Angie Pfeiffer

Der rote Slip oder wie ich Tom Jones verblüffte

„Hallo liebe WDR 2 Hörer. Wie ihr ja sicher alle wisst, ist heute das große Tom Jones Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle. Und die gute Nachricht ist: Es gibt noch einige wenige Karten. Also, nichts wie hin. Einlass ist um 19 Uhr.

Alan, mein Mann, schaute kurz zu mir hinüber: „Sollen wir …“
Ich nickte. „Warum nicht. Wir fahren doch sowieso in die Richtung. Zeitlich würde das auch super passen.“
Wir hatten uns vor einiger Zeit einen Pontiac Firebird zugelegt und damit einen Spontanurlaub in der Toskana gemacht. Jetzt waren wir auf dem Weg nach Hause. Die Durchsage im Radio kam mir gerade recht. Zwar war ich kein ausgesprochener Tom Jones Fan, aber der Konzertbesuch würde ein toller Abschluss eines gelungenen Urlaubs sein.
„Du weißt schon, dass Tom bei seinen Konzerten Slips auf die Bühne geworfen bekommt?“, fragte Alan mich grinsend.
„Echt? Keine Ahnung. Ist das so?“, war meine verblüffte Antwort. Tatsächlich wusste ich das nicht.
„Ja klar. Der Tiger macht die Mädels mächtig an.“
Ich zog die Nase kraus. „Dann hoffe ich für ihn, dass die Unterplinten wenigstens frisch gewaschen sind. Etwas anderes will ich mir gar nicht vorstellen.“
Alan lachte laut auf. „Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht.“
„Ich höre den einen oder anderen Titel von ihm ganz gerne, aber dass der Typ mich anmacht, kann ich nicht sagen. Er ist mir viel zu alt“, sinnierte ich. „Da kann er tausend Mal ‚Sex Bomb‘ singen. Echt, den Slip auf die Bühne werfen, wie kann man das bloß machen.“
„Du würdest dich das nicht trauen. Das ist mir klar!“
„Was!!! Das glaubst du? Ich würde mich das sehr wohl trauen, wenn ich das machen wollte“, antwortete ich empört. Pah – ich und mich irgendetwas nicht trauen! Da kannte der Mann mich aber schlecht.
„Was regst du dich so auf? Du kannst ruhig zugeben, dass du das nicht machen würdest, weil du Angst hättest, dass Tom dich dann vielleicht auf die Bühne holen würde. Das tut er nämlich manchmal“, grinste Alan.
„Du wirst es schon sehen“, murmelte ich geheimnisvoll und nahm mir vor, meine bessere Hälfte zu überraschen. Ohne weitere Kommentare über den Tiger, Unterwäsche und sich nicht trauen erreichten wir die Philipshalle.

„Honey, ich muss an meinen Koffer. Ich möchte mich ein bisschen frischmachen, bevor wir auf das Konzert gehen und schminken würde ich mich auch gern“, erklärte ich Alan.
„Okay, ich besorge schon mal die Karten. Du kannst in Ruhe nach deiner Kulturtasche guckten. Ich komme dann wieder hier her“ Alan verließ den Parkplatz und strebte der Halle zu. Super, das kam mir sehr entgegen, denn ich hatte einen kühnen Plan gefasst. Ich würde meinem Liebsten beweisen, dass ich mutig und cool war. Also öffnete ich meinen Koffer und kramte darin herum. Die Kulturtasche und das Schminktäschchen waren schnell gefunden. Nun also die Hauptsache.
Oh je, ich hatte gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt, dass nur noch zwei saubere Slips im Koffer waren. Beide schaute ich mir kritisch an und entschied mich dann für ein neu gekauftes rotes Höschen, denn das andere Teil war ein sündhaft teurer Hauch von nichts. Nein! Das würde ich doch nicht dem ollen Tom Jones vor die Füße werfen. Das knallig rote Höschen war zwar kein String, aber es bestach mit seiner Signalfarbe. Das musste reichen. Schnell stopfe ich mir den Slip in meine Hosentasche, denn Alan kam zurück. „Alles erledigt. Karten waren tatsächlich nur noch ein paar da.“ Ich lächelte ihn zuckersüß an. „Dann kann es ja losgehen.“

Das Konzert war in vollem Gange, die Stimmung richtig super. Ich hatte mich frisch gemacht und geschminkt und fühlte mich kribbelig aufgeregt. Der gut gelaunte Tiger gab alles und bekam tatsächlich einige Strings auf die Bühne geworfen. Jeden hob er auf, zeigte ihn ausführlich dem Publikum, tupfte sich spektakulär damit den Schweiß von der Stirn und ließ ihn dann verschwinden, indem er ihn nach hinten warf. ‚Klar – was soll er auch sonst damit anfangen‘, dachte ich. ‚Gut, dass ich den teuren String im Koffer gelassen habe.‘
„And now – for all the sexy ladies”, hauchte Tom ins Mikrofon und stimmte seinen Tophit ‚Sex Bomb‘ an. Dies war meine Chance. „Ich bin dann mal weg“, rief ich Alan zu und lief in Richtung Bühne. Tatsächlich gelang es mir unter Zuhilfenahme der Ellenbogen bis in die erste Reihe zu kommen, wo ich den Slip aus der Hosentasche zog und den Arm hob. Was ich gar nicht erwartet hatte passierte: Der Tiger sah mich direkt an. Ich warf den Slip und er fing ihn tatsächlich auf. Alans Worte fielen mir wieder ein: ‚Vielleicht holt Tom dich auf die Bühne, wenn du ihm einen Slip zuwirfst.‘ Das wollte ich auf keinen Fall riskieren. Also drehte ich mich blitzschnell um und eilte zurück zu unserem Platz.
Hier erwartete mich ein über das ganze Gesicht grinsender Alan.
„Das hast du nicht gedacht, was. Pah, ich traue mich nicht!“, rief ich triumphierend aus.
„Das stimmt, my Dear. Du überraschst mich immer wieder“, war die Antwort.
In Hochstimmung tanzte, klatschte und sang ich bis zum Ende des Konzertes die Songs mit. Doch irgendwann ist das schönste Konzert zu Ende. Wir waren wieder auf der Autobahn, um endgültig heimzufahren.

„Sag mal, was war das denn für ein merkwürdiger Slip, die du Tom da zugeworfen hast?“, fragte mich Alan mit einem Lacher in der Stimme.
„Das war der einzige, der noch sauber war. Also … es war noch ein zweiter im Koffer, aber den fand ich zu schön, um ihn an den Tiger zu verschwenden“, antwortete ich. „Warum fragst du?“
Jetzt lachte Alan lauthals. „Tom hat das Teil, so wie bei allen anderen zuvor gezeigt. Er hat ziemlich irritiert ausgesehen. Vor Verlegenheit hat er gar nicht gewusst wohin damit. Da hat er es in seine Jackentasche gesteckt. Hast du das denn gar nicht mitbekommen?“
Verblüfft schüttelte ich den Kopf. „Ich bin doch gleich zurück zu unseren Plätzen gegangen. Da habe ich natürlich nicht darauf geachtet, was er mit dem Höschen macht. Wieso bitte soll er verlegen gewesen sein?“ „Weil es ein ziemlich großes Höschen war“, grinste Alan. „Jedenfalls viel größer, als die Strings, die er zugeworfen gekriegt hat.“
„Von wegen. Was redest du denn da? Willst du mir damit sagen, dass ich zu dick bin!?“ Das wurde ja immer schöner. „Aber nein, davon habe ich doch gar nichts gesagt“, erwiderte Alan und versuchte, das Lachen zu unterdrücken, was ihm nicht wirklich gelang. In mir kochte es. „Erst sagst du, dass ich feige bin und jetzt behauptest du auch noch, dass ich zu dick bin. Geht’s noch?“, funkelte ich meine bessere Hälfte an. Alan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ich sage jetzt gar nix mehr. Das wird ja alles gegen mich verwandt.“
Also schwiegen wir die nächsten zehn Kilometer.
Meine Wut verrauchte so schnell wie sie gekommen war. Na ja, so klein war das Höschen wirklich nicht gewesen. Eben ganz normal. Ich stellte mir Toms Gesicht vor, als er es dem Publikum präsentierte und kicherte los. „Weißt du was, Honey, der Tiger wird bestimmt nach diesem Erlebnis in Rente gehen. Wenn er schon Bollerbuxen auf die Bühne geworfen kriegt, wird selbst er sich sagen, dass es Zeit wird.“
Alan stimmte in mein Lachen mit ein. „Glaub mir, my dear, er hat keinen Schimmer, wer ihm all die Strings zugeworfen hat, aber an dich und dein rotes Höschen wird er sich auch nach Jahren noch erinnern.“

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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