Bozena Friedrich

Zum Jahrestag der Rassengesetze

Ich halte es nicht aus. Ich muss schreien. Ich bin grob, arrogant,  verdorben, Schmarotze und sonstwas, kurz und knapp gesagt: Ausländer. Vor wohl fast 30 Jahren habe ich an der Grenze gesagt: "Nie wieder in dieses Land". Ich habe Deutschland gemeint. Zwei Jahre später war ich deutschverheiratet, mein Ex-Mann sagte: Die Liebe soll über den Hass siegen. Wir lebten vier Jahre lang in meinem Heimatland. Wir hatten ein kleines Haus. Wir siedelten nach Deutschland über. Ich wurde Ausländerin und sprach Deutsch mit Akzent. Tag für Tag. Heute schweige ich oft, weil ich die Frage: " Wo kommst du her?" nicht mehr zehn Mal am Tag zu beantworten vermag. Dazu noch zu erklären: Nein, ich komme aus Frankreich nicht - und beinahe jeden, der mich fragt, zu enttäuschen, vermag ich wirklich nicht. Ich habe ein Grab zweier Erschossenen geerbt, dort wo ich her komme, ganz in der Nähe. Ich darf darüber nicht sprechen. Man hat mir gesagt, die Sache sei privat. Doch ich darf mich zehn Mal am Tag an das Grab erinnern, weil ich ziemlich genau von dort komme, ohne darüber zu sprechen. Ich lebte als Kind sehr nah an diesem Grab, ohne zu wissen, dass es es gab. Zum Glück kann ich wegen einem Unglück seit bald vier Jahren kaum laufen. Ich spreche deswegen kaum, weil ich auf die Strasse nicht gehe. Ich stelle mir jeden Tag die Grenze vor, dass ich dort stehe und spräche, sobald ich laufen kann: "Nie wieder in dieses Land".
"Die Liebe soll über den Hass siegen" - den Satz dürfen andere sprechen. Doch es ist wie verhext.
Zu meinem Unbehagen habe ich vor Kurzem erfahren, dass manche meiner Vorfahren einst eigentlich Briskorn hießen. Haben sie sich geliebt? "Sie haben kein Deutsches Blut" darf man zu mir nicht mehr sagen. Ich habe vor, zu schreien. Wo kommen Sie denn her, wenn Sie es nicht wissen, dass nur das Licht die Quelle des Lebens ist? Ich vergesse meinen Akzent. Deutschland würde es als Staat ohne Ausländer nicht geben, wie ich es einmal schrieb, und viele, wie es scheint, wissen es dennoch nicht. Deutschland musste sich einst mit einer Ausländerpolitik als einverstanden erklären, um als Staat anerkannt zu werden. Das wurde mir gesagt. Ohne Ausländer gäbe es keinen Deutschen Staat. Deutsche wären staatenlos. Was kann dafür ein nachgeborener Ausländer? Geht es denn nicht andere anzusprechen? Die 75 Jahre des Friedens, wie es heißt, seien am längsten in der Geschichte Deutschlands. Vielleicht verdanken wir dies doch ein wenig den Ausländern? Ich glaube, ich schaffe es diesmal nicht, an der Grenze zu sagen: "Nie wieder in dieses Land". Was soll ich machen? Wird Deutschland - vorausgesetzt ich sage es an der Grenze doch und halte diesmal mein Wort - als Staat auch ohne mich fortbestehen können?
Auch in Deutschland habe ich Gräber. Sie sprechen nachts, ich tue es tagsüber. 
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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