Bettina Forst

Cocoloco und die Geburtstagstorte

Cocoloco, der Papagei, lag in seiner Hängematte unter dem Apfelbaum und wartete
auf die Blaumeise. Auf dem Tischchen standen schon eine Schale mit
Krümelkeksen, die Teetasse und eine Teekanne mit Hibiskusblütentee, dem
Lieblingstee der Blaumeise. In der Ferne klimperte die kluge Eule auf ihrem Klavier.
Sie spielte die Tonleitern hoch und runter. Vorwärts und wieder rückwärts. Dabei
vergriff sich die Eule immer wieder mit den schwarzen und weißen Tasten. Cocoloco
verdrehte die Augen. Es klang einfach zu schräg. Die reinste Katzenjammermusik.

„Hallo Cocoloco, wo steckst du denn? Ich sehe dich ja gar nicht“, sagte die
Blaumeise zur Begrüßung, nahm auf ihrem Klappstühlchen Platz und schenkte sich
Hibiskusblütentee ein. „Hier bin ich doch!“, rief Cocoloco und lugte aus seiner
Hängematte hervor. Er hatte sich einen großen Sonnenschirm über seine
Hängematte aufgespannt und war darunter kaum noch zu sehen. „Wozu brauchst du
denn einen Sonnenschirm?“ wunderte sich die Blaumeise. „Du liegst doch schön im
Schatten.“ „Es regnet Äpfel“, sagte Cocoloco ganz ernsthaft, „und ich will nicht, dass
sie mir ständig auf den Kopf fallen.“ Apfelregen? „Das kann doch gar nicht sein. Das
gibt es doch gar nicht“, sagte die Blaumeise und schüttelte den Kopf. Sie wollte
gerade die Teetasse nehmen und ihren Tee trinken, da plumpste ein Apfel in die
Teetasse und alles schwappte über. Und da, noch ein Apfel fiel herunter, direkt auf
Cocoloco und kullerte vom Sonnenschirm auf die Wiese.

„Hast du schon gehört?“, fragte Cocoloco. „Nein“, antwortete die Blaumeise, guckte
zur Sicherheit nach oben in den Apfelbaum und goss sich dann vorsichtig eine neue
Tasse Tee ein, „was soll ich denn gehört haben?“ Und Cocoloco erzählte, dass er
gehört hatte, dass die Eule vorhabe, an einem Klavierwettbewerb teilzunehmen. „Da
muss sie aber noch viel, viel üben“, zwitscherte die Blaumeise und flötete ein kleines
Liedchen. „Kannst du eigentlich ein Instrument spielen, Cocoloco?“
 
Cocoloco konnte zwar kein Instrument spielen, aber er konnte alle Töne und
Stimmen nachahmen. Cocoloco miaute wie eine Katze und krähte „kikeriki“ wie ein
Hahn. Er konnte sogar klingeln wie ein Telefon „rrringrrring“. Die Blaumeise
amüsierte sich köstlich und hielt sich den Bauch vor Lachern. Das war einfach
unglaublich. Cocoloco erhob sich, stellte sich wie ein Opernsänger in Pose und fing
an zu singen: „O sole mio“. Da klatschte es auf einmal Beifall: „Was für eine Stimme!
Du kannst ja singen wie Caruso, bravo!“, lobte die kluge Eule und applaudierte.
Cocoloco verbeugte und verneigte sich. „Danke, danke, liebe Eule, aber wer war
denn Caruso?“ „Ein weltberühmter Opernsänger“, sagte die Eule und sah auf die
Uhr. Sie hatte es offensichtlich eilig und entschuldigte sich im Wegfliegen hastig: „Ich
habe leider nicht viel Zeit. Ich muss los. Ich habe gleich Klavierunterricht.“

„Klavierunterricht! Was sagst du dazu?“, sagte die Blaumeise verblüfft. Auch
Cocoloco war erstaunt: „Sie will also wirklich beim Wettbewerb mitmachen.“ Er
überlegte kurz: „Wer weiß, wenn die kluge Eule richtig Klavierspielen lernt, gewinnt
sie vielleicht sogar den ersten Preis.“ Die Blaumeise nickte und knabberte an einem
Keks. „Weißt du übrigens, wer morgen Geburtstag hat?“, fragte Cocoloco und
schaukelte in seiner Hängematte hin und her. „Nein“, sagte die Blaumeise, „wer hat
morgen Geburtstag?“ „Hast du das denn schon wieder vergessen!“, krähte Cocoloco
vorwurfsvoll, „die Eule hat doch morgen Geburtstag!“

Stimmt. Immer dann, wenn es rote Äpfel regnete, hatte die Eule Geburtstag. „Wie alt
wird die kluge Eule denn?“, erkundigte sich die Blaumeise. Cocoloco dachte nach
und zuckte mit den Flügeln: „Keine Ahnung. Aber sie war auf der Schule, und sie hat
schon viel gelesen und erlebt.“ Die Blaumeise rechnete und rechnete und meinte
schließlich: „Na, da kommen schon ein paar Jährchen zusammen“.

„Was wollen wir der Eule morgen zum Geburtstag schenken?“, fragte die Blaumeise.
Tja, das war nicht so einfach. Sie überlegten eine Weile. Ein Buch? Die kluge Eule
hatte schon alle Bücher der Welt gelesen. Eine CD mit Musik? Die Eule mochte zwar
die Klaviermusik von Beethoven, aber sie hatte schon alles, was dieser Beethoven
jemals komponiert hat. Sie saßen da und überlegten hin und her, als plötzlich der
Blaumeise wieder ein kleiner Apfel auf den Kopf fiel: „Ich hab’s! Wir backen der Eule
eine Geburtstagstorte. Wir backen einen riesigen Apfelkuchen.“

Gesagt, getan. Sie sammelten die Äpfel auf und machten sich am nächsten Tag in
der Küche ans Werk. Die Blaumeise band sich eine Schürze um, und Cocoloco
setzte sich eine Kochmütze auf den Kopf. Dann schnitten sie die Äpfel in kleine
Scheiben, mischten Milch, Eier, Zucker und Mehl in einer Schüssel, rührten alles kurz
durch und ruckzuck, fertig war der Teig. Cocoloco konnte nicht widerstehen und
heimlich leckte er genüsslich den Teig vom Löffel ab. „Hey, lass das, sonst bleibt
nichts mehr für die Torte übrig“, schimpfte die Blaumeise und schob alles in den
Backofen. Als der Kuchen fertig war, zog sie ihn wieder aus dem Ofen heraus. Hm,
wie lecker das duftete!

Die Torte war gut gelungen, aber sie war wirklich riesengroß. Wie sollten sie die
Apfeltorte nur bis zur Eule tragen? Sie war viel zu groß und zu schwer. Da hatte die
Blaumeise einen Einfall: „Ich war gestern im Kino und habe das ‚Dschungelbuch“
gesehen. Da hatte Mogli beobachtet, wie das kleine Menschenmädchen schwere
Töpfe und große Krüge auf dem Kopf balancierte. Das kann ja nicht so schwer sein.“
Aber die Blaumeise konnte die Riesentorte kaum auf ihrem kleinen Kopf tragen. Die
Torte rutschte gefährlich nach allen Seiten und um ein Haar wäre die Blaumeise mit
der ganzen schönen Geburtstagstorte auf dem Kopf gestürzt, wenn nicht Cocoloco
blitzschnell gerade noch rechtzeitig die Torte im freien Fall abgefangen hätte. Nein,
so ging es also nicht. Aber was nun?

Da sah Cocoloco die Schubkarre, die unter einem Birnbaum stand, und er hatte eine
Idee. Er nahm die Schubkarre, rollte sie zum Backofen, und gemeinsam hievten sie
vorsichtig die große Apfeltorte hinein. Endlich, das war geschafft. Dann steckte jeder
eine Kerze in die Torte, und nun konnte es losgehen. Cocoloco mit der Schubkarre
ging voraus, es folgten die Blaumeise, das Eichhörnchen, die Lachmöwe, die
Mäuseminis und Timmy, der kleine Hund. Der ganze Geburtstagszug setzte sich in
Bewegung und hielt vor dem Tannenbaum an. Hier wohnte die kluge Eule.
 
Die Eule hatte die bunte Gästeschar von ihrem Ausguck schon längst erspäht und kam
sogleich voller Freude von ihrem Tannenbaumwipfel herunter geflogen.
Timmy, der kleine Hund, stand auf und stellte sich hin. Dann setzte sich Cocoloco auf
Timmys Rücken, anschließend kletterte das Eichhörnchen hoch und setzte sich
Cocoloco auf den Kopf, und zum Schluss flog die Blaumeise ganz nach oben und
ließ sich auf dem Eichhörnchen nieder. „Ihr seht ja aus wie die Bremer
Stadtmusikanten“, freute sich die Eule. Die Blaumeise nickte und zählte: „Und eins
und zwei und drei“, und auf drei schmetterten die Bremer Stadtmusikanten los und
brachten der Eule ein Geburtstagsständchen: „Happy birthday to you, liebe Eule,
zum Geburtstag viel Glück.“ Der Mäusemini-Chor sang kräftig mit, Timmy bellte und
kläffte, die Lachmöwe lachte, und der Specht klopfte mit seinem Schnabel auf ein
Stück Holz.

Das Eichhörnchen brachte ein Körbchen voller Nüsse, die es selbst gesammelt hatte.
Und Timmy, der kleine Hund, hatte seinen schönsten Spielball in Geschenkpapier
eingewickelt. Freudig wedelte er mit seinem Schwanz und legte sein Geschenk der
Eule zu Füßen. Die Mäuseminis schenkten der Eule einen bunten Blumenstrauß. Die
gelben Butterblümchen, die weißen Gänseblümchen und die kleinen, roten
Moosröschen hatten sie selber gepflückt.

Die Lachmöwe überreichte der Eule eine Muschel, die hatte sie aus dem Meer
geholt. „Das ist keine normale Muschel, sondern eine Wundermuschel“, sagte die
Lachmöwe und lachte. „Wenn du sie nämlich dicht an dein Ohr hältst, dann kannst
hören, wie das Meer rauscht.“ Die Eule legte ihr Ohr an die Muschel und lauschte.
Ja, tatsächlich, da erklang lautes Meeresrauschen aus der Muschel. „Das ist ja wie
an der Nordsee! Ich kann die Wellen richtig hören“, staunte die Eule ganz
verwundert. „Ich will auch einmal die Wundermuschel hören“, krächzte Cocoloco.
„Wir auch. Wir waren noch nie am Meer“, fiepsten die Mäuseminis. Und so wanderte
die Wundermuschel von Ohr zu Ohr.

Der Specht räusperte sich und sagte: „Liebe Eule, ich habe für dich ein neues
Vogelhäuschen gezimmert. Das habe ich aus unserer Eiche hier im Garten
geschnitzt. Dein altes Häuschen fällt ja bald zusammen, so morsch ist es.“ Zum
Beweis pochte der Specht nur einmal kurz mit seinem spitzen Schnabel an der alten
knarrenden Wohnungstür - und schon fiel die ganze Tür entzwei. „Ja, ja, du hast
recht“, seufzte die Eule, „das kann alles auf den Sperrmüll. Aber jetzt habe ich ja eine
richtig hübsche neue Wohnung.“ Sie lachte und inspizierte sogleich neugierig ihr
neues Zuhause.

Nun bekam die Eule die riesige Geburtstagstorte, die auf der Schubkarre lag. „Du
musst aber vorher alle Kerzen ausblasen“, sagte die Blaumeise, und die Eule holte
ganz tief Luft und breitete ihre Flügel aus. Dann holte sie Schwung und pustete alle
Kerzen auf einmal aus.

Die kluge Eule freute sich über all die vielen schönen Geschenke, strahlte über das
ganze Gesicht und bedankte sich bei allen. „Und jetzt wollen wir feiern!“, rief die Eule
und alle Gäste bekamen ein Riesenstück von der leckeren Apfeltorte auf den Teller,
steckten ihren Schnabel in den Sahneberg und schon tobte eine fröhliche
Sahneschlacht. Die Eule hatte einen weißen Sahneschnurrbart, die Blaumeise trug
ein Sahnekrönchen auf dem Kopf, die Lachmöwe tauchte in der Sahne unter, und
Cocoloco war kopfüber in die Sahne gefallen und kam als weißer Sahneschneemann
wieder heraus.
 
(C) Bettina Forst, bettinaforst@web.de

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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