Rüdiger Wulf

The Legend of Xanadu

Meine Erlebnisse mit der Singleplatte

Das Internet hat auch seine Vorteile. Neulich erwarb ich zum Beispiel den ganzen Jahrgang 1968 der „BRAVO“. Als „Download“, versteht sich. Auch so ein Wort, das mir nach wie vor fremd ist. Aber was hat es nun mit dem Jahrgang 1968 der „BRAVO“ auf sich? Es war das Jahr, von dem ich mit Sicherheit sagen kann, dass ich damals die „BRAVO“ gelesen habe. Obwohl … gelesen? Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Wenn ich in meinem „Download“ die Hefte durchblättere, kann ich mich an die „Berichte“ – vorzugsweise über das (angebliche) Leben der Stars oder die Probleme der jungen Leserschaft mit der ersten Liebe – nicht mehr erinnern. Selbst bei den Titelbildern geht mir das (wider Erwarten) so. Nur eine Seite ist mir sofort wieder vertraut – die „BRAVO-Musicbox“: oben die deutsche Hitparade, beginnend mit einer Reihe Fotos der vier bestplatzierten Interpreten, darunter erheblich kleiner die nebeneinander abgedruckten Ranglisten aus England, „Amerika“ und Frankreich. Unwillkürlich gehe ich die Listen durch. Ab und zu begegnet mir ein Song, dessen Titel mir entfallen war, an den ich mich aber dann sofort wieder erinnere. Meistens. Doch die Erinnerung an die „BRAVO-Musicbox“ hat nicht nur mit ihrem Inhalt zu tun. Wir haben sie damals ausgeschnitten und eingerahmt. Mein Schulfreund vom Gymnasium besaß schon ein eigenes Zimmer – ich musste mir das Kinderzimmer noch mit einer (viel jüngeren) Schwester teilen –, und in seinem Zimmer hing der Wechselrahmen mit der aktuellen „BRAVO-Musicbox“. Zeitweilig trugen wir uns mit dem Plan, einen Bee-Gees-Fanclub zu gründen. Ich war 13, wurde 14 im Oktober 1968.

„Achtung! In diesem Heft findet Ihr eine Schallfolie für Euren Plattenspieler“ verkündet die Titelseite der „BRAVO“ vom 8. April 1968: „Elf Otto-Sieger sagen Danke“. Warum ich das erwähne? Weil es der Beleg dafür ist, dass ich dieses Heft wirklich besessen habe. Für alle anderen Ausgaben fehlen mir die Belege. Möglich, dass wir uns beim Kaufen abgewechselt haben, denn auch der Preis von 1 Mark pro Heft musste erst einmal aufgebracht werden vom kargen Taschengeld (an dessen Höhe ich mich aber nicht genau erinnern kann). Wie auch immer – an die „Schallfolie“ kann ich mich gut erinnern. An die tiefe, sonore Stimme des Schauspielers Patrick Macnee etwa, dessen Foto als „John Steed“ aus „Mit Schirm, Charme und Melone“ die Titelseite des Heftes mit der Folie zierte: „Hello, BRAVO-Leser! Hier ist Patrick Macnee.“ Oder an den süßen französischen Akzent von Winnetous Schwester Nscho-tschi aus den damals so erfolgreichen Karl-May-Verfilmungen: „Seid umarmt von Eurer dankbaren Marie Versini.“ Die A-cappella-Gesangseinlage der Bee Gees auf der „Schallfolie“ jedoch klingt (nur?) in der Erinnerung doch schon sehr albern: „Thank you, thank you, thank you for winning the BRAVO golden award“ …

„Als beste Unterlage für das Abspielen der Schallfolie dient eine Schallplatte (LP oder Single).“ So die im Heft mitgelieferte Gebrauchsanleitung. „Die Folie wird auf die Platte gelegt und der Plattenspieler auf 33 1/3 Umdrehungen eingestellt.“ So weit so gut, aber … so weit ich mich erinnere, besaß ich zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Platten … außer vielleicht ein paar Platten mit Kindergeschichten … Habe ich die (gefühlt) nur drei Langspielplatten meiner Eltern zweckentfremdet – mit den Schlagern, Operetten-, Weihnachtsliedern? Am besten ließ sich die „Schallfolie“ aber auf einer Single abspielen. Und auch dafür taucht plötzlich aus dem Dunkel der Erinnerung noch eine Kandidatin auf …

„Wini wini wini wini, wana wana wana wana, die Trommel ruft zum Tanz …“ Die Interpreten muss ich erst googeln, doch auch dann sagt mir ihr Name nichts – „Tahiti Tamourés“. Und doch stand ihr Wini-Wana-Song offenbar vier Wochen lang auf Platz 1 der deutschen Hitparade. 1963 war das. Womit ich jetzt auch das Jahr kenne, in dem die gesuchte Single herausgekommen ist. Auf die – möglicherweise – die „Schallfolie“ gelegt wurde beim Abspielen. Doch wie die „Schallfolie“ handelte es nicht um eine gewöhnliche Platte … sondern um eine Art Werbegeschenk: Moderiert von einem freundlichen Herrn oder einer Dame (hier streikt meine Erinnerung), wurden Schlager-Neuerscheinungen vorgestellt und kurz angespielt. Herausgeber war „‘Die Schallplatte‘ im Glockenspielhaus“ – das damals wohl einzige, auf jeden Fall aber führende reine Schallplattengeschäft in der Dortmunder Innenstadt. Dass der Wini-Wana-Song als einziger im Gedächtnis hängengeblieben ist, liegt gleichermaßen am Mitklatsch-Rhythmus wie am kitschig-kuriosen Text: „Wini wini wini wini … Wenn tausend Zaubersterne glühen, dann klingen Liebesmelodien …“ Bemerkenswert im übrigen noch die Information aus dem Internet, dass eine der drei „Tahiti Tamourés“ Doris Wegener war, die noch im selben Jahr als „Manuela“ ihren ersten großen Hit landete: „Schuld war nur der Bossa Nova …“ Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Bevor ich es vergesse: Mit dem Plattenladen im Glockenspielhaus verbinde ich auch die damals noch übliche Art, eine ins Auge gefasste Schallplatte vor dem Kauf probezuhören: Man setzte sich auf eine Art Barhocker an eine Art Tresen, in dem die beiden halben Telefonhörer (eine Sprechmuschel war ja nicht erforderlich) steckten, die man sich, während die Verkäuferin auf der anderen Seite des Tresens die gewünschte Platte auf den Plattenspieler legte, an beide Ohren hielt, um ungestört zu lauschen …

Ich bin mir gar nicht sicher, ob die Bezeichnung „Single“ für die Werbeplatte aus dem Plattenladen so ganz richtig ist. Fachleute würden vermutlich von einer „EP“ sprechen: einem Mittelding zwischen LP und Single – so groß wie Letztere, aber mit mehr als je einem Musikstück pro Seite. Was auch auf ein „Exklusiv-Angebot“ zutraf, das Anfang 1968 per Anzeige in mehreren Heften der „BRAVO“ beworben wurde – hier aber „17-cm-Langspielplatte“ hieß. Das Angebot hatte einen Nachteil und zwei Vorteile. Der Nachteil: Es handelte sich um eine Werbeplatte der Firma Coca-Cola, auf der vier der fünf Stücke identisch waren – „Things Go Better With Coke“, ein Reklame-Jingle für Coca-Cola, gesungen lediglich von unterschiedlichen Interpreten … Aber auch die beiden Vorteile wogen schwer: Die Platte kostete mit 2,50 Mark – die per Zahlkarte zu überweisen waren – nur die Hälfte einer normalen Single … und sie enthielt außer den Werbesongs einen, so der Annoncentext, „brandneuen Hit“ meiner damaligen Lieblingsgruppe … deren vollständigen Namen ich, nebenbei bemerkt, Jahrzehnte später immer noch fehlerfrei aufsagen konnte … was mir auf Feten zuweilen prustendes Gelächter Jüngerer eintrug, die die Band nicht mehr kannten … ein Lacherfolg, den mir ansonsten nur das fehlerfreie Herunterbeten des Namens „Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah“ eintrug, aber das ist wieder eine andere Geschichte … wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei „Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich“ … die dafür sorgten, dass ich auch die Coca-Cola-Werbeplatte zumindest mal in Händen gehalten und abgespielt, vermutlich aber auch besessen habe. Den „brandneuen Hit“ der Band „I’ll Love You“ hörte man dann allerdings auch nur auf dieser Platte – in den Hitparaden war er nicht zu finden.

Neulich las ich, dem Internet sei Dank, zum ersten Mal jenen Satz, den ich vor 52 Jahren zum ersten Mal gehört und seitdem wohl Hunderte von Malen mehr oder weniger leise (und gewiss nicht mehr, sondern eher weniger korrekt) vor mich hin gemurmelt habe, ehe dann im inneren Ohr das Knallen einer Peitsche den martialischen Auftakt zu einem Song bildete, dessen Rhythmus mich auch heute noch zu heftigem Fußwippen und Fingerschnipsen verleiten kann … „Esta es la leyenda de Xanadu.“

Fragen Sie mich bloß nicht, ob das korrektes Spanisch ist. Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen. Der Satz interessiert mich lediglich, weil er 1968 gesprochen wurde von Dave Dee, dem Chef von „Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich“ – als Auftakt zum größten Hit der Gruppe: „The Legend of Xanadu“. Und dann schwang er die Peitsche … Als ich Dave Dee Jahrzehnte später zum ersten und einzigen Mal live gesehen habe – in der Dortmunder Westfalenhalle bei einer Oldie-Nacht –, hatte er zwar seine Band längst nicht mehr dabei, aber immer noch die Peitsche. Und mir lief, trotz Playback, ein Schauer über den Rücken beim Auftakt zur „Legend of Xanadu“. Was nicht zuletzt auch damit zu tun hatte, dass genau dieser Song für mich einst eine ganz besondere Bedeutung hatte …

Als 13-Jähriger begann ich mich für Rock ’n’ Roll und Pop-Musik zu interessieren und hatte wohl auch bald schon die 5 Mark zusammen für eine erste Schallplatte … für eine Single, versteht sich, denn die Langspielplatte kostete damals 21 Mark und war damit noch völlig außer Reichweite. Das Geld für die erste Single war also da – stellte sich nur noch die Frage: Welche sollte es denn sein? Die „Legend of Xanadu“ war erste Wahl … aber nicht unangefochten, denn da gab es noch „Delilah“ von Tom Jones.

„I felt the knife in my hand and she laughed no more.“ Der Songtext von „Delilah“ war im „BRAVO“-Heft mit der „Schallfolie“ abgedruckt. Und auch wenn ein blutiges Eifersuchtsdrama, wie Tom Jones es hier besang, noch so gar nicht zu den Interessen des 13-Jährigen passte, habe ich das Lied geliebt, wie offenbar viele andere Menschen auch: 12 Wochen lang, von Mai bis Juli 1968, stand „Delilah“ auf Platz 1 der deutschen Hitparade, während es die „Legend of Xanadu“ – in England zeitweilig die Nr. 1 – bei uns nur bis auf Rang 5 schaffte. Und in der Jahresauswertung der deutschen Hitparade für 1968 schließlich belegte „Delilah“ den Platz 3 – hinter „Mama“ und „Du sollst nicht weinen“ von Heintje …

Kann sich das ein heute 13-Jähriger noch vorstellen? Dass man dafür gespart – oder auf den nächsten Geburtstag gewartet – hat, sich eine Schallplatte mit zwei Liedern leisten zu können? Zwei Lieder? Im Normalfall war es sogar nur eins … Was auf der Rückseite von „Delilah“ oder der „Legend of Xanadu“ zu hören war, weiß ich gar nicht mehr zu sagen, hat mich damals auch wohl nicht weiter interessiert. Natürlich gab es auch Platten mit zwei – fast, ja zuweilen auch ganz – gleichwertigen Seiten. Für 1968 erinnere ich mich da insbesondere an „Hey Jude“ von den Beatles. Da ging‘s nach der Stimmung: Mal hörte man lieber die sanfte A-Seite, mal lieber die „wilde“ B-Seite „Revolution“ … Die Platte habe ich damals übrigens einem Freund zum Geburtstag geschenkt. (Dem Freund, bei dem unser Rahmen mit der „BRAVO-Musicbox“ hing. Ich erinnere mich noch, dass es an diesem Geburtstag zum Abendessen – Würstchen mit Kartoffelsalat! – die Frage des Vaters gab: Limo oder Bier? Ich „bestellte“ tapfer das mir eigentlich viel zu bittere, aber erwachsene Bier …) Singles waren das ideale Geburtstagsgeschenk, lagen mit 5 Mark wohl preislich genau richtig für den Anlass.

Doch es gab auch billigere Platten. Was für mich von größtem Interesse war. (Obwohl hier nicht etwa der Eindruck entstehen sollte, dass wir arm gewesen wären: Der Facharbeiterlohn des Vaters reichte immerhin aus, die vierköpfige Familie alljährlich in Urlaub fahren zu lassen und nach einiger Zeit eine Eigentumswohnung zu finanzieren, aus der später ein kleines Reihenhaus wurde.) Mein Taschengeld musste halt gut eingeteilt und sinnvoll investiert werden. Was mich zum Beispiel in „die Woolworth“ führte, wo es ganz hinten im Laden – ich weiß sogar noch, wo genau, obwohl der Laden schon längst nicht mehr existiert – eine kleine Auswahl an Single-Platten gab, die deutlich billiger als 5 Mark waren und sogar vier statt zwei Musikstücke enthielten. Darunter auch Stücke, die für mich attraktiv waren. Der einzige Nachteil, dass die Songs nämlich von unbekannten Bands nachgespielt waren, „gecovert“, wie man später sagte, wurde damals in meinen Augen wohl vom unbestreitbaren Preisvorteil wieder aufgewogen. Nicht nachgespielt, sondern „echt“ hingegen, dafür allerdings hin und wieder schon ein wenig verkratzt, waren die Schallplatten, für die ich mutige Expeditionen in die bei uns arg verrufene Nordstadt unternahm: Dort gab es ein paar An- und Verkaufsläden, etwas schmuddelig und meist mit eigener Geruchsnote, die irgendwo im Durcheinander auch einen Karton mit Singles stehen hatten … darunter auch, wenn ich mich recht entsinne, meine erste Single von den Rolling Stones … vermutlich „Jumpin‘ Jack Flash“ … Aber das ist nun schon mehr Spekulation als wirkliche Erinnerung. Was auf die folgende Geschichte nicht zutrifft. Oder sagen wir besser, nur zum Teil …

Die Wühltische! Genauer gesagt: der Wühltisch bei Neckermann, denn an den kann ich mich noch genau erinnern. Neben der Rolltreppe im Erdgeschoss. Das Kaufhaus wurde neulich abgerissen, hatte aber auch schon lange nicht mehr Neckermann geheißen. Mit dem Wühltisch verbinde ich vor allem eine Platte: „Excerpt From A Teenage Opera“ von Keith West … Weder ist mir der Sänger später noch einmal begegnet, noch habe ich je erfahren, was es mit dieser Teenager-Oper auf sich hatte. Nur der Kinderchor ist im Gedächtnis: „Grocer Jack, grocer Jack, is it true what mummy says, You wan’t come back, oh no, no …“ Alle sind traurig, weil der alte Kaufmann verschwunden ist … Worum geht es da? Egal. Die Texte haben mich damals auch nicht wirklich interessiert. Neulich habe ich den Song wieder einmal gehört. Auf einem Sampler mit Oldies. Ich kaufe mir noch immer wieder solche Sampler, habe dadurch inzwischen fast alle Songs jener Jahre – „meiner“ Jahre von 1968 bis 1972 – gleich mehrfach. Wenn ich wieder mal eine CD oder auch zwei, drei zur Kasse trage, muss ich oft daran denken, was es dem 13-, 14-Jährigen wohl bedeutet hätte, einmal so nach Herzenslust Platten kaufen zu dürfen … Im Internet habe ich jetzt „Excerpt From A Teenage Opera“ gegoogelt und eine Überraschung erlebt. Mir schwebte im Hinterkopf etwas vor von einer deutschen Fassung. Und dann sah ich diese Plattenhülle, pink oder magentafarben, ohne Bild, nur Schrift: „Großer Jack“ in Schreibschrift, darunter „Szene aus ‚Eine Teenager Oper‘ (Excerpt from ‚A Teenage Opera‘) DEUTSCHE ORIGINALAUFNAHME“. Der Name des Sängers – Curd Borkmann – sagt mir überhaupt nichts. Aber mir ist klar: Diese Platte war es!! Auf dem Wühltisch bei Neckermann neben der Rolltreppe gab’s nur die deutsche Version, aber für wenig Geld, also habe ich sie wohl nach dem Motto „Besser als gar nichts!“ erworben. „Großer Jack, großer Jack, warum sagt die Mami, du bist ewig weg? Oh no, no.“

Manchmal wurden Platten auch nicht gekauft, sondern geliehen. Ich erinnere mich da an „Curly“ von der Band „The Move“ … Eine peinliche Sache. Die Platte war mir hingefallen und zerbrochen. Und ich musste nun nicht nur dem Besitzer – einem Schulkollegen – den Schaden beichten, sondern natürlich auch Ersatz beschaffen … wofür das Taschengeld, obwohl es „nur“ eine Single war, nicht ausreichte … Meine, wohl in der Hoffnung auf eine Kostenübernahme eingeschaltete, Mutter steuerte nur den Rat bei, ich solle dem Kollegen halt eine von meinen Platten anbieten … Was ja belegt, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon welche besessen haben muss. Und „Curly“ tauchte, so lese ich im Internet, auch erst im Oktober 1969 in den deutschen Charts auf. Früher wird das Malheur also wohl nicht passiert sein. Wie die Sache letztlich ausgegangen ist, weiß ich nicht mehr zu sagen. Dafür stellt sich jetzt noch eine ganz andere Frage: Warum habe ich mir die Platte ausgeliehen? Normalerweise ging es da doch um’s Aufnehmen. Aber habe ich zu diesem Zeitpunkt schon ein Tonbandgerät besessen? Ich sehe zwar das Gerät noch genau vor mir … und weiß auch noch, wie schwer es war: 10 Kilogramm! … und sehe mich damit in der Straßenbahn – auf dem Weg zu einem Schulkollegen (nein, nicht dem Besitzer der Platte „Curly“) (und nein, auch nicht dem Freund, auf dessen Geburtstag es Bier gab) … wo ich eine neue LP von den Hollies aufnehmen wollte … Was wiederum auf ein anderes Problem hinweist – das mit dem Plattenspieler zu tun hat, den ich mein Eigen nannte: ein billiger Hobel, weit entfernt von der „Dual“-Qualität, auf die manche Kollegen schon damals Wert legten. Weshalb der Prophet halt zwangsläufig zum Berg gehen musste … mit 10 Kilogramm Tonbandgerät in der Hand. Von Telefunken. Im Internet habe ich sogar das Modell gefunden: es wurde von 1967-1970 verkauft. Und war immerhin schon um Längen besser als das billige Plastikmodell meines Kumpels, der (bisher noch nicht vorgekommen ist, aber) schon eine Weile vor mir das ersehnte Gerät besaß – das aber nur „kleine“ Bänder akzeptierte: 15 Minuten lang, wenn ich mich recht entsinne. Dass das Gerät dafür auch keine 10 Kilo wog, machte den Nachteil nicht wett. Wie viel Musik ich auf den Bändern meines Telefunkens aufnehmen konnte, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall aber deutlich mehr als 15 Minuten.

In Wambel, dem westlichen Vorort Dortmunds, in dem wir wohnten, gab es auch einen Plattenladen. Oder besser: einen Laden mit einer Schallplattenabteilung. Was es dort noch zu kaufen gab – Radios? Fernseher? Küchengeräte? –, vermag ich nicht mehr zu sagen, war für mich auch uninteressant. Dass es dort Singles zu kaufen gab, weiß ich vor allem deshalb noch genau, weil ich dort etwas getan habe, was ich sonst nur selten oder gar nicht gemacht habe: Ich habe – mindestens – eine Platte bestellt. Es handelte sich um „Green River“ von Creedence Clearwater Revival. Jener Band, die Dave Dee und Co. damals in meiner Gunst ablöste – eine Entwicklung, die jedoch nicht mit dem ersten ganz großen Hit von Creedence Clearwater Revival – „Proud Mary“ – einsetzte, sondern mit dem zweiten: „Bad Moon Rising“. Dass als Nächstes in den Charts „Green River“ platziert war, ist mir nicht erinnerlich, weiß ich nur aus dem Internet. Dafür habe ich die nächste Platte von „CCR“ wieder heiß und innig geliebt, und zwar sowohl die A-Seite „Down On The Corner“, als auch die B-Seite „Fortunate Son“. Was dann auch auf die nächste Single der Band zutraf: „Travelin‘ Band“ und „Who’ll Stop The Rain“. Womit wir schon am Beginn des Jahres 1970 angelangt wären. Was eine Rolle spielt, weil es mir hilft bei der Datierung der Bestellung von „Green River“ im Laden in Dortmund-Wambel … Diese Platte habe ich mir nämlich kommen lassen, um meine Sammlung von CCR-Singles zu komplettieren – was bedeutet: Ich muss zu diesem Zeitpunkt schon mehrere nach „Green River“ erschienene Singles besessen haben … was aber erst 1970 der Fall gewesen sein kann … Gehen wir also einfach mal davon aus, dass es 1970 war. Was auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Creedence Clearwater Revival im selben Jahr noch zwei weitere Hits landeten (die dann gewiss auch in meiner Plattensammlung landeten), ziemlich plausibel klingt. Ebenso wie auch die Vermutung, dass es mir zu dieser Zeit hinsichtlich des Taschengelds schon ein wenig besser ging – schließlich musste ja die, wenn auch noch kleine, Plattensammlung finanziert werden. Andererseits … Was den Erwerb von Langspielplatten meiner Favoriten angeht, erinnere ich mich nur an den Kauf einer Platte, die 10 Mark kostete, weil nur eine Seite von Creedence Clearwater Revival, die andere von einer deutschen Band namens Jeronimo bestritten wurde, sowie eine „echte“ CCR-LP, die ich wohl 1970 während eines Bodensee-Urlaubs mit meinen Eltern auf einer Stippvisite in St. Gallen erwarb – weil die Schallplatten in der Schweiz billiger waren als bei uns.

„I’m in love for the first time. Don’t you know it’s gonna last. It’s a love that lasts forever …“ Nein, das traf nun wirklich nicht zu. Über „in love for the first time“ ließe sich reden … aber eine „love that lasts forever“ war es definitiv nicht. Von Anfang an nicht, denn es stand fest, dass sie schon bald umziehen würde … weit weg … zu weit weg … und doch … Es war der erste „richtige“ Kuss. Eine weiche, warme, feuchte Angelegenheit. Nach ewig langem Herumdrucksen beim Abschiednehmen vor ihrer Haustür. Und dann das Gefühl auf dem Heimweg. In Love? Oder eher: Geschafft! For the first time! Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Auch weiß ich nicht mehr, ob die Single „Get Back“ von den Beatles mir oder ihr gehört hat. Ich habe sie auf jeden Fall bei mir zu Hause gehört damals. Oft gehört. Allerdings nicht „Get Back“, sondern die B-Seite: „Don’t Let Me Down“. „I’m in love for the first time. Don’t you know it’s gonna last …“ In den deutschen Single-Charts war die Platte im Sommer 1969 kurz auf Nummer 1. Aber das war, wenn ich mir meine Fotos von damals anschaue, deutlich zu früh für jenes erste Mal … Die Platte muss schon ein, zwei Jahre alt gewesen sein, als sie sich im Gedächtnis unzertrennbar mit dem ersten „richtigen“ Kuss verband.

Singles spielten mittlerweile kaum noch eine Rolle für die alltägliche Musikberieselung – im Vergleich vor allem mit dem handlichen Kassettenrekorder, der inzwischen das 10-Kilo-Tonbandgerät abgelöst hatte. Nur noch ganz vereinzelt taucht eine Single in der Erinnerung auf – und nur wenn sie mit einer besonderen Geschichte verknüpft ist … wie zum Beispiel „Butterfly“ von Danyel Gerard. Das Lied war in Deutschland der Sommerhit des Jahres 1971. Für mich ist es verknüpft mit regelmäßigen Besuchen von, wenn ich mich recht erinnere, nachmittäglichen Tanzpartys am Sonntag in den dafür als „Disco“ eingerichteten und vor allem (schummrig) ausgeleuchteten Räumlichkeiten einer Tanzschule … Regelmäßiger Teil des Programmes war dort eine gemeinsam mittels Stimmkarten ermittelte Hitparade mit Verlosung: Wessen Karte gezogen wurde, durfte sich eine Single wünschen – die am nächsten Sonntag abgeholt werden konnte. Und tatsächlich … einmal zählte ich zu den Gewinnern. Und wünschte mir „Butterfly“ von Danyel Gerard. Natürlich in der französischen Originalfassung. Wenn schon Schnulze, dann nicht auch noch mit einem Text, den man versteht. (Heutige Interpretation!) Was ich damals besonders an diesem Song geliebt habe, dürfte die Tatsache gewesen sein, dass man dazu – wie sagte man noch? – so schön „Klammerblues“ tanzen konnte. (Aber auch das eine heutige Interpretation. So schüchtern, wie ich war, hatte ich auch zum „Klammerblues“ ein nicht ganz unkompliziertes Verhältnis.)

Bei der Internet-Recherche zu „Butterfly“ begegnete mir eine Abbildung der Single. Erster Gedanke: Da fehlt doch was – der Stern in der Mitte! Zweiter Gedanke: Ach ja, die Platten wurden irgendwann auch ohne den Stern verkauft. Auf dem Plattenspieler hatte man ja ohnehin einen … auf den Namen bin ich im Internet zum ersten Mal gestoßen … einen „Puck“. Ja, dieses kleine runde Plastikding, das in der Tat entfernt einem Puck vom Eishockey ähnelt und über die kleine Stange gestülpt wurde, die mittig aus dem Plattenteller ragte. Der „Puck“ füllte das Loch in der Plattenmitte ebenso aus wie die zuvor üblichen kleinen schwarzen Plastikkreuze – die man aber auch, wenn ich mich recht entsinne, noch separat kaufen konnte. Für den Fall etwa, dass man noch einen Plattenwechsler besaß – einen Plattenspieler also, auf den man zehn Singles „stapeln“ konnte, die er dann nacheinander abspielte. Was aber nur funktionierte, wenn jede Platte ein Kreuz hatte. Ich erinnere mich noch genau an das knackende Geräusch des „Einrastens“, wenn man die Kreuzchen ins Loch der Platte drückte.

Damit wären wir eigentlich am Ende angelangt – am Ende meiner Geschichte der Singleplatte. Wenn da nicht noch eine Single übrig wäre in der Erinnerung … eine Platte aus dem Jahre 1972, die ein Jahr später aus sehr konkretem, ganz persönlichem Anlass für mich eine Rolle spielte: die „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ von Franz Josef Degenhardt nämlich. Aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte … Was hier noch fehlt, ist nur die Antwort auf die Frage, für welche der beiden Singles ich mich denn damals entschieden habe – für „Delilah“ von Tom Jones oder für „The Legend of Xanadu“ von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick und Tich? Es war die letztere. Und ja, ich höre sie immer noch gern. Ab und zu.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Rüdiger Wulf).
Der Beitrag wurde von Rüdiger Wulf auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Der Schrei der Nachtigall von Anna Elisabeth Hahne



Das Buch handelt von einer einmaligen Liebe, die nicht gelebt werden kann, in der Kinder den ersten Platz einnehmen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Historie" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Rüdiger Wulf

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Garten am Waldrand von Rüdiger Wulf (Unheimliche Geschichten)
Der Tod des Templers von Claudia Laschinski (Historie)
Die Zecherl der Bäume von Adalbert Nagele (Erinnerungen)