Christa Astl

Schlangenadler

 

 

Viele Indianerstämme leben noch in kleinen Gruppen in ihren Reservaten. Dort versuchten sie nach alter Tradition zu leben. Wenn sie zu weit von einer Stadt entfernt leben, brauchten die Kinder auch nicht in die Schule zu gehen. Zu Hause lernten sie allerdings ganz andere Sachen, die in ihrem Leben in der wilden Natur wichtiger waren als Schreiben, Lesen und Rechnen. Buben saßen auf dem Pferd, sobald sie richtig laufen konnten, sie übten mit Pfeil und Bogen auf Ziele zu schießen, benutzten ihre Messer zum Schnitzen, und konnten es kaum erwarten, mit ihren Vätern auf die Jagd zu gehen.

Die Mädchen blieben zu Hause, lernten früh Körbe zu flechten, im Garten und auf dem Feld mitzuarbeiten und das Essen zuzubereiten. Dazu machten sie Teller und Schüsseln aus Ton, später lernten sie das Nähen und Sticken, denn die genähten Kleider sollten ja auch sehr schön werden.

Im Indianerdorf gab es immer viele Kinder, die auch nach Herzenslust zusammen spielen und herumtollen konnten. Oft machten sie Wettspiele, wo die Stärksten, Schnellsten, Mutigsten als Sieger hervorgingen. Sie bekamen kleine Preise, wichtiger aber war ihnen, dass sie von den Erwachsenen auch gelobt und von den Kindern bewundert wurden. Denn davon hing ihr späterer Name ab.

Indianerkinder bekommen mehrmals in ihrem Leben einen Namen: Als Baby gibt ihnen die Mutter einen Namen, später werden sie nach ihren besonderen Fähigkeiten benannt, wie Waches Auge, Schneller Bote, Leiseschleicher, sofort wusste jeder, was der Träger des Namens besonders gut konnte. Wenn sie sich dann auf der Jagd oder in einem Krieg durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet hatten, erhielten sie nochmals einen Namen, den sie dann ihr ganzes Leben mit Stolz trugen. Bärentöter, Adlerauge, Flinker Hirsch, Wolfsfänger, Büffelhorn, … diese Namen erzählten, was sie in ihrem Stamm geleistet hatten.

Der kleine Najo lebte mit seinen Eltern, Onkeln, Tanten und deren Kindern auch in einem Wigwam, das sind die großen Wohnzelte. Die Mädchen hatten mit den Frauen  Arbeit im Haus, webten und nähten, die Buben übten ihre Kriegsspiele, um einmal einen berühmten Namen zu bekommen. Sie kümmerten sich auch um die Pferde und lernten früh genug das Reiten. Najo allerdings hatte Angst vor den Pferden. Angst, dass ihm eines auf den Fuß steigen könnte, dass es ihn beißen könnte, und auf ein Pferd zu steigen getraute er sich überhaupt nicht. Stattdessen bastelte er lieber kleine Tipis, die er seinen Schwestern schenkte, und Waffen für ihre Puppen. Die andern Buben meinten erst: du bist noch zu klein, und nahmen ihn nicht mit. Doch im Jahr darauf war es nicht anders. Schließlich fragten ihn die Kinder gar nicht mehr, wenn sie sich auf Kriegspfad begaben. Meist mussten sie ja zuerst ein Stück reiten, um weit genug vom Dorf weg zu kommen. Die wollten nicht, dass die Eltern zuschauten. Oft genug fiel eines vom Pferd, schoss am Ziel vorbei, und die Großen würden sie nur auslachen!

Najo schaute ihnen nur nach. Er wäre schon gerne dabei gewesen, aber er traute sich nicht. Er wollte auch gerne Krieger sein und einen guten Namen haben. In seinen Träumen nannte er sich Roter Adler, und malte sich eine rote Adlerfeder auf die Hände und Arme. Einen Adler hatte er allerdings erst von weitem einmal gesehen. Er malte sich aus, wie er als wilder Krieger gegen die Feinde kämpfen würde, sogar einen Bären würde er besiegen, ohne das kleinste bisschen Angst zu haben.

Eines Tages waren seine Träume so stark, dass er den ganzen Tag daran denken musste. Schließlich nahm er seinen Bogen, den er mit wunderschönen Mustern bunt bemalt hatte, den Köcher mit einigen gut gespitzten Pfeilen und sein Messer mit und machte sich auf den Weg. Er wollte allein ein großes Abenteuer bestehen, dann würden die anderen schon sehen, dass er kein kleines Kind mehr war.

Ein Stück lief er über die ebene Wiese, doch dann kam er ins höhere Gras, das ihm die Sicht auf sein Dorf nahm. Najo merkte es nicht, er dachte ja nicht ans Heimgehen, er suchte das Abenteuer. Auf einmal raschelte es neben ihm, erschrocken schaute er auf den Boden, eine Schlange glitt schnell vorbei und verschwand im Gebüsch. Nun begann er zu schleichen, wie er es von den Größeren gesehen hatte. Mit allen Sinnen achtete er darauf, was um ihn herum passierte. Wieder passierte was: ein Häschen sprang auf und hoppelte in Eile vor ihm her, bevor es ein Versteck fand. Denn schon kam sein Feind, ein Fuchs. Ein Sprung, doch das Häschen war weg. Najo freute sich und lachte laut über den Fuchs. Plötzlich war der Fuchs weg, er hatte die Gefahr rechtzeitig erkannt. Die Schlange, eine Klapperschlange, tauchte wieder auf. Najo hörte sie, das Herz blieb ihm fast stehen. Er dachte an seine Waffen. Doch mit denen konnte er keine Schlange erlegen. Das Messer war stumpf, Pfeil und Bogen nicht geeignet, aus nächster Nähe eine Schlange zu töten. Davonlaufen würde nichts nützen, die Schlange wäre vielleicht schneller? Najo blieb wie versteinert stehen. Nicht einmal schreien konnte er in seiner Angst. Er sah einen Adler über sich kreisen. Oder war es ein Geier, der darauf wartet, sich auf Najo zu stürzen, wenn er nach dem Schlangenbiss sterben würde. Er streckte seine Arme hoch empor, zeigte die aufgemalte Adlerfeder zum Himmel. Hilf mir, ruft er in Gedanken.

Immer noch kreiste der Adler, doch langsam senkte er sich tiefer. Plötzlich sauste er wie ein Pfeil mit angezogenen Schwingen senkrecht nach unten, genau auf Najo zu. Jetzt ist es aus mit mir, dachte Najo. Ich werde meine Eltern und die anderen Kinder nie wieder sehen. Doch nein, nicht Najo wurde Beute des Adlers, der packte mit seinem kräftigen Schnabel die Schlange und wollte sich mit ihr in die Luft erheben. Doch sie entwand sich ihm. Oder war der Adler so erschrocken, weil Najo plötzlich seine Stimme wieder bekommen hat und aus Leibeskräften zu schreien begann? Der Adler hatte die Schlange fallen lassen, doch war sie bereits tot. Najo wartete eine Weile, nichts rührte sich mehr. Endlich getraute er sich näher, noch etwas später streckte er vorsichtig die Hand aus und berührte die Schlange. Sie war wirklich mausetot. Da wagte er es, nahm sie auf, hängte sie sich über die Schultern und lief damit nach Hause. Der Adler kreiste hoch über ihm, als wollte er ihn begleiten.

Von allen Seiten wurde Najo bestaunt und bewundert, die Männer nahmen ihm die Schlange ab, zeigten sie herum und lobten den kleinen Helden. Das Schlangengift verwendeten sie für ihre Pfeile, um deren tödliche Wirkung noch zu erhöhen. Die Klappern am Ende des Schlangenschwanzes bekam Najo.

Najo, der Held, stand voll Stolz in der Mitte des Kreises und ließ sich bestaunen. Inzwischen durfte er sich einen Namen überlegen. Wie er nun wohl genannt wurde? - „Schlangenadler“.

 

ChA 09.08.20

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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