Wolfgang Küssner

Vorspiele und Höhepunkte - 2. Akt

Die berühmte Sopranistin hatte ihren Liederabend erfolgreich absolviert. Standing ovation, 3 Zugaben. Sehr mit dem Erfolg zufrieden, saß die Künstlerin bei einem Glas Champagner in ihrer Garderobe, als es an der Tür klopfte. Der Manager öffnete diese und hinter einem großen Blumenstrauß erschien das Gesicht einer ebenso berühmten Kollegin. Voller Begeisterung über den Besuch sprach die Sopranistin: Thank you so much. Flowers for the Primadonna. Doch die Kollegin korrigierte: Sorry. Flowers from the Primadonna. Von der Anekdote zurück zum Text.

Ein Meisterwerk der italienischen Opera Buffa ist Il barbiere di Siviglia (Der Barbier von Sevilla) von Giacchino Rossini (♫18).  Maskiert nähert sich Graf Almaviva seiner angebetenen Rosina, ein vermögendes Mündel. Unverkennbar die Parallelen zur Hochzeit des Figaro. Mehr wird an dieser Stelle nicht zu lesen sein, nur so viel sei verraten - jugendfrei.

Da nahezu alles in Bewegung ist, trifft dieses auch für die Oper zu. Bedingt durch die Änderung gesellschaftlicher Werte (Zeit der Aufklärung) werden in Frankreich die gekünstelten und dramatischen Tragedie Lyriques durch die Opera Comique verdrängt. Natürliches Gefühl steht jetzt höher im Rang als rationales Denken. Der Mensch sei von Natur aus gut, nur durch die Zivilisation zwiespältig geworden. Die Lehre von der Souveränität des Volkes entsteht. Diese Gedanken bereiten den Weg zur Französischen Revolution.

Aus den Jahrmarkt-Theatern von Paris bezieht die französische komische Oper ihre Impuse. Beim Volk sehr beliebt, vom König als Bedrohung empfunden. Durch Aufführungsmonopole für die Academie Royal de Musiques und für die Comedie Francaise versuchte der König die Kunst zu kontrollieren. Es gab massive Auflagen für die Schauspieler die letztlich ihre Liedtexte nur noch auf Transparenten zeigen durften. Resultat: Das Publikum sang und die Schauspieler agierten mit Pantomimen. Und? Das musste ja kommen: Die Opera Comique war geboren; sie blieb bis ins 19. Jahrhundert bestehen.

Trotz aller Erfolge in Italien und Frankreich, stand in Wien die ernste Oper in hohem Ansehen. Der Komponist Christoph Willibald Gluck machte sich ans Werk, die Wiener Oper zu reformieren. Er vereinfachte die Handlungen, ordnete Tanz und Bühneneffekte dem musikalischen Gehalt unter. Glucks Opern stehen noch heute auf den Spielplänen, wie z.B. Orpheus et Euredice (♫19).

In den süddeutschen Staaten wurde mit Begeisterung die italienische Oper des 17. Jh. aufgenommen. Eine eigene Form entwickelte sich in den norddeutschen Staaten: Das Singspiel. Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte (♫20) war sogar die Voraussetzung für die Entstehung einer deutschen Oper geschaffen worden. 1693 eröffnete das erste Opernhaus in Leipzig. Man versuchte italienische Opern in deutscher Übersetzung aufzuführen. Worte und Musik wollten aber nicht so recht zusammenpassen. Vom Norden wurden diese Bemühungen als sittenlos und unchristlich bezeichnet; der katholische Süden war liberaler. Als Georg Friedrich Händel dann in seiner Hamburger Zeit (1703-1706) Arien (♫21) in italienischer Sprache komponierte, war auch der Norden gewonnen.

Das Singspiel, aus der Tradition umherziehender Schauspieler und Musiker hervorgegangen, war die neue deutsche Form. Bettler, Diebe, Dirnen (schon wieder) waren die Helden. Sie parodierten – ohne jegliche Altersbegrenzung – das Geträller italienischer Opern. Die Epoche begann 1752 mit dem Singspiel Der Teufel ist los oder die verwandelten Weiber von einem Komponisten namens Johann Georg Standfuß. Längst in Vergessenheit geraten. The Beggar´s Opera wurde aus England importiert und auf deutsche Verhältnis von Johann Adam Hiller umgeschrieben. Auch hier hat die Geschichte Patina angesetzt.

Aber das Singspiel hatte sich durchgesetzt. Wien war schnell erobert. Mozart erhielt vom Kaiser den Auftrag, für die Eröffnung eines nationalen Singspiel-Theaters ein Werk zu komponieren. Das Singspiel schlechthin war geboren. Die Entführung aus dem Serail (♫22). Gekrönt wurde nicht Mozart, doch er setzte der Musik-Entwicklung durch seine Oper Die Zauberflöte (♫23) die Krone auf. Dem Kaiser ging in anbetracht des Erfolges die Muffe, er befürchtete ein Überschwappen der Französischen Revolution und ließ das Theater nach 10 Jahren vorsorglich schließen.

Geschlossen wurde zuvor 1789 das Pariser Opernhaus. Die Oper war Inbegriff des aristrokatischen Vergnügens. Doch die Oper war nicht tot. Neue Gesetzte erlaubten anschließend jedermann, ein Theater zu eröffnen, Opern aufzuführen. Die Rettungs- und Schreckens-Opern kamen groß in Mode. Horrorgeschichten und Heldenepen waren die Inhalte dieser Schinken. Nach seiner Herrschaftsübernahme brachte Napoleon die Oper wieder unter seine Kontrolle. Die Oper wurde erneut ein politisches Intrument. Napoleon wollte seinen Spanienfeldzug rechtfertigen und ließ 1809 die Oper Fernando Cortez (Die Eroberung von Mexico) von Gaspare Spontini aufführen. Die Begeisterung für diese und ähnliche Werke hielt sich bei den Parisern in Grenzen, man wollte leichtere Werke a la Opera Comique erleben.

Und dann ging ein Licht auf, brachte Umschwung, veränderte vieles. 1822 war Aladin von Niccolo Isouard die erste Oper, bei der Gaslicht eingesetzt wurde. Neue Bühnentechnik führte zu neuer Begeisterung. Die große Oper war geboren. Als ein Beispiel sei Die Hugenotten von Giacomo Meyerbeer genannt (♫24).

28 leichte Opern wurden in dieser Zeit von Scribe und Auber geschrieben. Publikumserfolge, doch leider Eintagsfliegen. Neue Impulse setzte Jacques Offenbach mit seinen frivolen, überschäumenden Satiren auf die Oper. Hier der Cancan aus seiner Oper Orpheus in der Unterwelt (♫25). Die Operette erblickte das Licht der Welt. Das könnte eine andermal zu erzählende Geschichte sein.

Der Leichtigkeit folgten ein paar Jahre der Stagnation. Zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jh. brachten dann neue Opern-Premieren große Erfolge. 1859 war es die Oper Faust von Charles Gounod, 1863 Die Perlenfischer (♫26) von Georg Bizet und 1875 sein größter Erfolg Carmen (♫27 + ♫28). Die von einem Franzosen komponierte Oper Carmen inspirierte dann italienische Komponisten wie Pierto Masagni, Ruggero Leoncavallo bzw. Giacomo Puccini.

Die große geistig-künstlerische Bewegung des 19. Jh. war die Romantik. Die Kleinstaaterei des vorangegangenen Jahrhunderts hatte Deutschland in einen protestantischen Norden und einen katholischen Süden geteilt. Impulse der französischen Rettungsoper, heroische Handlungen mit wunderbarer Errettung aus höchster Not waren wesentliche Bestandteile hochgradig politischer Opern-Werke. Ludwig van Beethoven ließ sich zu seiner einzigen Oper (mit mehreren Vorspielen), dem Fidelio, eine sogenannte Rettungs- und Befreiungs-Oper, inspirieren. Fidelio beginnt als Singspiel und wendet sich zum lyrischen Drama (♫29 + ♫30).

Die beiden großen romantischen Komponisten waren Carl-Maria von Weber und Richard Wagner. Wie beim Jägerburschen in Webers Oper Der Freischütz (♫31), werden jetzt vermenschlichte Figuren Werkzeuge übernatürlicher Mächte. Der Freischütz war 1821 ein riesiger Erfolg in Berlin, fünf Jahre später folgte Webers Oberon mit Motiven aus dem Sommernachtstraum von Shakespeare. Doch nach Webers Tod 1826 dominierten wieder ausländische Opern nahezu ein Vierteljahrhundert das Geschehen, bis neue, stärkere Impulse von Richard Wagners Opern ausgingen. Den Anfang machten Der Fliegende Holländer (♫32), Tannhäuser (♫33) und Lohengrin (♫34). Sie verhalfen der romantischen Oper zum Durchbruch.

Richard Wagner hatte nicht nur komponiert, sondern auch gleichzeitig die Libretti verfasst. In seinem schweizer Exil (Wagner hatte sich 1848 an politischen Umsturzversuchen in Deutschland beteiligt; wurde gesucht), begann er mit der Arbeit am Ring des Nibelungen, einer Heldensage über den Niedergang der nordischen Götter. Mit diesem gigantischen, 4-teiligen Opernwerk (Das Rheingold (♫35), Die Walküre (♫36), Siegfried und Götterdämmerung) verabschiedet sich Wagner von der Romantik.

Richard Wagner wollte das Musikgeschehen reformieren und erschuf in Bayreuth ein neues Festspielhaus. 1876 eröffnet und eines der besten Häuser in Europa. Gleich gute Sicht von allen Plätzen auf die Bühne; nicht einsehbarer Orchestergraben aus dem ein gleichbleibender Klang den gesamten Raum erfüllt. Die Vorstellung unterbrechender Applaus waren und sind untersagt. Rechtzeitiges Erscheinen war und ist ratsam, denn nur in den Pausen wurde und wird eingelassen. Abgedunkelter Zuschauerraum. Gewöhnungsbedürftige Bestuhlung. Um eine fließende Kontinuität des Bühnen-Geschehens zu erreichen, wurde die Trennung von Arie und Rezitativ überwunden. Der Geist in Wagners Opern trug viel zum National-Bewußtsein der Deutschen bei; wurde deshalb von den Nazis sehr geliebt und missbraucht.

Die Romantik hatte die Opernkunst in Europa verändert. Die Opera Seria musste weichen. Historische Dramen voller Leidenschaft, die in wilden, exotischen Landschaften und Zeiten spielten, waren die neuen Renner. Und als Darstellerin von Leidenschaft und Gefühl war die Primadonna der neue Gesangsstar. Am Anfang stand Gioachino Rossini mit seinem Il barbiere di Siviglia (Der Barbier von Sevilla) (♫37). Den gleichen Stoff hatte auch Mozart in seiner Oper Die Hochzeit des Figaro verarbeitet. Während sich Rossini im Alter von 37 Jahren ins Privatleben zurückzog und Tournedos a la Rossini genoss, übernahmen Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini die führende Komponisten-Stellung.

Bellinis Norma spielt im alter Gallien und erzählt die Geschichte einer Druidenpriesterin (♫38). Bellinis Il Puritani und Donizettis Lucia di Lammermoor spielen im schottischen Hochland. Die Wahnsinns-Szene in Lucia (♫39) ist ein typisches Beispiel für die Beschäftigung der Romantiker mit extremen Situationen.

Die Romantik ist die Blütezeit des schönen Gesangs, vielleicht besser als Belcanto bekannt. Die Stimmgewalt der Stars wird in wunderschönen Arien zur Geltung gebracht. Vincenzo Bellini komponierte die wohl schönsten, fantastischsten Melodien der Opern-Geschichte; Donizetti setzte mit über siebzig Opern auf Masse. Der Liebestrank (♫40), es geht um ein Aphrodisiakum, Don Pasquale, Die Regimentstochter (♫41) u.v.a. gehören zur Blütezeit der Opera Buffa.

Hier die im Text erwähnte Auswahl ♫ für die Ohren; auch als Recherche-Hilfe im Internet bei YouTube und anderen zu verwenden:

♫18 – Rossini, Il barbiere di Siviglia, Arie „Largo al Factotum”, Tae-Joong Yang

♫19 – Gluck, Orpheus et Euredice, Arie des Orfeo „Che faro senza Euredice“, Janet Baker

♫20 – Mozart, Die Zauberflöte, Arie des Papageno „Der Vogelfänger bin ich ja“, Hermann Prey

♫21 – Händel, Almira, Arie „Proverai di che fiere saette“, Amanda Forsythe

♫22 – Mozart, Die Entführung aus dem Serail, Arie des Osmin „o, wie will ich triumphieren“, Günter Wewel

♫23 – Mozart, Die Zauberflöte, Arie des Königin der Nacht „Der Hölle Rache“, Lucia Popp

♫24 – Meyerbeer, Die Hugenotten, III. Akt Finale

♫25 – Offenbach, Orpheus in der Unterwelt, Cancan

♫26 – Bizet, Die Perlenfischer, Duett, Luciano Pavarotti & Nicolai Ghiaurov

♫27 – Bizet, Carmen, Habanera der Carmen, Maria Callas

♫28 – Bizet, Carmen, Intermezzo 3. Akt

♫29 – Beethoven, Fidelio, Quartett „Mir ist so wunderbar“

♫30 – Beethoven, Fidelio, Gefangenenchor „O welche Lust“

♫31 – von Weber, Der Freischütz, Arie des Max „Nein länger trag ich nicht Qualen“, Josef Proschka

♫32 – Wagner, Der Fliegende Holländer, „Steuermann lass die Wacht“

♫33 – Wagner, Tannhäuser, Arie des Wolfram „O du mein holder Abendstern“, Christian Gehaher

♫34 – Wagner, Lohengrin, Gralserzählung „In fernem Land“, Peter Hofmann

♫35 – Wagner, Das Rheingold, Vorspiel

♫36 – Wagner, Die Walküre, Siegmunds Arie „Winterstürme“, Placido Domingo

♫37 – Rossini, Il barbiere di Siviglia, Arie der Rosina „Una voce poco“, Maria Callas

♫38 – Bellini, Norma, Arie der Norma „Casta Diva“, Maria Callas

♫39 – Donizetti, Lucia di Lammermoor, Wahnsinns-Arie der Lucia „Eccola!“, John Sutherland

♫40 – Donizetti, Der Liebestrank, Arie des Dulcamara „Udite, udite o rustico“, Bryn Terfel

♫41 – Donizetti, Die Regimentstochter, Arie des Jeronimo „Ah! Mes amis“, Juan Diego Florez

 

Neun Mal das hohe C! Wie Champagner - Pause – 3. Akt folgt

 

September 2020

© 2020

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Gefahr für Burg Bentheim von Mathias Meyer-Langenhoff



Ein spannendes Buch für Mädchen und Jungen ab 10 Jahre um eine spannende Reise in längst vergangene Zeiten, bei der es manches Abenteuer zu bestehen gilt. Für Kinder ab 10.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Wolfgang Küssner hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Nicht ganz richtig im Kopf von Wolfgang Küssner (Tiergeschichten)
Menschen im Hotel III von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Frohe Weihnachten von Helmut Wendelken (Weihnachten)