Monika Litschko

Die Kamera - Das vierte Medaillon Teil 7

„Bist du sicher?“, fragte Marius. „Wir können uns keinen einzigen Fehler erlauben.“
„Ich bin mir sicher. Der Tod macht müde und ich erinnerte mich nicht gleich an alles. Ich wurde nicht sofort zu einer Sterblichen. Vielleicht wäre ich damals eine weiße Hexe geblieben, aber Ida wurde immer stärker. Die Angst, dass meiner Familie etwas zustoßen könnte, war schlimmer als der Tod. Melanie wurde irgendwann immer stiller und bekam Angst vor schwarzen Mänteln und Jacken. Da wusste ich, dass Ida in ihrer Nähe war. Noch konnte sie meinem Kind nichts anhaben und ich beschloss, zu gehen. Ben nahm ich das Versprechen ab, falls mir etwas geschehen würde, das Medaillon gut zu verstecken und es unserer Tochter an ihrem zwanzigsten Geburtstag zu geben. Er lachte, aber ich blieb hartnäckig. Schließlich versprach er es mir. Als Melanie drei Jahre war, kochte ich einen Trank und weihte ihn mit dem Medaillon. Danach entweihte ich ihn und leerte das Glas, danach war mein irdisches Leben bald vorbei. Aber das Medaillon hat viele Kräfte. Auch die Kraft, mir meine alten Fähigkeiten für kurze Zeit zurückzugeben, da es mich erkennen wird. Und sicher werdet ihr mich noch fragen, warum ich nicht bei meiner Familie geblieben bin, um das Medaillon zu schützen!"
Ich nickte, denn daran hatte ich auch schon gedacht. "Die Frage hätte ich bestimmt noch gestellt."

"Wenn die Schatten aus uns heraustreten, werden sie zu Statuen und zerfallen. Dieses ist nun nicht geschehen. Natürlich würden sie gerne in ihre Wirte zurückkehren, aber das dürfen wir nicht zulassen, da das Böse der Schatten uns zerstören würde, da sie bei hrem Austritt unberechenbar werden. Es wäre ein ewiger Kampf mit Ida gewesen, bei dem ich jedes Mal einen Teil meiner Kraft eingebüßt hätte. Ich hätte das Medaillon nicht schützen können, nicht meinen Mann und nicht mein Kind. Aber mit meinem Tod, unterbrach ich die Verbindung zum Medaillon und es konnte an Melanies zwanzigsten Geburtstag wieder aktiv werden. Eigentlich dachte ich, dass mein Schatten mich suchen würde. Ein Unterfangen, welches unmöglich ist. Leider ist es anders gekommen."

Mir fiel ein, dass Ben das Medaillon Melanie gegenüber erwähnt hatte, aber er hatte es ihr nie gegeben, obwohl er es wollte.  Er schien sein Versprechen, es ihr an ihrem zwanzigsten Geburtstag zu geben, vergessen zu haben, da er es erwähnt hatte. Es war leichtsinnig von ihm gewesen, das Medaillon auf dem Dachboden zu verstecken, aber er konnte ja nicht wissen, wie mächtig es war. Andererseits musste Melanie gewusst haben, dass das Medaillon in dem Karton war. Mir kam der Gedanke, dass sie irgendwann diesen Karton gefunden haben musste, dem Medaillon aber keine große Bedeutung beigemessen hatte. Es ging ihr nur um das Bild ihrer Mutter. Iris hatte sie neugierig gemacht mit ihrer Fragerei und Melanie hatte instinktiv das Medaillon in Sicherheit gebracht. Gutes Mädchen.

„Marius, wie lange kannst du die Zeit anhalten?“, fragte ich.
„Bis Jana in Melanies Zimmer ist, mehr geht nicht. Wir werden nicht wahrgenommen, aber Jana. Aber auch wenn die Zeit stillsteht, werden sie etwas sehen, können es aber nicht zuordnen. Ich befürchte aber, dass Ida sehr wohl alles mitbekommen wird. Die gute Nachricht ist, dass sie aus Iris nicht herauskann, denn die Zeit lässt nicht mit sich kämpfen. Die schlechte Nachricht, Jana muss dann sehr schnell sein.“
„Könntest du die Zeit nicht länger anhalten?“
„Nein, denn alles, was dann passiert, muss in Echtzeit geschehen.“
„Wie soll sie ins Haus gelangen? Ich meine, wir gehen durch Wände und Türen. Jana kann das nicht.“
„Das solltet ihr mir überlassen“, antwortete Senoknanok. „Ich öffne Türen in jeder Dimension und Lebenslage. Aber du solltest uns jetzt wieder zu den Floyds bringen. Jana, ich werde dich auf den Arm nehmen müssen……
„Schon gut, das war mir klar“, antwortete sie lächelnd. „Dann los.“


Wir standen wieder im Garten der Floyds. Es war immer noch sehr warm, aber es wehte ein leichter Wind, der es erträglicher machte. Bevor Senoknanok die Tür öffnete, stellte ich Jana noch eine Frage.

„Jana, warum wurden die anderen Medaillons aktiviert? Ich dachte, sie wären nicht von Belang.“
„Ich weiß es nicht. Eigentlich kann nur Melanies Medaillon dieses bewirken. Aber da sie noch keine weiße Hexe ist, kann es nicht sein. Es sei denn, Ida hat einen Weg gefunden, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Das stärkste Medaillon ist in Melanies Besitz und nicht in Idas. Um das Tor hinter den Spiegeln zu öffnen, reicht ein einfacher Zauber. Aber das Böse kann nicht in diese Welt gelangen, denn dafür braucht sie alle vier Medaillons. Wenn sie es dennoch geschafft hat, hat sie den Familien schlimmes angetan. Es sind immer Mädchen, die das Medaillon gegen den Rahmen drücken. Dabei schauen sie in Abgründe, die restlos dunkel und verstörend sind. Ihre Familien verfallen in eine Art Starre und erleben das gleiche Szenario.“
„Hätte das Medaillon auf Idas Zauber reagieren können, nur weil es im Haus war?“, hakte ich nach.
„Ja, aber dann hat Ida sich sehr viel Macht angeeignet. Wenn die vier Medaillons sich verbinden, brennen sich drei in die Rahmen der Spiegel und das Böse kann kommen.“
Ich erzählte, dass ich Iris beobachtet hatte, als sie oben auf dem Flur Kerzen anzündete und etwas in einer fremden Sprache flüsterte.
„Dann hat sie es doch geschafft“, sagte Jana aufgeregt. „Ich muss zu Melanie und das Medaillon an mich nehmen. Noch haben sich die Medaillons nicht verbunden, sondern nur den Kontakt zueinander gesucht.“
„Da ist noch etwas“, mischte sich Marius ein. „Diese Wesen müssen auf unsere Seite gelangen, damit Senoknanok sie endgültig ausschalten kann. Wenn er das nicht tut, werden die Spiegel und auch die Medaillons, immer eine Gefahr sein. Irgendwann werden sie in andere Hände gelangen und alles beginnt von vorne. Die Tore zu schließen, reicht nicht. Ich muss sie verschwinden lassen.“
„Ja, das ist mir jetzt auch klar“, antwortete Jana. „Also, wenn wir schaffen, was wir vorhaben und die Medaillons sich verbinden, wird es die Höllenbrut hierhin ziehen. Die Schatten riechen uns weiße Hexen und die Kraft des Medaillons. Sie werden alles tun, damit es vernichtet wird. Denn ist das Medaillon vernichtet, bleiben die Tore für immer auf. Der Gedanke daran macht mich traurig, denn es ist Melanies Erbe.“
„Wird sie ihre Fähigkeiten verlieren?“, fragte ich.
„Nein, das wird sie nicht. Ein anderes Medaillon wird Melanie finden und sich mit ihr verbinden. Höchstwahrscheinlich wird mein Kind auf eine weiße Hexe treffen und es von ihr erhalten. So wie es nun geschehen wird, ist es gut.“
„Dann sollten wir anfangen“, sagte Senoknanok und legte die Hand auf den Türknauf. Ein warmes Licht schimmerte auf und die Tür öffnete sich.
„Die Zeit rennt“, mahnte Marius. „Du solltest gehen.“

Wir betraten das Haus uns sahen uns um. Ben saß am Küchentisch, vor sich ein Sandwich und eine halbvolle Flasche Bier. Iris war im Begriff nach oben zu gehen, denn ein Bein war angehoben. Dass Ida alles mitbekam, sah ich in Iris Augen, in denen sich blankes Entsetzen spiegelte, als Jana an ihr vorbeieilte. Jetzt musste alles sehr schnell gehen, denn in ein paar Sekunden würde die Zeit wieder normal laufen. Ich folgte Jana und gemeinsam betraten wir Melanies Zimmer.


Melanie lag auf dem Bett und hörte Musik. Jana kämpfte mit den Tränen, als sie ihr Kind sah, aber ich gab ihr zu verstehen, dass sie sich beeilen musste. Als Melanie sie endlich bemerkte, wich alle Farbe aus ihrem Gesicht und sie zitterte wie Espenlaub. Bevor das Mädchen schreien konnte, griff Jana in die Tasche ihrer Jeans, nahm das Medaillon an sich und legte es auf Melanies Stirn. Als alles Leben aus Melanie wich, fuhr Janas Seele in den Körper ihrer Tochter. Ihr eigener Körper, der aus dem Reich der Toten zu uns gekommen war, löste sich auf und verschwand im Nirgendwo.

Jana schlug die Augen auf und steckte das Medaillon wieder in die Hosentasche, nur, um es gleich wieder hervor zu holen. Mutig legte sie es um ihren Hals und knöpfte die Bluse zu.
„Komm nur, Ida“, murmelte sie „der Kampf kann beginnen.“

Die Zeit schien wieder normal zu laufen, denn ich hörte Schritte. Mit der Kamera auf der Schulter trat ich auf den Flur und ging zur Treppe. Was ich sah, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ben lag bewusstlos auf dem Boden und Iris kroch auf allen Vieren nach oben. Stufe für Stufe, den Mund weit geöffnet. Der Schatten schien verwirrt, denn er floss aus Iris heraus und gleich wieder hinein.

„Ida glaubt ihren eigenen Wahrnehmungen nicht“, sagte Marius, der plötzlich hinter mir stand. „Sie wird sich jetzt sammeln, denke ich.“
„Das wird sie“, antwortete ich müde. „Wo ist Senoknanok?“
„Er wartet draußen, damit sie nicht entkommen. Er ist einmalig, denn er hat sein eigenes Ich, aus allen Vergangenheiten zu sich gerufen, damit sie mit ihm kämpfen. Die Reise zum Anbeginn der Zeit hat ihn wachsen lassen.“
„Er wird die meiste Arbeit haben, wenn alles funktioniert.“

 

Ida gewann wieder an Macht und richtete sich auf. Sie ging zu dem ersten Spiegel und schrie obszöne Beschwörungsformeln, bis in alle drei Spiegel Leben kam. Die Spiegel brannten von innen und die Schatten traten hervor.
„Es kann beginnen“, flüsterte sie. „Macht euch bereit, diese Welt wird bald uns gehören.“

„Nein, wird sie nicht.“
Jana stand auf dem Flur und schaute Ida provozierend an. „Diese Welt gehört euch nicht. Ihr seid nur die Schatten aller guten weißen Hexen, die ihr umgebracht habt.“
„Ich habe also richtig gesehen“, krächzte Ida. „Wie hast du das geschafft und wo ist Melanie?“
„Melanie ist fort und der Rest geht dich nichts an.“
„Dann hast du das Medaillon?“
„Ja, ich habe es.“
„Gib es mir.“
„Nein, das werde ich nicht tun.
„Gib es mir.“

Wir nahmen Bewegungen wahr. Senoknanoks Ichs aus den Vergangenheiten, hatten sich im Haus verteilt und warteten mit uns, auf die Invasion der Schatten.

©Monika Litschko
 

 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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"Schmetterlinge im Kopf und Bauch" ist mein holpriger lyrischer Erstversuch. Mit Sicherheit merkt man, dass es keine Lektorin gab, wie übrigens auch bei den anderen beiden Büchern nicht. Ungeordnet sind viele Gedichte, Gedankenansätze, Kurzgeschichten chaotisch vermengt veröffentlicht worden. Ich würde heute selbstkritisch sagen, ein Poet im Aufbruch. Im Selbstverlag gedruckt lagern noch einige Exemplare bei mir. Oft schau in ein wenig schmunzelnd in dieses Buch. Welche Lust am Schreiben von spontanen Gedanken ist zu spüren. Ich würde sagen, ein Chaot lässt grüßen.

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