Lutz Gerritzen

Die Rettung

1


Hennings Schwager Georg war bis zu seinem Unfall ein richtiges Arschloch – vor allem aus Sicht seiner Frau. Mindestens vier außereheliche Affären waren verbürgt, dazu kamen diverse kurze Nummern im Rahmen irgendwelcher Betriebsfeiern und Dienstreisen, deren sich dieser Großkotz regelmäßig und augenzwinkernd zu rühmen pflegte, wenn er mit Henning zu vorgerückter Stunde einen Rioja killte. Nicht, dass Henning Georg verurteilte – im Krieg und in der Liebe war ja schließlich alles erlaubt, aber die Zwanghaftigkeit dieses Tuns widerte ihn an. Und schließlich war Dorothea ja seine Schwester. Doch nach seinem Unfall war Georg zum Heiligen mutiert und hatte die großen Philosophen und – was noch schlimmer war – die Bibel entdeckt. Seine Frau hatte aber nun zumindest einen treuen Ehemann, wenn auch einen Langeweiler und Prediger vor dem Herrn, zu Hause sitzen. Im Wohnzimmer, im Wintergarten oder in seinem Home office.

Henning musste an diesem Montagmorgen deshalb an seinen Schwager denken, weil dieser ihm eine E-Mail geschickt hatte, Inhalt: Georgs „Spruch der Woche“, entsprungen einem mittlerweile angeschwollenen Zitatenschatz aus Weltliteratur und Aphorismen-Websites. Diesmal war er im Buch Hiob (IX, 30) fündig geworden: „Und wenn ich mich mit Schneewasser wüsche, du wirst mich tunken in den Kot.“ Ein schöner Konjunktiv, dachte Henning, und welch ein tolles Bild, in den Kot getunkt anstatt in die Scheiße gedippt zu werden.

Henning schaute auf sein Kalenderblatt, das den Neuen Garten in Potsdam zeigte und den Betrachter mit salbungsvollen Worten an Gustav Flaubert verwies, der – 21-jährig – anno 1842 in seiner Erzählung „November“ geschrieben hatte: „Ich liebe den Herbst, diese traurige Jahreszeit passt gut zu Erinnerungen“. Der Kalender war natürlich ein Weihnachtsgeschenk von Georg gewesen („ein bisschen mehr Tiefgang würde auch dir, lieber Henning, gut tun“) und wurde in einem Verlag verlegt, der irgendwie mit der katholischen Kirche verbandelt war. 2. November, dachte Henning, morgen vor einem Jahr war es zu Georgs Unfall gekommen, der aus dem Saulus einen Paulus gemacht hatte.

Henning konnte sich noch gut an jenen Abend erinnern. Dorothea, Georg, ihr Sohn Tommy, seine Freundin Kirsten und er hatten in der geräumigen Küche gehockt und Spaghetti mit Gemüsesoße gegessen; Georg hatte Henning, als sie einmal kurz auf der Terrasse einen Zigarillo rauchten, von „Evelyn mit den Jahrhunderttitten“ erzählt, woraufhin Henning gefragt hatte: „Welches Jahrhundert?“. Georg hatte einen Lachanfall bekommen, seinem Schwager auf die Schulter geklopft und geantwortet: „Frühes Mittelalter, wenn du weißt, was ich meine. Das Mädel ist gerade 19 geworden, macht bei uns ein Praktikum.“ Und Stunden später war ein ganz anderes „Mädel“ Georg zum Verhängnis geworden: Die 17-jährige Julia H. war beim Überqueren der Fahrbahn von Georgs BMW frontal erfasst worden, Hennings Schwager hatte sie nicht gesehen, weil das frühe Mittelalter, das neben ihm im Wagen saß, ihn derart abgelenkt hatte, dass er die Augen vor Verzückung halb geschlossen hielt, als dieser dumpfe, gnadenlose Ton ihn aus seinen süßen Träumen riss.

Julia war auf der Stelle tot, die Airbags hatten bei Georg und seiner Praktikantin Schlimmeres verhindert, aber Georg vollzog in den vier Tagen, die er im Krankenhaus lag, eine fundamentale Wandlung. Dorothea war natürlich einerseits froh, dass ihr Mann noch lebte, andererseits entsetzt, als er ihr die Einzelheiten und seine diversen Affären beichtete, von denen sie nicht die geringste Ahnung hatte (so war sie schon als Kind; sie vertraute jedem und glaubte immer an einer Happy end).

Henning hatte im Laufe der letzten Monate den Kontakt zu Dorothea und Georg stark reduziert, was hauptsächlich an Georg lag. Saß man früher bei Pasta, Vino und Eros Ramazzotti in der Küche, so musste man seit dem Unfall mit dem recht düsteren Wohnzimmer vorlieb nehmen. Alkohol trank Georg überhaupt nicht mehr, und zu seiner bevorzugten Musik zählten Gregorianische Männerchoräle, Leonard Cohen und französische Chansons. Das Schlimmste aber war, dass Georg permanent von Schuld und Buße sprach, eigentlich fehlte nur noch, dass sich sein Schwager dazu wie ein Flagellant geißelte. In Georgs Gegenwart wurde nicht mehr gelacht, man ging nicht mehr ins Kino, der Fernseher wurde nur noch selten angemacht, die ganze Atmosphäre war – wie es Rolf, ein Kollege von Georg, Henning einmal beschrieben hatte, „weihrauchgeschwängert“.

Aber Henning musste nun an Dorothea denken; sie hatte diese Isolation wahrlich nicht verdient. Sie hatten sich etwa vor fünf Monaten zuletzt gesehen, richtig: im Eiscafé. „Weißt du, großer Bruder, er ist ja auch netter geworden. Er bleibt viel zu Hause, kümmert sich mehr um Tommy, der steht mal wieder kurz vor der Kippe in der Schule, und hilft mir sogar im Haus. Aber ich würde was drum geben, wenn er nicht so ernst wäre. Und er fährt kaum noch Auto; wenn er weiß, dass es sich nicht vermeiden lässt, ist er schweißgebadet.“

Henning hatte sich auch kurz erkundigt, ob sich im Schlafzimmer noch etwas tue (Kopfschütteln) und ob die Ehe denn noch funktioniere, Dorothea hatte nur in ihrem Walnussbecher herumgestochert: „Ach, großer Bruder, mit der Ehe ist doch letztlich wie mit einem schweren Gewitter. Man ist schließlich heilfroh, wenn der Blitz nur in der Scheune einschlägt und nicht im Wohnhaus.“

Henning klappte sein Kalenderblatt um, um zu sehen, was am Jahrestag des Unfalls zu bewundern sei. Die Kapelle der Grauen Büßer in Aigues-Mortes. Nun musste Henning doch lachen. Und als sei es Gedankenübertragung gewesen, klingelte in diesem Moment sein Telefon. Seine Schwester. Es sei ein kleines Wunder geschehen.





2


Henning freute sich, seine kleine Schwester zu sehen. Doch sie sah durchaus ausgemergelt aus, und ihre Haare hätten ein paar blonde Strähnchen verdient gehabt. Dennoch strahlte sie ihn an und gab ihm einen herzhaften Kuss auf die Stirn. Sie hatten sich am Egelsberg getroffen, einer Art Miniaturausgabe der Lüneburger Heide und ein beliebtes Naherholungsgebiet. Wochentags traf man hier nur den ein oder anderen Hundebesitzer oder Reiter. Die Heidelandschaft grenzte an einen Segelflughafen, neben dessen Rollfeld ein  Trampelpfad entlangführte. An dessen Ende wurde man mit dem Anblick einer etwas verwitterten Windmühle belohnt, vor der zwei Bänke standen. Auf einer der Bänke saßen die beiden und teilten sich ein Mars. „Was ist denn passiert, Schwesterherz?“, fragte Henning. Dorothea konnte erst antworten, nachdem sie sich die letzten Karamellreste von den Vorderzähnen gelutscht hatte. „Das Telefon. Gestern morgen ging das Telefon. Ein junger Mann, der Vincent heißt, rief mich an und bat mich, ins Café Extrablatt zu kommen. Es gehe um Julia und den Unfall. Ich bin sofort hingefahren.“

„Und weiter?“

„Ich bin noch ganz durcheinander. Kannst du mir mal die Flasche geben?“

Henning reichte seiner Schwester das Mineralwasser; sie trank einen Schluck, holte einen lilafarbenen Briefumschlag aus ihrer Jackentasche heraus und erzählte weiter: „Um es abzukürzen: Vincent zeigte mir das hier, Julias Abschiedsbrief, datiert vom 3. November letzten Jahres. Sie werde sich jetzt vor ein Auto stürzen, es täte ihr leid, aber seit dem Tod ihrer Mutter sei das Leben die Hölle. Ihr Vater, musst du wissen, hat sie wohl missbraucht, seitdem sie sechs war.“

Henning nahm sich zwei Minuten Zeit, um den Brief zu überfliegen und pustete durch. „Gott, wie schrecklich. Und wieso hat der Knabe ein Jahr damit gewartet?“

„Er war längst bei seinen Eltern ausgezogen, um in Vancouver zu studieren, was Julia – die beiden waren wohl mal zusammen – aber nicht wusste. Der Brief lag die ganze Zeit in seinem alten Kinderzimmer bei seinen Eltern. Der junge Mann ist übrigens bald schon wieder weg, ich glaube nach Peru, irgendwas ausgraben.“

Henning nahm seine Schwester in den Arm: „Aber das sind doch wunderbare Neuigkeiten, sieht man mal ab von dem Schicksal des armen Mädchens. Das wird Georg vielleicht wieder sein altes Leben zurückgeben. Hast du es ihm schon gesagt?“

Dorothea schüttelte den Kopf: „Ich zeige ihm den Brief, wenn ich nach Hause komme. Aber was, wenn …“

„Er wieder so ein Arsch wird wie früher?“

Dorothea nickte heftig.

„Kann ich mir nicht vorstellen. Das Ganze hat ihn geläutert, glaub mir. Mach dir keine Sorgen. Noch ein Mars?“


3


„Hallo. Niemand da?“

„In der Küche, Schatz.“

Georg hatte eine Schürze umgebunden, auf der vorne stand: Ich bin kein Pantoffelheld. Er erklärte seiner Frau, dass er ihr etwas habe kochen wollen, gratinierten Rosenkohl, dazu gebe einen leckeren Weißwein. „Was hast du da in der Hand, Doro. Einen Brief?“

Dorothea zupfte ihrem Mann ein paar Käsereste von der Schürze und schüttelte den Kopf. „Für die Altpapiertonne: irgend so eine Werbung.“



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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