Wolfgang Küssner

Vorspiele und Höhepunkte - 1. Akt

Von Vorspielen und Höhepunkten wird jetzt zu lesen sein. Von Prostituierten und Casanovas; von Männern in Frauenkleidern, von Frauen in Hosenrollen; von aphrodisierenden Mitteln und vielen Akten; von Partnertausch und Kurtisanen; maskierten Lüstlingen; von Verführung; von Tönen voller Lust und mehr wird hier geschrieben. Auf eine einfache Formel gebracht: Vom Leben und den Tücken erzählt diese Geschichte. Neugierig? Vorspiele, Höhepunkte, Einführungen, große Momente, Details und vieles mehr. Und das alles ohne Altersbegrenzung? Aber klar doch, hier und jetzt, frei zugänglich, vielleicht FSK0. Texte können unterhalten, informativ und manchmal gar lehrreich sei; hin und wieder regen sie sogar die Fantasie an. Doch über die Aktivitäten und Wege der Synapsen entscheiden nicht die Verfasser der Texte.

Wenn Musik, Gesang, Tanz, Bühnenbild, Kostüm, Maske, Beleuchtung und Schauspiel zur selben Zeit im selben Raum stattfinden, kann es sich nur im Oper handeln. Oder? Hatten die Lesenden jetzt an etwas anderes gedacht, erwartet? Für Oper ist bekanntlich keine Altersfreigabe erforderlich. Die eingangs kurz angedeuteten menschlichen Stärken oder Schwächen finden auf der Bühne statt, meistens jedenfalls; fanden, in einer zurückliegenden Zeit, allerdings durchaus auch im Publikum, unter den Zuschauern, statt. Das waren dann vielleicht nicht ganz so geeignete, empfehlenswerte Momente für jugendliche Opern-Besucher. Doch der Reihe nach.

Ein Orchester gibt den Ton an, ein Dirigent am Pult leitet, versucht, Einsätze zu geben, die Fäden in den Händen zu behalten. Soloinstrumente können sowohl im Orchestergraben als auch auf der Bühne zum Einsatz kommen. Den Gesang bringen Solisten ins Spiel; gleichzeitiger Auftritt mehrerer Solisten, Gesang in kleinen Gruppen und Chöre werden dem geneigten Besucher geboten.

Apropos Orchestergraben: Das ist jener meist etwas tiefer gelegene Part vor der Bühne; Raum für das schon mal 100 und mehr Musiker umfassende Orchester. Platz für das Pult. Im Rücken des Dirigenten der Zuschauerraum. Vor seiner Nase das Orchester und die Bühne mit dem Eisernen Vorhang. Aus Sicherheitsgründen trennt diese Metallwand Garderoben der Künstler, Bühne, Schnürboden, wo die Bühnenbilder, die Prospekte, auf ihren Einsatz wartend, hängen, von den Räumen der Besucher. So eine Bühne ist beweglich; mal sind es Drehbühnen, die schnelle Wechsel der Szenen erlauben; Pausen für Umbauten reduziere;, mal können unterschiedliche Ebenen, Schräglagen über Hydraulik geschaffen werden.

Das Libretto ist die Textgrundlage für eine Oper. Als Vorlagen dienen häufig literarische Texte. Das können Sagen, Romane, Schauspiele, historische Ereignisse sein. Der Librettist ist – von einigen Ausnahmen abgesehen -  nicht mit dem Komponisten identisch; beide arbeiten aber auf das Engste zusammen. Im Laufe der Jahre wurden so gut 30.000 Opern komponiert. Die Anzahl der heute aufgeführten Werke ist jedoch eine deutlich geringere; eine Auflistung würde 150 bis 200 Opern zählen. Zu den Top 10 weltweit gehörten in der Spielzeit 2019/2020 Verdis La Traviata, Bizets Carmen, Puccinis La Boheme, Mozarts Don Giovanni, Verdis Rigoletto, Rossinis Barbier von Sevilla, Mozarts Die Zauberflöte und Die Hochzeit des Figaro, Puccinis Tosca und Verdis Aida. Opern entstanden häufig nach Ideen der Finanziers, sprich: Es handelte sich um Auftragsarbeiten. Mal hatte ein Librettist eine Idee, mal ein Komponist.

Eine Oper beginnt fast immer mit einem Vorspiel, auch als Ouvertüre bekannt (♫01) (dafür Altersfreigabe?). Es folgen in der Regel mehrere Akte (Teile der Handlung, nichts anderes). Einzelne Akte setzen sich aus einer unterschiedliche Anzahl von Szenen zusammen. Zu einer Szene gehören (jetzt sind die Kreuworträtsellöser klar im Vorteil – das Lied einer Oper mit 4 Buchstaben?) eine Arie und vor und nach diesem Lied ein Rezitativ. Arien sind immer so etwas wie die Höhepunkte (ohne Altersfreigabe) einer Oper. Ist die Arie ein statisches, schönes, wohlklingendes Moment, so treibt das Rezitativ (ein bisschen gesungen, ein wenig gesprochen) die Opern-Handlung voran (♫02).

Der Komponist hat einzelnen Rollen der Oper konkreten Stimmlagen zugeordnet. Wir kennen bei den Männerstimmen Bass (♫03), Bariton (♫04), Tenor  (♫05) und Counter-Tenor (♫06), bei den Frauen heißt die Folge von tief unten in die Höhe: Alt (♫07), Mezzo-Sopran (♫08), Sopran (♫09) bzw. Soubrette (♫10). Einzelne Stimmlagen werden noch weiter unterteilt, da gibt es dann zum Beispiel den Helden-Tenor, die Koloratur-Sopranistin, das lyrische Fach etc. Und da in einer Oper Stimmen für die jeweiligen Rollen besetzt werden, kann es schon passieren, dass die Mutter jünger ist als die Tochter. In diesen Momenten muss der Maskenbildner sein Können zeigen.

Die Geschichte der Oper beginnt Ende des 16. Jahrhunderts in Florenz. Natürlich nicht ohne Vorgeschichte. Die Gattung Oper wurzelt in der reichen Kultur der alten Griechen; dort verband man große Tragödien mit Musik. Im 13./14. Jahrhundert hat die christliche Kirche in Europa das Schauspiel eingesetzt, Musik und Gesang hinzugefügt und so des Lesens unkundigen Menschen die christliche Lehre näher gebracht. Mitte des 16. Jh. entdeckten dann wohlhabende italienische Familien ein neues Entertainment: Theateraufführungen mit musikalischen Zwischenspielen, den sogenannten Intermedien. 1590 ging es dann mit der Florentiner Camerata, einem Zusammenschluss von Gelehrten, Dichtern und Musikern, los. Das erste Opern-Ensemble entstand. Mit dabei war Vincenzo Galilei, der Vater des berühmten – Und sie bewegt sich doch! – Galileo Galilei. Von Vincenzo stammt jene Erzählform, die wir heute Rezitativ nennen. Dann 1598 endlich die erste Opern-Aufführung, Dafne von Jacopo Peri. Nicht mehr erhalten. 1607 wurde Orfeo von Claudio Monteverdi (♫11) uraufgeführt; noch heute auf den Spielplänen zu finden. Jahre später folgten von Monteverdi Die Krönung der Poppea (1642) und ein Jahr zuvor Odysseus Heimkehr.

1637 eröffnete in Venedig das erste Opernhaus. Die Stadt wurde sofort zum Zentrum der Oper. Venezianische Kaufleute hatten Geld und Macht. Die Gasbeleuchtung war noch nicht erfunden, um sich in Cafés oder auf Boulevards vergnügen zu können; Sprechtheater gab es kaum. Also wurde alles auf die Oper gesetzt. Wenige Jahre später hatte Venedig bereits 15 Opernhäuser. Riesige Zuschauerräume mit Logen über mehrere Etagen. Das Parkett ohne Bestuhlung; hier herrschte Markttreiben. Die unteren Logen wurden an Prostituierte vermietet; teilweise wurden ihnen diese von der Theaterleitung kostenlos zur Verfügung gestellt. Maskierte Herren aus den oberen Rängen wanderten von Loge zu Loge und suchten das Abenteuer, das Vergnügen (und nun? FSK14, gar FSK18?).

Die Musik hatte es bei dem Trubel und Treiben schwer, sich Gehör zu verschaffen. Kräftig musste der musikalische Auftakt einer Arie sein, damit die lustwandelnden Herren rechtzeitig anwesend sein konnten. Rezitative konkurrierten mit den Prostituierten und zogen meist den Kürzeren, interessierten kaum. Über Erfolg oder Misserfolg einer Oper urteilte nicht das Publikum, war ja auch anderweitig beschäftigt; diese Aufgabe erledigten ausgewählte Eingeweihte, sogenannte Abbati. Und so war schnell über ein Komponisten-Schicksal entschieden, verschwanden Opern auf Nimmerwiedersehen.

In Italien mussten die Opernhandlungen jener Zeit klassischen oder mythologischen Ursprungs sein, lehrreiche, heroische Handlungen beinhalten; angesiedelt sein in einem Idealland. Die jeweilige Thematik wurde durch Rezitative, mit Cembalo-Akkorden untermalt, vorangetrieben. Und dann kamen die Höhepunkte (ohne Altersbeschränkung), die Arien. Jeder Akteur hatte 3 bis 5 Arien zu singen. Aus diesen Regeln hat sich dann die Opera Seria – die sogenannte ernste Oper – entwickelt (♫12).

In der Opera Seria herrschte die Solostimme mit ihren Arien vor. Die Stimme musste schön, rein und kräftig sein und so sangen Kastraten die großen Frauenstimmen. Sie waren die Stars der Oper (♫13). Arme Familien verkauften ihre Knaben zur Entmannung und Ausbildung an Musikinstitute. Hatten die Knaben Glück, so standen sie mit 15 bis 20 Jahren erstmals auf der Bühne. Hatten sie Pech, war der operative Eingriff nicht rückgängig zu machen. In der Oper waren spielende und singende Männer in Frauenkleidern keineswegs komisch. Es waren ernste Opern. Allerdings wünschte das Publikum ein wenig Abwechslung in Form von Balletteinlagen, Szenen großer Schlachten. Zwischen den Akten traten Figuren aus dem Alltagsleben mit humoristischen Einlagen, Intermezzi tituliert, auf. Das war die Geburtsstunde der Opera Buffa, der komischen Oper.

Ein Blick nach Frankreich: Das Hofballett war die spektakuläre,  angesagte Form der Unterhaltung. Mitte des 17. Jh. kam die erste Oper nach Frankreich. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ludwig XIV. war ein großer Freund und Förderer des Balletts. Es bedurfte einer ausgeklügelten Bühnenmaschinerie aus Venedig, brennender Häuser, wandernder Berge auf der Bühne, um die Franzosen zu begeistern. Aber es funktionierte. Diese Effekte und Ballett-Einlagen führten dann zur Akzeptanz der Oper.

Es darf nicht wundern, Vater der französischen Oper war ein Italiener namens Jean-Baptiste Lully, geboren als Giovanni Battista Lulli. Aus zwei Gründen ist sein Name in den Büchern über Musik-Geschichte zu lesen:  a) war er, wie gerade erwähnt, der Vater der französischen Oper und b) hatte er einen Unfall: Dirigiert wurde seinerzeit nämlich durch kräftiges, stampfendes Schlagen des Taktstockes auf den Boden. Nun ging ein Schlag daneben, traf Lullys Fuß. Wundbrand. Blutvergiftung. Aus. Eintrag ins Geschichtsbuch. Tragedie Lyriques nannte man seinerzeit die Opern. Ihren Höhepunkt (schon wieder einer) erlebten sie unter dem Komponisten Jean-Philippe Rameau mit Les Boreades (♫14)

Der neue Opern-Impuls aus Italien war die bereits erwähnte Opera Buffa. Volkstümlicher Witz und satirischer Gehalt gehörten zu den Ingredienzen. Neapel war in der ersten Hälfte des 18. Jh. das Opern-Zentrum Italiens. Von hier trat die Opera Buffa ihren Erfolgszug ins Ausland an. In Wien wurde Le Nozze di Figaro (Die Hochzeit des Figaro) uraufgeführt. 1786. Von Wolfgang A. Mozart komponiert (♫15). Ein Musterbeispiel der musikalischen Komödie. Mozart schrieb 7  komische Opern, darunter z. B. Cosi Fun Tutte (So treiben es alle) (♫16). Zwei junge Offiziere rühmen sich, dass die beiden aus Ferrara stammenden Schwestern niemals untreu würden. Nun ja. Die Handlung nimmt ihren Lauf. Mehr wird nicht verraten. Und Don Giovanni? Die Oper trägt den vollständigen Titel Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni (‚Der bestrafte Wüstling oder Don Giovanni‘). Noch Fragen? Bedarf es weiterer Worte? (♫17).

Hier die im Text erwähnte Auswahl ♫ für die Ohren; auch als Recherche-Hilfe im Internet bei YouTube und anderen zu verwenden:

♫01 – Rossini, Die diebische Elster, Ouvertüre

♫02 – Mozart, Die Zauberflöte, Rezitativ „Die Weisheitslehre“

♫03 – Mozart, Die Zauberflöte, Arie des Sarastro „O Isis und Osiris“, Kurt Moll

♫04 – Verdi, Il Trovatore, Arie „Il balen del suo sorriso”, Thomas Hampson

♫05 – Donizetti, Der Liebestrank, Arie „Una furtiva lacrima“, Luciano Pavarotti

♫06 – Händel, Xerxes HWV 40, Arie „Si, la voglio e lotterro“, Philippe Jaroussky

♫07 -  Händel, Xerxes, Arie „Ombra mai fu“, Sara Mingardo

♫08 – Bizet, Carmen, Habanera der Carmen, Jennifer Larmore

♫09 – Puccini, Tosca, Arie der Tosca „Vissi d᾽Arte”, Maria Callas

♫10 – Strauss, Die Fledermaus, Arie der Adele „Mein Herr Marquis“, Isabel Rey

♫11 – Monteverdi, Orfeo, Prolog und Arie „Dal mi permesso“

♫12 – Nicola Porpora, Polifemo, Alto Giove, Philippe Jaroussky

♫13 – Händel, Rinaldo, Arie „Lascia chio pianga”, Farinelli

♫14 – Rameau, Les Boreades, Entrée from Act IV

♫15 – Mozart, Le Nozze di Figaro, Arie „Non piu andrai“, Bryn Terfel

♫16 – Mozart, Cosi fan tutte, Arie „Rivolgete a lui lo sguardo”, Thomas Hampson

♫17 – Mozart, Don Giovanni, Champagner-Arie „Fin chhan dal vino”, Cesare Siepi

 

Champagner ist ein gutes Stichwort für die Pause – 2. Akt folgt

 

September 2020

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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