Monika Litschko

Müllers Hausmeistergeschichten 4

Müller war früh aus dem Bett geklettert. Er setzte Kaffee auf, öffnete alle Fenster und ging auf den Balkon. Es war August und wieder war es schwül und stickig. Das ging schon Wochen so und Müller hatte die Nase gestrichen voll. Sein Blick fiel auf die Mülltonnen, die in Reihe und Glied vor einer hohen Hecke standen.
„Also, das gibt es doch gar nicht!“, rief er aufgebracht. „Wer macht hier die Tonnen so voll, dass sie überlaufen?“
„Da kommen nachts Autos, sagt Frau Kling. Die machen überall die Tonnen voll.“

Müller zuckte zusammen. „Musst du dich so anschleichen, Inge?“
„Blaff mich nicht an, Müller. Mein Kreislauf spinnt und mir läuft die Suppe am Rücken herunter. Ja, sie schläft schlecht und hört die Autos. Auch das Klappern der Mülltonnendeckel.“
„So eine Saubande. Wenn ich einen von denen erwische, gibt’s Ärger.“
„Willst du nachts Wache schieben? Komm lieber Frühstücken.“

Müller wischte sich mit einem Papiertuch den Schweiß von der Stirn und setzte sich.
„Nix da“, sagte Inge, „wenn wir hier frühstücken, kommen ratz fatz die Wespen. Ich decke den Tisch drinnen und rufe dich, wenn ich fertig bin.“

Müller grinste, denn Inge hatte große Angst vor Wespen. Am Samstag waren sie zum Grillen gewesen, bei ihrem Sohn und seiner Freundin. Die hatten einen schnuckeligen Kleingarten, mit Pool und so. Na ja, auf jeden Fall waren jede Menge Wespen anwesend. Als es ans Grillen ging, wurde es besonders schlimm. Die Viecher flogen einem aber auch immer ins Gesicht. Irgendwann schlug Inge mit ihrem Fächer nach ihnen, aber das störte die Tierchen nicht. Im Gegenteil, sie wurden noch biestiger. Aber Inges Gezappel war bühnenreif. Sie versteckte sich hinter ihrem Fächer, schrie auf, wenn eine Wespe sie umkreiste oder sie rannte gleich ins Haus. In den Pool wollte sie auch nicht, wegen den Wespen. Wahrscheinlich hätte sie dann den Weltrekord im Dauertauchen aufgestellt.

„Wir sollten gleich ein paar Besorgungen machen“, sagte Inge kauend. „Wenn es zu heiß wird, geht das nicht mehr. Ich würde allein fahren, aber bei dieser drückenden Schwüle, ist mir das zu riskant.“
„Können wir machen“, antwortete Müller und griff nach seiner Kaffeetasse.

„Ich rufe bald die Polizei, denn ich kann nachts nicht schlafen! So eine Unverschämtheit! Herr Müller! Herr Müller!“

Müller schlug sich vor die Stirn und lief rot an. Diese Frau Beier, die seit ein paar Wochen unten in dem Apartment wohnte, ging ihm gehörig auf den Geist. Ständig hatte sie was zu nörgeln und das jeden Tag. Jeder, der in ihrer Nähe wohnte, war zu laut. Selbst die jungen Leute, oben neben Müller, waren ihr zu laut. Dabei war es normal, dass junge Leute auch mal feierten, aber Müller hatte alles im Griff. War es zu später Stunde noch laut, schellte er und sagte Bescheid. Und man staune, sie entschuldigten sich und drehten die Musik runter. Aber diese Frau Beier hörte Sachen, die sonst keiner hörte. Man hatte sie sogar schon dabei erwischt, als sie an den Terassentüren horchte, nur damit sie etwas hörte.

„Sei freundlich, Müller“, mahnte Inge, als er aufstand und zum Balkon ging.
„Wie?“, fragte Müller. „Wenn ich schon den Dialekt höre, könnte ich…“

„Wie kann ich helfen, Frau Beier?“
„Herr Müller, ich bin es leid, denn ich mache nachts kein Auge zu. Der Paulsen hat den Fernseher so laut und ständig die Terassentür auf kipp. Und die neben ihm, die grillen bis in die Puppen. Haben Sie schon mal in die Wohnung geguckt, das müsste man dem Ordnungsamt melden.“
„Ich habe gar nichts gehört, Frau Beier und im Hochsommer grillt man nun mal. Herr Paulsen ist krank. Sie wissen, dass er schlecht Luft bekommt, deshalb hat er die Terassentür auf kipp.“
„Komisch, Sie hören nie was. Ganz gleich, wen man fragt, keiner hört was. Nur der Herbert, der hört auch was. Herbert! Herbert!

Herbert Sommer schob verlegen die Fliegenschutzgardine beiseite und nickte. „Ich habe es auch gehört?“
„Sehen Sie, der Herbert hat es auch gehört.“
„Komisch“, sagte Müller, „neben Ihnen und Herberts Wohnung, liegen jeweils zwei leere Wohnungen. Wenn jemand etwas hören müsste, sind wir das. Ich habe jetzt keine Lust auf so viel Blödsinn. Ich bin gleich unten, muss was tun, da können Sie mich nochmal ansprechen. Und jetzt frühstücke ich weiter.“

Müller setzte sich wieder und schüttelte den Kopf. „Das ist nicht mehr normal.“
„Das Beste weißt du noch gar nicht“, sagte Inge grinsend. „Gestern, als du zum Arzt bist, bog sie hier um die Ecke und traf gleich auf die jungen Leute. Da ging aber die Post ab, das sage ich dir. Alles zu laut, sie hätten zu lange gegrillt, auch bei Paulsen war es laut. Und sie wird den Vermieter anrufen oder geht gleich zur Stadt runter. Die jungen Leute haben gekontert, da fing sie an zu schreien und zu beleidigen. Natürlich haben sie sich gewehrt und das Ganze schaukelte sich hoch. Halt die Fresse, war noch das harmloseste, was gefallen ist. Ich meine, die Frau ist noch keine siebzig und wir wohnen in keiner Altersresidenz. Man müsste ihr nahelegen, dass sie sich eine andere Wohnung sucht. Wenn die anderen Apartments wieder vermietet sind, wird es noch schlimmer werden. Ich kann die nicht mehr sehen.“
„Ich auch nicht. Der Buzek erzählte mir, dass sie jetzt ewig draußen vor dem Bistro, was oben an der Ecke ist, sitzt. Da macht sie die Leute auch bekloppt mit ihrem Schisselameng. Dass die sie nur ausfragen, um was zum Tratschen zu haben, bemerkt die gar nicht. So, ich werde jetzt die Mülltonnen ansehnlicher machen. Vielleicht sollte man eine Kamera anbringen, damit man sieht, wer seinen Müll hier entsorgt. Danach dusche ich und wir können einkaufen fahren.“
„Dann ist es zu spät“, konterte Inge. „Aber egal, wir können auch heute Abend fahren. Ist vielleicht auch besser. Dann verschwinde.“

Als Müller die Haustür aufzog, schlug ihm schwülheiße Luft entgegen und die Schweißdrüsen gaben ihr Bestes. Er hatte Handschuhe mitgenommen, die er überziehen wollte, wenn er sich an den Tonnen zu schaffen machte. Aber bis zu den Tonnen kam Müller gar nicht, denn als er um die Ecke bog, wartete Frau Beier schon auf ihn.

„Da sind Sie ja. Gucken Sie hier, die liegen bis Mittag im Bett. Alles ist noch runtergezogen. Die könnten doch auch mal was tun. Aber nein, man muss ja bis nach Mitternacht grillen. Und beim Paulsen habe ich schon hundert Mal geklopft. Der sitzt da und öffnet nicht.“
„Frau Beier, das geht uns gar nichts an. Jeder kann so lange schlafen, wie er will und öffnen ist auch keine Pflicht.“
„Die will nur Krawall machen!“, rief Paulsen laut. „Ich lasse die nicht rein!“
„Ha, gehört hat er mich. Ich kann nicht schlafen, wenn Ihr Fernseher so laut ist. Dann machen Sie doch die Terassentür ganz zu.“
„Einen Teufel werde ich tun bei dieser Hitze. Ich habe so ein kleines Apartment, da werde ich bestimmt nicht in Überlautstärke hören.“
Die Beier zog den nächsten Satz sehr lang. „Aaahhh, iiiccchhh dddeeennnkkkeee mmmiiirrr dddaaasss aaallleeesss nnnuuurrr aaauuusss? Hhheeerrrbbbeeerrrttt hhhaaattt eeesss aaauuuccchh gggeeehhhööörrrttt. Herbert!“

Müller war es leid und ließ die Beier einfach stehen.
„Am besten holt man sich eine Kalaschnikow und knallt alle ab!“, schrie die Beier ihm hinterher und lief in ihre Wohnung.

Müller, der die Ohren auf Durchzug gestellt hatte, drückte seelenruhig den Müll nach unten und trällerte einen Marsch. „Tadadatadadatadadada…“ Als er das erledigt hatte, beschloss er, noch etwas Unkraut aus den Beeten zu zupfen.“

„Mensch Müller, bei dieser Schwüle. Willst du umkippen?“
Ida und Ede Menke, die seit ein paar Wochen einen kleinen Hund hatten, gesellten sich zu ihm.
„Wir sind eine kleine Runde gelaufen“, sagte Ida. „Unsere Nanni muss ja ihr Geschäftchen verrichten. Aber es ist ihr wohl auch zu heiß. Ede musste sie ein ganzes Stück tragen.“
„Das ist für Mensch und Tier unerträglich“, sagte Ede und setzte Nanni auf den Boden. „Was war denn hier los? Ich habe die Beier keifen hören. Ganz ehrlich, das wird ja jeden Tag schlimmer. Und dieser Herbert, der hat keine eigene Meinung. Der sagt zu allem ja und amen. Und was er ihr alles bestätigen und unterschreiben will. Also ehrlich.“

Der Müller streichelte Nanni und hielt sich beim Aufrichten das Kreuz. „Die Knochen, puh. Was soll ich dazu sagen. Geht mir am Arsch vorbei, das Gekeife. Es gibt andere Sachen, um die man sich kümmern muss. Zum Beispiel, dass ihr bald zwei Mal täglich für insgesamt eine Stunde mit Nanni raus müsst. Egal, ob das Tier sich die Pfoten verbrennt und es Scheiße regnet. Und würdet ihr noch arbeiten, bräuchtet ihr einen Betreuer, der ab und zu nach Nanni sieht und sie unterhält. Unsere Biene ist achtzehn Jahre alt geworden und wir waren immer Vollzeit arbeiten. Sie war es gewohnt, allein zu sein. Die Gute hat fast nur geschlafen und nach der Arbeit sind wir mindestens zwei Stunden mit ihr gelaufen. Vor der Arbeit bin ich fast eine Stunde gegangen.“
„Da sagst du was“, antwortete Ede. „Über diesen Schwachsinn habe ich mich auch aufgeregt, denn das ist ein Eingriff in unsere Privatsphäre, der zu weit geht. Wie schon so vieles zu weit geht.“
„Jeder, der ein Tier hat, wird sich seiner Verantwortung bewusst sein“, konterte Ida. „Aber ist euch schon mal aufgefallen, dass viele, die schon am Tag mit Bierpulle am Hals rumlaufen, große bullige Hunde haben. Ich denke, als eine Art Statussymbol. Einen haben wir gesehen, der riss so sehr an der Leine, dass sein Herrchen ihn in die Seite trat. Ede hat ihn zur Verantwortung gezogen, da sagte der doch glatt. Verpiss dich Alter, sonst gibt’s was auf die Fresse. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren, aber es gibt schon schwarze Schafe.“
„Es gibt Tiere, die wahnsinnig leiden, das stimmt schon“, sagte Müller. „Bei den Nutztieren fängt es ja schon an. Oder die Tiere in den Zoos. Jedes Tier sollte da sein, wo es auch hingehört. Elefanten gehören eben nicht nach Deutschland. Ebenso wenig Giraffen, Löwen und Eisbären. Da hat sich wieder eine Tante was aus dem Kreuz gedrückt, ohne zu überlegen. Alles so undurchdacht. Und ganz ehrlich, ich lasse mir nichts vorschreiben, schließlich bin ich erwachsen. Das ist auch nicht deren Job.“
„Der Kleister hat mir erzählt, dass, wenn ein Kind Corona hat, die Eltern es isolieren müssen“, wetterte Ede. „Wenn nicht, kommt das Kind in eine Einrichtung. Ich weiß nicht, ob das stimmt, da man ihm nur die Hälfte glauben kann. Aber wenn das so wäre, wäre es der Hammer. Stell dir das mal vor. Gerade wenn ein Kind krank ist, braucht es seine Eltern. Liebe und Fürsorge sind dann so wichtig. Und wo kommt es in der Einrichtung hin? In ein kleines Zimmer? Es sitzt dann da und weint, weil Mama und Papa nicht da sind. Die Kinder bekommen einen psychischen Schaden.“
Müller überlegte. „Davon habe ich noch nichts gehört. Aber wenn dem so wäre, wäre es echt der Hammer. Dann würden sie uns so langsam jeglicher Freiheit berauben. Ob wir, dass alle auf Dauer mitmachen, glaube ich nicht. Aber mal ganz ehrlich. Erkrankt jemand in der Familie, dann isoliert man sich doch. Und die, die es nicht tun, sind es dann selbst schuld.“

Die Beier traute sich wieder raus und rief nach Herbert. „Herbert! Herbert!“

„Ja, Herbert, zu dir wollte ich gerade!“, rief der Müller. „Ich gehe mal zu ihm, seid mir nicht böse.“
„Ok, wir können ja telefonieren“, antwortete Ede. „Bis gleich.“

„Sag mal Herbert, was hast du für einen Klüngel mit der Beier? Eigentlich kannst du gar nichts hören. Guck mal, wie weit die Apartments weg sind.“
„Ja, ich weiß auch nicht“, stotterte Herbert. „Sobald die kommt, ist hier Theater. Da passiert nochmal was.“
„Jetzt hör mal gut zu, mein Guter. Wenn du ihr nicht immer Zucker in den Arsch blasen würdest, wäre hier schon Ruhe. Bei mir redest du so, bei ihr so. Halt einfach die Klappe und die Tür zu. Der Rest regelt sich von allein.“

„Herbert!“

Herbert drehte sich um und schloss die Tür hinter sich. Der Müller lachte und dachte sich…Pflicht ist eben Pflicht.

©Monika Litschko


 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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