.

Zuerst fielen mir die andersartigen Rollen auf, die ich auf einem Feld entdeckte. Stroh auf Garnspulen? Also nichts wie die Fototasche geholt und noch einmal dort hin gefahren! Und das sah ich es dann, aus nächster Nähe – das war kein Stroh mehr, was man dort aufgewickelt hatte. Es sah aus, als wären die Fäden aus Gold!

Ich weiß zufällig, welchem Landwirt dieses Feld gehört und so fuhr ich sofort zu ihm und stellte ihn zur Rede. Was ich da erfuhr war so unglaublich, dass ich mir an den Kopf gegriffen hätte, wären da nicht tatsächlich diese Spulen auf seinem Feld. Doch langsam und der Reihe nach. Was hatte er mir erzält?

Bei Bauarbeiten an seinen Ställen, war er unter dem Dach auf eine Kiste gestoßen, in der sich, unter anderem ein uraltes Märchenbuch befand. Irgendwann blätterte er dann, in einer stillen Stunde darin und entdeckte altdeutsch geschriebene Randnotizen. Besonders bei dem Märchen vom Rupelstilzien waren diese zu finden.

Mal abgesehen, dass dieses Buch eine Erstausgabe der Sammlungen, der Gebrüder Grimm war, elektrisierte ihn, was da notiert war. Es handelte sich um eine detaillierte Beschreibung, wie man aus Stroh Gold spinnen kann!

Alle möglichen Geistesgrößen hatten sich schon am Wahrheitsgehgalt der Grimmschen Märchen versucht. Besonders die Psychiater und Psychoanalytiker waren da sehr emsig. Doch aus dieser Richtung hatte sich wohl noch nie jemand diesen Texten genähert. Wie mir der Landwirt erklärte, kamen ihm all die beschriebenen Techniken mehr als bekannt vor. “Was dort beschrieben war, kenne ich alles von unserer modernen Rundballenpresse.” Es gab lediglich eine Kleinigkeit an der modernen Maschine, zum aufwickeln des Strohes, zu verändern und schon würde man nicht mehr einfach das Stroh aufrollen, sondern einen Goldfaden erhalten, den man schließlich nur noch auf eine Spule zu wickeln brauchte.

Also baute er seine Ballenpresse um und machte einfach einen Versuch, auf eben diesem Feld, das ich gesehen hatte. Alles funktionierte problemlos und so liegen nun auf seinem Feld sieben volle Spulen mit Goldfaden. Natürlich hat er diese sofort, nach unserer Unterhaltung vom Feld geholt. Schließlich würde das nicht nur mir auffallen!

Doch es war bereits aufgefallen. So kam es, dass sich diese Technik des Goldspinnens rasant verbreitete. Schon wenige Tage später gab es kein Getreidefeld mehr, auf dem sich noch gewöhnliches Stroh vorfand. Alles wurde zu Gold verarbeitet und augenblicklich in die Scheunen gebracht. Selbst die bis dahin gepressten Strohballen wickelten die Bauern wieder auf und verarbeiteten sie zu Gold!

Bis zu diesem Moment hatten sich viele Leute Sorgen um ihre Ersparnisse gemacht und, aufgrund des „lockdown“, versucht ihr Geld sicher anzulegen. Unter anderem kauften viele Gold! Der Preis für eine Feinunze Gold war zu diesem Moment auf nahezu 2000 € gestiegen. Dann kam das gesponnene Gold in den Handel. Wer in diesem Moment noch versuchte, sein Geld in Gold anzulegen, erlebte eine herbe Enttäuschug, denn der Goldpreis ging rasend schnell in den Keller und blieb bis heute dort.

Auf der anderen Seite fehlte nun doch tatsächlich das Stroh! Nicht nur als Einstreu, in den Ställen, sondern auch als Futtermittel. Damit ging die Tierproduktion drastisch zurück, was sich in den Fleischpreisen niederschlug. Wer kann sich heute noch so einfach ein Stück Rind-, Schweine-, oder anderes Fleisch leisten?

So kam es, dass in Folge dieses Goldrausches, Stroh im Preis stieg. Es ist inzwischen so teuer geworden, wie es früher einmal das Gold war. Inzwischen ernten die Landwirte schon lange wieder Stroh, ohne es zu Gold zu spinnen.

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