Claudia Savelsberg

Besessenheit

Die Gartenparty bei seiner Schwester Maren war etwas langweilig, Robert wollte zeitig nachhause. Er schaute nach Maren, um sich zu verabschieden. Sie saß in einer Hollywood-Schaukel und unterhielt sich angeregt mit einer jungen Frau, die Robert noch nie gesehen hatte. Sie war sehr hübsch mit ihrer schlanken Figur, den blonden Haaren und den blauen Augen, eine aparte junge Frau. Robert war augenblicklich fasziniert, er starrte sie geradezu an, sog ihre ganze Erscheinung förmlich in sich ein. Er war sich sicher, sie zu kennen, er musste sie schon einmal gesehen haben. Robert fühlte sich von dieser jungen Frau magisch angezogen, und plötzlich tauchten Bilder aus der Vergangenheit vor seinem inneren Auge auf. Sie sieht aus wie Eva, dachte er, wie eine zweite Eva.

Maren hatte Robert bemerkt und winkte ihn zu sich: „Robert, Bruderherz, ich möchte dir Julia vorstellen. Sie redigiert das Manuskript meines neuen Romans.“ Julia gab Robert die Hand und lächelte: „Freut mich. Der Roman Ihrer Schwester ist einfach fesselnd. Schreiben Sie auch?“ Robert war gefangen vom Klang ihrer Stimme und von der Anmut ihres Lächelns, seine Antwort war nüchtern: „Nein, dazu fehlt mir leider die Phantasie. Ich bin Architekt.“ Dann drehte er sich um und verschwand.

Zuhause ging er in sein Arbeitszimmer und nahm ein handgeschnitztes Holzkästchen, das er vor vielen Jahren in Thailand gekauft hatte, aus dem Schreibtisch. Den Inhalt des Kästchens breitete er sorgsam vor sich aus. Bilder von Eva, ihre Briefe, die goldene Halskette mit dem Herz-Anhänger, die er ihr zur Verlobung geschenkt hatte. Eva war die Liebe seines Lebens, er hatte sie auf Händen getragen, sie geradezu vergöttert. Vierzehn Jahre waren sie glücklich verheiratet, dann starb sie bei einem Verkehrsunfall. Das war vor zwei Jahren. Robert war jetzt 42 Jahre alt, ein erfolgreicher Architekt, der in Wohlstand lebte. Viele Frauen hätten sich gewünscht, die Partnerin an seiner Seite zu sein, aber Robert war getrieben von einer unstillbaren Sehnsucht. Er sehnte sich nach einer Eva, einer Frau wie Eva. Gedankenverloren schaute er auf die Fotos seiner verstorbenen Frau, und plötzlich schob sich das Bild von Julia dazwischen. In Roberts Wunschdenken verschmolzen Eva und Julia zu einer Person.

Am nächsten Tag rief Robert seine Schwester Maren an und fragte nach Julias Telefonnummer: „Ich arbeite gerade an einer Artikel-Serie für ein Fachmagazin. Ich dachte, dass Julia mir dabei helfen könnte.“ Maren gab ihm die Nummer, Richard rief Julia sofort an und brachte sein Anliegen vor. Sie lachte: „Aber gern, wenn ich Ihnen damit helfen kann.“ Robert schlug vor, dass sie am Abend zu ihm kommen sollte, damit sie über die Details sprechen könnten.

Robert bereitete einen kleinen Imbiss mit spanischen Tapas vor und stellte eine Flasche Rioja auf den Tisch. Eva hatte spanisches Essen geliebt. Julia kam pünktlich, zu ihren Jeans trug sie eine luftige Sommerbluse, die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Robert fand sie einfach zauberhaft. Als er sie zu Tisch bat, rief sie spontan: „Sie haben sich aber Mühe gemacht. Wie aufmerksam von Ihnen. Ich liebe die spanische Küche.“ Beim Essen erzählte sie lebhaft. Sie war 24 Jahre alt, studierte Germanistik und wollte später im Verlagswesen arbeiten. Sie redigierte Manuskripte, um ihr schmales Budget als Studentin auf zu bessern. Robert blieb relativ schweigsam, er schaute sie nur immer wieder intensiv an. Am Ende des Abends vereinbarten sie, dass Julia zweimal wöchentlich zu Robert kommen sollte, um die Artikel zu redigieren.

Robert beobachtete Julia, wenn sie am PC saß und sich ihrer Arbeit widmete. Er wollte diese Frau haben, er musste diese Frau haben. Natürlich entgingen Julia Roberts Blicke nicht, und es schmeichelte ihr, dass dieser erfolgreiche Architekt Interesse an ihr zeigte. Sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart; denn Robert war charmant, gebildet und hatte gute Manieren. Wenn sie zu ihm kam, überraschte er sie oft mit Blumen oder anderen kleinen Präsenten. Robert war so ganz anders als die Männer, die sie bis jetzt kennen gelernt hatte. Sie fühlte sich sehr zu ihm hingezogen. Als sie vom PC aufsah, trafen sich ihre Blicke, Julia lächelte: „Robert, ich habe mich in dich verliebt.“

Robert triumphierte, jetzt hatte er Julia an seiner Seite, und seine unstillbare Sehnsucht nach einer zweiten Eva würde sich erfüllen. Er kaufte Julia Garderobe, Schuhe und Handtaschen, sie sollte aussehen wie Eva. Er führte Julia in teure Restaurants, ging mit ihr in die Oper, nahm sie mit zu Empfängen und Arbeitsessen. Sie sollte sich auf jedem Parkett so sicher bewegen, wie Eva es getan hatte. Julia war gerade 24 Jahre alt, eine junge Frau, die er nach seinen Vorstellungen formen konnte, dachte Robert. Er würde sie für Dinge interessieren, die sie noch nicht kannte, er würde ihr neue Horizonte öffnen. Er würde die Frau aus ihr machen, die seinen Vorstellungen entsprach. Eine zweite perfekte Eva. Er war besessen von diesem Gedanken, und die Besessenheit fraß sich wie ein schleichendes Gift in seinen Körper, sein Gehirn und seine Seele.

Maren sah diese Entwicklung mit Sorge, sie fuhr zu Robert, um mit ihm zu reden. „Robert, du willst aus Julia eine zweite Eva machen. Weißt du, was du ihr damit antust? Das hat sie nicht verdient.“ Er fuhr seine Schwester barsch an: „Lass' mich in Ruhe. Das geht dich nichts an.“ Besänftigend legte Maren ihre Hand auf seinen Arm: „Robert, weißt du, was du dir selbst damit antust? Julia ist nicht Eva. Eva ist tot, akzeptiere es endlich und komm' wieder zur Vernunft.“ Roberts Augen wurden eiskalt, er schlug seiner Schwester ins Gesicht. Niemand würde ihn von seinem Plan abhalten.

Julia hatte sich mit ihrer besten Freundin Ute in einem Café verabredet. Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit, vertrauten sich und hatten keine Geheimnisse voreinander. Ute sah sofort, dass Julia etwas bedrückte und sagte ohne Umschweife: „Was ist los? Seit du mit Robert zusammen bist, hast du dich verändert. Du warst immer so lebhaft, jetzt bist du still und in dich gekehrt. Und dann die Kleidung, die du trägst. Das passt irgendwie nicht. Du bist nicht mehr die alte Julia. Was ist mit dir?“ Julia erwiderte: „Ich bin glücklich mit Robert, glaub' mir. Er möchte eben, dass ich diese Sachen trage, und ich tue ihm gerne diesen Gefallen. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er so gut zu mir ist. Er tut alles für mich.“ Es klang nicht überzeugend, und Ute fragte nach: „Liebt Robert dich wirklich?“ Julia nickte: „Robert sagt mir immer wieder, dass er mich liebt. Aber manchmal schaut er mich dabei so merkwürdig an … irgendwie besitzergreifend.“ Ute überlegte, dann lächelte sie: „Robert ist immerhin 18 Jahre älter als du. Vielleicht hat er Angst, dass du ihn wegen eines jüngeren Mannes verläßt. Vielleicht ist er einfach nur eifersüchtig.“ Julia umklammerte ihre Tasse mit beiden Händen: „Nein Ute, das ist es nicht. Manchmal denke ich, dass er eine andere Frau in mir sieht. Eine Frau, die ich nicht bin.“ Sie senkte die Stimme, ihr Kinn zitterte: „Wenn er mich dann so ansieht … wie besessen … dann habe ich Angst vor ihm.“ Ute wusste nicht, was sie sagen sollte, stumm nahm sie Julia in den Arm und strich ihr tröstend über die Haare.

Robert hatte Julia zum Abendessen zu sich nachhause eingeladen. Der Tisch war festlich gedeckt, und er hatte eine Flasche Rotwein entkorkt, die er für einen besonderen Anlass aufbewahrt hatte. Heute war ein besonderer Anlass; denn er wollte Julia einen Heiratsantrag machen. Aus dem geschnitzten Holzkästchen hatte er bereits die goldene Halskette mit dem Herz-Anhänger geholt, die er Eva zur Verlobung geschenkt hatte. Heute würde er sie Julia schenken. Es würde ein besonderer Abend, dachte Robert immer wieder.

Julia kam mit ein paar Minuten Verspätung, sie schien nervös zu sein. Sie trug ein cremefarbenes Seidenkleid, das ihre schlanke Figur zur Geltung brachte, dazu Perlen-Ohrringe, ein Geschenk von Richard. Er hatte sie darum gebeten, das Kleid und diese Ohrringe am heutigen Abend zu tragen. Julia sah umwerfend aus, und Robert konnte den Blick kaum von ihr wenden. So hatte auch Eva ausgesehen, als er ihr den Antrag machte.

Während des Essens blieb Julia ungewohnt schweigsam, sie nahm nur wenig von den angebotenen Speisen, trank kaum einen Schluck Wein. Schließlich sah sie Robert an: „Robert, ich muss dir etwas sagen ...“ Er setzte sein Glas ab: „Aber selbstverständlich, mein Liebling, was hast du denn?“ Julia schien nach den richtigen Worten zu suchen: „Also, ich bin dir wirklich dankbar für alles, was du für mich tust ...“ Robert lächelte ihr aufmunternd zu. Sie nahm einen Schluck Rotwein, dann fuhr sie fort: „Aber du liebst mich nicht. Du liebt mich nicht als die Julia, die ich bin. Du liebst die Frau, die du aus mir gemacht hast, die du in mir sehen willst.“ Sie senkte den Kopf und bemerkte nicht, dass Roberts Augen eiskalt wurden. Er stand auf, ging um den Tisch herum und stellte sich hinter Julias Stuhl. Er legte seine Hände sanft und beruhigend auf ihre Schultern: „Mein Liebling, das bildest du dir ein. Ich liebe dich, nur dich.“ Seine Stimme hatte einen merkwürdigen Unterton, Julia fühlte sich unbehaglich, aber sie sprach weiter: „Nein, Robert, das bilde ich mir nicht ein. So kann ich nicht mehr leben … ich verlasse dich.“ Roberts Gesicht verzog sich haßerfüllt, er presste seine Hände um ihren Hals und drückte mit aller Kraft zu bis sie kein Lebenszeichen mehr von sich gab: „Eva, mein Liebling, du kannst mich nicht verlassen … !“ Er nahm die goldene Kette mit dem Herz-Anhänger und legte sie der toten Julia um den Hals: „Jetzt gehörst du mir … für immer.“ Er torkelte zum Tisch und griff zu seinem Glas, in dem sich für einen kurzen Moment sein Gesicht spiegelte – eine häßliche Fratze, entstellt durch maßlose Besessenheit.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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