Monika Jarju

Ein blauer Roller (2)

Viele Jahre später durchquere ich wieder den Park. Die Sonne scheint, das Wasser plätschert, ich schaue dem Treiben auf der Terrasse und am Springbrunnen zu. Junge Männer sitzen auf Bänken, lesen Kurznachrichten, während Mädchen mit bunten Kopftüchern kichernd vorbeischlendern und Frauen Kinderwagen über Wege schieben. Ein blauer Roller saust um die Fontäne, während jemand an mir vorbeigeht, den ich nie sah, nie mehr sehen werde. Ich verlasse den Park. Ruhelos durchlaufe ich die Nebenstraßen. Auf Schritt und Tritt lebe ich in allen Erinnerungen gleichzeitig. Die Straße, auf der ich stehe, kennt mich nicht. Wonach sollte ich suchen? Etwas längst Vergessenes, Verlorenes ruft mich.

Es war einmal, lese ich an einer Galerie und steige auf den Dachboden. Sonderbare Dinge schweben in der Luft wie alte Träume: Ein Kinderstuhl, ein zartes rosa Kleid, ein Nachthemd und ein Schlafanzug. Weingläser funkeln in einem Streifen Sonnenlicht. Vor einer Dachluke schaukelt ein Spinnennetz, hauchfein wie eisiger Atem. In der Ecke liegt ein blauer Roller, der Lenker ist verbogen. Die Dinge erzählen mir ihre Geschichte, von einer Zeit, die früher war. Ich bin wieder Kind, renne über den staubigen Trockenboden, während meine Mutter Wäsche auf die Leine hängt und mit Holzklammern feststeckt. Ich schlucke, trockener Staub kratzt in meiner Kehle. Es riecht nach Kochwäsche und Seifenlauge in meiner Phantasie. Tauben flattern gegen Dachluken mit dem Geräusch sich öffnender Schirme.

Wie verwunschen stehe ich wieder auf der Straße, während ein blauer Roller rasch an mir vorüberfährt und um die Ecke biegt. Ich folge ihm. Auf einmal verfliegt die Melancholie, als ich ein Atelier betrete. Ich entdecke Gabeln in Rahmen, Schaukästen und Schubläden, überall glänzen Gabeln und Nadeln, gesteckt in weißes Vlies. Staunend betrachte ich die Sticheleien, Anspielungen, nadelkurz wie ein Bindestrich.

Ich war lange fort gewesen. Erhebliche Veränderungen sind während meiner Abwesenheit eingetreten. Künstler kamen, schufen Inseln voller Illusionen und Erfüllung in den abgeschiedenen Straßen. Heiter steige ich die Freitreppe zum Park hinab, und während ich neben den hohen Arkaden hergehe und über Träume und Vergeblichkeit nachsinne, kreuzt ein blauer Roller meinen Weg. Der Junge auf dem Roller zwinkert mir zu, ich zwinkere zurück. Die Sonne scheint, das Wasser plätschert, auf den Sockeln sitzen die Krokodile aus Stein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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