Andreas Rüdig

Benjamin ist tot

Benjamin ist tot. Es lebe Benjamin.


Sie fragen, wer Benjamin ist, liebe Leser? Benjamin ist die Liebe meines Lebens. Meterlange, schlanke und vor allem: haarlose Beine hat er. Ein herrliches Gemächt. Kein Gramm Fett zu viel an seiner Brust. Mandelförmige Augen, wollüstige Lippen, weiche Gesichtszüge, eher Flaum denn Bart. Ich habe Benjamin nichts als vergöttert.

Nun ist er verschieden. Völlig überraschend. Ich vermisse ihn schon jetzt. Ich möchte mehr haben als die Erinnerung. Ich möchte ihn körperlich behalten.

Was steht hier in der Alternativmagie-Zeitschrift? "Konservieren Sie die Liebe Ihres Lebens! Neue Wege zur Mumifikation." Hört sich interessant an, nicht wahr? Und der folgende Text ist nicht etwa eine Werbeanzeige, sondern angenehm lesbare Berichterstattung über neueste Forschungsergebnisse.

Bandagieren? Schrumpfung durch Flüssigkeitsverlust? Entnahme der inneren Organe? "Alles Mumpitz," berichte der Schreiberling. "Tiefenwirksame Hautcrems, Öle und Lotions verhindert Austrocknung und Fäulnis. Selbst in Jahrhunderten sieht der Verstorbene noch frisch und rosig aus. Die Vitamine und Nährstoffe müssen nur regelmäßig 3x in der Woche auf der ganzen Körperoberfläche aufgetragen werden."

Hm. Hört sich erst einmal gut an. Einen offenen Sarg für Benjamin habe ich schon, quasi für das Aufbewahren. DIe Kosmetika werde ich mir finanziell leisten können. Nur: Benjamin ist ja abgelebt. Vitalreaktionen gibt es keine mehr. Oder doch? Schimpft er mit mir, schlägt er mich sogar, wenn ich bei der Anwendung etwas falsch mache?

Sie merken es: Ich mache mir schon ein wenig Sorgen Denn eigentlich hatte ich durch ein wenig Samenklau schon ein Kind mit Benjamin haben wollen. Leider hat sein früher Tod das verhindert. Läßt sich da jetzt noch was machen? Wie lange bleiben die Hoden nach dem offiziellen Hirntod noch aktiv und zeugungsfähig? Moment mal. Da fällt mir etwas ein. Sttand da in der Horrorzeitschrift nicht neulich ein Artikel? Ich schlage mal nach. Genau: "Verwandele Deinen Liebsten in einen Zombie, quasi einen lebenden Leichnam und habe Sex mit ihm." Wie die Kinder dann aussehen, wird hier nicht gesagt. Auch nichts darüber, wie ich jemanden in einen Zombie verwandele. Ich habe schon ein wenig Angst vor dem Ergebnis. Also lasse ich den Versuch lieber und wende mich der Mumifizierung zu.

Alle Zutaten sind beschafft und bereitgestellt. Ich vermische sie und bereite die Salben, Öle und Lotions zu. Ich verteile sie gleichmäßig auf Benjamins Körper. Und spüre eine gleichmäßig Entspannung des Körpers, so als würde er sich wohlfühlen und entspannen. Alch die Leichenkosmetika auf die erogenen Zonen auftrage, spüre ich, wie es bei Benjamin kribbelt. Und plötzlich hat er einen Ständer. Eine trüblich weiße Flüssigkeit tritt aus seinem Penis aus. Schnell fange sich sie in einer Schale auf, die ich dann luftdicht verschließe.

Als ich mich wieder Benjamin zuwende, bekomme ich einen Riesenschreck. Seine Augen sind weit geöffnet, seine Lippen bewegen sich wie in Trance. "Aphrodisiakum," stammelt die Leiche und zeigt mit ihrem rechten Zeigefinger auf meine Hand. Oh Gott - was habe ich gemacht? Ich habe die Leiche nicht balsamiert und konserviert - ich habe sie sexuell erregt.

Schnell gehe ich zu einem Andrologen. "Der Samen ist tatsächlich noch verwertbwar," deutet der Männerarzt an. Schnell lasse ich meine Schwester Natascha befruchten (ich als Mann bin ja nicht befruchtungsfähig). So werde ich doch noch Vater.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mit dem Schreiben und Dichten, ist das so eine Sache.So war ich oft der Meinung, nur lyrisch Schreiben zu können, falls ich mich in einem annähernd, seelischen Gleichgewicht befände, erkannte aber bald die Unrichtigkeit dieser Hypothese.Wichtig allein, war der Mut des Eintauchens.Das Eins werden mit dem kollektiven Fluss des Ganzen. Meine Gedanken, zärtlich zu Papier gebrachten Gefühle,schöpfte ich stets aus diesem Fluss.

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