Ralph Bruse

Dead Man

Dead Man


Die Sonne brennt erbarmungslos über der Großstadt. Touristen
strömen wie Ameisenvölker in die Sehenswürdigkeiten der Stadt. 
Diese Stadt besitzt eigentlich nicht viel Sehenswertes, aber die 
Leute wuseln hektisch auf Straßen und Plätzen, in Kirchen, Cafe's
und Ramsch-Läden, als sei die allerletzte Möglichkeit gekommen,
das leicht oder sauerverdiente Geld zum Fenster raus zu werfen.

 

Inmitten der Stadt - völlig uninteressiert des geschäftigen Treibens
wegen - verlässt ein Mann im Eilschritt sein Haus. Der Mann ist
groß und bullig, auch wenn sein schaukelnder Eisbärengang ihn
kleiner wirken lässt. Er trägt einen lapprigen Hut, der ihn vor der 
mörderischen Sommerglut schützen soll.
Gerade überquert der Mann die verstopfte Hauptstraße. Sein brei-
tes, schweissglänzendes Gesicht sieht zerknirscht aus. > Verdammte
Hitze!, <  keucht er. > Ist ja unmenschlich!, < zischt er noch heftiger.
Er schiebt sich ungeduldig durch Schlangen hupender Autos. Drü-
ben, auf dem Gehweg, bieten hübsche Boys in engen Bluejeans ih-
re fehlerlosen Alabasterkörper an. Nicht weit davon weg: grell ge-
schminkte Huren, die den direkten Blick in Jedermanns Augen nie 
senken. Sie flanieren scheinbar gelangweilt hin und her.
Der Mann spuckt verächtlich aus. Die Stadt ist dreckig, in jeder 
Hinsicht - und staubig und auf immer verdorben. Wie eine Kloake,
die nie versiegt. Überhaupt scheint dem Mann nicht viel an der
Stadt zu liegen. Er hat Besseres vor: kennt seinen Weg aus dem Eff-
eff, verlässt sich nur auf seinen hellwachen Instinkt. Die trockene Luft 
flimmert. Der Sauerstoff wird knapp. Und das Atmen fällt dem Mann 
immer schwerer. > Bist ein fetter, alter Sack!, < presst er hervor. > Ja,
´ne wandelnde Bullette, das bist du, Robert Stein! Kein Wunder, daß 
Rose sich in einer Tour nach anderen Kerlen umschaut. <
Er stockt. Rose... Jeder seiner Gedanken dreht sich nur um sie. Doch 
die gute Rose ist vor seinem geistigen Auge schon tot. Schlampe, e-
lende!
Wieder spuckt er seitlich aus. Diesmal einem Mann direkt auf die 
blank gewienerten Schuhe. Der andere merkt zum Glück nichts. Ro-
bert zieht den Kopf ein und atmet durch. 
Ziemlich schnell verziehen sich seine Gesichtszüge wieder. Flittchen! 
Das wird sie mir büßen..!
Er rudert mit den Armen, um sich seinen Weg durch Menschentrau-
ben zu bahnen. Dabei fallen die gehetzten Blicke auch auf seine Arm-
banduhr. Ein Uhr mittags.

Eine Viertelstunde später erreicht Robert die zumeist weißen Villen 
am Stadtrand. In seiner Hosentasche steckt ein geladener Revolver, 
der nicht mehr lange darauf warten soll, Leben auszulöschen. Robert
steuert zielbewusst auf ein Haus zu, das von dichten, exakt in der Hö-
he rasierten Hecken, umrundet ist. Wirft einen Blick über das riesige
Anwesen. Ihm fällt ein großzügig angelegter Swimmingpool ins Auge, 
den keiner nutzt, nicht mal an einem brüllend heißen Tag, wie diesem.
Vielleicht hatte er auch gehofft - nein nicht gehofft, eher wohl leidend 
hätte er zugesehen, wie sich die Beiden am Pool amüsieren - Rose und 
der aufgeblasene Deckhahn...Der Anblick hätte es ihm immerhin enorm 
erleichtert, letzte Zweifel auszuradieren. Er wußte ohnehin schon alles. 
Wenn man sich lange genug kennt, merkt man ziemlich schnell, wenn 
mit dem anderen etwas nicht stimmt. 
Es stimmte garnichts mehr. Rose hatte sich wieder mal einen Liebhaber
geangelt, und Robert ist ja nicht blöd, das nicht zu erkennen. Nachspio-
niert hatte er ihr wochenlang. Er weinte dicke Tränen, als er Rose erst-
mals in den Armen des Anderen stöhnen hörte. Wie ein geprügelter
Hund schlich er sich von dem Grundstück des anderen Mannes. Er heulte
den Abend an, schrie seine verletzte Ehre in die Nacht hinaus, und er warf
sich schließlich ausweglos vor ein Auto, das gerade um die Straßenecke
fegte.
Der Fahrer riss das Lenkrad noch rechtzeitig zur Seite und prallte, samt
Wagen, gegen eine Laterne. Er fluchte wild. Der Wagen war hin. Er selbst
blieb unverletzt. Robert ebenfalls - auch wenn der sich das ganz anders 
ausgerechnet hatte.

Das Leben wurde ihm immer mehr zur Qual und schließlich sprang er aus 
dem obersten Fenster eines sechsstöckigen Hauses. Er wollte ganz sicher 
gehn.
Doch sein zweiter Anlauf, zu Tode zu kommen, misslang abermals gründ-
lich. Also gab er es auf, immer nur anderer Leute Leben in Gefahr zu brin-
gen.
Was geschehen war..?
Nun: Robert sprang also aus dem sechsten Stock in die Tiefe...Er fiel und 
fiel rasend schnell auf das harte Betonpflaster zu. Kurz bevor er aufschlug, 
öffnete er die Augen, um dem Tod unerschrocken ins Angesicht blicken zu 
können. Und genau in dem Moment lief dieser verblödete Trottel unter ihm
durch...Er krachte in den Mann hinein, mit dem Kopf voran, und zerschlug 
ihm mit aller Aufprallwucht das Nasenbein und die komplette obere Zahn-
reihe.
Der Mann - übrigens in seinem Alter, Mitte vierzig also - sackte bewusstlos 
zusammen und kam erst einige Minuten später wieder halbwegs zu Be-
wusstsein. 
Gehirnerschütterung.
Robert trug nichts dergleichen davon, fiel aber dennoch in kurze Ohnmacht
und erwachte wenig später in einem Raum mit kahlen Wänden, wenn man 
mal von der Gummipolsterung absieht. Endstation Klappsmühle.
Sechs Wochen lang verwahrten sie ihn dort. Sie glaubten letztendlich sei-
nem Versprechen, niemals wieder Hand an sein eigenes, elendes Leben le-
gen zu wollen.
Daran hielt er sich auch strikt, bis ihm eines schönen Tages jemand einen
Revolver zum Kauf anbot. Der Suizidkandidat erwachte aus dem verdräng-
ten Alptraum - zog sich sozusagen den Mantel des gepeinigten Mannes und
Killers an. Die Stadt ist ja übervoll mit Kriminellen, und sie ist voll mit Revol-
vern und anderen Mordwaffen. Man sollte sich nur zur richtigen Zeit in der 
richtigen Spelunke aufhalten, und schon schwenzelt ein düsterer Desperado
umher, der verbotene Ware anpreist.
Robert war an jenem Abend sturzbetrunken, und er gröhlte lautstark umher: 
> Wenn ich´s schon nicht hinkriege, mich selbst um die Ecke zu bringen,
dann soll wenigstens die Schlampe mehr Glück, oder Pech haben - je nach-
dem! <
Die anderen Leute in dem zwielichten Lokal starrten ihn ziemlich erschroc-
ken an. Schließlich fuchtelt ja nicht jeden Tag jemand mit einer geladenen 
Waffe in der Luft herum. Robert jedenfalls fühlte sich immens gut und 
stark, sackte die Waffe dann aber doch, vernünftigerweise, wieder ein.
Torkelte zur Ausgangstür.
> Fertig mach ich sie, die Schnepfe, elende!, < lallte er verwegen. > Und 
den Deckhahn mach ich so fertig, daß er fix und fertig ist! <
Er lachte hüstelnd und schleppte sich nach Hause.

Das war gestern.
Jetzt steht Robert hier vor der weißen Villa und peilt in die Runde. 
Niemand zu sehen. Sehr gut...Er wuchtet seinen massigen Körper über 
die dornige Hecke. Die Dornen piesacken ihn, als hätte er sich auf ein 
nagelgespicktes Brett geworfen. Doch sein Schmerzgefühl scheint betäubt
zu sein. Er leckt etwas Blut von seinen Händen; schnauzt kalt: > Augen 
werden sie machen, die Turteltäubchen! Und um ihr Leben werden sie
winseln, das Hühnchen und ihr Hahn...! <
Sein Mund verzieht sich zu einem grauenvollen Grinsen. > Und ich wer-
de es in vollen Zügen genießen, wenn die Angst der Beiden langsam zum 
Hals rauskriecht und jedes Flehen schon im Ansatz abwürgt. <
Vorwärts...Er setzt sein zerstochenes Gehwerk in Gang. Sein Atem pfeift 
bedrohlich und er hat alle Mühe seine wild jagenden Herzschläge zu zü-
geln. Keuchend gelangt er zur Rückseite der Villa. Er japst schwer nach 
Luft, dann nimmt er die Terassentür in Augenschein. Sie steht halb offen. 
Umso besser...Er will einen Schritt in Richtung Tür machen, hält aber
plötzlich inne. Ein schwacher Luftstoß erfasst die Gardine dahinter und 
scheucht sie seitwärts auf. Was Robert sieht, reicht ihm vollauf... Rose 
und der reiche Pinkel rekeln sich im Halbdunkel unbekleidet auf dem 
samtenen Lotterbett, in Raummitte. 
Die Wut, die ungebremst in sein fiebriges Hirn aufschießt, ist mit Wor-
ten allein nicht zu beschreiben. Nur noch lichterloh brennender Hass re-
giert. Lösch sie aus. Los, lass sie leiden, so wie du gelitten hast...! Mach 
es einmal gründlich und richtig in deinem vermurksten Leben - was im-
mer das Richtige auch sein sein mag!
Er zwang sich wieder zur Ruhe, wenn auch unter allergrößter Anstren-
gung. Er umfasste das kalte Eisen in seiner Hosentasche, zog es hervor,
entsicherte den Sperrhahn des Revolvers. Na los, vorwärts...

Er räuspert sich laut und deutlich.
Die Gestalten im Bett schrecken hoch. Robert tritt noch zwei Schritte 
auf sie zu, dann reisst er die Waffe hoch - drückt ab. Nochmal und 
nochmal! Die ganze Trommel feuert er leer. Dabei schließt er, von der
eigenen mörderischen Wut irgendwie auch angewidert, die Augen.
Als er sie wieder öffnet, sitzen die Totgeglaubten immer noch aufrecht 
und ziemlich lebendig im Bett.
Robert reißt die Augen noch weiter auf. Die Kinnlade klappt ihm runter.
> Gibts doch nicht...!<
Er starrt den Revolver an. > Was ein Mistding. Kann ja wohl nicht sein. <
Er lässt ihn sinken.
Entweder ist mit dem Colt was nicht in Ordnung, oder aber mit ihm 
stimmt was nicht, oder weiß der Geier.
Wie konnte er auch ahnen, daß ihm der düstere Desperado, gestern, Platz-
patronen in die Pistole gesteckt hatte - vorsichtshalber - denn Robert war
ja drauf und dran, im Halbdelirium die ganze Kneipe über den Haufen zu 
schießen.
Und nun stand er hier, in der Lusthöhle des Nebenbuhlers, und begriff 
nicht, was da vor sich gegangen war.

Ehe er einen klaren Gedanken fassen konnte, stürzte sich der nackte 
Liebhaber seiner Frau auf ihn, riss ihn zu Boden und würgte seinen Hals.
Robert hatte dem Angreifer nicht viel entgegenzusetzen. Er röchelte nach
Luft - lag rücklings da, wie ein übertölpelter, völlig ausgepumpter Eisbär.
Der Griff des Angreifers wurde immer stärker. Robert ahnte sein Ende 
nahen, aber dann geschah das wunderbar Seltsame...Rose stürzte hinzu 
und schlug ihrem Liebhaber von hinten eine Champagnerflasche über 
den Schädel. Die Flasche ging zu Bruch, und offenbar auch auch der 
Kopf des Würgers.
Überall Blut. Grässlich!
Der Kerl sackte seitwärts und Robert kroch keuchend unter ihm hervor.

Rose heulte auf einmal Rotz und Wasser und warf sich schuldbewusst 
an die Brust ihres Mannes, der nach Luft japste. Liebend gern hätte er 
sie von sich gestoßen, doch sie verstand es irgendwie, ihn beinah sofort
zu besänftigen. > Tut mir soooo leid, Robbi!, < jammerte sie herzzerrei-
ßend.
Er schmolz dahin. Wenn sie ihn Robbi nannte - zu besseren Zeiten auch:
mein flauschigweicher Knuddelrobbi - dann konnte er nicht anders, als 
ihr wieder mal zu verzeihen.
Noch ein Moment des Zögerns verging. Dann zog Robert das schutzbe-
dürftige, nackt und hilflos dastehende Prachtweib an sich, er umschlang 
sie fest und hoffte innig, daß ihrer beider Welt schon irgendwie wieder 
in Ordnung kommen wird.
Aber vorher mußte erstmal die Leiche...
Mit nassen, klebrigen Fingern, strich er ihr über das weiche, schulter-
lange Haar.
> Was machen wir mit dem da? <
> Liegenlassen. Der wohnt ja hier. <
> Auch wieder wahr. <
Rose schlüpfte, weitere Unschuldsbeteuerungen schnurrend, in ihre 
Kleider und entwischte ins Bad, nach nebenan.
Er konnte es nicht fassen. Hier liegt ein übel zugerichteter, mausetoter 
Kerl auf dem Boden - und Rose hat nichts Besseres zu tun, als neue 
Schminke aufzulegen!
Robert erhob sich mühsam. Er schwankte wie ein Betrunkener vor und 
zurück. Schweiss rann ihm aus jede seiner Poren. Das Herz in der Brust 
hackte unregelmäßig Blut durch seinen Leib.
Es stand nicht gut um ihn. Und er ahnte auch, daß jeder weitere Stress 
gerade jetzt zu purem Gift für ihn wurde. Limerick, der Quacksalber von
einem Hausarzt, hat ja schon immer gewusst, daß mit seiner Herzgegend
irgendwas nicht stimmt. Vorsorglich hatte er Robert ermahnt, unbedingt 
ein paar Kilo abzunehmen.
> Limerick, du bist mein Arzt, hat er ihn angebrüllt, aber nicht mein Ge-
wissen! Gib mir 'n paar Turbopillen mit, und denn renn' ich wieder wie 
ein junger Gaul durch die Walachei! <
> Turbokracher, < moserte Limerick. > Irgendwann helfen die auch nicht
mehr, Freundchen. <

Der Blödschwätzer hat ja sowas von Recht, dachte Robert in diesem Mo-
ment verbittert. Er stieg schwerfällig über den Toten hinweg, taumelte zur 
Tür, hinter der sich Rose für ihn herrichtete, und keuchte: > Komm, lass
uns endlich verschwinden, Darling. Mir gehts nämlich ziemlich schlecht.
Richtig dreckig gehts mir...<
Er wischte ein paar Schweissperlen von seiner Stirn. Ebensogut hätte 
er mit einem Aufwischfeudel über seinen glühenden Kopf fahren kön-
nen - er wäre nicht zum Stillstand gekommen, der Strom aus klebri-
gem Schweiss.
> Bitte beeil' dich!, < japste er jetzt panikartig. > Ich muß unbedingt hier 
raus, frische Luft schnap...<

Mehr konnte er nicht sagen. Ein heftiger Stich durchzuckte seine Brust. 
Er wollte atmen, aber die stickige Raumluft konnte nicht mehr in seine 
Lungen gelangen.
Ehe er vor der Badezimmertür in sich zusammensackte, dachte er noch: 
Für morgen hatten die Wetterfritzen doch Regen und Abkühlung vorher
gesagt...So eine Scheiße!


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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