Gaby Schumacher

Ich, Knödel, beim Tierarzt

Meine lieben Hunde- und Katzenfreunde, hoffentlich wird` Euch nicht schlecht, wenn Ihr das hier lest!

Mein Frauchen war ja eigentlich das liebste Frauchen der Welt. Sie schenkte uns ein schönes Zuhause, Superfresschen sowie tolle Körbchen und ganz viele Streicheleinheiten. Leider gab es aber auch Unangenehmes. Immer dann, wenn ich mich so richtig rundherum wohl fühlte, bekam ich mein Fett ab und zwar heftig. Viel Schlimmeres konnte es eigentlich in einem Hundeleben nicht geben. Zwar hatte ich das unheimliche Glück, ein besonders gesundes Kerlchen zu sein, das stets munter und quicklebendig durchs Leben flitzte, jedoch schützte mich dies nicht vor dem, was jedes Jahr regelmäßig einmal auf mich zukam.

Stellt Euch vor, ich sollte zum Tierarzt, um mir meine Impfung abzuholen. Ehrlich gesagt, durften mir Impfung wie auch der doofe Tierarzt herzlich gerne gestohlen bleiben. Mein Argument, ich sei fit wie ´nen doppelter Turnschuh, also viel zu gesund für jenen Blödsinn, erweichte Frauchen kein bisschen.

"Knödelchen, du kannst noch so wehleidig gucken ... Da führt kein Weg dran vorbei!"

Ich hatte nämlich sicherheitshalber einen Dackelblick zum Kubik aufgesetzt. Vergeblich!!


Am nächsten Morgen war es soweit. Wenn Frauchen meinen Pass raus holte, Kameraden, dann wusste ich sofort Bescheid.

"Au weia, jaul, gleich geht`s nach Langenfeld zu Frau Dr. Pieks."

So nannte ich heimlich meine Tierärztin, obwohl ich die ja sehr gut leiden mochte. Nur dann nicht mehr, wenn die nach diesem entsetzlichen Dolch griff, den die Menschen ´Spritze` nennen.

Frauchen bürstete mich besonders gründlich, denn auch ein Hund marschiert nicht ungepflegt zum Doktor. Danach steckte sie noch eine Tüte mit Leckerchen in ihre Tasche.

"Wenn du glaubst, Frauchen, mit denen kannst du mich überlisten, damit ich dann brav dort hinein tigere, hast du dich aber geschnitten!"

Sonst verstand Frauchen ja fast alles, was ich ihr erzählte. Sie hatte ja auch lange genug Studienseminare für Hundesprache besucht. Heute jedoch klebte ihr ganz offensichtlich Gemüsedingsbums in den Ohren.

"Kaum zu glauben! Die stellt sich doch tatsächlich stur. Das Recht dazu steht eigentlich nur mir zu. Eine Unverschämtheit ist das, wuff!!"

Aber diese Schimpftirade, klar doch, verstand sie dann auch nicht.

 

Frechheit hin und Unverschämtheit her, mir blieb nichts übrig, als an der Leine kurzgehalten, neben ihr her zur S-Bahn zu traben. Selbstverständlich bemühte ich mich, das Ganze noch ein wenig zu verzögern. Noch nie vorher in meinem Leben begrüßte ich dermaßen begeistert die kleinen Grasflächen am Wegesrand, noch nie zuvor las ich so gründlich die Nachrichten meiner Artgenossen. Euch verrate ich es ja, aber haltet bitte dicht, denn Frauchen darf das auf keinen Fall erfahren: Die Post war nämlich an diesem Tage gar nicht so dolle, kein einziger Brief von einem heißen Weibchen dabei, seufz!

 

Als ich eben ein- und dasselbe Grasbüschel zum dritten Male übergründlich geprüft hatte, meckerte Frauchen auch schon los:

"Knödelchen, jetzt reicht es aber. Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Komm jetzt, wir müssen wirklich weiter!"

So richtig nett fand ich diese Bemerkung nu wirklich nicht.

"Für überhaupt nicht blöd!", antwortete ich im Stillen mit einem Stoßseufzer. "Das ist ja mein Problem!"

Geknickt gab ich die Schnüffelei auf. Aber ich hatte noch einen anderen Trick auf Lager. Ich entdeckte den Bahnhof, streikte, plumpste auf meine vier Buchstaben und saß dann dort, lieb und ohne zu murren, aber eben unbeweglich.

"Ich gehe keinen Schritt mehr weiter, wauwuff!", gab ich meinem Leittier zu verstehen und machte ihr darauf gnädig folgenden Vorschlag:

"Frauchen, wenn Du da so unbedingt hin möchtest, will ich Dich nicht davon abhalten. Ich hab` eine tolle Idee: Fahr Du zur Praxis und lass Dich pieken. Ich bin bestimmt ganz brav und warte hier auf Dich!"

Insgeheim ergänzte ich:

"Es sei denn, es kommt eine Katze oder ein doofer, fremder Rüde vorbei. Die bringen mir dann mildernde Umstände ein bei der nachfolgenden Gerichtsverhandlung wegen hündischen Ungehorsams!"

Übrigens, Freunde: Dies habe ich lieber für mich behalten. Sonst wäre die ja dann nie alleine los spaziert!!

 

Sie spazierte leider auch so nicht allein los, sondern wandte tatsächlich mir, ihrem vierbeinigen Liebling gegenüber, Gewalt an.

"Knödel, bei dir piept es! Du kommst jetzt auf der Stelle mit. Tust Du das nicht freiwillig, dann schleife ich Dich eben den ganzen Weg bis zur Praxis hinter mir her!"

Wuff, meine Ohren schlackerten ganz schön. Ob sie zusätzlich noch rot geworden waren, konnte ich ja leider nicht sehen.

Zerknirscht hopste ich an ihrer Seite die Treppe zum Bahnhof hoch. Oben angekommen, muckste ich erneut. Vielleicht gab

Frauchen ja doch noch nach?

"Knödel (diesmal ohne ´chen`, oh weh!), lass den Quatsch. Rein mit Dir, aber fix!"

Diese Tonlage kannte ich. Mein Schicksal war besiegelt.

Warum nur kam denn die S-Bahn ausgerechnet heute pünktlich und setzte dann auch noch so munter genau nach Fahrplan ihre Reise gen Langenfeld fort? Bestimmt mochte die keine Hunde. Dämlicher Pseudo-Riesenköter!

 

Es dauerte nur ganz kurz und wir kamen in Langenfeld an. Kaum aus der Bahn gesprungen, setzte ich mich schon wieder trotzig hin. Bis auf einen wütenden Blick Frauchens brachte mir das gar nichts. Leute, die nahm mich tatsächlich im Nackenfell und führte mich ab wie einen Verbrecher. Ich schämte mich vor den entgegen kommenden Zweibeinern fast zu Tode, so im Würgegriff. Wie konnte sie nur ... , winsel!

Mein Repertoire an Streikmethoden war damit leider erschöpft. Ich, Herr Knödel von Emsdahl, gab tatsächlich klein bei. Ich wurde zur Schande für die Chowchow/Eurasier-Familie der ganzen Welt: Parfum auf mein Haupt, jaul!

 

Ich gebe ja zu: Ging es zu Frau Dr. Pieks, verwandelte ich mich beim Betreten der Praxis vom großen Hund erst in eine Maus, beim Betreten des Wartezimmers in einen Floh und gar beim Gang ins Behandlungszimmer in eine Mikrobe. Zu meinem Pech hatten die aber anscheinend schon Erfahrung mit ein paar anderen Mikroben ähnlicher und nicht ähnlicher Spezies. Sie ließen sich durch mein Piepen, Jaulen und Winseln überhaupt nicht beeindrucken.

 

Im Wartezimmer angekommen, stellte ich entsetzt fest, ich hätte den Vorhof zur Höhle des Tierarztlöwen wirklich mit solchen Kreaturen wie Kaninchen, Mäusen, miauenden Katzen und hündischen Jammerlappen (was war denn ich??) zu teilen. Meine Artgenossen ließen sich diesbezüglich gut in bestimmte Schubläden sortieren:

 

Da waren einmal die besonders Mutigen, die es sich sogar in Richtung der Tür zum Untersuchungsraum auf dem Boden bequem gemacht hatten und noch nicht mal einen einzigen Angstquietscher von sich gaben. Woher nahmen die bloß ihren Mut? Ich bewunderte sie aus tiefstem Herzen. Meiner Meinung nach hatten sie sich damit selbstverständlich einen Kauknochentapferkeitsorden verdient. Aber mich fragte da ja keiner!

 

Die zweite Gruppe war nicht mehr ganz so kess, saß entweder zwischen Frauchens/Herrchens Beinen oder bei denen direkt auf dem Schoss. Die ließen dann die reinen Beerdigungstrostreden vom Stapel. Dies baute ihre Lieblinge denn doch etwas auf und endete mit dankbaren Vollwäschen von deren Seite am laufenden Band.

 

Und dann waren da noch die Superängstlichen, solche Exemplare wie mich. Wir heulten, jaulten, winselten wie die Verrückten im Chor, durcheinander und ununterbrochen herum. Sämtliche Frauchen und Herrchen hätten sich allzu gern die Ohren zugehalten, waren aber stattdessen ihren schlotternden Lieblingen der dringendst notwendige Halt. Andernfalls wäre so manch ein Wauwau vor lauter Zittern vom schützenden Schoss gefallen oder hätte sich im Extremfall gar schändlichst vergessen, was ja nun eines der schlimmsten Vergehen gegen den Hundeknigge bedeutet hätte.

 

Ein paar von uns, so wie ich, hatten trotz der Panik wenigstens noch soviel Grips bewahrt, uns unter die Stühle der Leittiere zu quetschen, darauf hoffend, dass Madame Pieks uns dort nicht entdeckte oder sich vielleicht sogar der Boden auftun und uns Angsthasen barmherzig verschlucken würde. Stattdessen wurde es furchtbar. Die Vierbeiner, die schon eher als ich dort gesessen hatten, wurden aufgerufen und kehrten auch nicht zurück.

´Besser nicht überlegen, weshalb die nicht wiederkommen!`, sagte ich mir.

Inzwischen wartete ich als einziger Hund noch im Raum. Mir schwante Böses. Wie ich es schon befürchtet hatte, öffnete sich prompt die Tür. Da trat nicht etwa eins der netten jungen Mädchen, die so toll streicheln konnten, herein, sondern leider Frau Dr. Pieks persönlich.

 

Ich hätte mich in den eigenen Schwanz beißen mögen, so ärgerte ich mich dann über mich selber. Jawohl, denn anstatt vor Angst zu knurren, fing ich tatsächlich auch noch schwach an zu wedeln.

"Ach, Knödelchen, du sitzt da ja wie ein Häufchen Elend!"

Und zu Frauchen:

"Ich gebe ihm unbedingt Recht: ´Ne Impfung ist wirklich etwas Schreckliches!"

´Stimmt!`, dachte ich. ´Du sagst es. Warum lässt du es dann nicht einfach sein?`

Mein Hundeherz machte einen winzigen hoffenden Sprung, den es aber sofort bitter bereuen sollte.

´Na, dann komm ´mal mit, du Süßer!`, forderte mich nämlich Frau Dr. Pieks auf.

So ein Mist, die war ja genauso stur wie Frauchen.

 

Klar ging ich mit, blieb mir ja auch nichts anderes übrig. Allerdings bot sich ein Bild für die Götter, denn mein sogenanntes Mitkommen bewies sich als reif fürs Menschentheater. Dort wäre ich garantiert der Lacherfolg gewesen. Frau Dr. Pieks griff sich die Leine und zog mich vorsichtig, aber ständig auf das dämliche Behandlungszimmer zu. Von hinten schob stöhnend Frauchen. Ich war eingekeilt, eine Gegenwehr also eigentlich zwecklos.

 

Doch einen Versuch war diese brenzlige Lage auf jeden Fall wert, fand ich. Wer wusste denn schon, was mich drinnen erwartete. Also machte ich mich schwer wie ein nasser Sack und wog so wahrscheinlich fast soviel wie mein entfernter Verwandter, der Braunbär. Es war zum Donnerknurren: Zu meinem Pech bewiesen sich die Ärztin und Frauchen plötzlich so stark wie drei von denen zusammen.

 

Mehr auf dem Po rutschend als auf allen Vieren laufend landete ich unverschämt fix im Untersuchungszimmer. Dessen Anblick gab mir den Rest. An der einen Wand stand ein Schrank mit durchsichtigen Türen. Ahnungslos schielte ich hinein. Als erstes erspähte ich einen eigenartigen langen Schlauch, der mir irgendwie bekannt vorkam. Richtig: Mit dessen Hilfe hatte die Ärztin sich mal früher mit meinem Herzen unterhalten.

"Bumm, bumm!", hatte das damals auch brav geantwortet, aber zu ihrer Enttäuschung keines meiner Geheimnisse verraten.

Äätsch, so leicht war ich nicht zu überlisten gewesen. Eines musste ich ihr ja lassen: Sie hatte sich recht schnell damit abgefunden und die Abfuhr tapfer ertragen.

´Das Ding ist also harmlos!´, entschied ich.

 

Doch dann guckte ich aufs nächste Regalbrett und erstarrte vor Entsetzen. Dort lagen kleine und große Spritzen mit ganz dünnen oder auch dicken Nadeln und sogar riesige Messer. Eines davon sah so gefährlich aus wie das aus Frauchens Küche. Jetzt gab es für mich keinen Zweifel mehr:

´Von wegen ´Impfung: Ich soll geschlachtet werden!!`

Für mich stand jetzt fest, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte. Doch verständlicherweise hatte ich etwas dagegen. Ich drehte fast durch vor Panik.

Nicht mit mir!“, meckerte ich.

Der Hundehimmel sollte getrost noch ein bisschen warten.

´Wau-winsel, falls ich da überhaupt ´rein dürfte!`

Diesbezüglich kamen mir doch arge Bedenken. Zwar war ich als wahrer Engel durchs Leben getrabt, aber ob das wirklich engelig genug gewesen war ... ?? Noch hatte ich aber wichtigere Sorgen.Verzweifelt ruckelte ich rückwärts, um das Halsband abzustreifen. Es hatte doch früher schon mehrmals so toll geklappt, warum denn bloß ausgerechnet jetzt nicht?

´Frauchen hat das bestimmt enger gestellt. Sie kennt mich ja zur Genüge. Gemeines Frauchen!`

Sofort schämte ich mich dieses Gedankens, denn ich hatte sie ja ganz doll lieb.

 

Im nächsten Moment entdeckte ich das große Fenster am anderen Ende des Raumes.Weil es so warm war und wir doch alle, Zwei- wie auch Vierbeiner, frische Luft brauchten, stand das halb offen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Selbst für ein fest angeleintes Etwas wie mich versetzt Angst bekanntlich Berge. Völlig überraschend für die Zweibeiner sprang ich mit Schwung nach vorne in Richtung Freiheit, machte Männchen und bearbeitete mit den Vorderpfoten aufgeregt die Fensterbank. Dummerweise lagen dort viele Zettel mit ganz viel Schwarz drauf. Denen tat meine Trampelei nicht so sehr gut. Wild durcheinander gewirbelt segelten sie zu Boden.

Oh nein!“

Frauchen war es furchtbar peinlich.

Ich dagegen gönnte dem armen Raschelzeug keinen einzigen Blick.

Mich beschäftigte etwas anderes. Ich war, eigentlich gegen meinen Willen, gerade dabei, sämtlichen Weißkitteln in diesem Hause trotz allem doch ein Lob auszusprechen:

´Sehr zuvorkommend, solch` eine Kletterhilfe anzubringen!`

Jedoch nutzte sie mir nichts. Ich passte nämlich nicht durch die Fensteröffnung.

"Denkste, Knödelchen, hier geblieben!"

Klar, wieder Frauchen.

"Typisch Mann, nicht? Soo tapfer!", grinste sie die Ärztin an.

Die lachte. Ich traute meinen Ohren nicht. Es durfte ja wohl nicht wahr sein:

Mein Frauchen lacht mich aus!!“

Auf Dich wartet ja auch keine Impfung!!“, knurrte ich wütend.

Auf der Stelle schwor ich mir: Sollte ich hier jemals lebend wieder ´raus kommen, würd ich mir sofort ein neues Zuhause suchen.


Nun stand ich ja nicht zu meinem Vergnügen da, sondern sollte untersucht werden. Frau Dr.Pieks kannte mich bereits seit vielen Jahren und die Erfahrung sagte ihr, wie doll lustig das werden würde. So lustig, dass meine Ärztin laut durch die ganze Praxis nach Hilfe rief:

Schnell, wir haben hier ein besonders mutiges Exemplar Hund. Ich brauche mindestens vier Leute, um den zu bändigen!“

Wie um den Wahrheitsgehalt ihrer Bemerkung zu bestätigen, strampelte ich derweil wie verrückt herum und wand mich nach allen Seiten. Vielleicht könnte ich doch noch entwischen, bevor ich auf diesem wackeligen, harten und kalten Dingsda so hoch oben landete?


Solch einem klugen Hund wie mir (hört, hört!) war schnelles Nachdenken nie schwer gefallen. Angesichts des wackligen und brutal eiskalten Tabletts da in der Höhe konnte davon allerdings keine Rede mehr sein. Meine Gedanken wirbelten total ungeordnet und zu nichts mehr zu gebrauchen wild in meinem Kopf herum. Darum war ich dann auch total hilflos der weißen Meute ausgeliefert, die eiligst zur Monsterbesänftigung ins Sprechzimmer stürmte. Das Monster, meine lieben Freunde, das war ich. So ganz Unrecht hatten sie ja nicht: Wie ein Verrückter verhaute ich mit meinen Pfoten den armen Fliesenboden, der doch gar nichts für mein Unglück konnte und solch eine Dresche bestimmt nicht verdient hatte.

Gleichzeitig ruckelte ich nach allen Seiten. Garantiert wirkte das recht ungeschickt und gar nicht elegant, aber es ging schließlich ums reine Überleben. Frau Dr. Pieks Helferinnen rochen alle sehr sympathisch. Aber was sie jetzt mit mir anstellten, fand ich ausgesprochen unverschämt. Zwei von ihnen hielten meine Vorderläufe fest, eine klemmte sich meinen Kopf zwischen die Beine und der Rest der Mannschaft schnappte sich meine Hinterpfoten. Derweil kraulte Frauchen meine Ohren, was das Zeug hielt. Es nutzte aber nichts. Sie hätte stundenlang da rum wurschteln können ... Ich war auf Hundertachtzig und ich blieb dort oben. Zu allem Überfluss meinte sie auch noch zu mir:
„Knödelchen, es passiert doch nichts Böses, ruhig, ganz ruuhiig!“
Schließlich regte ich mich tatsächlich ab, hörte mit dem Stampfen auf und verstummte. Nach den voran gegangenen Heularien war nämlich meine Stimme weg und das ewige Strampeln war Hochleistungssport gewesen.
„Sch...wuff!“, bemerkte ich noch kraftlos, so kraftlos, dass ich schon gar nicht mehr in der Lage war, mich für diese Bemerkung vielleicht noch zu schämen.

Die kurze Pause danach, in der fast nichts passierte, tat mir gut. Gut, wiiee? Ja, da staunt Ihr sicherlich, aber es war so. Während ich dort eingekeilt still stand, erholte ich mich sichtlich, stand wieder aufrecht dort, versuchte, den Kopf hin- und her zu wenden und schielte bereits wieder ein wenig trotziger in die Runde. Leider waren die anwesenden Zweibeiner nicht dumm, merkten dies und fassten zur Sicherheit gleich noch etwas fester zu.
Währenddessen hatte Frau Dr. Pieks wie damals seelenruhig mit meinem Herzen telefoniert. Ihrer Miene nach zu urteilen, gab es wenigstens keine unangenehmen Neuigkeiten. Und trotzdem war die Chance, auszubüchsen, endgültig vertan. Ich ärgerte mich und noch weitaus mehr darüber, dass dieser erste wieder vernünftige Gedanke mir sagte, dass mich noch viel größere Gemeinheiten erwarteten.

Bis dahin hatte ich ja wenigstens noch auf den eigenen vier Beinen gestanden. Doch nun hob mich eines der Mädchen blitzschnell hoch. Ich, total überrumpelt, hing wie ein nasser Sack und völlig wehrlos herum.
„Guck` mal, wie verdattert der guckt!“, flüsterte das eine Mädchen dem anderen grinsend zu.

Diese Bemerkung war fast genau so frech wie das, was darauf folgte. Mit einem gehörigen Schwung durch die Luft beförderte sie mich auf den gefürchteten Schnippeltisch. Der war glatt, hart und bitterkalt. Verzweifelt versuchte ich Halt zu finden. Doch da gabs keinen. Hilflos rutschte ich auf der Platte hin und her.
´Noch nicht mal eine Decke haben die für mich. Dabei bin ich immerhin eine echte Hoheit. Ob die mit ihren zweibeinigen Königen auch so umspringen?`
„Alles bestens!“, erklärte die Ärztin meinem Frauchen.
Frauchen guckte sehr froh.
„Knödelchen, haste das Lob gehört?“
Na klar hatte ich. Aber:
´Glaub` ja nicht, dass ich jetzt vor Freude darüber etwa wedele!`, dachte ich und setzte mit vollster Absicht eine betont hochnäsige Miene auf.
Es klappte prima. Das hatte ich ja mein Leben lang gründlich geübt. Nein, meine Erleichterung wegen des Anrufergebnisses behielt ich für mich.

Ich stand auf diesem blöden Tisch, den ich aus mehr als verständlichen Gründen zutiefst verwünschte und bibberte mich halb zu Tode vor Angst, zumal ich nur noch Weiß sah. Vorne vor mir ein weißer Kittel, rechts Frauchen plus ein Weißkittel, links zwei und hinter mir auch noch einer.
„Ganz schon unfair, Sechs gegen Einen!“, erboste ich mich.
Leider brachte ich nur ein klägliches Winseln zustande.
´Gleich wird` s ernst!`, dachte ich.
Kurz vorher hatte ich bereits meine Rute zwischen die Beine geklemmt. Jetzt hing die mittlerweile irgendwo unter meinem Bauch vor Panik.

„So, mein Süßer!“, forderte Frau Dr. Pieks mich auf, „Jetzt hältst Du mal eine Sekunde lang still. Dann hast Du es hinter dir.“
Erstens hatte ich keine Ahnung davon, was eine Sekunde überhaupt war, demnach erst recht nicht, wie lang die dauerte und zweitens konnte niemand mehr von mir erwarten, dass ich etwa still hielte.
´Au weia, die marschiert zum Schrank!`
Garantiert suchte sie sich die Spritze aus mit der dicksten Nadel. Nicht mit mir! Ich war doch nicht so bekloppt und ließ mich von deren Schmeichelei täuschen. Eigentlich hätte ihr das klar sein müssen, denn sie kannte mich ja schon von Babybeinen an. Schon damals war ich ein Trotzkopf gewesen, wenn auch ein extrem lieber. Hier auf dem Behandlungstisch gedachte ich diese Eigenschaft keinesfalls abzulegen. Es ging schließlich um Sein oder Nichtsein, wau!
„Die werden sich wundern!“, schwor ich mir.


Inzwischen hatte die Ärztin das passende Folterinstrument gewählt. Furchterregend sah es aus, mindestens so lang wie mein Bein bis zum Knie und so dick wie zwei meiner Krallen zusammen - na ja, zumindest fast. Frau Dr. Pieks näherte sich mir, das Ungetüm in der rechten Hand. Mit der linken kraulte sie mich unter der Schnauze.
„Für Knödelchen brauche ich keinen Maulkorb. Den kenne ich lange genug. Der würde mich nie beißen!“, erklärte sie Frauchen.
´Stimmt zwar, besagt aber nichts über meine Einstellung zu diesem ganzen Zirkus!`
Ich schielte zu Frauchen. Sie freute sich sichtlich und zeigte deutlich, wie stolz sie jetzt war. Aber selbst das konnte mich nicht mehr von meinem Plan abbringen ...


Die Spritze kam näher und näher. Ich strampelte heftig und heftiger und es gelang mir tatsächlich, mich aus dem gemeinen Klammergriff der Zweibeinertruppe zu winden. Angst verleiht ungeahnte Kräfte, die ich dann prompt einsetzte. Bevor die entsetzte Mannschaft um mich herum überhaupt zufassen konnte, machte ich einen gewaltigen Hopser mit allen Vieren hoch in die Luft.
„Um Gotteswillen, Knödel!“, stöhnte Frauchen.
In ihrem Schrecken sah sie mich bestimmt schon zermatscht am Boden liegen. Die Anderen starrten nur entsetzt. Es hatte ihnen wohl die Sprache verschlagen.Triumphierend forschte ich aus luftiger Höhe in deren Gesichtern. Hm, die waren ja fast so weiß wie deren Kittel. Hatte ich die etwa mit meiner Aktion dermaßen beeindruckt?
„Wartet nur ab. Das war ja noch nicht alles!“, brummelte ich.
Anstatt im nächsten Augenblick als platter Flokati den Boden des Untersuchungszimmers zu schmücken, landete ich mit allen vier Pfoten wieder auf dem Tisch. Nein Freunde, ich war nicht etwa jener Kugelbaron, über den mir Frauchen mal die tollsten Geschichten erzählt hatte, sondern einfach nur sehr sportlich.

Sofort umklammerten sie mich wieder, diesmal noch fester. Ob die befürchteten, ich könnte dieses Kunststück wiederholen? Ich war gefangen und trotzdem nicht unzufrieden, denn die Spritze hing immer noch in der Luft und nicht in meinem Allerwertesten. Dummerweise bedeutete es aber, dass ich die Prozedur noch nicht überstanden hatte. Wieder und wieder versuchte ich, nach hinten und auch vorne wegzurutschen. Vergeblich. Zweibeiner lernen anscheinend schnell und da hatten sie extra schnell dazugelernt. Also blieb es mir nur noch, ein grauenhaftes Heulen vom Stapel zu lassen. Vielleicht bekam ich sie damit k.o.? Frauchen lief der Schweiß übers Gesicht, den Helferinnen ebenfalls und meine geliebte Ärztin wirkte total groggy. Sie waren eindeutig alle reif für eine Dusche. Wenigstens das hatte ich erreicht.
„Knödelchen, hör auf mit dem Quatsch. Ist doch längst vorbei“, redete Frauchen auf mich ein.

Wauwuuh??“, stutzte ich.
Weil sie mich noch nie angelogen hatte, musste ich es ihr wohl glauben.
„Aber ich hab` doch überhaupt nichts gemerkt!“, jaulte ich kurz, dann schon sehr viel leiser.
Denn anscheinend durfte ich wohl weiterleben.


Als ich mich beruhigte hatte, schämte ich mich regelrecht, mich so angestellt zu haben. Das war eines Prinzen von Emsdahl wirklich nicht würdig gewesen. Die Ärztin lachte, die Helferinnen streichelten mich und Frauchen schmuste mit mir. Das eine junge Mädchen nahm mich ein zweites Mal auf den Arm. Diesmal hatte ich keine Angst. Vorsichtig setzte es mich auf den Boden. Zuerst wackelten mir die Beine noch ein wenig. Aber dann stellte ich mich schon wieder selbstbewusst hin und wedelte sogar etwas:
„Wauwuff!“
Das hieß soviel wie:
´Überstanden!!!`
Böse war ich ihnen übrigens nicht, war ja nicht nachtragend.

Frau Dr. Pieks vermerkte die Impfung in meinem Pass, ließ sich von Frauchen ein wenig Geld dafür schenken und wandte sich danach zu mir:
„Na, du Süßer, war es denn so schlimm?“
Um nichts in der Welt hätte ich zugegeben, dass dem nicht so gewesen war. Die Ärztin öffnete eine mir aus den Vorjahren sehr wohl im Gedächtnis gebliebenen Schublade und holte eine große Tüte mit leckeren Frolics heraus.
„Komm mal her. Für Dich zur Versöhnung!“, streichelte sie mir über den Kopf.
Ich guckte sie lieb an, nahm aber nichts.
„Wuffwuff!“, war meine nicht mehr so ganz schüchterne Antwort darauf.
„Typisch, Knödelchen! Er wäre ja auch nicht er, nähme er hier jetzt noch Leckerchen an! - Wissen Sie was? Ich geb` Ihnen ein paar davon mit. Vielleicht nimmt er sie ja draußen!“

Aufatmend verließ Frauchen mit mir die Praxis.
„Uff, Knödelchen, was Du da veranstaltet hast, war ja wahrlich Spitze!“
Geschmeichelt gab ich ihr recht, denn dem Ton nach zu urteilen, war es als großes Kompliment an mich gemeint. Oder vielleicht doch nicht ...?? Kaum draußen, setzte ich mich mit einem Super- Dackelblick vor sie, legte den Teddykopf schief und hob die Pfote.
„Her mit den Leckerchen!“
Frau Dr. Pieks beobachtete uns von der Praxistür aus und lachte sich kaputt. Frauchen lachte mit.


Beide wieder bester Laune, marschierten Frauchen und ich nach Hause.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Da ich der Meinung bin, dass die Kinder heute viel zu wenig lesen ( sehe ich bei meinen 11 und 13 ), habe ich mir Gedanken gemacht, was man machen könnte um dieses zu ändern.

Es ist nämlich nicht so, dass die Kinder lesen grundsätzlich "doof" finden, sondern, dass die bisherigen Bücher ihnen zu langweilig sind. Es ist ihnen in der Regel zu wenig Abwechslung und Aktion drin und ihnen fehlt heute leider die Ausdauer für einen reinen "trockenen" Lesestoff.

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