Monika Jarju

Ein blauer Roller (3)

Ich war lange fort gewesen. Erhebliche Veränderungen sind während meiner Abwesenheit eingetreten. Künstler kamen, schufen Inseln voller Illusionen und Erfüllung in den abgeschiedenen Straßen. Heiter steige ich die Freitreppe zum Park hinab, und während ich neben den hohen Arkaden hergehe und über Träume und Vergeblichkeit nachsinne, kreuzt ein blauer Roller meinen Weg. Der Junge auf dem Roller zwinkert mir zu, ich zwinkere zurück. Die Sonne scheint, das Wasser plätschert, auf den Sockeln sitzen die Krokodile aus Stein.

Da bist du ja, höre ich plötzlich eine Stimme, vor mir steht Mehmet. Er redet schnell, von seiner Heimat. Ich verstehe nur, das Essen schmeckt ihm hier nicht. Warum nicht, frage ich. Alleine essen, sagt er verzagt. Ich senke den Blick. Bin ich denn im Garten Eden? Wörter kreisen in seinem Mund herum wie das schnelle Wasser der Fontäne. Ruf mich an, sagt er, oder ich rufe dich an, rufst du an? Ruf an, ja! – ruft er mir nach mit hängenden Armen. Ich nähere mich dem Ausgang und schaue zurück. Er steht noch immer am Brunnen in der verhaltenen Sehnsucht seiner Arme. Die Sonne geht langsam unter, schimmert schwach. Neben mir geht seine Einsamkeit, begleitet mich wie ein flüchtiger Ton.

Wieder einmal stehe ich in der Nähe des Parks und warte darauf, dass jemand aus einer Seitenstraße kommt, den ich kenne. Oder darauf, dass irgendein blauer Roller aus einer Querstraße zum Park fährt, während ich inzwischen am Eingang angelangt bin. Da liegt der Park vor mir. Ich beuge mich über die Balustrade. Nazaa, Miina, Diina, Ebuu, Shisha, lese ich und sehe im Gras die Kontur eines Herzens. Der Park ist das Herz im Kiez, begreife ich und entschlüssle die Zeichen der abwesenden Parkbesucher. Sie stammen aus vielen Nationen, ihre Sprachen berühren einander wie das Wort Shisha, Wasserpfeife. Ein ursprünglich persisches Wort, das ins Türkische und Arabische wanderte bis in den Park hinein. Ein blauer Schriftzug auf der Balustrade führt wie ein Geländer um den Park und darüber hinaus ins Wohnviertel.

Jemand kommt auf mich zu, es ist Mehmet. Er lacht und dreht mich im Kreis. Gras, Begonien, Buchsbäume fliegen um uns herum, bis ein blauer Roller mehrmals um den Springbrunnen jagt und die Krokodile ins Wasser springen und nach dem Roller schnappen und Platanen, Jahreszeiten, die grünen Kugelrobinien, Palmen und laute Wasserbänder um uns kreisen.


 

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