Aleksandar Gievski

Eva`s Fahrrad

 

Es ist lediglich eine Abkürzung für Fußgänger und Radfahrer, welche die langgezogene Kurve an der Straße entlang umgehen wollen. Eine kurze Passage, die dicht bewachsen ist und durch die ein schmaler Trampelpfad führt. Tagsüber (vor allem im Sommer) ist es eine schöne grüne Abwechslung, um für fünf Sekunden den geteerten Weg und den Straßenlärm zu entkommen. Nachts, eine gute Gelegenheit für Kleinkriminelle und Betrunkene, in der abgeschiedenen Dunkelheit, ein kleines oder auch großes Geschäft abzuwickeln. Hundert Quadratmeter unbefleckte Natur, eingezäunt zwischen den engen Gassen der Großstadt und der gut befahrenen Straße. Interessant im Frühling und im Sommer, wenn die Knospen sprießen und die bunten Blumen blühen. Wenn die Blätter der Bäume ihren Schatten spenden. Im Herbst wirkt der Platz eher wie ein Friedhof. Transparent von allen Seiten. Blattlose Zweige, die das Gefühl vermitteln wollen, ungewünscht zu sein. Wie in einem schwarz-weiß Krimi aus den 50ger Jahren. Rätsel, die sich das ganze Jahr über angesammelt haben, werden dann sichtbar. In den Jahren davor war es mal eine kaputte Waschmaschine oder eine alte Eckbank. Hausmüll und Verpackungskartons. In diesem Jahr war es ein rosafarbenes Mädchenfahrrad, welches mitten im Gebüsch von den kahlen Ästen, aufrechtstehend, gehalten wurde. Was für ein Geheimnis konnte hinter diesem Fahrrad stecken?

 

Der Großteil der Leute würde annehmen, dass zwei betrunkene Halbstarke das Fahrrad aus einem Vorgarten der naheliegenden Reihenhaussiedlung auf ihrem Weg nachhause gestohlen hatten. Als die zwei vergeblich versucht hatten auf dem kleinen Ding eine Strecke zurück zu legen, machten sie es durch ihre hirnlose Fahrweise und ihrem dummen besoffenen Wesen kaputt und beschlossen das Fahrrad zu entsorgen. Mit einem gekonnten Wurf landete das Fahrrad im Gebüsch und die zwei Idioten gingen weiter ihren Weg.

So in etwa, denken die meisten Menschen, wenn sie an dem Fahrrad vorbei gehen. Nur macht sich niemand die Mühe, mal genauer hin zu schauen. Vielleicht hätte man die Kleidungsfetzen gesehen, die an der Vorderbremse runter hingen. Die Bluttropfen am Lenkrad. Oder das Stück Haut am linken Pedal. Alles Indizien für einen Unfall. Was wäre, wenn das Fahrrad der kleinen zwölfjährigen Eva, aus der Reihenhaussiedlung gehören würde und sie ein schreckliches Erlebnis durchmachen musste von dem noch keiner weiß. Wenn es sich so zugetragen hätte.

 

 

Theorie Zwei:

 

Bis jetzt waren die Sommerferien gut verlaufen. Es gab nur wenige Tage, wo sich die Wolken vor die Sonne schoben. An einem späten Nachmittag nahm Eva ihre zwei Lieblings Barbiepuppen und ging mit ihnen in den Garten, hinterm Haus. Eva liebte es noch mit ihren Barbies zu spielen, obwohl sie schon wusste, dass sie langsam aus dem Alter raus kam. Es war ihr peinlich vor ihren Klassenkameradinnen darüber zu sprechen. Vor allem wenn Jenny Ullrich in der Nähe war.

Jenny machte sich über die Schulsachen der anderen lustig. Oh, Mickey Maus! So eine hat meine kleine Schwester auch…Was? Du schaust noch Zeichentrickfilme…und so weiter…

Jenny war eine Tussi. Ihre zwei besten Freundinnen waren eine Klasse über ihr und genauso schlimme Tussen. Es war nicht immer so mit Jenny. Früher haben Eva und Jenny auch miteinander gespielt. Barbies, Brettspiele und Verstecken. Es war angenehm, auch deshalb, weil die beiden Familien Nachbarn waren. Eigentlich eine gute Voraussetzung. Nur mit der Zeit ist die Freundschaft zu schwierig geworden und Eva hat beschlossen Jenny aus dem Weg zu gehen.

 

„Was machst du da?“, hörte Eva jemanden hinter dem Zaun rufen. Schnell versteckte sie ihre Barbies hinter ihrem Rücken und setzte sich rasch auf die Schaukel. „Was willst du, Jenny?“ Die will nur Ärger machen, dachte sich Eva. Drei Köpfe erschienen über dem Zaun. Jenny, Sandra und Carmen zogen sich an den Brettern nach oben. „Spielst du mit deinen Barbies?“; fragte Jenny. „Nein! Ich wollte nur frische Luft schnappen.“, sagte Eva. Jennys Kopf verschwand, während die anderen Zwei sie noch anstarrten. Ein paar Meter weiter öffnete sich das Gartentor, welches die beiden Gärten miteinander verband. Jenny kam schnellen Schrittes auf Eva zu und blieb vor ihr stehen. „Was hast du hinter deinem Rücken?“, fragte Jenny. „Nichts. Und jetzt geh wieder.“, sagte Eva und sah wie Sandra und Carmen in den Garten kamen.

„Komm schon Eva. Ich hab mit Sandra um fünf Euro gewettet, dass du nicht mit Puppen spielst.“, sagte Carmen und versuchte, dabei freundlich zu lächeln. Was nichts Gutes bedeutete.

Die arme Eva war eingekesselt. Sie konnte nicht abhauen und Hilfe von drinnen war auch nicht zu erwarten. Die drei Mädchen bedrängten sie immer mehr. Sie konnte dem Druck, der sich in ihr aufbaute (das Gefühl, vor einer drohenden Gefahr weg zu laufen) nicht entkommen. Ihr Herz schlug schneller und die Stimmen wurden aufdringlicher.

„Zeig uns jetzt, was du hinter deinem Rücken versteckst.“, sagte Sandra.

Eva wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis eine zupacken würde. „Hier! Seit ihr jetzt zufrieden.“, Eva warf ihnen ihre Zwei Lieblings Barbies vor die Füße, in den Dreck.

„Ach Eva.“, sagte Carmen ganz wehleidig, „Wegen dir habe ich jetzt fünf Euro verloren. Weißt du was? Als Wiedergutmachung nehme ich die Zwei mit. Mir fällt auch grad ein bombastisches Spiel für die beiden ein.“ Die drei fiesen Mädchen schauten sich an und ein gemeines Grinsen (allen Drei schoss derselbe Gedanke durch den Kopf) spiegelte sich in ihren Gesichtern wieder.

„Gib sie wieder her. Die gehören mir.“, fauchte Eva ihr entgegen, mit dem Wissen, dass es nichts bringen würde. Unbeeindruckt von Evas Worten, gingen sie wieder zurück. „Werd erwachsen.“, rief ihr Jenny zu, Eva den Rücken schon zugewandt.

Eva saß traurig und hilflos auf der Schaukel. Vereinzelnde kleine Tränen liefen ihr die Wange runter. „Wieso lässt du dir das eigentlich gefallen?“, fragte eine Jungen Stimme.

Eva zuckte zusammen und sprang von der Schaukel auf. Sie sah in die Richtung, aus der die Stimme kam. Ein Junge, nicht älter als Neun, mit schwarzen zerzausten Haaren, steckte seinen Kopf durch die Hecke, die an den anderen Nachbarn grenzte. Sein blasses Gesicht schaute Eva fragend an.

„Wer bist Du denn?“, fragte Eva. Der Junge zwängte sich zwischen den Ästen hindurch.

  1. bin Gum.“, sagte er.

Er war ein hübscher kleiner Junge mit kurzen, verstrubbelten, schwarzen Haaren und einem Heavy Metal T-Shirt, schwarzen Jeans und offenen Chucks an. Er sah aus wie ein Streuner. Irgendwie süß, wenn da nicht seine spitzen Zähne gewesen wären, die ihn wie ein Nagetier aussehen ließen. Das passiert also, wenn man sich nicht die Zähne putzt und nur Süßes isst, dachte sich Eva.

„Was ist das für ein Name, Gum? Hört sich voll schräg an.“

„Eva hört sich auch nicht wie eine Königin an. Viel mehr wie ein südamerikanischer Wirbelsturm.“

„Woher kommst Du eigentlich?“, fragte Eva genervt, denn sie wollte eigentlich ihre Ruhe haben.

„Ich wohne auf der anderen Flussseite, gegenüber des Einkaufszentrums.“

Eva musste kurz überlegen.

„Du wohnst auf einer Müllhalde?“

„Schrottplatz!“, protestierte Gum.

„Oh, entschuldige. Als ob das nicht das Selbe ist.“

„Wieso lässt Du deine Wut an mir aus? Ich hab Dir deine Sachen nicht weg genommen.“

„Vielleicht bin ich wirklich schon zu groß, um mit Puppen zu spielen.“ Eva ließ ihren Kopf hängen.

„Dann tu etwas, was große Mädchen tun würden.“ Sie schaute immer noch auf den Boden.

„Und, was soll das sein, meinen Eltern Bescheid geben?“

„Brrr…“ Gum schüttelte sich, als ob er gerade in ein Becken mit kaltem Wasser gesprungen wäre.

„Nur das nicht. Hol dir dein Zeug wieder. Zeig ihnen, dass man mit Dir nicht so umspringen kann.“

„Genau. Und dann verprügeln sie mich.“

„Setz Deinen Kopf ein. Du findest schon einen Weg. Lass uns gehen.“

Gum ging an Eva vorbei zur Straße vor.

„Wohin denn?“

 

Eva wollte sich nicht mitreißen lassen. Doch in ihr wuchs eine Wut, die ihr Herz schneller schlagen ließ. Die Wut von all den Kindern und Jugendlichen vor ihr, die schon von größeren und stärkeren drangsaliert wurden. Eine Wut, die ein Auto umwerfen konnte.

 

Die Drei Mädchen standen noch auf dem Fußweg und bereiteten ihre Fahrräder vor. Eva schlich sich ran und beobachtete sie. Ihre Barbies mussten in Carmens Rucksack sein, denn die anderen beiden trugen keinen. Die drei fuhren los. Schnell rannte Eva in die offene Garage, setzte ihren Helm auf und schob ihr rosa Fahrrad auf die Straße. Sie versteckte sich hinter einem parkenden Auto und wartete darauf, dass die drei über die erste Kreuzung fuhren. Eva verfolgte sie. Die Aufregung in ihr war groß. Sie fühlte sich wie ein Spion, der einen wichtigen Auftrag hatte. Hinter ihr, auf dem Gepäckträger saß Gum und pfiff gemütlich ein fröhliches Lied. Wenigstens einer der Spaß hat, dachte sich Eva, die froh war einen Unterstützer zu haben. Auch wenn der kleine Junge ihr nicht ganz geheuer war. Sie kannte ihn ja gar nicht. Und, er muffelte irgendwie. Was komisch war, saß er doch hinter ihr und trotzdem konnte sie ihn riechen. Ein starker und süßer Duft, wie verwelkte Tulpen.

Die Drei fuhren zum Fluss. Auf dieser Seite des Flusses befanden sich Sandbänke und Eva ahnte schon wo sie hin wollten.

Von oben konnte Eva sehen wie Sandra Steine in den Fluss warf. Die anderen zwei unterhielten sich. Aus einem Handy spielte Musik.

„Und was nun?“, fragte Eva Gum.

„Jetzt gehst du da runter und holst dir dein Zeug wieder.“

Eva schaute ihn ganz verdutzt an.

„Das war dein Plan? Wenn ich jetzt da runter gehe, schmeißen die mich ins Wasser, noch bevor ich Hey gesagt habe. Ich bin zwar noch jung, aber nicht blöd.“

„Na gut. Dann nimm die hier.“

Gum zog eine Steinschleuder aus seiner Gesäßtasche und hielt sie ihr hin. Eva schaute das Ding skeptisch an.

„Eine Steinschleuder? Ich soll die drei wirklich mit einer Steinschleuder in Schach halten?“

„Das ist dein Vorteil. Du hast eine und die haben keine.“

„Vergiss es Gumi Boy, wir fahren wieder…“

Eva sah wie Sandra eine ihrer Barbies aus den Rucksack zog und noch etwas, was wie eine Stange Dynamit aussah.

„Scheiße! Die Kuh will meine Barbie mit einem Böller in die Luft jagen.“

Eva riss Gum die Steinschleuder aus der Hand und sah sich um. Nah bei ihr lagen gute Steine, die sie in ihre Hosentasche steckte. Sie hüpfte den aufgestauten Hügel herunter. Auf halber Strecke blieb sie stehen. Sie schoss einen Stein gezielt zwischen Sandras Beine. Sandra erschrak und schaute sich hastig um.

„Was war das?“, fragte Sandra.

„Wag es ja nicht meine Sachen kaputt zu machen!“, schrie Eva sie an und kam ihr langsam näher.

„Du bist wohl lebensmüde?“

Eva hat die Steinschleuder schon neu gespannt und richtete sie auf Sandra.

„Wirf mir die Barbies zu, Sandra.“

„Mach keinen Scheiß, Eva.“, sagte Sandra, während Jenny und Carmen nur verblüfft mal zu Sandra dann zu Eva schauten.

„Ich zähle bis Drei. Eins. Zwei…“

„Ist doch gut. Hier hast du deine blöden Barbies.“

Sandra holte die zweite Barbie aus dem Rucksack und warf sie ihr vor die Füße.

„Es konnte ja keiner ahnen, dass das Baby noch so sehr an seinem Spielzeug hängt.“, sagte Sandra und machte eine abwertende Handbewegung.

Eva ließ die Steinschleuder gespannt und ging in die Knie, ohne Sandra dabei aus den Augen zu lassen. Sie packte die beiden Barbies mit dem kleinen Finger, mit der sie auch die Steinschleuder hielt, an den Haaren und hob sie auf. Dann ging sie rückwärts den Hügel wieder hoch.

Nehmen wir an, Eva hätte es bis nach oben geschafft und wäre auf ihr Fahrrad gestiegen und schnell wie der Wind nachhause gefahren. Dann wären ihr Sandra, Jenny und Carmen nicht gefolgt, weil es den Aufwand nicht wert gewesen wäre. Vielleicht hätte Evas Mut die Drei beeindruckt und sie hätten es als eine coole Aktion gesehen und dafür Eva in Zukunft in Ruhe gelassen. Nur leider kam es anders.

Eva rutschte auf dem Untergrund aus und landete auf ihrem Hintern. Um sich abzufangen, ließ sie das Gummiband los. Dann sah sie, wie der Stein in Zeitlupe die Schallmauer durchbrach und durch die Luft sauste. Der Stein streifte Sandras Kopf an der Schläfe und hinterließ ihr einen blutenden Kratzer. Sandra schrie auf und fiel, wie ein nasses Kleidungsstück zu Boden. Jenny und Carmen eilten zu ihr.

„Alles in Ordnung?… Zeig mal… Oh, das sieht nicht gut aus… Wenn das blau wird, dann kannst du zu Fasching als David Bowie gehen.“

„Eva!“, schrie Sandra und stand, wutendbrand, auf.

Durch Evas Adern schoss Adrenalin. Ihr Fluchtinstinkt wurde geweckt. Auf allen Vieren kletterte sie nach oben und verschwand hinter der Kuppe.

„Wenn ich dich erwische, dann reiß ich dir den Kopf ab!“, schrie Sandra ihr nach und nahm ihre Sachen vom Boden auf. Mit großen Schritten und einer Hand auf der Wunde, stampfte sie den Hügel hoch.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte Carmen, während sie ihr folgten.

„Sie jagen!“

 

Eva hatte einen leichten Vorsprung, doch ihre Verfolgerinnen waren ihr auf den Fersen. Gum war verschwunden, aber das war ihr egal. Er wäre nur Ballast für sie gewesen und den hätte sie jetzt nicht gebrauchen können. Eva fuhr in Richtung Innenstadt. Ohne auf den Verkehr zu achten, fuhr sie über Kreuzungen. Herannahende Autos mussten wegen ihr scharf bremsen und begannen, zu hupen. Das machte ihr Angst, aber sie konnte nicht stehen bleiben. Es musste ganz schnell ein Plan her. Sogar sehr schnell, denn am Ende des Blocks kreuzte eine vierspurige Straße ihren Weg, die sehr stark befahren war. Sie sah sich um. Wenn ich mich nur irgendwo verstecken könnte, dachte sie sich und dann viel ihr etwas ein. Ein guter Plan, mit nur einem Haken. Sie musste die vierspurige Straße überqueren. Auf der anderen Seite war ein kleines Waldstück (wenn man es überhaupt Wald nennen durfte) in dem sie untertauchen konnte. In ihren Ohren pochte ihr Herzschlag. Die vierspurige Straße kam immer näher. Es war ein Ding der Unmöglichkeit. Reiner Selbstmord, würden viele sagen. Allerhöchstens bis zur dritten Spur und Boom. Doch, Evas Glück an diesem Tag war so groß, dass man den Eifelturm damit einwickeln konnte. Wie durch ein Wunder schoss sie zwischen den Autos hindurch, ohne dabei nur ein Haar zu verlieren. Ein geplanter Stunt beim Film, wäre nur eine amateurhafte Nachahmung dieser Straßenüberquerung gewesen. Alles ging gut, bis auf die letzte Hürde. Um wieder auf den Bordstein zu gelangen, musste sie das Fahrrad anheben. Durch die hohe Geschwindigkeit, die sie drauf hatte, gelang es ihr nicht das Vorderrad weitgenug hoch zu heben. Das Vorderrad prallte gegen die Kante und stieß das Fahrrad nach oben. Als das Hinterrad die Kante erreichte, stürzte der vordere Teil schnell nach unten. Der Aufprall sorgte dafür, dass das Vorderrad sich verbog und die Kette ries. Eva schlug mit den Rippen auf den Lenker auf. Das Fahrrad war unkontrollierbar. Sie lag mit ihrem Oberkörper über dem Lenker. Im Slalom preschte sie in das kleine Wäldchen hinein. Wie ein Magier, der durch eine Rauchwolke, in Sekunden von der Bühne verschwand, verschwand auch Eva in einem dicht bewachsenen Busch.

Eva bekam keine Luft. Ich muss sterben. Ich sterbe. Es ist so weit, dachte sie panisch. Sie drückte sich mit den Armen nach oben und entlastete ihren Oberkörper. Ihre Lungen nahmen sofort wieder Sauerstoff auf. Mit Erleichterung atmete sie ein paar Mal kräftig ein und aus. Sie war umgeben von einem Meer aus grünen Blättern. Das Fahrrad stand fest und wurde von den Ästen gehalten. Die Kratzer auf ihrer Haut fingen an zu brennen. Blut tropfte aus ihrer Nase. Ihr rechtes Schienbein war aufgeschürft. Ihr T-Shirt hing an der Vorderbremse fest. Am liebsten hätte sie laut geschrien und angefangen zu weinen. Aber dann, wäre alles um sonst gewesen. Still und bewegungslos saß sie da, wartete und lauschte. Nach ein paar Minuten (Eva kam es wie eine Ewigkeit vor) hörte sie, wie sich Fahrräder näherten.

„Kommt. Wir müssen sie einholen!“, hörte sie Sandras Stimme rufen. Die Räder fuhren, nur wenige Zentimeter hinter ihrem Rücken, an ihr vorbei. Sie hat es geschafft. So viel Angst, Schmerz und Risiko um für drei Sekunden unsichtbar zu sein. Ein Hauptgewinn sieht anders aus, dachte sie sich und quälte sich von dem Fahrrad. Aus allen Richtungen stachen Äste auf sie ein. In die Beine, den Oberkörper und fast ins Auge. Der Versuch, ihr Fahrrad mitzunehmen, blieb erfolglos. Das Ding saß fest. Es hatte sich in dem Gebüsch eingekeilt. Scheiß drauf, dachte sie und schob sich aus dem Blätterwald. Die drei Mädchen waren nirgends zu sehen. Trotzdem endschied Eva, dass es besser wäre, auf dem schnellsten Weg nach Hause zu gehen.

Ihr Kopf hing nach unten, während sie humpelnd den Gehweg entlang ging. Ihre zwei Barbies schleifte sie, an den Haaren gepackt, hinter sich her. Sie war betrübt und fand, dass die Sache echt scheiße gelaufen war. Die Mädchen werden ihr das heim zahlen, dass wusste sie mit Sicherheit. Nur wann, war die Frage. Wenn sie sie heute nicht erwischen, dann morgen. Oder übermorgen. Musste sie jetzt den ganzen Sommer Zuhause verbringen? Wie sollte sie ihren Eltern erklären, woher die Kratzer kamen? Alles nur, weil sie noch so ein Baby war und mit Puppen spielen musste.

Eine bekannte Stimme zog Eva wieder in das Hier und Jetzt. Sie duckte sich schnell hinter ein Auto und sah nach hinten. Es waren Carmen und Sandra mit Gum, der auf Sandras Gepäckträger stand und laut schrie: „Ich habe sie gesehen!“

Es war noch nicht vorbei. Die Kämpferin die in Eva schlummerte wurde, wie so oft schon an diesem Tag, aus dem Schlaf gerissen. Eva sah sich um. Keine Gärten, nur blanke Hauswände. In einer Nische zwischen zwei Hauseingängen fand sie einen Papiercontainer. Mit Anlauf und einem gewaltigen Sprung schaffte sie es sich in die Öffnung zu hieven, die sich im oberen Drittel des Containers befand. Der Aufprall war hart. Die Zeitungen und Zeitschriften konnten ihren Sturz nur gering mildern. Sie hörte wie die Fahrradbremsen quietschten. Dann war wieder alles ruhig. Aus der Öffnung über ihr konnte sie draußen den bewölkten Himmel sehen. Plötzlich prallte etwas gegen den Container. Der Himmel wurde verdunkelt und Gum schob sein Gesicht dazwischen.

„Hab dich.“, sagte Gum mit der Stimme eines Henkers und dem Grinsen eines Geistesgestörten.

„Sie ist hier! ...Komm schon Everchen. Ich helfe die raus.“, sagte Gum und streckte eine Hand nach ihr aus. Mit seinen spitzen Zähnen sah er aus wie ein Gremlin. Eva drückte sich an die Rückwand.

„Lass mich in Ruhe!“, rief Eva. Dann spürte sie eine andere Hand die nach ihr greifen wollte. Eva erschrak und schrie laut auf. Über ihr war noch eine Öffnung, in der jemand seinen Arm rein hielt.

„Eva, ich bin‘s. Ich tu dir nichts. Gib mir bitte deine Hand, dass ich dich raus ziehen kann. Vertrau mir, BITTE!“

Es war Jenny. Eva war verwirrt. War das eine Falle? Doch irgendetwas in Jennys Stimme klang seltsam. Eine ehrliche Besorgnis war raus zu hören.

„Bitte Eva. Bitte!“

Evas Herz stach in ihrer Brust. Hörte sie Jenny weinen? Sie griff nach Jennys Hand. Mit viel Mühe zog Jenny Eva nach oben.

„Gleich haben wir es.“, sagte Jenny, als Eva schon halb aus dem Container hing und ihre Beine in der Luft baumelten. Gum, der auf der anderen Seite halb im Container hing, schaffte es Evas Fuß zu packen.

„Bleib bei mir, mein verschimmelter Sahnehappen!“

Jenny zog an Eva, wie an einem Tau. Mit einmal ließ Gum los und Eva landete auf Jenny.

„Lasst das! Was macht ihr denn da?“, schimpfte Gum, der gerade von Sandra und Carmen in den Container gestopft wurde.

„Hier. Du fieser kleiner Aasfresser. Nimm das.“, sagte Carmen und zündete einen Chinaböller an und warf ihn durch das Loch zu Gum. Sandra machte dasselbe und die beiden warfen noch ein Dutzend hinterher. Es dauerte nicht lang, da explodierten schon die ersten. Gum schrie wie am Spieß. Aber nicht aus Angst, sondern aus Wut.

„Das werdet ihr noch bereuen, ihr kleinen Schlampen, ihr Mistgeburten! Ich werde euch finden, das verspreche ich! Und dann, fresse ich euch alle auf!“ Der Rauch stieg aus jedem noch so kleinen Spalt. Jenny und Eva stellten sich neben die anderen zwei Mädchen, die sich vom Container ein wenig entfernt hatten. Sie sahen wie die ersten Flammen aus der Öffnung nach außen brachen.

„Lasst uns abhauen. Jede Nachhause.“, waren Sandras Anweisungen, welche die Mädchen prompt befolgten.

Eva saß auf Jennys Lenker und die Barbies baumelten in ihren Händen. Als sie weit genug weg waren fuhr Jenny etwas langsamer.

„Wieso habt ihr das gemacht?“, fragte Eva.

„Weil der kleine Gum ein Aasfresser war. Er kam vor einiger Zeit zu uns. Am Anfang war er noch ganz lustig. Er brachte uns Zigaretten und Alkohol, als wir uns am Fluss getroffen haben. Doch dann wurde er immer merkwürdiger. Er stiftete uns an gefährliche Sachen zu machen. Carmen hätte sich bei einer Aktion fast umgebracht. Und er wollte, dass sie stirbt. Da bin ich mir ganz sicher.“

„Aber warum?“

„ Damit er ihre Leiche mitnehmen konnte, um sie danach aufzufressen. Er ernährt sich von totem Fleisch. Ich bin ihm mal zum Schrottplatz gefolgt. Dort fand ich seine Behausung zwischen den alten Wracks die keiner mehr wegräumen möchte. Es lagen überall Gerippe von Tieren und große Knochen rum. Ob die von Menschen waren, weiß ich nicht. Aber ich habe ihn dabei erwischt, wie er einen toten Igel gefressen hat. Nicht gekocht oder so etwas. Er hat ihn aufgerissen und gefressen.

Gum war kein Junge, Eva. Er war ein Monster.“

 

Als die Feuerwehr mit dem Löschen fertig war, zogen sie die geschmolzenen Überreste näher zu Straße, damit der Autokrahn leichter heran kam. Ein Feuerwehrmann wollte einen Haken befestigen, als eine große, nackte und unglaublich hässliche Ratte aus den Trümmern über seinen Kopf hinweg davon rannte.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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