Thomas Heitlinger

Der kleine Munk

Der kleine Munk

(c) Thomas Heitlinger 2020

 

Familie Munk war heute bereits seit dem frühen Morgen unterwegs, um an ihr Urlaubsziel zu gelangen. Sie hatten ein Ziel weit am Rande des Universums ausgewählt. Nach langen Diskussionen hatten sie sich darauf geeinigt, nicht zuletzt deswegen, weil das Ziel im Rufe stand, besonders kinderfreundlich zu sein und gleichzeitig im Prospekt eine Rundumbetreuung der Kleinen angeboten wurde.

Papa Munk steuerte das Familiengefährt. Mama Munk saß an seiner Seite und hatte eine der großen Karten vor sich ausgebreitet. Auf der Rückbank lümmelte der kleine Munk gelangweilt in seinem Kindersitz. Leise quengelte er vor sich hin. „Papa!“, rief er, „sind wir endlich da?“ Papa Munk antwortete nicht. Er hatte vor einiger Zeit vorgeschlagen eine Abkürzung zu nehmen und nun hatten sie sich restlos verfahren. Dem letzten Wegweiser zufolge würde es eine Ewigkeit dauern, bis sie wieder auf dem Highway sein würden. „Papa!“, rief der kleine Sohn ungeduldig und als er keine Antwort erhielt abermals „Papa!“

Aber Papa ist doch beschäftigt“, antwortete Mama Munk leicht genervt. Ihr Ton ließ vermuten, dass sie schon die Abfahrt vom Highway nicht gutgeheißen hatte. „Dauert es noch lange bis wir ankommen?“, nörgelte der Kleine. „Es dauert noch ein bisschen“, gab ihm Mama nach einem langen Atemzug zur Antwort. „Ich möchte aussteigen“, tönte es vom Rücksitz. Schließlich versuchte Mutter Munk einzulenken: „Na ja, eine Pause wäre vielleicht nicht das Dümmste“, woraufhin Papa Munk etwas Unverständliches in seinen Bart murmelte.

Sie parkten auf freier Strecke. Im Nu hatte sich der Bengel aus seinem Kindersitz befreit. Die Türen waren kaum geöffnet, da sprang er auch schon ins Freie. Vor der Karte, die sie auf dem Fahrzeug ausgebreitet hatten, begannen die Eltern alsbald, sich über den günstigsten Weg zu streiten. Der Sohnemann schüttelte sich indessen die Müdigkeit aus den Füßen. Neugierig betrachtete er die Szenerie: Weit entfernt war eine Sonne zu sehen – weit genug, als dass der kleine Munk sich seine Finger daran hätte verbrennen können. Um sie herum rotierten diverse Planeten in seltsamer Harmonie. Plötzlich wurde er einen davon gewahr, der ungefähr die Größe eines Fußballs hatte. Es war ein kleiner blauer Planet, um den in eigenartiger Bewegung ein klitzekleiner Mond in der Form einer Murmel herum zirkulierte. Der kleine Munk lächelte erwartungsvoll, während sich der Planet in gleichmäßig rotierenden Bewegungen näherte.

Schon hatte er die kleine Kugel mit dem Fuß anvisiert, um sie mit weit ausgeholtem Tritt in Richtung Sonne zu katapultieren, da packten ihn von hinten die beiden starken Arme von Papa Munk und rissen ihn in die Höhe. Der blaue Planet rotierte unbeschadet am kleinen Munk vorbei. Schreiend quittierte dieser seine vergeblichen Bemühungen.

Vorsichtig setzte Papa Munk seinen Sprössling ab. „Ich hab dir schon tausend Mal gesagt, dass es verboten ist, Sterne in der Gegend herumzukicken!“, erklärte er ihm energisch. In der Tat war die Beschädigung von Sternensystemen im interstellaren Raum streng verboten und wurde mit hohen Geldstrafen geahndet. Papa Munk seufzte. Vorsichtig blickte er sich um, ob sie beobachtet worden waren. Weit und breit war jedoch zum Glück niemand zu sehen. „Dass du mir ja nicht der Sonne zu nahe kommst!“, ermahnte Papa Munk seinen Sohn. Der kleine Lauser nahm die Warnung gelassen zur Kenntnis. Indessen kehrte der Papa zurück zu Fahrzeug und Frau. Diese hatte in der Zwischenzeit auf der Karte einen Weg ausfindig gemacht, den sie sofort mit ihrem Mann heftig diskutierte.

Zum wiederholten Male wälzten sie das Kartenmaterial, um sich schließlich auf einen Weg zu einigen.

Tooor!“, schrie der kleine Munk begeistert. „Tor! Ich hab ein Tor geschossen!“ Der kleine blaue Planet hatte offenbar seinen Weg um die Sonne schneller als erwartet zurückgelegt und so warf ihn der heftige Tritt völlig aus der Bahn, von wo er sofort in das Anziehungsfeld der Sonne geriet und immer schneller werdend dieser entgegenflog, bis er nur noch als kleiner Punkt zu sehen war, um dann vollends zu verschwinden. Der Mond des Planeten torkelte wie eine Spielzeugmurmel orientierungslos im Weltall. Von dem Lärm aufgeschreckt eilten Mama und Papa zu ihrem Sprössling.

Papa Munk verzog ärgerlich sein Gesicht. „Jetzt reicht es aber!“, schrie er mit wütendem Unterton.

Diese Aufregung nützte allerdings niemandem mehr. Das Gleichgewicht des Sternensystems schien für wenige Augenblicke völlig aus den Fugen zu geraten. Verschiedene Planeten stürzten in Richtung Sonne an ihnen vorbei. Ein roter Stern polterte gegen die Scheibe ihres Gefährts, um magisch angezogen seinen Weg in Richtung der heißen Glut zu finden.

Mama Munk schimpfte verärgert mit ihrem Sprössling. Der Papa blickte indessen nach allen Seiten – zum Glück war niemand zu sehen. Das gesamte Sternensystem der Milchstraße begann zu wanken. Gleich würde hier die Hölle los sein! Unverzüglich packte er Frau und Kind bei den Händen, zerrte sie ohne jegliche Erklärung in die Raumfähre, zündete eilig die Schubraketen und nur wenige Augenblicke später waren sie von diesem desaströsen Ort verschwunden.

Es dauerte lange, bis sie den Highway wieder erreicht hatten. Der kleine Munk saß zusammengekauert in seinem Kindersitz und schlief – ein Bild des Friedens. Auf seinem Pullover sammelten sich die Krümel, in die der kleine Mond zerbröselt war.

Auch Mama Munk saß zusammengesunken auf ihrem Platz und schlief tief und fest. Soeben waren die Nachrichten im Radio zu hören gewesen. In einem Nebensatz wurde darin erwähnt, dass sich das Sternensystem der Milchstraße bedauerlicherweise in ein schwarzes Loch aufgelöst habe. Aber wie gesagt: Nur in einem Nebensatz, .... kaum der Rede wert und nur von statistischer Bedeutung.

 

Dennoch packte Papa Munk das schlechte Gewissen. Während er die Raumfähre durch das All steuerte, schlug er den offiziellen Sternenkatalog der Weltraumagentur auf: ‚Milchstraße’. Er wurde schnell fündig. Etliche Sterne befanden sich dort, einige Mikroorganismen, verschiedene Kleinstlebewesen, ... also nichts, was durch die Weltraumbehörde als intelligente Lebensform eingestuft wurde.

Papa Munk atmete erleichtert auf – dann hielt sich der Schaden ja in Grenzen!

 

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