Chiara Fabiano

Der rote Mantel

Es regnete. Mit einer leichten Handbewegung griff sie den Gürtel ihres Mantels und zog ihn sich enger um die Taille. Der Regen prasselte laut auf ihren Regenschirm und perlte an den Seiten herab. Lat klackerten die Absätze ihrer Pumps auf dem Asphalt und taten jeden ihrer Schritte kund. Der Weg vor ihr war wie ein langer, eintöniger Tunnel, in welchem sie bloß nach dem hellen Licht suchte, welches ihr den Ausgang signalisierte. Sie schluckte. Die Menschen gingen an ihr vorbei, eine Welle aus schwarz und braun. Braune Mäntel, schwarze Schals, schwarze Mäntel, braune Schals. Sie mit inbegriffen. Genau deshalb fiel er ihr im Augenwinkel auf. Erst sah sie bloß ihr Spiegelbild im Schaufenster, ein verschleiertes, wässriges Abbild aus braunem, schwarzem Stoff, und einem violetten Regenschirm über ihrem Kopf. Doch ein kräftiges Rot durchbrach die monotone Farbeinheit. Es war ein Mantel mit schwarz glänzenden Knöpfen, an der Taille anliegend und nach unten hin weit ausgestellt. Sie betrachtete den Mantel, welcher vor ihr stand und in dessen glänzenden Knöpfen sie ihr Spiegelbild erblickte. Einen Mantel, wie diesen trug man nicht einfach so. Der Mantel trug die Frau. Aber rot hatte ihr noch nie gestanden. Sie riss sich von dem Anblick des Mantels los und beobachtete, wie ihr Spiegelbild aus den polierten Knöpfen verschwand.  

Der Weg bis zum Ende des Tunnels erschien ihr wie eine Ewigkeit. Eine nie endende, braun-schwarze Ewigkeit. Als sie das Café erreichte stieg ihr die warme Heizungsluft ins Gesicht und verlieh ihren Wangen eine unnatürliche Röte. Sie hing den nassen Mantel an die Garderobe, kontrollierte die Hochsteckfrisur im Spiegel und zog sich ein wenig an dem Kragen ihres Pullovers. Schon von weitem sah sie sie am Tisch sitzen. Die Ketten an ihrem Fuß rasselten laut, als sie sich auf sie zu bewegte. Als sie sich setzte, sahen sie sie mit großen Augen an. Er sah aus wie immer. Sie war älter geworden. “Welch ein scheußliches Wetter”, bemerkte ihre Mutter. Der Kellner kam und brachte ihr Stumm einen Milchkaffee, den gleichen, den sie immer trank. Sie legte die Hand um die Tasse und roch an dem dunstenden Kaffee. Ein so vertrauter Geruch.
“Du siehst verändert aus”, bemerkte er. Seine Stimme ließ sie zusammenzucken und so wandte sie sich von dem Kaffee in ihrer Hand ab und sah ihn an.
“So, dabei fühle ich mich gar nicht verändert”, antwortete sie knapp und rau. Ihre Mutter legte sich die Daunenjacke auf den Schoß und lächelte gestellt.
“Schlecht siehst du aus”. Sie riss ihren Blick von ihm und betrachtete nun ihre Mutter, fest und standhaft.
“So, dabei geht es mir gar nicht schlecht”, sie nahm einen weiteren Schluck ihres Kaffees.
“Es ist schön, dass du gekommen bist”, bemerkte er, doch sie sah nicht zu ihm auf.
“Wir hätten nicht damit gerechnet”, bestätigte ihre Mutter. Sie lächelte und hob die Augenbrauen.
“Welchen Grund hätte ich, nicht zu kommen, wenn ihr danach fragt?”.
“Ich glaube das weißt du selbst am besten”, gab ihre Mutter zurück und holte sich ein Taschentuch aus ihrer Handtasche.
“Ich wusste nicht, dass ihr noch Kontakt habt”, sagte sie nicht allzu überrascht, denn ihr war klar gewesen, dass es so sein musste. Er lächelte ihre Mutter an.
“Warum nicht? Nur weil-”,
“Nur weil wir keinen mehr haben?”, fiel sie ihm ins Wort. Ihre Mutter bedachte sie mit einem strengen Blick, während er seinen Kopf senkte.
“Ich habe es für gut gehalten, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Immerhin war es deine Entscheidung zu gehen. Von uns allen”. Es schwangen tausend Speerspitzen aus den Sätzen ihrer Mutter hervor und trafen sie an allen Körperstellen.
“Ich habe mich nie entschieden zu gehen. Ihr wolltet mich nicht dahaben. Ihr habt es nun einmal nicht verstanden”, verteidigte sie sich müde. Ihre Mutter schnaufte.
“Wer könnte das auch schon? Ich hätte mir etwas anderes von meiner Tochter gewünscht. Ich hätte mir gewünscht, dass-”,
“Dass ich das getan hätte, was ihr gerne gesehen hättet. Was für euch am bequemsten gewesen wäre.” Er sah sie mit trüben Augen an.
“Du bist einfach gegangen. Du hast dich dafür entschieden zu gehen, dich zu isolieren, von jedem der dir etwas bedeutet.” Doch sie schüttelte nur den Kopf.
“Ich hatte mich schon lange entschieden gehabt zu gehen. Ich konnte diesen Schmerz nicht länger ertragen.” Ihre Mutter funkelte sie mit zornigen Augen an.
“Ich bitte dich, was hattest du schon für einen Schmerz? All die Jahre hast du all die Bequemlichkeit genossen, die er dir geboten hat, hast Unterstützung erfahren, du interessierst dich für deinen Schmerz? Wann denkst du mal an den unseren, an den seinen? Was er erlitten hat?”. Salzige Tränen der Wut liefen ihr über die Wangen.
“Du hast den Schmerz den ich erlitten habe Jahrelang nicht gesehen.” Er fing an zu schluchzen und ihre Mutter legte ihm die Hand auf die Schulter.
“Es tut mir so leid, ich dachte nach all der Zeit würde sie es einsehen”, sagte sie sanft, so sanft, wie sie sich gewünscht hätte, dass ihre Mutter mit ihr gesprochen hätte. Aber sie wusste, dass sie nicht einfach gegangen war, sie wusste, dass sie nicht für den Schmerz verantwortlich war, den alle verspürten, als sie die Entscheidung getroffen hatte. Sie sah ihn an, schluckte und erklärte ihm leise: “Ich kann nicht länger für deinen Schmerz verantwortlich sein.” Er betrachtete sie lange, seine Augen waren mit Wasser gefüllt, seine Lippen bebten, doch nach einiger Zeit lächelte er kaum merklich und nickte.
“Ich weiß aber, dass ich für den meinen verantwortlich bin, und damit muss ich leben. So wie du mit dem deinem Leben musst. Der Schmerz den wir verspüren, wenn sich etwas verändert kommt nicht einfach von heute auf morgen. Diese Veränderung ist ein langer Prozess. Er war schon immer da, aber du hast ihn ignoriert.” Als sie den letzten Satz sprach, sah sie bewusst ihre Mutter an. Diese nahm ihre Hand von seiner Schulter.
“Ich fühle mit dem Schmerz des Leidenden”, sagte sie und knetete ihre Finger, als müsste sie sich rechtfertigen.
“Nur weil eine Wunde nicht offensichtlich ist, heißt es nicht, dass es keine gibt. Du hast die meine nie gesehen und deshalb geglaubt sie sei nicht da, mein Weggehen hast du als Egoismus abgetan, als hätte es mich nicht in tausend Stücke gerissen, meine Distanziertheit hast du als absichtliches Herausziehen aus unserer Familie bewertet. Ihr habt mein Handeln verurteilt, ihr habt mir gesagt ich müsse mit Gegenwind für meine Taten rechnen. Diesen Gegenwind habe ich angenommen”, erklärte sie mit zitternder Stimme. "Aber ich kann mir nicht länger die Schuld daran geben, dass es für euch nicht so gelaufen ist, wie ihr es euch vorgestellt habt. Es ist Zeit, dass ich mir vergebe, auch wenn ihr es nicht tut." Ihre Mutter atmete stoßartig.
“Ich bitte dich, was erzählst du denn da?”, fragte sie aufgebracht, doch sie zuckte bloß mit den Schultern.
“Warum habt ihr gewollt, dass ich komme?”, fragte sie. Er schüttelte den Kopf und richtete sich auf.
“Du siehst verändert aus”, bemerkte er erneut. “Du siehst nicht mehr aus, wie du”. Sie lächelte schwach.
“Vielleicht hast du dieses ich an mir bloß nie gesehen”. Einen Moment lang sahen sie alle drei aus dem Fenster und beobachteten den leisen Regen und dieses Bild von schwarz und grau. Das gesagte schwebte über ihnen ihm Raum, wie eine Gewitterwolke, die nur darauf wartete, die ersten Blitze loszutreten. Doch dann verzog sich die Wolke und der Regen ebbte langsam ab.
“Ich habe einen roten Mantel gesehen”, sagte sie plötzlich. Ihre Mutter bedachte sie mit einem skeptischen Blick.
“Rot hat dir noch nie gestanden”. Wie aus dem nichts, kam der Kellner und räusperte sich laut, als er ihre leere Tasse auf sein Tablett stellte. “Wünschen sie bereits etwas zu bestellen, oder warten Sie noch auf jemanden”, fragte er sie. Sie blinzelte die Tränen aus ihren Augen und sah zu den leeren Plätzen ihr gegenüber. “Nein, danke, ich möchte gerne bezahlen”. Dann stand sie auf, nahm ihre Tasche und verließ das Café. Sie ging den langen Tunnel zurück und stoppte bei genau dem gleichen Schaufenster, wie zuvor. Bei ihrem Anblick in den polierten Knöpfen lächelte sie und bemerkte erst jetzt, dass sie ihren Mantel hatte in der Garderobe hängen lassen. Als sie den Laden betrat, sich den Mantel vom Bügel nahm und mit ihm an die Kasse trat, begrüßte sie die Inhaberin, welche den Preis in die Kasse tippte und bemerkte: “Ein schöner Mantel. Dieses Rot steht wirklich nicht jedem”. Sie lächelte. “Ich weiß. Aber mir steht es."  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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