Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, Teil 29

– 15 –

Wiesel hatte von Wäldern inzwischen die Nase voll. Noch schlimmer waren seiner Ansicht nach jedoch die Bewohner, die diese Region ihr Zuhause nannten. Und ausgerechnet die Schlimmsten von ihnen war Wiesel nun gezwungen, in Begleitung des Unheimlichen aufzusuchen.

Die Flüsterbande.

Eine Ansammlung von geistesschwachen, bis an die Zähne bewaffneten Halunken, gegen die selbst Kudu, der Bekloppte aus Finsterburg, eine echte Leuchte war.

„Also, deine Bande legt dem Gör auf dem Weg eine Falle, ohne sie umzubringen“, wies der Unheimliche gerade den Anführer der Flüsterbande an, einen Hünen in Fellkleidung, der nach Wiesels Meinung vermutlich in den schneereichen Monaten mit den Bären zusammen Winterschlaf hielt. Zumindest roch er wie einer.

„Hast du das begriffen?“

„Woll“, antwortete der Bär und entblößte dabei ein sagenhaft schlechtes Gebiß.

„Den Hinterhalt legt ihr am besten östlich von hier auf der alten Handelsstraße.“

„Woll.“

„Sorgt dafür, daß sie in einem Stück bleibt.“

„Woll.“

„Wenn ihr sie dann habt, bringt ihr sie zur Hütte der alten Hedwig, wo wir auf euch warten werden.“

„Woll.“

„Und dann hau ich dir eins auf die Birne.“

„Woll, ähh wie meinen?“

„Woll...te nur mal sehen, ob du mir noch zuhörst.“

„Woll.“

Der Unheimliche stöhnte angesichts der Tatsache, daß er gezwungen war, sich mit Gehilfen abzugeben, an denen die Evolution spurlos vorbeigegangen war. Und das alles nur, weil sein trotteliger Gehilfe versagt hatte. Mit einem wütenden Funkeln in den Augen wandte er sich an Wiesel, der ahnte, daß sein Arbeitgeber nicht gut auf ihn zu sprechen war.

„Ich hoffe, daß wenigstens du noch den Durchblick hast“, knurrte der Unheimliche.

„Woll“, beantwortete Wiesel stolz die Frage und fing sich zum Dank einen Tritt gegen das Schienbein ein.

„Ich werde noch wahnsinnig“, fluchte der Unheimliche.

Woll...en wir‘s mal nicht hoffen“, tröstete ihn der Bär und schlug ihm bei diesen Worten rhythmisch auf die Schulter, als ob er einen alten Teppich ausklopfen wollte. Der Unheimliche, dessen Gesichtsfarbe auf einen stark ansteigenden Blutdruck schließen ließ, wirkte angesichts dieser Behandlung kurz so, als ob er den Bären mit bloßen Händen erwürgen wollte. Da dieser ihn jedoch um gut einen Kopf überragte und einen Zentner mehr auf die Waage brachte, beließ es der Unheimliche zähneknirschend bei einem Fluch, der selbst Wiesel die Schamesröte ins Gesicht trieb. Wütend wich er der hämmernden Bärenpranke aus und machte auf dem Absatz kehrt.

„Sie sind so dumm“, knurrte er leise. Mit ausgreifenden Schritten strebte er derart energisch den angebundenen Pferden zu, daß Wiesel Mühe hatte, nicht den Anschluß zu verlieren. Der zurückgelassene Bär erteilte indes fröhlich Befehle an seine Bande, die mit kräftigen „Woll’s“ bestätigt wurden. Wiesel mußte grinsen, als er sah, wie der Unheimliche jedesmal zusammenzuckte.

„Warum vertraut Ihr ihnen eine solche Aufgabe an?“, fragte er den Unheimlichen, der bereits dabei war, sein Pferd loszubinden.

„Weil sie diesen Wald kennen, wie kein zweiter. Wenn irgend jemand dieses Gör findet, dann sind es diese Tiere. Oder hast du Lust auf eine neue Aufgabe?“

Wiesel verkniff sich die Antwort auf diese rhetorische Frage. Was ihm der letzte Auftrag beinahe eingebracht hätte, hatte er noch gut in Erinnerung.

„Das dachte ich mir“, knurrte der Unheimliche angesichts Wiesels Schweigen. „Also hör auf, dumme Fragen zu stellen, sonst frage ich Hedwig, ob sie Verwendung für dich hat.“ Befriedigt registrierte der Unheimliche, daß Wiesel bei dieser Drohung blaß geworden war. Dann riß er sein Pferd herum und sprengte seinem nächsten Ziel entgegen. Es wäre doch gelacht, wenn es ihm nicht gelingen sollte, das Boot ins richtige Fahrwasser zu bringen.
 

– 16 –

Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, als Nobeline frustriert aufgab. Zum einen fiel ihr kein Lied mehr ein, das sie zum Besten geben könnte, zum anderen krächzte sie seit dem vorletzten Stück ohnehin nur noch wie ein schwindsüchtiger Uhu.

Der Drache hatte sie geschafft.

Das müssen wir unbedingt wiederholen“, brummte er vergnügt. Nobeline ersparte sich die Antwort. Inzwischen war sie überzeugt davon, daß Borgaad ihren Plan durchschaut und sich einen Spaß mit ihr erlaubt hatte. Wütend blickte sie zu Van hinüber, der irgendwelche Dankesgebete vor sich hin murmelte. Irritierender weise hatte er damit begonnen, kaum daß ihre Stimme in ein heiseres Krächzen übergegangen war.

Er ist sehr religiös“, beteuerte der Drache, dem Nobelines verärgerter Blick nicht entgangen war. Van nickte zustimmend.

„Es ist schön, wenn die Gebete erhört werden“, murmelte er, wobei er es vermied, Nobeline in die Augen zu sehen. Statt dessen wies er auf eine idyllisch wirkende Lichtung am Wegesrand, und erklärte sie zum heutigen Nachtlager. Während Nobeline mißmutig die Satteltaschen von ihrem Pferd beförderte und sich auf die Suche nach Holz machte, verwandelte Van routiniert die kleine Lichtung in ein perfektes Nachtlager. Dabei musterte er mißtrauisch Borogaad, dessen Nüstern sich blähten, als habe der Drache irgend etwas Verheißungsvolles entdeckt.

„Mach keinen Unsinn, alter Junge“, ermahnte er ihn, doch Borogaad schnaubte nur verächtlich. Die Luft roch verdächtig nach leckerem Schaf. Borogaad lief das Wasser im Mund zusammen. Dagegen roch der Inhalt aus Vans Provianttasche aus Sicht des Drachens wie etwas, mit dem man hervorragend ungebetene Gäste aus der Schlafhöhle vertreiben könnte.

Käse! Dazu noch die alte, harzige Variante. Der Drache hatte nie verstanden, warum Menschen kein Feuer spucken konnten. Angesichts dessen, was sie so in sich hineinstopften, sollten sie eigentlich kein Problem damit haben. Als Van nun auch noch damit anfing, das stinkende Etwas aus dem Ölpapier auszuwickeln, fand Borogaad es an der Zeit, den Abflug zu machen.

Ich geh mal auf Wachrunde“, gab er daher kund und verschwand im Dickicht, ehe Van protestieren konnte. Allerdings hatte der das gar nicht vorgehabt. Es war ohnehin unmöglich einem tonnenschweren Drachen etwas auszureden, wenn der sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Damit hatte er eine frappante Ähnlichkeit mit Nobeline, die, kaum daß der Drache verschwunden war, mit einer Ladung Holz in den Armen und jeder Menge Kletten in den Haaren aus dem Unterholz auftauchte.

„Wo ist Borogaad und was stinkt hier so zum Himmel?“, verlangte sie sogleich mit noch immer brüchiger Stimme zu wissen.

„Checkt die Lage“, gab Van lässig zurück. „Und der himmlische Geruch stammt vom alten Harzburger. Willst du mal probieren.“

Nobeline wich entsetzt zurück.

„Nur über meine Leiche“, wehrte sie das Ansinnen zurück. „Ich habe meinen eigenen Proviant. Hilf mir lieber, das Feuer anzumachen.“

Mit einem Seufzen erhob sich Van und machte sich an die Arbeit. Mit geübten Handgriffen schichtete er das gesammelte Holz auf, und schon bald leckten prasselnde Flammen an dem trockenen Holz und ließen flackernde Schatten über den Waldboden tanzen. Zufrieden mit sich und der Welt hockten die Gefährten im Schneidersitz an dem wärmenden Feuer und aßen zu Abend. Zwar bewirkte der Gestank des Käses, daß der eine oder andere Vogel betäubt vom Ast fiel, was dem harmonischen Miteinander aber insgesamt keinen Abbruch tat.

Mit der hereinbrechenden Nacht verschmolzen die langen Schatten mit der Umgebung zu einem einheitlichen Schwarz. Jenseits des Feuerscheins lag nun nur noch Finsternis, während über ihnen am Himmelszelt unzählige Sterne einsam flimmerten. Als Kind hatte Nobeline sich immer vorgestellt, daß die Sterne der Widerschein von den Lagerfeuern der Götter seien, bis ihr der Sternenführer für Anfänger von Pulsar in die Hände gefallen war. Seit dem wußte sie, daß die Sterne nur Löcher im Himmelszelt waren, die man erst dann sah, wenn die Sonne sich schlafen legte. Damals war ihre Neugierde auf Bücher erwacht. Sie schmunzelte bei dieser Erinnerung und rückte näher an das Feuer heran. Dabei beobachtete sie Van, der sich mit ausgestreckten Armen die Hände am Feuer wärmte. Im flackernden Licht des Feuers wirkten seine markanten Gesichtszüge weicher. Nobeline stellte sich vor, wie es wohl wäre, mit ihm gemeinsam zu leben, abends am Kaminfeuer zu sitzen, über den Tag zu sprechen und.. Die Röte stieg ihr bei den weiteren Gedanken ins Gesicht. Schnell wandte sie den Blick wieder dem flackernden Lagerfeuer zu und war dankbar für den roten Widerschein, der ihre feurige Gesichtsfarbe kaschierte. Mit einem langen Ast stocherte sie zur Ablenkung heftig in dem aufgeschichteten Holz herum und sorgte so dafür, daß Funken wie aufgedrehte Glühwürmchen in den nächtlichen Himmel stoben. Nobeline verfolgte ihren Flug, bis sie in der Dunkelheit der Nacht verglühten.

„So vergänglich, wie die Morgendämmerung an einem warmen Sommertag“, kommentierte Van ungewohnt poetisch den Tanz der Funken. Mit einem Blick, der Nobelines Adrenalin heftig in Wallung brachte, musterte Van sie nachdenklich. „Ist das Leben als umherziehende Künstlerin nicht ein wenig einsam?“

„Hmmm“, antwortete Nobeline vage, der schon wieder warm wurde, und daß nicht etwa wegen des fröhlich prasselnden Feuers. Mit angenehmen Prickeln auf der Haut registrierte sie, daß Van ein wenig näher heran rückte.

„Vielleicht wollte dein Vater deshalb, daß du heiratest.“

Nobeline prustete los.

„Das war, glaube ich, das Letzte, was ihm dabei in den Sinn gekommen ist.“

„Aber gegen das Heiraten an sich hättest du nichts einzuwenden“, hakte Van nach, der erneut näher heran gerückt war. Nun trennte ihn nur noch eine Handbreit von Nobeline.

„Kommt drauf an, welcher Kandidat sich zur Wahl stellt“, hauchte Nobeline. Sie hatte sich halb Van zugedreht und bebte vor innerer Erregung. Nun küß mich schon, beschwor sie in Gedanken ihr Gegenüber. Tatsächlich beugte sich Van langsam zu ihr hinüber, als habe er ihre innere Aufforderung verstanden. Nobeline schloß die Augen in der Erwartung, himmlische Glocken läuten zu hören, wie sie es in so vielen leidenschaftlichen Liebesgeschichten gelesen hatte. Doch was sie stattdessen vernahm, war das laute Brechen von Holz, als der Drache auf der Bildfläche erschien und auf einen Schlag den Zauber des Augenblicks nachhaltig zerstörte. Mit großen Schritten und laut schmatzend kam er ans Feuer und ließ sich seufzend auf sein massiges Hinterteil nieder.

Nobeline konnte es einfach nicht glauben.

Entweder hatte der Drache das Gemüt eines Metzgers oder er hatte tatsächlich nicht mitbekommen, daß er keinen unpassenderen Moment für sein Erscheinen hätte auswählen können.

Mahlzeit“, brummte er vergnügt wie ein kleines Kind, ohne sich an Nobelines Blick zu stören, der, wenn Blicke töten könnten, ihn auf der Stelle von dem Leiden dieser Welt erlöst hätte. Dafür hatte aber jemand anderes diesen Schritt offenbar gerade hinter sich gebracht, denn erst jetzt registrierte Nobeline, daß der Drache etwas in den Vorderklauen hielt, das verdächtig den Eindruck erweckte, vor kurzem noch „Muh“ gemacht zu haben.

Schaf war aus“, erklärte Borogaad treuherzig, als er den entsetzten Blick Nobelines wahrnahm.

„Und Kuh gab’s wohl gerade im Angebot“, fauchte Van ungewohnt wütend. Borogaad war zwar sein Freund, aber auch Freunde konnten einem die gute Laune verderben, und daß hatte Borogaad gerade mit Bravour geschafft.

„Du weißt doch ganz genau, daß das Vieh der Bauern tabu ist“, schimpfte Van aufgebracht.

Ich kann sie ja zurückbringen“, bot Borogaad reumütig an. Das Blitzen in seinen Augen sprach jedoch eher dafür, daß die Motivation von dem Appetit auf einen Nachschlag als dem Wunsch, Abbitte zu leisten, geleitet war. Drache blieb eben Drache, selbst wenn er Liebesgedichte mochte.

„Und mit den Manieren wollt ihr in Versmas aufschlagen?“, stöhnte sie verzweifelt, als ein entferntes Murmeln verärgerter Stimmen alle herumfahren ließ. Ein ganzer Fackelzug bewegte sich nicht allzu weit entfernt zielstrebig durch das Dickicht auf das Lager zu.

„Erwartest du noch Gäste?“, fragte Nobeline den Drachen bissig.

Nachtisch kann nicht schaden“, erwiderte Borogaad vergnügt, der die letzten abgenagten Knochen ins Feuer warf und mit einer Feuerlohe beim Einäschern nachhalf.

 

Inzwischen waren die wütenden Stimmen deutlich zu vernehmen, und was sie sagten, ließ nicht darauf schließen, daß sie Blumen zur Begrüßung mitbringen würden.

Tod dem Drachen“, war noch die freundlichste Formulierung, die zu den Gefährten herüber schallte. Einen Augenblick später betrat ein halbes Dutzend stämmiger Männer die Lichtung und blieb im Halbkreis um die Gefährten stehen. Nobeline hielt sie für Holzfäller und Bauern aus der Umgebung. Ihre Hände umklammerten entschlossen gefährlich aussehende Mistgabeln, Sensen und Äxte.

Proviantnachschub, wie nett, und ihr habt das Eßbesteck gleich mitgebracht. Sehr vorbildlich“, lobte Borogaad, worauf die Mienen der Männer noch düsterer wurden. Allerdings registrierte Nobeline bei Einzelnen auch einen Funken Furcht angesichts des geschuppten Ungetüms, das selbst im Sitzen noch wie ein Turm vor ihnen aufragte. Der Drache indes musterte die Männer, als würde er eine Speisekarte lesen.

„Dir wird das Lachen gleich vergehen“, knurrte der Stämmigste der Gruppe, ein muskelbepackter Hüne, der eine Holzfälleraxt mit beiden Händen quer vor seiner Brust hielt und sich nicht einschüchtern ließ. Das große Arbeitsgerät wirkte in seinen kräftigen Händen beinahe filigran. Entschlossen trat er einen Schritt vor und nickte Hilly und Van kurz zu.

„Mit euch haben wir keinen Streit, es sei denn, ihr haltet zu diesem Dieb.“ Dabei wies er mit der Axt auf den Drachen. Ein Fehler, wie sich sogleich herausstellte; denn er hatte vielleicht mit dem Weltuntergang nicht aber mit Nobelines Enthusiasmus gerechnet. In Erinnerung an die flammenden Reden der glorreichen Romanheldin Justitia als Anwältin der Geknechteten fuhr Hilly auf den Hünen los wie der Stier auf das rote Tuch.

Dieb!“, fauchte sie entrüstet und baute sich vor dem Hünen mit in den Hüften gestützten Fäusten auf. Die Tatsache, daß sie dabei den Kopf in den Nacken legen mußte, tat ihrer Entschlossenheit keinen Abbruch. „Wer eine solche schwere Anklage erhebt, muß sie auch beweisen können“, hielt sie dem Muskelbepackten entgegen, der irritiert von dem resoluten Auftreten der jungen Frau einen Schritt zurücktrat.

Genau. Ich bin unschuldig“, beteuerte der Drache, wobei er einen grobschlächtig wirkenden Bauern mit Geiernase ins Auge faßte, der seine Mistgabel mitgebracht hatte.

Brauchst du den Zinken noch? Ich hab da was zwischen den Zähnen“, wandte er sich an Geiernase dem vor Überraschung angesichts solcher Dreistigkeit beinahe die Mistgabel aus den Händen gefallen wäre. Nur die Tatsache, daß der riesige Drachenkopf direkt vor seiner Nase pendelte und verdächtig nach Schwefel roch, hielt ihn davon ab, etwas Unbedachtes zu sagen. Verdattert reichte er daher Borogaad die Mistgabel, der damit sogleich genüßlich zwischen seinen Zähnen stocherte. Indes hatte der Hüne eingesehen, daß er an Nobeline wohl nicht vorbeikommen würde und versuchte, ihr Vorgehen gegen den Drachen zu rechtfertigen.

„Also, die Frieda ist weg und da sind wir dann hinter dem Drachen her gewesen“, trug er alles andere als redegewandt vor. Dafür aber funkelte er Nobeline um so herausfordernder an. Die war zwar stinksauer auf den Drachen, auf der anderen Seite konnte sie es aber auch nicht zulassen, daß ihr erster wahrer Fan zu Leder verarbeitet wurde.

„So, irgendeine Frieda ist also verschwunden, und deshalb probt ihr hier den Aufstand und wollt einem Unschuldigen ans Leder. Aber sonst geht es euch gut?“ Nobeline hob bei diesen Worten die Augenbrauen und musterte den Hünen wie ein Heiler einen besonders schweren Fall von Schwachsinn, den er dauerhaft im Turm wegzuschließen gedachte. Der Hüne wurde vor Wut puterrot. Doch bevor er antworten konnte, mischte sich ein untersetzter, rot gesichtiger Bauer ein, dessen rosiger Schädel ein wirrer Haarkranz schmückte.

„De Frieda is mei Kuh“, knurrte er wütend. „Und der hat se gefresse!“ Mit der Sense in der rechten Hand fuchtelte er dabei wütend herum und zeigte auf den Drachen, was seine Begleiter dazu veranlaßte vorsichtshalber ein wenig von ihrem Kollegen abzurücken. Niemand wurde gerne mit einer Sense frisiert.

Falsch“, merkte derweil der Drache trocken an, wobei er die Mistgabel wie ein dozierender Lehrer den Zeigestock schwang. An einer Zinke hing etwas, das verdächtig nach Euter aussah. „Es heißt war und nicht ist. Das ist Präteritum“, erklärte er hoheitsvoll.

„Nee, das ist Frieda! Präteritum is in de letzten Woch verschwunde“, hielt der Rotgesichtige aufgebracht dagegen. Doch ehe der intellektuelle Streit bedenkliche Ausmaße annehmen konnte, in deren Verlauf der Rotgesichtigte möglicherweise unter dem feurigen Drachenatem die Aggregatform ändern würde, meldete sich ein Dritter im Bunde, dem die Käsedüfte unangenehm in die Nase gezogen waren.

„Was bei Usus verknöcherten Hintern stinkt hier eigentlich so zum Himmel?“, merkte er an. Mit beiden Händen stützte er sich auf den Griff seiner Holzfälleraxt und prüfte mit angewidertem Gesicht die Luft.

„Das war Borogaad“, mischte sich Van zum ersten Mal in den Disput ein. „Ihm ist ein Händler nebst Esel auf den Magen geschlagen“, erklärte er den verdutzten Häschern.

Händler ist immer so schwer verdaulich“, stimmte Borogaad zu. „Da bekomme ich Blähungen.“

Den Bauern fiel vor Entsetzen die Kinnlade herunter, was Nobeline sogleich ausnutzte.

„Er hat also schon gegessen und darüber hinaus eine Magenverstimmung. Warum also sollte er nun auch noch Frieda gefressen haben?“, hakte sie ein und überforderte damit intellektuell ihr Gegenüber.

„Aber wir haben Drachenspuren am Tatort entdeckt“, hielt der Muskelbepackte entgegen.

„Wie viele Drachen gibt es hier in der Gegend?“, wandte sich Nobeline an Borogaad, der sogleich anfing, an den Klauen die Verwandtschaft aufzuzählen.

Nun, da wäre Vetter Grantufix und Onkel Oskwutz, Ginna und Finna, die Zwillinge, Tante Matschga, nicht zu vergessen die Sippe von Cousin Sapperlot und..“

„Genug, das reicht. Wie ihr seht, gibt es also reichlich Vertreter der Gattung Drache in diesem Wald. Welche Beweise also habt ihr, daß es gerade dieser Drache war?“

„Nun...“

„Könnt ihr überhaupt einen Drachen von dem anderen unterscheiden?“

„Also...“

„Wie viele Drachen habt ihr überhaupt schon in eurem Leben gesehen?“

„Einen zuviel“, knurrte der Muskelbepackte, der froh war, endlich einen Fuß an die Erde bekommen zu haben. Doch bevor er zu einer Schimpftirade ansetzen konnte, schaltete sich Van ein. Mit der Hand am Schwertgriff trat er entschlossen neben Nobeline und funkelte die Männer herausfordernd an.

„Der Drache ist unschuldig!“, stellte er in einem Tonfall fest, der keine Widerworte zuließ. „Aber um des lieben Frieden willens will ich euch ausreichend entschädigen.“ Mit diesem Worten warf er dem Rotgesichtigen eine Münze zu, die dieser geschickt auffing und sogleich mit den Zähnen auf ihre Echtheit überprüfte. Das Ergebnis stellte ihn zufrieden.

„Dös is scho in Ordnung, Herr. Beehrt uns gern wieder und gesegneten Appetit“, katzbuckelte er, wobei er die letzten Worte an Borogaad richtete.

„Der Fall wäre also abgeschlossen. Und nun verschwindet, bevor er noch Appetit bekommt“, forderte Nobeline die Männer auf.

„Bis zum nächsten Mal“, verabschiedete sich der Muskelbepackte mit düsterem Gesichtsausdruck. Dann verschwand er mit seinen Männern von der Lichtung. Kaum hatte die Dunkelheit sie verschluckt, hielt Van dem Drachen eine Standpauke.

„Das war das dritte Mal in diesem Mond“, wetterte er. „Kannst du nicht aufpassen? Ich glaube, es ist wirklich besser, wenn du uns nicht nach Versmas begleitest.“

Aber Van!“, protestierte Borogaad.

„Nichts, aber Van. Du bleibst im Wald. Mein Geld reicht nicht aus, um das Vieh zu bezahlen, das du dort fressen würdest. Das ist mein letztes Wort!“

Borogaad schnaubte enttäuscht. Auf der anderen Seite sah er aber ein, daß sein Freund Recht hatte. Möglicherweise würde ein Besuch in Versmas die Toleranzgrenze der Bewohner ja tatsächlich überschreiten und zu unerfreulichen Begleiterscheinungen führen.

Aber du erzählst mir ausführlich, wie es dort ist“, bat er Van. „Schließlich liebe ich Geschichten.“

„Versprochen.“

wird fortgesetzt........

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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