Claudia Savelsberg

Schamlos eitel

Elvira sah für ihr Alter wirklich gut aus. Mit ihrer schlanken Figur und ihrem fast faltenfreien Gesicht wirkte die 67jährige sehr jugendlich. Elvira war sich ihrer Ausstrahlung durchaus bewusst, sie war eitel und stand gerne im Mittelpunkt. Wenn sie für ihr Aussehen Komplimente bekam, dann badete sie wohlig in der Anerkennung und konnte nicht genug davon bekommen. Sie inszenierte sich, um die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen zu erheischen. Elvira war geradezu schamlos eitel.

Sie ließ sich auch gerne bedauern; denn dann stand sie wieder im Mittelpunkt. Diverse Krankheiten eigneten sich hervorragend für eine Selbstinszenierung zur Befriedigung ihrer Eitelkeit. Ein kleiner Kopfschmerz wurde zur grauenhaften Migräne, ein leichtes Hüsteln war eine schwere Bronchitis, und eine winzige Schürfwunde mutierte zu einer heftigen Blessur. Elvira wurde bemitleidet und bedauert, sogar gelobt, weil sie dies alles mit Tapferkeit ertrug.

Dieses Spielchen spielte sie auch gerne mit ihrer Familie, und heute hatte sie sich eine dramatische Szene ausgedacht: „Kinder, ich muss euch etwas sagen. Das Ergebnis meiner letzten Kontrolluntersuchung war nicht eindeutig. Es gibt einen unklaren Befund …“ Elvira ließ ihre Worte einige Minuten wirken, was den gewünschten Erfolg zeigte; denn sie hatte sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit von Tochter, Schwiegersohn und Enkelin.

Elvira nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich die Stirn ab: „Also in meinem Alter … es kann alles sein. Ich rechne mit dem Schlimmsten. Aber bitte, regt euch meinetwegen nicht auf.“ Die Tochter beeilte sich zu sagen: „Mutti, mach' dir keine Sorgen. Es ist sicher alles harmlos.“ Der Schwiegersohn setzte nach: „Elvira, mach' bitte kein Drama daraus. Es wird sich alles klären.“ Die Enkelin versuchte es mit Humor: „Oma, du bist doch echt fit. Du wirst uns noch überleben.“

Elvira fasste sich ans Herz und seufzte theatralisch. „Ich leide ja schon seit langem unter diffusen Beschwerden und ...“, sie verlieh ihrer Stimme einen dramatischen Unterton, „ .. es könnte lebensbedrohlich sein. Ich muss der Realität ins Auge sehen. Irgendwann muss jeder Mensch gehen ...“ Tochter, Schwiegersohn und Enkelin setzten zu einer Antwort an, aber Elvira brachte sie mit einer herrischen Geste zum Schweigen. „Kinder, eins verspreche ich euch. Ich werde euch nie zur Last fallen. Bevor ich ein Pflegefall werde ...“, sie machte eine bedeutungsschwangere Pause, „ … bringe ich mich lieber um.“ Tochter, Schwiegersohn und Enkelin versanken sprachlos in den Polstern des Sofas.

Elvira stand auf und verließ stumm die Wohnung. Sie warf den Kindern noch einen letzten vorwurfsvollen Blick zu. Um diesen dramatischen Auftritt hätte sie jede Hollywood-Diva beneidet. Elviras Eitelkeit hatte einen weiteren Sieg errungen.

Zuhause dachte sie intensiv darüber nach, wie sie ihren Triumph noch krönen könnte. Es wäre wohl das Beste, wenn sie immer wieder und wohl dosiert das Wort „Selbstmord“ in die Gespräche mit den Kindern einflocht. Dazu müsste sie natürlich wissen, wie sie einen solchen begehen würde. Die Pulsadern aufschneiden? Nein, das kam nicht in Frage, entschied Elvira. Dann wären ja ihre schönen schmalen Handgelenke total entstellt. Aufhängen ging auch nicht. Vielleicht würde man sie mit blau angelaufenem Kopf und heraus hängender Zunge finden. Wie unappetitlich. Ertränken war auch keine Option; denn Wasserleichen waren immer so häßlich. Aber Schlaftabletten zu nehmen, das war eine sehr gute Idee, dachte Elvira. Man würde sie leblos auf dem Bett liegend finden, in ihrer ganzen Schönheit, wie das Schneewittchen im gläsernen Sarg. Elvira lobte sich selbst für ihren brillanten Verstand.

Einige Tage später lief Elvira bei „Rot“ über die Fußgängerampel und wurde von einem schweren LKW überrollt. Die Polizei musste ihre Überreste vom Asphalt abkratzen. Kein schöner Tod für die schamlos eitle Elvira!

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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