Bozena Friedrich

Warteschlange

Eines Tages wurde ich, so schien es mir, an das Ende einer Warteschlange geschickt, weil ich Ausländerin bin. Ich ging.
Der vorletzte Mann, der vielleicht ebenso kein Einheimischer war, sagte: "Sie waren vor mir".
Es erinnerte mich an eine andere Warteschlange, die es früher, wie mir jemand erzählte, gegeben haben soll. Da mir die Erinnerung keine Ruhe ließ, dachte ich, dass es deshalb geschah, weil die einstige Warteschlange meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte, da sie nur zitschen kann.

Ein erwachsener, älterer Herr, der ein blondes Kind im Dritten Reich war und kein gelbes Zeichen auf seine Kleidung aufgenäht tragen musste, erzählte, dass er eines Tages sein Brot auf Zuteilung holen ging. Es fiel ihm auf, dass ein Junge, der vor ihm stand, an das Ende der Warteschlange geschickt wurde. Er beobachtete, während er seinen Brotlaib längst in den Händen hielt, dass der Junge jedes Mal, sobald er an der Reihe war, an das Ende der Warteschlange musste. Zum Schluß brach er seinen Brotlaib in zwei Teile durch und gab eins davon dem Jungen.

Uns Nachgeborenen erzählte seine Tante, bei der er nach dem Tod seiner Mutter aufwuchs, dass er, während die Klasse "Heil H." sagte und den rechten Arm waagerecht vor sich gestreckt hielt, lachte nur. 
Sein Lachen war Grund dafür, dass er eine Weile später Theater machte im Klassenschrank. Er gab Laute von sich und klopfte gegen die Schrankwände und Schranktür von innen, da sie von außen abgeschlossen war.
Die Klasse lachte nun.

Die Tante wunderte sich, dass er so etwas tat, und fragte sich, wo er es denn her hatte, da gegen so manche bei ihnen zu Hause nicht gesprochen wurde. Die Familie seines Vaters war wohl sogar für so manche. Wir Nachgeborenen sagten, dass er sich nicht wegen Meinung so verhielt, sondern weil er ein Witzling war.
Vielleicht einen Sinn fürs Theatralische hatte?

Sie erzählte, dass er seinen Brotlaib, der nach Zuteilung allein ihm gehörte, genau in der Mitte durchschnitt. Sie sagte ihm, er solle es nicht tun. Er teilte es dennoch und händigte ihr und seinem Onkel eine der beiden Hälften aus.
Er hatte, so meinte sie, einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit als Kind. Wir glaubten ihm, dass sie ihn schlug, weil er nur Hälfte des Brotlaibes nach Hause gebracht hatte, und auch aus manchem anderen Grund. Wir glaubten seiner Tante nicht mehr, die im Voraus angab, dass sie ihn nicht geschlagen hatte.

Er fragte, ein erwachsener, älterer Herr, wieso sie ihn schlug, der Junge hatte doch genauso Hunger gehabt wie er.
Er verstand es genauer erst später, weshalb er in den Klassenschrank  gesteckt wurde, und dass es nicht nur deshalb geschah, weil er zwei Worte nicht sagte und seinen rechten Arm nicht waagerecht gestreckt vor sich hielt.
Er lachte bereits nicht mehr.
In Tränen brach er erst aus, als er von einer Frau sprach, die unter der Decke eines Speichers in einer Schlinge hing. Sie war jung. Nicht lange bevor dies der Fall war, dass er und andere sie hängen sahen, hatten so manche ihren Freund aus einem damals gerechtfertigten Grund hinausgeführt.

Der Zeitraum, in dem ich glauben durfte, dass diejenigen, die ihn hinausführten, nicht mehr lebten, war kurz. Ich erfuhr, dass sie doch lebten. Es gäbe sie heute noch.

Manche sagen, Schlangen zitschten, weil sie Angst haben.
Sie züngelten, um sich geruchsmäßig zu orientieren und gleichartige aufzuspüren.
Sie bissen nicht, sei denn als ultima ratio.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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