Patrick Rabe

Nothing else matters oder zwischen zwei Weihnachtsabenden

Nothing else matters

oder

Zwischen zwei Weihnachtsabenden

 

Aus den dunklen Vorhängen der Nacht schält sich „Nothing else matters“ und berührt mit seiner Majestät die Sterne. Ganz vorsichtig wird eine silberhelle Melodie auf den Saiten hervorgebracht, zart und zerbrechlich, wie Silberfäden, die erst tastend, dann immer mutiger in der Dunkelheit zu atmen beginnen und der strahlenden Nacht ihre Geschichte erzählen. James Hetfield beginnt zu singen.  Ganz ungewöhnlich sanft klingt seine Stimme. Eigentlich wollte er diesen Song gar nicht mit auf dem „schwarzen Album“ haben. Er sei viel zu privat, und die Fans könnten denken, er sei zur Heulsuse mutiert. „Bist du wahnsinnig?“, sagte Lars Ulrich, „Das ist der beste Song, den du je geschrieben hast. Der muss mit drauf.“

 

„Ich habe mich noch nie so geöffnet.“, singt James, „Das Leben ist unser, wir leben es auf unsere Weise. All diese Worte sage ich nicht einfach so. Und sonst interessiert nichts. Glaub mir, ich suche und ich finde in dich, jeder Tag für uns etwas völlig Neues, offenen Geistes für eine neue Sichtweise. Und sonst interessiert nichts.“

 

Als ich nach Jahren, in denen ich keine Kirche von innen gesehen hatte, wieder bei meiner alten Heimatgemeinde anlangte, war viel geschehen. Ich hatte eine zehrende Zeit auf der weiterführenden Schule hinter mich gebracht, auf der ich meinen Glauben an Gott nahezu verloren hatte. Von schweren Depressionen und Selbstmordgedanken begleitet, roch ich aber dennoch das frische, grüne Gras, während ich neben Nina saß und sie sich Rücken an Rücken an Florian lehnte, dabei jedoch  höhnisch und schelmisch zu mir herüberblinzelte. Gott fiel mit Gepolter im Emailliegeschirr auf den dreckigen Fliesenboden der Lehrküche, wo wir Rührteig für Eierkuchen zubereiteten. Wie ein schneidiger Wind sahen die kalten Augen der stylischen Isabell in meine warme Deckenzelthöhle, in die ich mich manchmal zurückzog. „Also, ich hör am liebsten Britpop.“, sagte sie mit einer Stimme, die in der Luft nicht resonierte, sondern klirrte. Ich sah sie mit meinen warmen Rehaugen ein bisschen mitleidig, ein bisschen altklug an und sagte: „Ja, ich auch. Aber ich würde das nicht Britpop nennen. Das ist doch nur ein Wort, das die Zeitungen erfunden haben. Man nennt das eigentlich Rock’n Roll.“

 

„U-Huuuh!“, sang Damon Albarn, trat mit voller Wucht auf das Effektpedal seiner Gitarre und sprang hoch. Der ganze Raum explodierte, und Albarn und der Rest von Blur flogen von der Druckwelle getragen gegen die Wände und sprangen wie Flummis in dem kleinen, dunklen, mit gemütlichen Möbeln bestückten Raum umher. Das Video von „Song2“ wurde auf einem Bildschirm in dem Club übertragen, in dem ich dazu tanzte. Fallen lassen. An einem Wochenende, nach einer furchtbar anstrengenden Schulwoche. Überall waren Mädchen mit blutrot geschminkten Lippen. Wir ließen uns treiben in einem Wust aus schwitzenden Körpern, sahen begehrlich in schimmernde Augen, spürten die Konturen der anderen, die wir so liebten. Manchmal konnten wir es zugeben, und manchmal nicht. Als wir von der Disco durch die Nacht zur U-Bahn gingen, packte mich Nina an der Hose und sagte lachend zu mir: „Du hast ja `nen guten Schwanz, ey.“ Ihr Freund erbleichte und wackelte mit seinem unter einem Hip-Hop-Cap befindlichen Gummikopf. Ich lachte auch, schlug Nina auf den  Arsch und grinste. „Was sagt denn dein Freund dazu, dass du hier so an andere Männer rangehst?“

 

Fallen. Immer tiefer fallen. Im Biologieunterricht haben wir einen Film gesehen, in dem der Kommentator zu Bildern von einem ans Ufer rauschenden Meer sagte: „Und dann erschufen die Menschen sich die Götter.“ Alles um mich herum zerfiel zu Molekülen. Reagenzglasanordnungen tanzten seelenlose Atommodelltänze zu Melodien von Mendel und Oppenheimer. Und die wächsernen Fleischpuppen und Zellanordnungen um mich herum versanken in einem faulig stinkenden, morastigen Zombiesumpf und sahen in ihren modisch bunten Kleidchen und Lacoste-T-Shirts nur um so lächerlicher aus. Das ganze wirkte wie eine Szene aus „Gremlins 1“, wo dieser farbige Biologielehrer vor seiner Klasse doziert, während  in dem Käfig im Hintergrund der schleimige Mogwaikokon schon einen Gremlin ausbrütet.

 

Wir waren auf Klassenreise am Weißenhäuser Strand. Ich hätte gerne meine Gitarre mitgenommen, aber sie war zu sperrig für das Reisegepäck. Rio Reiser war gerade gestorben und ich war untröstlich. Quasi gerade erst war ich Ton Steine Scherben-Fan geworden und hörte in meinen grünen Refuges in Vororten von Hamburg, weit von meinem Elternhaus entfernt mit meiner Freundin Micaela  die „Keine Macht für Niemand“. Dag randalierte auf Heroinentzug in der Nachbarwohnung und schmiss Gegenstände an die Wand. Ralf wechselte die Platte. Er legte „Waiting fort he sun“ von den Doors auf. Meine Augen versanken in dem pinken Cover, auf dem Jim und seine Mannen durchs hohe Gras dem Sonnenaufgang entgegen gehen. „She lives on Love Street, lingers long on Love Street, she’s got a house and garden, I would like to see, what happens.“ sang Jim Morrison mit dunkler Stimme zu Ray Manzareks Keyboard. Micaela und ich schmiegten uns aneinander. Und ich hatte meinen privaten Sonnenaufgang auf Love Street. Micaela war mit Matthias zusammen, was mich ärgerte, weil ich den Eindruck hatte, viel besser zu ihr zu passen.

 

Und dann zum Weißenhäuser Strand. Weit weg von Micaela, mit dem Blues wegen Rios Tod im Blut. „Der Traum ist aus“ war wie eine Epiphanie für mich gewesen, als ich das Stück zum ersten Mal hörte. Es war im Fernsehen gespielt worden. Und ich saß da, wie vom Donner gerührt und fasste es nicht, dass so etwas in der deutschen Rockmusik möglich war. Rios Platten waren bald mein Ein und Alles. Und in unseren grünen Vororten erschufen wir die 60er neu, mit Lavalampen, Joints und Janis Joplins rauher, dionysischer Whiskeystimme. Fast 16 Jahre lang war Helmut Kohl an der Macht. Wir waren uns einig. Die Revolution musste kommen. Leider kam stattdessen ein paar Jahre später Gerhard Schröder.

 

Der Wind an der Ostsee wehte kalt, und Bianca und ich wurden ganz schön durchgeblasen. Irgendwie merkte ich, dass ich dieses rothaarige, sperrige Mädchen mochte, das mit seinen grüngrauen Augen so skeptisch und dennoch voll lustigem Übermut in meine blicken konnte. An diesem Nachmittag stand nichts auf dem Programm. Die Lehrer waren in irgendeiner Kneipe einen saufen gegangen, was wir grinsend konstatierten. Sie hatten wohl gedacht, wir kriegen das nicht mit. Alles frustrierte Alt-68er, die sich nach den betonseligen 80ern schon nicht mehr trauten, uns 90ties-Kids noch mit ihren Träumen und Visionen zu kommen. Auf die Reste von Revolte, Dutschke, New Age, Liebe und Frieden gossen sie ätzende Flüssigkeiten wie Wodka Gorbatschow oder Küstennebel, doch das Gefühl, man hätte es schaffen können, ging nicht weg. Und aus dem Lautsprecher in der Schummerkneipe dröhnten Lieder von Marianne Rosenberg und Jürgen Marcus. Wenn die wüssten. Manchmal ist die aufgehende Sonne nur einen Steinwurf weiter am Strand, und man sieht es nicht.

 

Wie Papierfetzen wehte der Wind Bianca und mich über den Strand. Ich war das als ostseeerfahrener Mensch gewöhnt, aber Bianca schien sich zu fürchten. Ihre Cord-Tüll-Jacke bauschte sich im Wind und einige Böen ließen sie stolpern und wie eine Papiertüte wegtreiben. Ich nahm sie unter meine Jacke und drückte sie fest an mich. Sie sah mich dankbar und voller Liebe an. Wir suchten Zuflucht im Schutz eines Strandkorbes. „Mir ist oft so, als würde ich mich verlieren.“, sagte Bianca, als sie neben mir saß. Sie hatte ihre Hand in meine gelegt. Angenehm lagen unsere warmen, etwas feuchten Handflächen aufeinander und unsere Finger waren miteinander verschränkt. „Bei dir fühl ich mich geborgen.“, sagte sie. Ich legte meinen Kopf an ihre Haare und sog den Duft ein. „Ja.“, sagte ich, „Es ist manchmal, als hätte man überhaupt keinen Halt. Als würde dieses Leben so über einen drüber gehen wie der Wind hier und man bleibt im Sand als Strandgut zurück.“ „Küss mich.“, sagte Bianca. Und ich wandte ihr meinen Kopf zu und wir sanken tief in einen Kuss, in dem wir alles um uns vergaßen. Mit geschlossenen Augen tauchten wir ein in die wohltuende Nacht unserer Geister und berauschten uns am Geschmack unserer Münder und Zungen.

 

In der darauffolgenden Nacht kam Bianca zu mir aufs Zimmer und wir ließen uns einfach fallen in einen elektrisch knisternden, sexuellen Rausch, der den muffigen Kurort Weißenhäuser Strand und das modrige Zimmer mit den orangen Vorhängen einfach zum Verschwinden brachte. Wir waren eins mit Rio und der anderen Seite des Paradieses, die unsere Gefängnisse öffnete, unsere Tränen trocknete, unser Schiff sanft auf den Wellen wiegte und die Türen auftat für einen neuen Morgen.

 

Diesen Morgen verbrachte ich in der kleinen Wohnung von Bianca und ihren Eltern. Beide waren Althippies, kifften jeden Tag und hörten ihre immense Plattensammlung durch. Bianca kiffte auch und saß völlig stoned wie eine verlorene Erdnussschale auf dem Fußboden ihres Zimmers. Wir waren beide nackt, hatten aber Mühe, die Ekstase vom Weißenhäuser Strand zu wiederholen. „Wenn ich was geraucht hab, wird das nichts.“, sagte Bianca. „Du kannst mich dann anfassen, wo du willst. Ich merk das eh nicht.“ Ich war traurig. Wir lagen dann die ganze Nacht eng aneinander in ihrem schmalen Hochbett und hörten, wie ihr Vater, der mittlerweile auch ordentlich Alkohol getankt hatte, zu seiner verstimmten Akustikgitarre irgendetwas undefinierbares sang.

 

Morgens standen wir nackt vorm Fenster, zogen die Vorhänge weg, das gleißende, weiße Licht strahlte in unsere Augen, und wir wussten beide, dass Schluss war.

 

Wehmütig ging ich ohne sie durch den Herbst, der mittlerweile eingesetzt hatte und mir leuchtend bunte Blätter vor die Füße warf, zur S-Bahnhaltestelle Iserbrook und summte das Lied „Wenn der Morgen graut“ von Element of Crime. „Kurz vor der ersten Straßenbahn sind alle Häuser finster und stumm, dreh dich noch einmal nach mir um, einmal für dich, einmal für mich. Kurz vor der ersten Straßenbahn sind alle Wege öde und leer, lauf noch ein bisschen neben mir her, einmal für dich, einmal für mich. Wo ist der Gott, der uns liebt, ist der Mensch, der uns traut, ist die Flasche, die uns wärmt, wenn der Morgen graut? Kurz vor der ersten Straßenbahn sind die Gedanken müde und schwer, ein Stern fällt ins Wasser und der Mond hinterher, einmal für dich, einmal für mich.“

 

Ein paar Wochen später erzählte Bianca überall, dass sie jetzt erleuchtet sei. Im Unterricht sagte sie Sachen, dass unser Physiklehrer mit offenem Mund dastand. Und die wächsernen Fleischpuppen und Zellanordnungen um uns herum wurden wieder zu Menschen. Manche for better, manche for worse. Jamila hatte das erste Handy, Isabell wurde endgültig zur eiskalten Mobberin, die mir „Du Schwein“ auf die Federtasche schmierte, Nina verließ Florian und kam mit Nico zusammen und Florian eröffnete den ersten deutsch geführten Dönerladen auf St. Pauli. Mein Kumpel Salih aus Bosnien durfte leider nach der angeblichen Beendigung des Balkankrieges nicht mehr in Deutschland bleiben, aber seine Familie bekam eine Green Card nach Amerika. Dort würden sie in Seattle leben. „Grüß mir Eddie Vedder und Chris Cornell.“, sagte ich. Alles roch nach Jugendgeist. Nur Kurt Cobain hatte davon nichts mehr. Er war seit drei Jahren tot und für uns nur noch als der freundliche, sensible, junge Mann greifbar, der zwischen Nelken und Narzissen „Where do you sleep last night“ sang. Nur Salih und ich hatten oft in der kleinen Flüchtlingswohnung der Imamovics vor dem Fernseher gehockt und Kurt, Krist und Dave „Heart Shaped Box“ abfackeln hören, während in dem dazugehörigen Video ein dürrer Weihnachtsmann freiwillig aufs Kreuz hoch kletterte und sich dort kreuzigen ließ. Bianca wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Ich sah sie danach nur noch einmal wieder. Dann war die Schule zuende und wir traten alle an das Licht einer rund am Himmel stehenden Sonne, die uns in den Sommer des Berufslebens führen sollte. Jedoch selbst diese Sonne erkannte schon beim ersten Blinzeln, dass wir eine gebrochene Generation waren, voller Tränen, geweint oder ungeweint, verloren in der zwar flauschig gemütlichen, aber nichtssagenden Tristesse und Leere des sich selbst verdauenden Kapitalismus, der seine immer heißer werdenden Sommer über den dampfenden Asphalt der Hamburger Straßen schickte, die schon nach schmelzendem Teer zu riechen begannen, und die Luft über dem Boden flirren ließen. Fatamorganen stiegen auf und drangen uns in unsere fragenden Hirne. Und dann kam die Hamburger Schule. „Diese Welt ist nicht das Leben, sicher kostet sie dich deins.“, sang Jochen Distelmeyer. Und Dirk von Lowtzow ließ seine Freundin zu ihm im gleichnamigen Song sagen „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk, und werden es auch niemals sein.“ Von vorn herein zerstörte Träume als Grundkonzept einer Musikrichtung, die sich wie ein Phönix aus der mäandernden Teer-und Aschewelt herausschälte, die Romantik rettete und als eben doch nicht verlorene Seelen über dem weißen Wogendunst einer See voller Jonathan-Möwen Flugkunststücke nie gesehener Art vollführte. „Ein Lied mehr, das dich zurückhält und nicht dahin lässt, wo du hinwillst“ transzendierten diese Hamburger Lehrer, Schüler und Schulkameraden zu einem „alten Lied, dass in den Tag hinein bei einem sein wollte und nur für einen allein von neuen Möglichkeiten sang.“ „Wir haben gehalten, in der langweiligsten Landschaft der Welt. Wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass es uns hier gefällt.“ Let there be Rock.

 

Als ich nach Jahren, in denen ich keine Kirche von innen gesehen hatte, wieder bei meiner alten Heimatgemeinde anlangte, war viel geschehen. Ein fiebriger Nachthimmel lag über der kleinen Kirche mit dem geduckten, neumodischen Turm und am Himmel zischten blinkende Flugkörper entlang, von denen ich nicht sagen konnte, ob es Flugzeuge, Ufos oder abgestürzte Satelliten waren, die bei der Begegnung mit der Erdatmosphäre Feuer gefangen hatten. „Dein Weg ist bereitet, und so kommst du zur Welt, ein Monster vom Himmel, ein Engel, der fällt.“, sprach Jochen Distelmeyer mit ruhiger Stimme auf dem die Platte „Old Nobody“ einleitenden Spoken-Word-Stück „Eines Tages“. Aus dem Kirchenkeller dröhnte Musik. „Paradise City“ von Guns `Roses. Ich betrat die Kirche und ließ mich von der Musik in den dunklen Keller ziehen, in dem ich mir schon als Kind die Turnschuhe an und aus gezogen hatte und geübt hatte, eine Schleife zu binden. Von den Mickymäusen, die sich bei unseren Kreisspielen im evangelischen Kindergarten immer an und auszogen, mal ganz zu schweigen. Aus dem Jugendkeller drangen Rauchschwaden und oranges Licht. Ich ging hinein, und neugierige Augen entzündeten sich an meiner grünen Linksalternativenjacke, meinen langen Haaren und meinem Schriftstellerschal. Ich tauchte ein und unter in den Wellen von auf mich einströmende Zuneigung. Die Luft brannte. Eine neue Zeit hatte begonnen.

 

In „Gremlins 1“ gibt es eine Szene, in der Billy Pelzer mit seiner Freundin Kate Hand in Hand durch das weihnachtliche Kingston Falls geht, und sie ihm gesteht, dass sie Weihnachten nicht mag. Billy ist völlig entsetzt. „Jeder mag doch Weihnachten!“; sagt er zu ihr. Da erzählt ihm Kate die Geschichte, wie ihr Vater verschwand. Kurz vor Weihnachten. Und nie mehr zurück kam. Irgendwann rochen sie und ihre Mutter einen unerträglich modrigen Geruch, der offenbar aus ihrem Kamin kam. Sie dachten, es würde vielleicht eine tote Katze oder ein toter Vogel im Schornstein stecken und riefen die Feuerwehr. Doch die Feuerwehr zog Kates toten Vater aus dem Schornstein. Verkleidet als Weihnachtsmann mit einem ganzen Sack voller Geschenke.  Er hatte seiner Familie eine Freude machen wollen und war in dem viel zu engen Kaminzugang stecken geblieben und hatte sich das Genick gebrochen.

 

Manchmal denke ich, das ist das ganze Geheimnis von diesem türkischen Bischof, der den Armen großzügig Essen austeilte und dafür von der Kirche gerüffelt wurde. Noch heute bringen es Pastoren übers Herz, Kinderseelen zu beschädigen, indem sie im Weihnachtsgottesdienst sagen, es gäbe keinen Weihnachtsmann, Jesus Christus aber schon. Und in Amerika ist es gang und gäbe, mit dem Anagramm „Santa Claus-Satan Claus“ ihre Späße zu treiben. Kein Wunder dass er sich dann wie eine Heart Shaped Box fühlt und sich lieber als dürres Gespenst mit Weihnachtsmannmütze selber ans Kreuz schlägt, bevor das noch irgendein Vorstadtpastor übernimmt und Weihnachten ganz abschafft, weil Jesus Christus da ja nicht wirklich geboren wurde.

 

Ein Licht scheint in der Nacht. Für jeden. Nicht immer in derselben Gestalt und nicht immer auf den ersten Blick für jeden klar erkennbar. Und dieses Licht macht jede Nacht zu einer strahlenden und heiligen Nacht und kann uns etwas schenken, was uns Kraft für ein ganzes Leben gibt. Es sind die Augen eines alten Diakons, der oft von sich glaubte, im Leben viel falsch gemacht zu haben, und dessen ruhelosen Geist ich manchmal noch spüre, die mich jetzt ansehen. Er hieß Claus. Wie dieser türkische Bischof, der erst zum Knecht Rupprecht, dann zum Nikolaus und schließlich zum Weihnachtsmann wurde.  Jeder trägt etwas bei zu dem großen Gemälde des Lebens und jede Farbe, mit der wir diese große Leinwand betupfen, ist schön. Oft können wir das im Leben nur nicht sehen.

 

Ich gehe die Reeperbahn hinunter, nachdem ich seit Jahren zum ersten Mal wieder in einem Club hier feiern war. Am Straßenrand sitzt ein Straßenmusiker, ein alter Mann, vielleicht ein Türke, vielleicht ein Araber, und spielt auf faszinierend makellose Weise „Nothing else matters“. Ganz vorsichtig wird eine silberhelle Melodie auf den Saiten hervorgebracht, zart und zerbrechlich, wie Silberfäden, die erst tastend, dann immer mutiger in der Dunkelheit zu atmen beginnen und der strahlenden Nacht ihre Geschichte erzählen. „So nah, egal, wie weit weg. Es könnte nicht noch mehr von Herzen kommen. Für immer vertrauend in das, was wir sind. Und sonst interessiert nichts.“

 

Man sollte nie jemanden unterschätzen. Und nie von jemandem, der sich einmal in Kellern herumgetrieben hat, denken, er sei der Teufel. Der Auferstandene zeigt sich selbst noch im Geringsten unserer Brüder.

 

An einem Weihnachtsabend, ich denke, ich war so 5 oder 6 Jahre alt, zeigte das dritte Programm eine Sendung, in der ein freundlicher Mann die Weihnachtsgeschichte erzählte und sie gleichzeitig mit selbstgebastelten Origami-Puppen aus Papier nachspielte. Das hat mich tief berührt. Vor allem die Szene, in der Christus geboren wird. Der Mann faltete extra sorgfältig ein Jesuskind und legte es in eine kleine Krippe aus Hölzern. Sie war mit irgendetwas Flauschigem, ich glaube, Flaumfedern, ausgekleidet. Nachdem der Mann sicher war, dass das Jesuskind bequem liegt und sich wohlfühlt, hielt er die kleine Krippe in die Kamera und strahlte stolz und mit ganz lieben Augen die Fernsehzuschauer an. Ich hätte ihn am liebsten in diesem Moment umarmt. Dann zündete mein Vater eine rote Kerze auf dem Tisch an und wir hörten „Oh du Fröhliche“, und sangen aus voller Kehle mit.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 10. September 2020, Hamburg.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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