Wolfgang Hoor

Das schönste Kompliment meines Lebens

Das schönste Kompliment meines Lebens

Damals war ich im zweiten Semester und studierte Deutsch und Französisch. Ich lebte in einer Stadt, die ich nicht kannte und die mir Angst machte, und ich hatte eine Bude im Kellergeschoss eines größeren Hauses am Stadtrand. Die Wege zur Uni waren weit. Ich hatte noch keine Freunde gefunden, mühte mich mit gotischen Texten ab, übersetzte hochtrabendes Zeug ins Französische und wusste nicht, warum ich das studieren musste.

Aber mein Vater hatte mir immer wieder gesagt: „Lili, Deutsch und Französisch ist für dich das Richtige. Du wirst einmal eine begabte Lehrerin, du hast das Zeug dazu, und begabte Mädchen werden immer noch Lehrerinnen, genauso wie zu meinen Zeiten und zu den Zeiten meines Großvaters.“ Ich war ein folgsames Mädchen. Was sich mein Papa für mich ausgedacht hatte, war bestimmt in Ordnung. Aber das Leben in dieser fremden Stadt machte mir keinen Spaß. Ich hätte lieber in einer Gärtnerei gelernt, aber das kam für ein Mädchen mit Abitur natürlich nicht in Frage.

Die schönste Tageszeit war für mich der Abend. Da konnte ich mich endlich gehen lassen. Kein Gotisch, kein Flaubert, da stand ich vor dem Spiegel, dachte an Moritz, meinen schüchternen Klassenkameraden, der mich beim Abiball geküsst hatte und der mir in die fremde Stadt eine ganze Serie von Asterix-Heften mitgegeben hatte. Mit denen konnte ich mich am Abend ins Bett verkriechen, konnte mir eine einfache und drastische Welt vorstellen, in der es nach gebratenem Fleisch roch und in der der Typ, der höher hinaus wollte, der Troubadix, eine komische Figur war. Irgendwann müsste ich nicht mehr hoch hinaus und würde in eine Gärtnerei zu wechseln.

Die schönsten Augenblicke am Abend waren es, das Nachthemd überzustreifen, vor dem Spiegel festzustellen, dass noch keine Fältchen das Gesicht verunzierte, und sich dann mit Asterix ins Bett fallen zu lassen, sich von Obelix an den Busen drücken zu lassen, an seinem wabbeligen Bauch in den Schlaf zu fallen und von riesige Tulpenfelder in Holland zu träumen. So sah meine allabendliche Auseinandersetzung mit meinem Vater aus. O, ich musste lachen. Asterix wäre für ihn „Schmutz und Schund“ gewesen, und hier, in dieser Kellerwohnung, konnte mir keiner reinreden.

Seit einiger Zeit, ich glaube genau seit einer Woche, störte mich etwas in meinen schönsten Abendfantasien. Es war vorigen Freitag gewesen, da hatte ich sie zum ersten Mal gehört, die Abendgeräusche. Auch über Tag, wenn ich in meinem Zimmer lernte, gab es Geräusche, Kellergeschoss-Geräusche. Da ging jemand vorbei, öffnete eine Kellertür oder schob ein Fahrrad hoch, das im Keller stand. Die Abendkellergeräusche waren anders. Da schlich jemand herum, wahrscheinlich mit nackten Füßen. Dann wurde es still, ich hatte die Geräusche schon fast wieder vergessen, da meinte ich die nackten Füße vor meiner Tür zu hören. Kaum wahrnehmbar. Aber Ich konnte es nicht überhören, wie leise sie auch sein mochten. Sie waren da.

Es war ein ungemütlicher Freitagabend. Ich hatte eine Klausur in Gotisch zurückbekommen, die erste Fünf in meinem Leben. Da stand ich nun vor meinem Spiegel, sah mein verheultes Gesicht und wusste nicht, wie ich an diesem Abend über diese ungeheure Schmach hinwegkommen sollte. So hässlich wie an diesem Abend hatte ich mich noch nie gefühlt. Erstarrt blickte ich immer wieder auf die Tränensäcke, die sich gebildet hatten. An diesem Abend würde mir Asterix nichts nützen. Eine unvorstellbare Einsamkeit breite sich um mich herum aus.

Wahrscheinlich hätte ich ohne meinen langen langen Aufenthalt vor dem Spiegel nichts gemerkt. Aber diese lange Zeit der Erstarrung machte mein Ohr besonders ausnahmebereit. Da war also irgendwie noch mehr als das entstellte Gesicht. Da war was vor der Tür. Wut kroch in mir hoch. Da war irgendein Wesen, das meine Niederlage auskosten wollte, das über mich triumphieren wollte. O ja, wer das auch immer sein mochte, dem oder der würde ich es zeigen. Es war eindeutig: Jemand stand vor meiner Tür.

O, nach der Fünfer-Katastrophe war ich in Jagdlaune. Ich stürzte zur Tür, riss sie auf, packte einen Arm, riss ein völlig verdutztes Menschlein ins Zimmer, schloss die Tür ab und warf den Schlüssel in meine Schreibtischschublade, die ich verschloss. Und da stand er gegen die Tür gedrückt mit gesenktem Kopf, hochrot, ein vielleicht elfjähriger Junge, trug eine kurze Hose, nicht weiß, sondern hellrot, trug ein kurzärmeliges Hemd und hatte – natürlich, wie sollte es anders sein - nackte Füße. Es war der Sohn meiner Vermieterin.

„Das ist also mein allabendlicher Besucher!”, schimpfte ich. „Findest du es in Ordnung, dass du seit einer Woche ohne Gruß in mein Zimmer hereinzuschaust?” Er hob jetzt den Kopf und hatte feuchte Augen. – „Entschuldigung!”, murmelte er. Meine Wut steigerte sich. „Ich finde, das ist ein bisschen wenig. Komm mal näher!” Er schaute mich wie eine Schlange an, die sich vorbereitet, ihn zu verschlingen, und er bewegte sich nicht. Ich ging langsam auf ihn zu. „Möchtest du, dass ich deswegen mal mit deinen Eltern spreche?” Er erblasste. „Da gibt es ne Tracht Prügel, stimmt`s?“ Er zitterte. Diese Drohung ging nicht ins Leere. Da hatte ich ihn!

Ich nahm seinen Arm. Er leistete keinen Widerstand, und auch, als ich ihn zum Bett hinzog und ihn dann niederdrückte, nahm er es ohne Gegenwehr hin. Mein Zorn war noch nicht verraucht. Ich erinnerte mich an früher. „Eine Tracht Prügel hast du jetzt auf jeden Fall verdient“, rief ich. Er senkte den Kopf. Aber das war nichts für mich. Sowas konnte ich nicht. Und mein Zorn verwandelte sich langsam in Neugier. Was hatte er davon, ständig bei mir zu spionieren?

„Also!”, sagte ich, „stimmt es, dass du mich jetzt schon seit über eine Woche durchs Schlüsselloch beobachtest?” – Er zuckte die Achseln. „Weiß nicht, ob es stimmt.“ – „Lüg mich nicht an. Seit einer Woche kommst du am Abend mit nackten Füßen.“ – Er schaute mich mit leidenden Augen an. Langsam füllten sie sich mit Tränen. „Sag, ob es stimmt!“ - „Ja, das stimmt!“, sagte er. „Und du schämst dich nicht?“ – Er kramte in seiner Tasche nach einem Taschentuch und wischte seine Augen.

„Du sollst sagen, ob es stimmt!“. Er nickte schwach. Es gab nichts zu beschönigen. „Und was hast du dir dabei gedacht?“ – Er zuckte mit den Schultern. „Dein Zimmer liegt halt auf dem Weg zu meinem Kinderzimmer – indirekt.“ – „Aber das ist doch kein Grund, um zu spionieren.“ Er war klein, er war durchschaut, er litt, es gab für ihn keine Ausrede mehr. O jetzt könnte ich Rache nehmen für diesen verdammten Tag mit meiner Niederlage.

Aber dann sah ich, dass er wieder mit seinem Taschentuch seine Augen wischte, und da wusste ich, dass er genauso litt, wie ich an diesem Tag gelitten hatte. „Was hast du dir nur dabei gedacht, so zu spionieren?“, fragte ich in einem anderen, freundlicheren Tonfall. Er schaute mich lange an, offensichtlich unsicher, wie er meine veränderte Gefühlslage einschätzen sollte.

Und plötzlich, wie befreit, rief er: „Du bist schön.” Ich war über dieses Kompliment verblüfft und gestehe, dass ich bisher noch nie ein schöneres bekommen hatte. Die Naivität, mit der er das gesagt hatte, war verzaubernd. Ich packte seinen Kopf und drehte ihn zu mir und sagte: „Geh jetzt zu deinen Eltern. Dein Besuch bei mir hat mich sehr gefreut. Und deinen Eltern werde ich auch nichts verraten.“ Er stand nicht sofort auf. „Und versprich mir, dass die Spioniererei aufhört.“ Er stand immer noch nicht auf. „Ich will jetzt ins Bett“, sagte ich. „Du musst jetzt gehen.“

Endlich stand er auf. „Versprichst du mir, dass die Spioniererei aufhört?“ Er schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht.“ Und das Lächeln, das sich mit diesem Satz verband, habe ich nie vergessen.

Ich habe den Jungen später öfter einmal zu mir in mein Zimmer zu einer Süßigkeit oder einer Cola eingeladen. Er kam gerne, aber das Lächeln von unserer ersten Begegnung habe ich bei ihm leider nie mehr wiedergesehen.

Ich lerne jetzt Landschaftsgärtnerei. Moritz ist jetzt an jedem Wochenende bei mir. Er ist immer noch schüchtern und seine Komplimente gehen mir zu Herzen. Aber ein so schönes Kompliment wie das von dem Jungen, der mich am Tag meiner schlimmsten Niederlage durchs Schlüsselloch beobachtet hat, habe ich bisher nie wieder bekommen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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