Klaus-D. Heid

Der Brunnen

Fischer raste los. Er wusste, dass ihm allerhöchstens zehn Minuten blieben, bis Steinhoff sein Ziel erreicht hatte. Zehn Minuten! Eigentlich war es in dieser Zeit unmöglich, vor Steinhoff am Brunnen zu sein. Trotzdem. Er musste es schaffen, wenn er nicht als ewiger Verlierer vor den Anderen dastehen wollte. Fischers Lungen schienen jeden Moment auseinander zu reißen. Sein Herz raste wie wild und seine Beine liefen längst mit unkontrolliertem Automatismus. Nur von Fischers Unterbewusstsein angetrieben, jagte sein Körper dem Ziel entgegen.

Und wenn Steinhoff schon am Brunnen wartete? Wenn er in aller Gemütsruhe auf Fischer wartete, um seinen Kontrahenten genüsslich zu verhöhnen, sobald er auftauchte?

„Nicht daran denken, Idiot!...!“ schoss es Fischer durch den Kopf. Mit solchen Überlegungen würde es er niemals schaffen, Steinhoff zu besiegen. Jeder Zweifel an sich selbst bedeutete, dass es bereits ein bisschen aufgegeben hatte. Zu zweifeln bedeutete auch, Steinhoff wieder einmal den Sieg zu schenken. Nicht schon wieder! Nicht in diesem Jahr! Seit sechs Jahren demütigte Steinhoff Fischer, indem er – kein bisschen ausgelaugt und erschöpft – am Brunnen stand und ein Liedchen pfiff, während Fischer viel zu spät und mehr tot als lebendig, am Ziel eintraf.

Nicht in diesem Jahr! Wer weiß, ob sich noch einmal die Chance bot, Steinhoff zu besiegen. Sie sind alle beide nicht jünger geworden. Mit jedem Jahr, das verging, fiel – zumindest Fischer – das Laufen immer schwerer. Sie waren beide in die Jahre gekommen, obwohl Steinhoff niemals ein noch so kleines Anzeichen von Erschöpfung erkennen ließ. Entweder er war ein Konditionswunder, oder er verstand es perfekt, seinen Zustand zu verbergen.

Acht Minuten...

Jede Minute erschien Fischer wie eine volle Stunde. Sein Atem ging immer schneller. Mit jedem seiner Schritte spürte er sein Herz immer deutlicher, das ihm zu sagen schien: „Hör auf! Lass es gut sein. Soll er doch gewinnen. Na und? Alles ist besser, als meinen Stillstrand zu riskieren...!“

Sechs Minuten. Vielleicht war Steinhoff schon da? Das konnte nicht sein. Es war einfach nicht möglich, dass er seine Bestzeit vom Vorjahr nochmals gesteigert hatte. Auch ein Steinhoff war nur ein Mensch, der von seinen Körperfunktionen abhängig war. Er war kein Gott. Auch Steinhoff würde dieses Brennen beim Atmen spüren. Auch er konnte nicht die Gesetze des Alterns außer Kraft setzen.

Fischer würde noch etwa fünf Minuten brauchen, um den Brunnen zu erreichen. In spätestens fünf Minuten entschied sich also, war vielleicht das letzte Rennen ihres Wettbewerbs gewonnen hatte.

Zwei Minuten...

Immer öfter wischte Fischer sich den Schweiß aus seinen Augen, der in Strömen von der Stirn lief. Jetzt nur noch drei Kurven durch diese verdammten Straßen. Niemand sah Fischer. Niemand jubelte ihm zu oder feuerte ihn an. Es war kein öffentliches Rennen. Wie in jedem Jahr starteten Fischer und Steinhoff ihr Rennen um vier Uhr morgens. Vor dem ersten Rennen hatten sie die unterschiedlichen Wegstrecken genau abgemessen, um auch wirklich die Chancen auf den Sieg gleichmäßig zu verteilen.

Noch eine Minute. Nur noch die letzte Kurve an dem alten Haus der Försters vorbei – und dann konnte Fischer den Brunnen bereits sehen. Dann wusste er, ob er es Steinhoff in diesem Jahr gezeigt hatte! Sobald Fischer die Kurve hinter sich gebracht hatte, konnte er entweder jubeln oder weinen. Eine andere Alternative gab es nicht. Niemals. Sieg oder Niederlage. So war das Gesetz zwischen den beiden Läufern.

Der Brunnen. Sobald der Brunnen in Sichtweite kam, sah er nur noch zu Boden. Er lief einfach weiter. Er wolle es noch nicht wissen. Er durfte es noch nicht wissen! Die letzten Sekunden des Rennens wollte Fischer mit Stolz hinter sich bringen. Bis er den Rand des Brunnens berühren konnte, hieß es also, weiterzulaufen. Weiterlaufen. Laufen. Laufen...

„Auch schon da...?“

Da stand dieses Schwein. Wie war das möglich?

Arrogant an den Brunnen gelehnt, grinste Steinhoff Fischer an.

„Du lernst es wohl nie, was?“

Total erschöpft und wie wild nach Luft schnappend, hielt sich Fischer am Brunnen fest, um nicht einfach umzufallen. Er sah Steinhoff an. Kein Schweiß auf der Stirn. Kein hektisches Armen. Steinhoff wirkte so ruhig und entspannt, als hätte er statt Blut Valium in den Adern.

„Für mich war es das letzte Rennen, Fischer! Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich mich doch ein klitzekleines bisschen mehr anstrengen musste, als bei den vorherigen Rennen. Nicht viel! Nur ein wirklich kleines bisschen mehr Anstrengung. Ich denke, ich sollte auf den rat meines Körpers hören – und Schluss machen. Wir werden beide zu alt für dieses Spielchen...!“

„...warum...bist...Du...so...wenig...erschöpft...? Ich...bin...fast...tot...!“

„Nimm es nicht so schwer, mein Freund. Der eine hat’s – und der andere hat’s eben nicht. So ist das Leben, Fischer. Verlieren ist keine Schande, wenn man gegen mich verliert. Gib mir das Geld und lass uns dann aufhören. Hast Du’s dabei nicht, stimmt’ s? Macht nicht, Fischer. Gib mir das Geld nachher, ja? Du weißt ja, dass Spielschulden Ehrenschulden sind...!“? Natürlich

„...natürlich, Stein...hoff..., natürlich...“

Fünftausend Mark. Mit Fünfhundert Mark hatten sie begonnen. In jeden Jahr steig der Einsatz um weitere Fünfhundert Mark. Zehn Jahre! Zehn Jahre, in denen immer nur Steinhoff gesiegt hatte. Insgesamt hatte Fischer also 27.500,00 Mark an Steinhoff gezahlt.

Fischer sah verzweifelt um sich. Wie war es nur möglich, schon wieder verloren zu haben? Wie schaffte es Steinhoff nur, keinerlei Anzeichen von Erschöpfung zu zeigen?

Da war etwas, das Fischer stutzig werden ließ. Etwa hundert Meter weiter sah Fischer etwas, das ihm bekannt vorkam. Er konnte es nicht vollständig sehen, war sich aber sicher, dass er wusste, um was es sich handelte. Wenn es stimmte, was er vermutete, dann...

„Wo gehst du hin? Warte doch. Wir können doch zusammen zurück gehen. Ich begleite Dich, ja? Hörst du? Warte doch, Fischer...!“

Aber Fischer wartete nicht. Er wollte Gewissheit haben. Er musste einfach wissen, ob er sich täuschte oder ob er getäuscht wurde.

Zielstrebig ging er in die Richtung, in der er die Lösung des Geheimnisses vermutete. Natürlich. Steinhoff war so faul, dass er noch nicht einmal daran gedacht hatte, den Wagen so zu parken, dass man ihn vom Brunnen aus nicht sehen konnte. Es war Steinhoffs Auto. Fischer berührte die noch warme Motorhaube.

Zehn Jahre. Siebenundzwanzigtausendfünfhundert Mark. Dieses Schwein. Dieses hinterlistige verlogene Schwein hatte seit zehn Jahren betrogen. Deshalb war er vergnügt und ausgeruht, wenn Fischer, kurz vorm Herzstillstand, am Brunnen eintraf. Fischer ging zurück zum Brunnen. Steinhoff setzte bereits an, um nach Erklärungen zu suchen.

„Lass es, Steinhoff. Ich mache Dir keine Vorwürfe. Ich bin selbst schuld, dass ich Dir vertraut habe. Vergessen wir’s, ja? Wir tun einfach so, als ob nichts geschehen wäre. Nur eine Bedingung habe ich, Steinhoff. Nur diese eine Bedingung. Wir werden im nächsten Jahr noch einmal starten. Nebeneinander. Wir werden die gleiche Strecke laufen. Ich denke, dass ist fair, oder? Gleiche Chancen für jeden von uns. Allerdings erhöhe ich den Wetteinsatz auf hunderttausend Mark. Ich denke, dass ist ein angemessener Ausgleich für Deinen Betrug. Vielleicht gewinnst Du ja sogar? So wie jedes Jahr? Was ist? Bist Du dabei...?“

„Das kannst du nicht verlangen, Fischer... . Du weißt, wie problematisch meine finanzielle...“

„Ich kann es verlangen, mein Freund. Ich kann. Also sag schon, dass Du einverstanden bist. Vergiss nicht, dass Spielschulden Ehrenschulden sind.“

„Ich kann das nicht...“

Niemand hat gesehen, wie Fischer Steinhoff in den Brunnen stieß. Im nächsten Jahr hatte die Stadt vor, ein Gitter über dem Brunnen anzubringen. Mit zwanzig Metern Tiefe und keinem Tropfen Wasser auf dem Boden stellte er schon viel zu lange ein Risiko da.

Fischer lief zurück. Er ging nicht – er lief. Er lief befreit und ohne körperliche Beschwerden, als würde er die Strecke zum ersten mal in seinem Leben laufen. Irgendwie fühlte er sich gut. Und selbst, wenn doch jemand gesehen hatte, wie er Steinhoff in den Brunnen stieß, würde er einen Weg finden, ohne Strafe davon zu kommen.

Es war eine kleine Stadt, in der Fischer als Bürgermeister eine Menge zu sagen hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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