Thomas Klassen

Der Wilde Galaxiswesten

Der Wilde Galaxiswesten

von ThKl


 

Sie spielten, und die Menschin gewann. Wie das so üblich war, gab es nur einen Gewinner. Gewinnerin in diesem Fall. Dann eine Revanche. Der K’rakh verlor wieder. Es war eine rauhe Zeit in einer rauhen Gegend.

„Tuh haszt beschitzen!“ kam es aus dem schnabelartigen Mund de K’rakh.

„Nein, habe ich nicht!“ erwiderte Myriam, die Menschin.

„Toch!“

„Stell Dich nicht so an! Ich glaube eher, Du wolltest bescheißen und es hat nicht geklappt!“

„Fag es nicht, michr tzu belaidigen, Mennschinn! Kein Schutz märr!“

Ja – das war so eine Sache, das mit dem Schutz. Ungeschriebene, aber nichtsdestotrotz von allen geachtete Regel für eine neuentdeckte Zivilisation war: eigenständig entwickelte Raumfahrt +5 Generationen war die Schonfrist. Solange mussten alle Rassen einen Kontakt absolut fair, gewaltfrei und mit ehrlicher Kommunikation gestalten. Oder abwarten. Und spätestens eine Generation vor Ablauf der Frist wurde eine allgemeine Information über „das Zusammeleben in der Galaxis“ ausgegeben, bevor der Spaß losging. Das war Gesetz.

So ungewöhnlich sich das anhörte, so bekloppt die Galaktischen Zivilisationen auch waren – daran hielten sich alle. Und tat es eine nicht, wurde sie gnadenlos zurückgepfiffen. Es gab eine Verwarnung, danach nur noch verwehende Molekülwolken. Ohne Diskussionen.

Ganz am Anfang, als nur wenige Zivilisationen, vielleicht 100, unterwegs waren in der Galaxis, da gab es diese Regel noch nicht. Die Mruk-sA trafen auf eine Zivilisation, deren Namen heute keiner mehr kennt. Nur die Geschichte. Sie benahmen sich erst wie Freunde, um die Mruk-sA zu besänftigen. Dann betrogen sie sie. Glasperlen gegen wertvolle Stoffe, das alte Spiel. Die Mruk-sA merkten das natürlich irgendwann, aber da waren schon viele Rohstoffe weg. Sie waren mächtig angepisst, wollten das versprochene Know-How und sandten auf Rache, als sie es nicht bekamen. Aber anstatt schön ruhig und vergrämt in ihrem System zu bleiben, wandten sie alle Ressourcen auf, um einen Faltantrieb zu entwickeln. Ausgestattet mit allem, was sie sich an Waffen ausdenken konnten, sandten sie 20 Roboterschiffe aus. 10 zu den nächsten Sonnensystemen, um sich Rohstoffe zu beschaffen. 10, um den Mruk-sA das versprochene Know-How zuzüglich Zinsen abzuverlangen oder sie mit aller Gewalt in den Arsch zu treten. Und die waren so dämlich, darauf anzuspringen. Sie flogen hin und sterilisierten die Planeten der ach so unterentwickelten, jungen Zivilisation.

Aber diese Zivilisation war

a) gut im Bau echter, kreativer KIs

b) schon in benachbarten Sonnensystemen unterwegs

Das Ergebnis dieser Aktion war eine KI-gesteuerte Flotte, deren Grundlage der xenophobe Hass ihrer Schöpfer auf alles Fremde war und die alle Technik, der sie habhaft wurde, integrierte. Als sie zwei Planeten in die Sonne der Mruk-sA warfen und diese daraufhin das ganze System (und ein paar umliegende) sterilisierte, lachten die meisten der anderen. Jaja – die Galaktische Gemeinschaft ist schon im Grunde ein einfach gestrickter Haufen völlig dämlicher Irrer, von einigen Ausnahmen wie den ruhigen, gefühlskalten Orungs oder den nerdigen Fnnpss-TTR abgesehen (mit denen sich niemand ernsthaft anlegen will, der noch halbwegs bei Sinnen ist). Aber die KIs waren halt, nunja, vorbelastet. Ihre Schöpfer waren nach dem Beschiss xenophob und, wirklich, wirklich gut, was die KIs anging. Schlechte Kombination.

Nachdem drei weitere Zivilisationen auf die eine oder andere Art verschwanden war klar, dass da was wirklich ernsthaft aus dem Ruder lief. Es wurde ein Rat einberufen. Man beschloss, für den Augenblick mal an einem Strang zu ziehen. Die letzten Bilder der zu Verhandlungen entsandten Delegation zeigten einen metergroßen Klumpen Materie, der auf sie zuflog. Tja - es stellte sich schnell heraus, dass es Antimaterie war. Wie gesagt, da war jemand richtig mächtig sauer.

Man (Frau, Es, Qualle, unbeschreibliches Ding mit Tentakeln, oder was auch immer) traf sich nochmal und tat, was nötig war. Und nach einigen Jahren gab es einen schön hell leuchtenden Fleck in der Draufsicht der Galaxis. Es brauchte die versammelte Kraft von über 90 Zivilisationen, um der Sache Herr zu werden. Und es war knapp. Und alle achteten darauf, dass keiner eine dieser fantastischen KIs in die Hände, Krallen, Flossen, Tentakel oder sonstwas bekam. Zum einen hatte keiner Lust zu riskieren, dass der Mist nochmal losging, zum Andern gönnte das keiner dem Andern. Allerdings war man (etc.) sich nicht sicher, was die Fnnpss-TTR anging – die steuerten zwar nur drei vergleichsweise winzige Schiffe bei, allerdings waren die immer dort, wo die Action war, mischten kräftig mit und wirkten in den meisten Schlachten so angestrengt wie ein Rentner auf einem E-Bike. Und kamen alle zurück.

Naja, das ist auf jeden Fall der Hintergrund, warum alle, auch die beklopptesten Zivilisationen, sich an diese eine Regel halten.

Zurück zu den Spielern.

„Ich nehme mein Geld und gehe jetzt.“ (Der Einfachheit halber fassen wir jede Art von Zahlungsmittel unter „Geld“ zusammen)

„Mennschinn, wie iszt Dain Nahme?“

„Myriam, warum?“

„Dammit ich ihnn auf Teinen Krabstain schreibn kann.“

An dieser Stelle tritt der Barkeeper auf. „Ich habe keinen Betrug gesehen, KR-Maluk von den K’rakh! Geh jetzt, sonst rufe ich die Polizei“ (Hier fehlt eine vernünftige Übersetzung, aber Polizei kommt dem am Nächsten.)

„Ach, Marrik, was will der schon? Er ist nur ein Großkotz.“ meinte Myriam zum Barkeeper.

„Ichr verrlange eine, wie sakt ihrr Menschn? Genuktuungk! Einn Duell, ichr fordere Tichr herrausz!““

Der Barkeeper sah Myriam fragend an: „Willst Du Dich darauf etwa einlassen?“

Hier in diesem System waren Duelle erlaubt, wenn vorher die Regeln ausgemacht und bezeugt wurden. Das wusste nur nicht jeder, das mit den Regeln, und so gab es immer wieder Situationen, in denen 3 Arme sich im Duell 7 Tentakeln gegenübersahen, oder einfach ein paar Augen mehr zielten.

„Och, warum nicht.“ und zu dem K’rakh: „KR-Maluk von den K’rakh! Ja. Hier die Regeln: Jeder darf nur eine Waffe, die Projektile, Strahlen oder sonstwas auf den Gegner abschießen kann benutzen! Das ist alles. Klar?“

Der K’rakh dachte keine Millisekunde nach und akzeptierte die Regel. Womit wir wieder beim Thema ‚galaktischer Darwin Award‘ wären. Wenn ein Wesen mit einem Bruchteil Deiner Masse und Gliedmaße sich auf ein Duell mit Dir einlässt und nur eine einzige, lächerlich erscheinende Regel aufstellt, ist was oberfaul. Die Lernkurve in solchen Fällen war üblicherweise außerordentlich steil und kurz.

Marrik schüttelte den Kopf. Irgendwer musste nachher die Sauerei wegmachen, und es blieb bestimmt an ihm hängen.

Also wurde schnell herumgefragt, wer den Schiedsrichter und Aufpasser macht, und das Duell begann. Die Regeln waren ja irgendwie überall gleich: Man bewegte sich eine bestimmte Strecke voneinander, es gab ein Signal und dann versuchten beide, den/die/das andere aus dem Reich der Lebenden zu entfernen, ohne dabei das Publikum zu erwischen.

Die beiden gingen die hier üblichen rund 100m auseinander (eigentlich sind es 20 Hrunk, und ein Hrunk entspricht 4,982 m. Aber so ist das einfacher zu lesen). Ein Signal ertönte, beide drehten sich um, der K’rakh schoss einen Laser ab und traf… sich.

Myriam hatte ein etwa 30cm großes Stasisfeld vor ihrem Arm aufgebaut. Dessen perfekte Spiegelfläche bewegte sie schnell und flüssig und warf den Strahl in einer vertikalen Bewegung zurück, so dass KR-Maluk nun einen Arm weniger hatte.

KR-Maluk schrie auf „Dasz kilt nicht!“

„Doch!“ rief der Barkeeper. „Nur eine Waffe! Einzige Regel. Und die Menschin hat gar keine Waffe benutzt!“

„Weiter, Großkotz, oder hast Du genug und erkennst meinen Sieg an?“ Myriam die Menschin war gut gelaunt.

KR-Maluk überlegte „kan ichr eine antere Waffe wälenn?“

Der Barkeeper sah die Menschin fragend an. Laut allgemeiner Regel ging das, wenn beide einverstanden waren. Er war jetzt neugierig, es versprach ein unterhaltsamer Nachmittag zu werden. „Möchte wer was zu Trinken? Wie sieht’s aus mit Wetten?“ rief er in die Zuschauer. Pragmatismus pur. Naja, und Sinn fürs Geschäft.

„Wenn Du Dich dann besser fühlst, von mir aus“ erwiderte die Menschin.

Diesmal hatte KR-Maluk eine Schienenwaffe mit 10 Schuss in hoher Folge. Damit kann ein Stasisfeld zwar auch nicht durchbrochen werden, aber die kinetische Energie muss ja irgendwo hin. Außerdem ist das Feld klein. Und dann kann er treffen. Dachte er.

Die Menschin ließ sich zur Seite fallen, als der K’rakh zur Waffe griff. Ihr kürzlicher Standort wurde durch kleinen Asphaltfontänen markiert. Sie lag daneben auf der Seite, und aus ihrem Oberarm hatte sich eine Röhre geschoben. Seine Railgun lag halb zerknüllt mit einem seiner Arme hinter ihm.

„Ich würde Dir ja anbieten nachzuladen, aber Deine Monsterknarre ist kaputt.“ rief Myriam ihm zu. „Sollte das Riesending irgendwas kompensieren?“

Der Barkeeper war beeindruckt. Einem K’rakh mal einfach im Duell zwei Arme abzuschießen, war eine Leistung. Da waren noch mehr Arme, das versprach Abwechslung.

„Nimm eine neue Waffe, Großkotz von K’rakh!“ kam es von der Menschin, die inzwischen wieder ruhig da stand. „Marrik, schieb’ mal was zu trinken `rüber. Und, kannst mal jemanden schicken, den organischen Gammel da wegzuräumen? Der K’rakh stolpert sonst beim nächsten Schuss noch über seine Arme.“

Die Zuschauer hielten den Atem an. Einen K’rakh so zu reizen war normalerweise eine gute Methode seine Kinder zu Erben zu machen. Und KR-Maluk erhob sich zu voller Größe, machte einen schnellen Schritt, wurde sich der roten Punkte auf drei weiteren seiner Arme gewahr, versuchte wieder stehen zu bleiben und fiel über einen seiner abgeschossenen Arme. Die Menschin hatte einen der Finger erhoben und wackelte damit. Die Menge lachte.

KR-Maluk nahm eine weitere Waffe. Eine, deren Projektil beim Schuss zerfiel und eine große Streuung hatte. Signal, Schuss.

Myriam war weit hochgesprungen und besah sich das Ganze von oben. Beim Fallen schoss sie KR-Maluk noch einen Arm ab.

„Hör auf mit dem Idioten zu spielen, wir müssen bald los!“ rief ihr Captain aus der Menge.

„OK“ rief sie zurück. Und zu dem K’rakh: „Großkotz, letzte Chance. Gib auf!“

Der schrie nur, zog drei Waffen gleichzeitig und rannte auf die Menschin los, noch während er auf sie anlegte. Die hob ohne sichtbare Verzögerung beide Arme und schoss durch ihre Haut am rechten Arm Projektile und aus dem linken kam ein Hochenergielaserpuls. KR-Maluk von K’rakh brach zusammen, bevor er auch nur in ihre Nähe kam. Sie hatte seine Waffen weggeschossen und ihm mit dem Laser ein Loch in seinen Brustkorb gestanzt. Genau dort, wo sein Gehirn liegt.

„Scheiße!“ rief sie „Scheiße, das tut weh! Ich musste durch die Haut schießen!“ Sie ging zu dem von K’rakh. „Japp, der ist am Erkalten.“ nahm eine Gewebeprobe und ging zum Barkeeper, um den Spielgewinn abzuholen.

„Sag mal Myriam, was war das denn?“

„Implantate. Schneller, effizienter und immer dabei!“ sie lächelte ihn an und gab ihm eine Münze. „Für die Sauerei!“

„Auf Wiedersehen, Myriam die Menschin“

„Ich heiße Myriam Earp, und ich war auf der Suche nach genau diesem von K’rakh!“ sagte sie und ging von dannen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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