Monika Jarju

Vom Ankommen und Dasein

Bin ich schon da, wenn ich ankomme?

Am westlichen Rand Europas zerfloss die Wand, wurde weit und tief, das Weiß ebnete sich zu einem flauschigen hellen Wolkenteppich, die Sonne schien mit einem Mal voller Wucht. Wo hatte sie nur so lange gesteckt? Ruhte sie sich im Verborgenen aus oder war sie etwa ausgewandert? Allmählich löste sich auch die Wolkendecke auf wie meine Gedanken, wurde luftiger, dünner und zuletzt glasig. Ich erblickte den braunen Rücken der Erde, ein ausgedehntes Gebiet von Flüssen, Festland inmitten ausgefranster Inseln. Lange Wasserarme griffen lustvoll mit gespreizten Händen und Füßen in das Land, befingerten es ausgiebig und glitzerten aus der Ferne. Ich sah es genau. Die Wasserläufe umflossen verspielt den Erdboden, schrieben anmutige Zeichen und Formen hinein wie in eine perfekte Kalligraphie. Und tuschten bald darauf den geschwungenen Küstenstrich in einem gelungenen Blau.

Womit verbringe ich meine Tage? Ich gehe spazieren, lausche dem zarten Blühen der Mandelbäume und zähle aufmerksam die weißen Häuserreihen ab, die Stunde um Stunde näher an den Atlantik vorrücken wie die Flut. Es scheint an den globalen Gezeiten zu liegen. Hinter dem Busbahnhof ist die Stadt ein einziger gelber Kran und seine Spielzeuge, die Betonbauklötze, überragen fast schon den Himmel. Auch an diesem Ort frisst das Weiß längst das üppige Grün und leckt das Blau von den Wellen und vom Horizont. Vom Strand aus, den Atlantik im Rücken, sehe ich der Stadt ins Antlitz, das jedes Mal, wenn ich hier bin, dichter vor mir steht und zurück starrt – ein steinerner weißer Saum am Horizont.

Die Stadt ist begehbar, ich kann sie ohne weiteres durchstreifen, ihre schmalen stillen Gassen ablaufen ohne mich zu verirren. Sie langweilt mich nie. Sie bietet schönste Ausblicke, tiefe Einblicke, bewundernswerte Durchblicke und rätselhafte Augenblicke. Das Meer ist immer schon vor mir da und ruft. Und ich gehe hin. Die Portugiesen gehen nicht hin, sie sind bereits überall da. Sie arbeiten am Hafen oder sitzen zu jeder Zeit in den kleinen Pastelerias und trinken ihren Bica. Die alten Männer versammeln sich im Zentrum der Stadt. Sie warten auf die Sonne, stehen still nebeneinander aufgereiht an der Hauswand vor dem gelben Rathaus. Einige sitzen auf den Bänken unter den unbelaubten Bäumen und plaudern miteinander. Sie observieren den Platz in allen Einzelheiten, ihnen entgeht nichts. Sie erscheinen nur so unbewegt, unbeteiligt und unauffällig. Alle tragen die gleichen weiten dunklen Hosen, braune oder blaue Pullover und Jacken – und die Schiebermütze. Die Schiebermützen sind in Wirklichkeit Tarnkappen. Hier setzt die Täuschung ein. Sie sind da und auch nicht da. Man muss genau hinsehen. Alle sehen aus wie ein Mann für eine Fremde wie mich.



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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