Patrick Rabe

Umbruchszeit

Umbruchszeit

 

Eine Essaysammlung von Patrick Rabe

 

Vorwort:

 

An vielen Symptomen unserer Zeit sehen wir eine Zersplitterung der Welt und des menschlichen Zusammenlebens in unzählige Agenden und Interessensgruppen. Immer weniger scheint es möglich, zu einer Einigung zu kommen, die alle befriedigt. Ich versuche hier anhand der Bibel, mich diesen heutigen Zeitschwierigkeiten zu nähern, sie zu analysieren, ihre Hintergründe zu verstehen und Wege zu ihrer fruchtbaren Überwindung und einem guten Zusammenleben zu finden. Dabei ist es mir besonders wichtig, fanatischen, einseitigen, menschenfeindlichen, die Freiheit des Denkens, Fühlens und Lebens einschränkenden und schlecht informierten politischen und religiösen Richtungen und Bestrebungen  entgegen zu wirken.

 

Patrick Rabe, am 16. September 2020, in Hamburg.        

 

 

Eine Bibelauslegung zum Buch Daniel als Hilfestellung zum Verständnis der heutigen Zeit und ihrer Anforderungen

 

Im Buch Daniel stellt der babylonische König Nebukadnezar seine Wahrsager und Sterndeuter vor die Aufgabe, einen Traum zu erraten und auszudeuten, den er in der Nacht gehabt hat, und der ihn sehr beunruhigte. Er droht ihnen furchtbare Strafen an, wenn sie das nicht können. Die Sterndeuter weigern sich, diese Aufgabe zu erfüllen. Da holt Nebukadnezar Daniel herein, einen israelischen Gefangenen, von dem er weiß, dass er so etwas kann, und dass er furchtlos ist, und übergibt ihm diese Aufgabe. Daniel berät sich mit Freunden, und in der Nacht offenbart ihm Gott den Traum des Königs und seine Auslegung.

 

Daniel tritt vor den König und erzählt ihm dessen Traum. Der König hatte ein Standbild gesehen mit einem Körper aus verschiedenen Metallen, die Füße waren  aus Eisen und Ton. Von irgendwoher begann ein Stein zu rollen und traf die Füße der Statue. Diese brachen weg, und die Statue stürzte ein. Daniel deutete den Traum so, dass die Statue für ein großes Königreich stehe, das mehrere kleine Königreiche umfasse. Deswegen war sie auch nicht aus einem durchgängigen Material, sondern aus verschiedenen Metallen. Alle Körperteile der Statue stehen hier also  für bestimmte Königreiche. Nebukadnezar hatte nun Angst, mit diesem großen Königreich könne Babylon gemeint sein. Ihn interessierte vor allem, welche Königreiche die Füße symbolisierten, denn diese schienen ja die Schwachstelle zu sein. Daniel legte diesen Teil des Traumes so aus, dass die Füße ein in sich geteiltes Königreich symbolisieren, von dem eine Hälfte aus Metall (Eisen) ist, wie die anderen Körperteile der Statue, die andere jedoch aus Ton, also aus gebrannter Erde.

 

Man kann an Daniels Auslegung gleich sehen, dass hier das Sprichwort, „etwas stünde auf tönernen Füßen“ nicht greift, denn der eiserne Fuß ist genauso anfällig wie der tönerne. Der Stein, der dagegen rollt (bzw. sprichwörtlich dagegen anstößt), haut beide Füße unter dem Standbild weg.

 

Es hat im vergangenen Jahrhundert nahezu unzählige Auslegungen zu dieser Bibelstelle gegeben. Besonders prominent, aber aus meiner Sicht irreführend und längst widerlegt, sind die Auslegungen der Adventisten und Zeugen Jehovas. Auch die durchaus vorhandenen Auslegungsversuche durch die Nationalsozialisten sind zu vernachlässigen.

 

Man kann ganz simpel zunächst dem Offensichtlichen folgen, dann sieht man schnell, dass die Füße natürlich das verkörpern, auf dem ein Land oder ein Staatengebilde „fußt“, also auf was es gründet im Sinne von Unverzichtbarkeit. (Die Füße sind im menschlichen Körper ja für das Gehen, also für das Voranschreiten zuständig, also für Entwicklung und Fortschritt.) In einer kapitalistischen Deutung würde man sicher von dem gewinnbringenden Nutzen von Bodenschätzen ausgehen, das wären demnach Eisenerze und Ackerboden, also Bergwerkshandwerk und Landwirtschaft. Eine solche Deutung greift jedoch bei der Auslegung biblischer Bilder immer zu kurz. Wenn die Bibel von „Fundament“ und „Füßen“ spricht, meint sie damit nie nur wirtschaftlichen Nutzen, sondern vor allem die Werte, auf denen sich ein Land gründet, und die den Menschen in diesem Land ihr Selbstverständnis geben. Hier ist nun ein Fuß aus Eisen, der andere aus Ton. Die Nazis haben diese Bibelstelle natürlich so ausgelegt, dass der tönerne Fuß für die Juden (Adam wurde von Gott aus Tonerde geschaffen) und alle anderen aus ihrer Sicht schwachen Mitglieder der Gesellschaft steht, und der eiserne für die „reinrassigen“ Deutschen, die Hitler sich ja „hart wie Kruppstahl“ wünschte, demnach war es für ihn nur ein kleiner Schritt, den aus seiner Sicht „schwachen Fuß“ mal gleich selber abzuhauen, damit seinem „großdeutschen Reich“ ein Schicksal wie Nebukadnezars Standbild nicht droht.

 

Diese Auslegung vernachlässigt vor allem eins: In der klassisch israelischen Auslegung (hat nichts mit dem heutigen Staat Israel und seinen heutigen religiösen Richtungen zu tun) stehen die Füße (Beide!) immer für den Stamm Juda, weil dieser ganz unten im Land angesiedelt war. Zur Erinnerung: Die Namen für die zwölf israelischen Stämme leiten sich von den zwölf Söhnen Jakobs her. Einer von ihnen, Josef, Jakobs Lieblingssohn, wurde von den anderen Brüdern gehasst, weil er träumte, dass sie und Vater und Mutter sich vor ihm verneigen. Sie schlugen ihn zusammen, nahmen ihm sein prächtiges Gewand weg und warfen ihn in einem Brunnen. Von dort aus wurde er als Sklave an die Ägypter verkauft. Nachdem er im Hause des Potiphar, des Kämmerers des Pharao gearbeitet hatte, und dort in Ungnade gefallen war, weil Potiphars Frau, die Josef begehrte, fälschlicherweise behauptet hatte, Josef hätte sie vergewaltigt, kam er ins Gefängnis. Dort legte er mit Gottes Hilfe zwei Träume von zwei hohen Beamten des Pharao aus, die ebenfalls im Gefängnis saßen. Der Pharao hörte davon und ließ sich ebenfalls von Josef einen Traum auslegen, der den Staat Ägypten betraf. Durch diese Traumauslegung konnte das Land vor einer Dürreperiode bewahrt werden und hatte auch noch genug Getreide für alle Länder ringsum. Josef wurde daraufhin zum höchsten Staatsbeamten neben dem Pharao berufen. Josefs Vater Jakob und seine elf Brüder, die ebenfalls in Not geraten waren, reisten nach Ägypten, um sich dort Korn zu holen. Sie erkannten Josef nicht wieder, und wurden von ihm auf die Probe gestellt. Teilweise war er dabei sehr hart zu ihnen. Es war die Liebe zu seinem jüngsten Bruder Benjamin, die ihn am Ende rührte und ihn dazu brachte, die Brüder und den Vater bei sich in Ägypten wohnen zu lassen. Da verneigten sich der Vater und die Brüder vor Josef und sein Traum vom Anfang der Geschichte wurde auf verblüffende Weise wahr.

 

Dies gelang ihm jedoch nicht durch die Härte, die er sich im Leben erworben hatte (das Eisen), sondern durch die Weichheit, die er sich trotz dieser Härten bewahrt hatte (den Ton). Die Tonerde steht nämlich keineswegs für Verwesung, wie Hitler dachte, sondern für das originär Menschliche. Nämlich das atmende, fruchtbare, aufnahmefähige, das in der Lage ist, die „gute Saat“ also den Segen und die Liebe Gottes aufzunehmen und sie zu fruchtbaren und schönen Pflanzen, also quasi Taten und Ergebnissen des eigenen Tuns werden zu lassen. Nur ein Mensch, der geblieben ist, wie lockere, weiche, fruchtbare Erde, kann überhaupt spüren ob da ein guter oder schlechter Same in ihn gesäät werden soll. Denn immer, wenn etwas nicht Wohltuendes die Seele berührt, rebelliert sie bei Gesundheit.

 

Das Standbild des Nebukadnezar ist nun schon fast ganz aus hartem Eisen, das in dieser konkreten, prophetischen Traumauslegung aus meiner Sicht ganz sicher für hartes Kriegsgerät und den Hang zu Militarismus und militärischer Expansion steht. Alle Körperteile sind jedoch aus Edelmetallen, nur einer der beiden Füße ist aus Eisen, das ja an sich zwar das grundlegende, aber auch geringste Metall darstellt. Somit ist bereits alles an Nebukadnezars Volkskörper verhärtet . Dieser wird in der klassisch israelischen Religion analog zum Leib und Wesen des Königs gesehen, der über dieses Land regiert. Aus israelischer Sicht würden demnach alle Menschen im Volk wieder gesund, wenn der Herrscher des Volkes wieder innerlich von seinen falschen Wegen umkehrt und gesundet. Die konkrete Prophetie dieses Traumes, die Daniel Nebukadnezar vorlegt, bezieht sich demnach sehr wohl auf das damalige Babylon, und sie ohne weiteres auf spätere Zeiten und Jahrhunderte anzuwenden, ist eigentlich unzulässig. Eine Prophetie ist aber immer optional zu sehen, und nie als deterministische Festschreibung (im Sinne von: Das ist so beschlossen von Anfang an, und wird sich deswegen genauso erfüllen, egal, was du tust). Eine Prophetie ist ein Hinweis darauf, wo das Problem liegt und eine Einladung zum Sinneswandel. Drohend kann sie nur ausfallen, wenn die Gesamtsituation bereits bedrohlich ist. Jesu Einladung zum Reich Gottes ist ja auch so eine Prophetie, die jedoch ganz anders ausfällt, als das Bild von Nebukadnezars Statue. Hier sehen wir wirklich die Fokussierung auf das Einladende und den Hinweis: Um euch herum grünt und blüht doch schon alles, ihr müsst es nur noch wahrnehmen.

 

Dennoch hat man, sowohl von jüdischer, als auch von christlicher Seite her, immer wieder alle in der Bibel stehenden Prophezeiungen auch versucht, auf die von beiden Religionen erwartete „Endzeit“ zu deuten. Das ist bei manchen Prophezeiungen zulässig, bei anderen nicht. Bei der Traumauslegung, die Daniel hier vornahm, KANN man die sich daraus ergebende Prophezeiung auf die Endzeit anwenden. Das geht aus dem hervor, wie Daniel epiphanisch die Auslegung empfängt, und was Gott ihm sagt, wie er sie auslegen soll. Demnach ist diese Geschichte vom Standbild nicht nur auf das Babylon Nebukadnezars deutbar, sondern analog auch auf kommende Königreiche und Staaten. Es ist ein allgemeingültiges Bild zum Buß-und Umkehraufruf, wenn bereits der ganze Volkskörper entmenscht und verhärtet ist und auch die kulturellen Grundlagen dieses Staates oder Landes bereits tendenziell unlebendig, hart, grausam, und nicht mehr mit Inhalt und Leben gefüllt sind. Hitlers Einschätzung also, eine metallische Statue symbolisiere etwas Gutes, und man müsse lediglich den tönernen Fuß abhauen und ebenfalls durch etwas Metallisches ersetzen, geht in die völlig falsche Richtung.

 

Dennoch ist man ja verführt, die „in sich geteilte Nation“, die von den beiden Füßen der Statue symbolisiert wird, als Symbolon für Deutschland aufzufassen und den Rest der Statue auf Europa zu deuten. Wie diese Deutung dann aber ausfällt, dürfte nicht mehr allzu schwierig zu verstehen sein. Wenn man diese Prophetie auf Deutschland und Europa bezieht, sagt sie aus, dass das gesamte Staatengebilde schon seit etlichen Jahren nach Beendigung des verheerenden zweiten Weltkrieges wieder zu einer militärischen, waffenstrotzenden und kriegstreiberischen Einheit geworden ist, die kollektiv in z.T. nicht gerechtfertigte militärische Auseinandersetzungen und im-oder explizit imperialistische Expansionen verwickelt ist, lediglich die geteilte Nation (Deutschland), die zuvor behauptet hatte, an ihrem Wesen solle die Welt genesen (also sie sei das Fundament und die Grundlage – Füße- Europas) hielt dem noch stand und blieb friedlich. Wir sehen ganz eindeutig sowohl die Plausibilität, als auch die Schwierigkeiten einer solchen Deutung. Denn während der Zeit der deutschen Teilung verhielt sich in erster Linie Westdeutschland friedlich und antimilitärisch, in der Zeit nach der Teilung galt dies eher für Ostdeutschland. Welche von beiden Seiten also den eisernen und welche den tönernen Fuß symbolisiert, wäre nicht geklärt. Natürlich kann man sagen, dass in beiden Fällen, nämlich in der militärischen Ausrichtung der DDR und in der friedlichen Ausrichtung der Bundesrepublik jeweils die sie protegierenden und überwachenden Alliierten, also Amerika und Russland (USA und Sowjetunion) dafür mit verantwortlich waren. Erst nach der Wende konnte sich erweisen, wie dies nun werden würde. Das war natürlich nie ganz in einer ausgeglichenen Art der Fall. Der der sowjetische Kommunismus hatte ja nicht lediglich die Zügel, die an Deutschland angelegt waren, losgelassen, sondern war zusammengebrochen. Der amerikanische Kapitalismus hingegen bestand weiter fort. Leider hat sich daraus die Tatsache ergeben, dass nach Deutschlands Wiedervereinigung in Deutschland und Europa nicht etwas völlig neues probiert wurde, sondern die DDR von Westdeutschland lediglich „geschluckt“, angegliedert und ebenfalls in einen Kapitalismus umgewandelt wurde. Sicherlich speisen sich besonders aus dieser Tatsache viele Reichsbürgermythen, die behaupten, Deutschland sei nach wie vor kein souveräner Staat, sondern eine Art GmbH, auf deren Boden die nach wie vor steuernden Nachkriegsalliierten Experimente veranstalten, die im Geheimen von den Juden, Zionisten und vom Staat Israel aus gesteuert werden. Dies ist nicht nur so inhaltlich falsch, sondern greift auch völlig zu kurz und daneben. Und zwar vor allem deswegen, weil es den göttlichen und geistlichen Aspekt der Sache ignoriert und aus den beobachteten Vorgängen eine rein politische Verschwörung konstruiert. Die im Tiefsten und im Höchsten wirkende Kraft darin jedoch, die aber erst wieder begriffen und integriert werden kann, wenn das Herzstück der ganzen Sache wieder gesundet ist, ist Gott, und das kann man genauso lange nicht erkennen, solange man in ihm nichts als einen die Menschen willfährig an Fäden zappelnde Marionetten ziehenden Puppenspieler sehen kann, der es schlecht mit ihnen meint, und sie vor Aufgaben stellt, die sie nicht bewältigen können. Und eine gänzlich atheistische Weltdeutung ist dann nur noch im Stande, alles als wechselseitige, perverse politische Verschwörungen zu deuten, und den Menschen als niederträchtiges Ungeheuer abzuklassifizieren.

 

Da in der klassisch israelischen Deutung, die immer alle zwölf Stämme Israels einbezieht, die Füße für den Stamm Juda und damit die Juden stehen, zeigt sich auch hier sowohl die Aufforderung an Israel, Frieden mit den Palästinensern zu schließen, die ich in Bezug auf die israelische Geschichte nach 1948 in der ersten Zeit als den eisernen, und etwa seit den 1990ern tendenziell als den tönernen Fuß deuten würde, als auch eine Aufforderung an Deutschland, die Juden nicht wieder zu verfolgen, bzw. das Fußvolk, die einfachen Leute, die Schwachen und die Randgruppen und auch das, worauf unser Land kulturell und geistig basiert, nicht zugunsten von Fanatismus und dem Bedürfnis nach Sündenbockschlachtung über Bord zu werfen und sich der Barbarei und Kriegstreiberei zuzuwenden. Der Stein des Anstoßes, der mal rollt und mal ruht, scheint mir in beiden Fällen der Islam zu sein.

 

Wenn wir dies genealogisch zurückverfolgen, führt uns das zu dem Bruderkonflikt zwischen Jakob und Esau, der mir als eine gute Folie erscheint, um die Konflikte unserer Zeit daran deutlich zu machen, und zu begreifen.

 

 

© by Patrick Rabe, 16. September 2020, Hamburg.

 

 

 

Jakob und Esau 

 

eine Deutung dieses biblischen Bruderkonfliktes

aus entwicklungspsychologischer und pränataler Sicht,

als Bild für die Konflikte unserer Zeit

 

Jakob und Esau, zwei der Stammesväter Israels, und prominente Bibelfiguren, waren Zwillinge. Sie wurden, da sie nicht eineiig waren, ganz leicht zeitversetzt geboren, aber nur wenige Sekunden auseinander. Beim Geburtsvorgang fasste Jakob Esau an die Ferse. Der Name Jakob leitet sich von dem hebräischen "Ja'akow" her, was sowohl "Jahwe möge schützen" (bzw. Gott möge schützen), als auch "Gott der Ferse" oder "Herr der Ferse" heißt, denn "akow"  oder "akew", wie man es später schrieb, heißt auch "Ferse". Der Name Esau, oder hebräisch "Esaw", bedeutet sowohl "der Männliche", als auch "Der Behaarte".

 

Warum glaube ich, dass sie und ihr Bruderkonflikt, von dem die darauf folgende Geschichte handelt, symptomatisch unsre Zeit gut abbilden, und warum möchte ich dies entwicklungspsychologisch, pränatal (vorgeburtlich, im Sinne der Erfahrungen im Mutterleib) und von der Bedeutung und Symbolik ihrer Namen herleiten?

 

Liegt es an fehlender Vater-oder Mutter-Bindung? An Kopflosigkeit, Fußtritten oder Achillesversen und wie man sie schützt, wenn kein passendes Vorbild außer dem Bruder da ist?

 

War Esau eh 'ne Sau, weil er eh behaart war wie Eberhart?

 

Und war Jakob der, der immer "Ja, Kopp!", sagte, obwohl er seinem Bauch mehr glaubte?

 

Jedenfalls war Isaak, ihr Vater, ein Mann, der, um mit einem heutigen Begriff zu sprechen, tief traumatisiert gewesen sein dürfte, davon, dass SEIN Vater Abraham  ihn einmal Gott opfern wollte, und im letzten Moment noch innegehalten hatte ,bevor er ihn mit einem Dolch erstach und auf einem Holzstoß verbrannte. Nur durch das Eingreifen eines Engels wurde dies verhindert, und Abraham opferte stattdessen einen Lammbock.


Isaaks Frau Rebekka erhielt während der Schwangerschaft mit Jakob und Esau die Prophezeiung: "Du bekommst Zwillinge. Sie sind zwei Nationen, die in dir ringen. Der Ältere wird dem jüngeren dienen."

 

Dies alleine ließe sich schon ohne Weiteres auf die Situation der deutschen Teilung und Wiedervereinigung deuten. Aber auch noch auf so manches andere, was unsere Zeit charakterisiert.


Die Prophezeiung selber und auch die Schwangerschaft dürften weder für Isaak, noch für Rebekka einfach gewesen sein. Unter anderem deswegen, weil eine Zwillingsschwangerschaft damals eher ungewöhnlich war, und sie zudem in einem Zelt in einer eher kargen Wüstenlandschaft stattfand.


Esau, ein rötlich behaartes Kind, kam zuerst. Jakob hielt ihn an der Ferse fest (aus Angst, ihn zu verlieren?)


Esau wurde ein Jäger, der das Herumlaufen auf dem freien Feld brauchte, wohl, weil er schon in der Geburtssituation sich von etwas (oder jemandem) gejagt fühlte, was er dann im Leben kompensieren musste, indem er selber Tiere jagte. Er kam nie auf die Idee, dass es sein Bruder sein könnte, vor dem er weglief. Denn im Mutterleib hatten sie lediglich miteinander "gespielt". Bei einer Schwangerschaft mit nur einem Kind ist die Mutter, in der es heranwächst, die am meisten gefühlte und eindeutigste Bezugsperson des Babys, bzw. Fötus, aber das Kind hat auch genügend deutlich gefühlte Nähe zum Vater. Bei einer Zwillingsschwangerschaft, egal, ob eineiig oder zweieiig, ist notwendiger Weise der Zwilling die nächste Bezugsperson, was immer weniger Ruhe bedeutet, und im Falle einer eineiigen Zwillingssituation zu symbiotischen Neigungen, im Falle einer zweieiigen Zwillingssituation zu bis in die Bedrohlichkeit empfundenen Konkurrenz münden kann, die sich über die Schwangerschaft hinaus fortsetzt.


Doch die Geburtssituation ist es, die Kinder als Menschen und Erdenbürger definiert. Wie schon Goethe sagte:


 

"Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

die Sonne stand zum Gruße der Planeten,

bist alsobald und fort und fort gediehen

nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen, so Propheten;

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

geprägte Form, die lebend sich entwickelt."

 

Bei der Geburt wird man nämlich wirklich "der Welt verliehen", und ist danach der Mensch, der man im Moment des Verlassens des Mutterleibes wurde. Ich würde Goethe lediglich in der zweiten Hälfte seines Gedichtes widersprechen wollen. Es deutet nämlich expositionelles Wachstum, und die unabänderliche Vorherbestimmung eines Lebens an. Und das ist meines Erachtens nur so lange (im Gefühl eines Menschen) der Fall, bis das unkalkulierbare Element des Lebens als Schmerz-und Leiderfahrung in einen eindringt und anfängt, einen zu läutern, bis man "Ja" dazu sagt, und sich dieser Erfahrung weich und empathisch hingibt. Wenn das gelingt, ist dieses einen verändernde Element daraufhin in einem, und kann als Leben, meinetwegen auch als "neues Leben" bewusst ergriffen und positiv gestaltet werden. Dieses Element würde der Materialist "Zufall" nennen, der Fatalist "Schicksal", der gute Beobachter "die aktuellen Umstände", der gläubige oder religiöse Mensch auf jeden Fall aber immer "Gott". Der Name des jüdischen Gottes lautet "Jahwe" (Ich bin, der ich bin"). Bei einem weich und die Seele weitenden Aufnehmen Gottes wird das "Ich bin" bzw. das "Ich bin ich"-Bewusstsein daraufhin unverlierbarer Teil des Menschen. Ein Christ kennt das als die Neugeburt in Jesus Christus und das Empfangen des Heiligen Geistes. Geschieht dieses Aufnehmen Gottes in die eigene Seele aber in Widerständen und mit Kampf, kann dies zu einem Zerbrechen der Persönlichkeit führen. Das muss aber kein lebenslanger Zustand sein, denn Gott strebt immer Einheit und Ganzheit an, da er das Leben selber ist.

 

Die Geschichte von Jakob und Esau IST so eine Geschichte der Konkurrenz, des Zerbruchs und der Wiederherstellung.

 

Esau wurde geboren mit dem Gefühl, dass er verfolgt, und von seinem Verfolger bereits eingeholt wird.

 

Jakob hingegen wurde geboren mit der Angst, den von ihm geliebten Zwilling, mit dem er im Mutterleib "ein Herz und eine Seele" war, zu verlieren, bevor die Geburt geschehen ist.

 

Sehr wahrscheinlich hat Esau dies bereits im Mutterleib anders empfunden, nämlich seinen Bruder als ihn andauernd anfummelnden und in seiner körperlichen Entwicklung massiv gefährdenden, übergriffigen "Täter". Das kann zwischendurch auch immer wieder anders herum gewesen sein, aber schon alleine, wenn es um die Entwicklung der Augen geht, und Jakob  Esau in diesem Moment  mit seinen Fingerchen in die Augen gepiekst hat, war dies in dem Moment bereits ein nicht wieder gut zu machender körperlicher Schaden und ein Motor für Esau, eher draußen unterwegs sein zu wollen, weit weg von einem, der in einem Zelt noch geeignetere Instrumente finden könnte, um ihm die Augen auszustechen.

 

Da Esau aber offenbar der Stärkere von beiden war, der sich im miteinander Ringen öfter durchsetzte, könnte Jakob generell Angst vor ihm gehabt haben, und sich sowieso nur "mit spitzen Fingern" an ihn heran getraut haben.

Von Jakob heißt es, er wurde ein ruhiger Mann, der bei den Zelten blieb, eine angenehme Ausstrahlung hatte und viel nachsann. Wörtlich bei Luther: "Ein ruhiger Mann, der bei den Zelten blieb." In der Elberfelder Bibel wörtlich: "Ein gesitteter Mann, der bei den Zelten blieb."  Die Elberfelder Bibel ist im 19. Jahrhundert entstanden, in einer Zeit also, als Benimm-und Anstandsregeln schon das Zusammenleben in Familienzusammenhängen strukturierten. Den Begriff "Sitte" im Sinne von "gutem, erlernten Benehmen" gab es zu Luthers Zeit noch nicht. Jakobs Wesensart wurde sowohl von seiner damaligen Familie, als auch von Luther auf seinen Gottesbezug zurückgeführt. Darauf werde ich gegen Ende dieses Artikels zurückkommen, und es genauer begründen.

In der folgenden Geschichte erschleicht sich Jakob den Erstgeborenensegen von seinem Vater Isaak, indem er sich Felle umlegt und vor dem fast blinden Vater den behaarten Körper Esaus vortäuscht, den dieser dann meint, zu ertasten.

Er darf dann auch wirklich irgendwann mal los, um draußen eigene Erfahrungen zu sammeln, hat aber natürlich das Defizit des Nesthäkchens.  Jedoch auch den unerschütterlichen Glauben an eine mütterliche Natur, der ihn so lange und so ausdauernd die verrücktesten Wunder erleben lässt, die ihn  überleben lassen und zu jedem gewünschten Ziel führen, dass dies sein Welterleben, seine Weltdeutung und sein ganzes späteres Verhalten, als er schon wieder aus der Wildnis in einen "sicheren Hafen" gefunden hat, prägt. 

Ein Beispiel hierfür ist die Nacht, in der er nach langer Wanderschaft Rast macht, und seinen Kopf auf einen Stein bettet. Da sieht er den Himmel offen, und Engel auf einer Leiter auf und absteigen. Alleine diese übersinnliche Erfahrung gibt ihm die Kraft, weiter zu gehen, und er weiht diesen Ort Gott. Eine unwahrscheinlich lange Zeit ist er unterwegs, ohne irgendjemandem zu begegnen, gehalten nur von Wundern dieser Art.  

Es könnte wirklich die Angst davor, Esau wiederzubegegnen, und der Antrieb, ein eigenes Lebensumfeld zu finden und sich zu erobern gewesen sein, die ihn dies so erleben ließen. Also eine Veränderung der Realität durch die eigene Psyche, teilweise gespeist aus den bewussten Zielvorstellungen, und teilweise aus den unbewussten Ängsten, die man nach hinten drängen musste, um sie nicht andauernd im Geist präsent zu haben.  Das, was einen von Kindheit an als Werte und von den Eltern mitgegebenen Geschichten am meisten geprägt hat, hilft in solchen Durststrecken (die in der Bibel oft als Wüstenwanderungen dargestellt werden) als übermächtige, wunderschöne in die normale Realität einbrechende Bilderwelten, wie eben z.B. diese sogenannte "Jakobsleiter". Jakob, der eben in seinem vorpubertären Leben nur wenig äußerer und bedrohlicher Anforderung ausgesetzt war, hatte mehr Zeit, innere Bilder zu kultivieren, die in ihm aufstiegen, als seine Eltern ihm die ältesten Sagen von der Erschaffung der Welt und den ersten Menschen erzählten.  Er zog seine Kraft, seine Motivation und den inneren Quell und Grundstock aus diesen Bildern, wurde also ein Mensch, der sich die Welt mythisch und mystisch erklärte, und der auch Probleme und schwierige Situationen auf diese Art anging, löste und bewältigte. Er war sozusagen jemand, der sein Leben in Versenkungszuständen und durch das Ausdehnen seiner Seele meisterte.

Esau hingegen war von Kindheit  an ein Mensch gewesen, der sich von etwas gejagt und getrieben fühlte. Er spürte in den elterlichen Zelten nicht Geborgenheit und die Möglichkeit, sich zu versenken und zur Ruhe zu kommen, sondern etwas Bedrohliches, das ihn von dort wegtrieb. Da auch er seinen Bruder als ruhig und angenehm erlebte, hatte er zudem immer das Gefühl, der Fehler oder das Falsche müsse in ihm zu suchen sein. Darüber reflektierte er aber nicht. Da sein Lebensgefühl das eines inneren Drucks war, ging er in die Aktion anstatt in die Versenkung, in die Verdichtung, anstatt in die Ausdehnung. Er war ein Kind, das seine Erfahrungen draußen machte und sich daher sein Leben aus den Dingen in seiner unmittelbaren Umgebung erklärte, und aus dem, was er mit und aus ihnen machen konnte.

Im Gegensatz zu Jakob war er auch voll und ganz mit den real gefährlichen Dingen der Wüste, in der sie lebten, konfrontiert. Das fing schon mit der täglich erlebbaren, sengend heißen Sonne an, vor der es draußen keinen materiellen Schutz gab. Esau war also gezwungen, dieses Problem auf eine reale Weise zu lösen, und nicht etwa mit einer Taktik wie "Ich stelle mir dann einfach Kühle und Schatten vor". Er muss also irgendwann auf die Idee gekommen sein,  mindestens seinen Kopf, aber auch seinen restlichen Körper mit Tüchern oder Fellen abzudecken, wenn er die Hitze aushalten wollte.

Jedoch war er bereits vorher wilden Tieren begegnet. Sicherlich ist er die ersten Male, die er sie traf, vor ihnen weggerannt, bis er auf die Idee kam, aus den Zelten lange und spitze Gegenstände mitzunehmen, um sie zu töten.  Er brachte sie dann sicherlich mit nach Hause, um sie stolz seinen Eltern zu zeigen, und ein Lob dafür zu bekommen, dass er so eine gefährliche Situation alleine gemeistert hatte.

Rebekka erschrak sich dann immer und tadelte Isaak, dass er den Jungen tagsüber wegschickte. Isaak hingegen freute sich, dass sein erstgeborener Sohn so mutig war, und seine Angst vorm Töten, die aus seiner Erfahrung, beinahe geschlachtet worden zu sein, resultierte, offenbar nicht auf ihn übergegangen war. Esau hingegen fühlte sich von beiden missverstanden. Von Rebekka, weil sie Jakob vorzog, und von Isaak, weil er nicht erkannte, dass Esau diese Tiere keineswegs getötet hatte, weil er so mutig war, oder gerne tötete, sondern, weil er panische Angst vor ihnen gehabt hatte, und sich seiner Haut hatte wehren müssen. Sein eigenes Bedürfnis, nämlich, von den Eltern dafür gelobt zu werden, dass er als Kind es schaffte, mit solchen Gefahren klarzukommen und diese handelnd zu bewältigen, blieb von beiden Eltern ungesehen und ungewürdigt. 

Sie begannen erst, diese Eigenschaft ihres Sohnes mit Erwähnung, Lob und Kultivierung dieser Vorgänge in ihren Alltag einzubauen und zu integrieren, als er anfing, Tiere zu töten, die man gut zubereiten und essen konnte, also Tiere wie Gazellen, Rehe, Hirsche, Hasen und ähnliche, vor denen man ohnehin keine Angst hatte, weil man nie die Erfahrung gemacht hatte, dass sie einem etwas tun.

Esau wird in diesem Moment schon ungläubig den Kopf geschüttelt haben. Er wusste doch von seinen Erfahrungen draußen längst, dass diese Tiere Pflanzenfresser waren, und Menschen sowieso nichts tun würden. Seine Intention, die von ihm erlegten, wilden, fleischfressenden Tiere mit nach Hause zu bringen, war ja auch gar nicht gewesen, dass man sie dann kochen und essen sollte, oder sie überhaupt in den heimischen Alltag einbinden oder sachlich sinnvoll nutzen sollte, sondern, er wollte seinen Eltern damit zeigen und sagen: "Mama, Papa, dieses gefährliche Tier war da draußen. Ich hatte solche Angst! Es hätte mich beinahe getötet. Aber ich war schneller und stärker. Aber ich will da eigentlich nie wieder raus!"

Esaus Lebensgefühl war das einer ständigen Ohnmacht und eines von den Eltern, also den erwachsenen Bezugspersonen, die ihn hätten schützen sollen, nicht gesehen und nicht beschützt zu werden. Dass er dadurch aber sinnvolle Fähigkeiten erwarb, merkte er zwar, und es dürfte ihn in ein verächtliches Denken über die Stuben- beziehungsweise - Zelthocker hineingetrieben haben, jedoch sein inneres Hilflosigkeitsgefühl überwand er dadurch nicht. Es dürfte ihn angeekelt haben, dass sein Vater und dessen Knechte begannen, die wilden Tiere zu häuten und aus ihren Fellen Kleidung und Decken für die Zelte herzustellen, und ebensolchen Abscheu dürfte er auch empfunden haben, als er begann, zu merken, dass seine Psyche sich daran gewöhnt hatte, die entscheidenden Erfolgserlebnisse aus dem Morden zu beziehen und er nun begann, wehrlose Pflanzenfresser zu töten, die von seiner Familie gedankenlos gekocht, gebraten und mit Genuss gegessen wurden. 

Seinen Bruder Jakob, der zwischendurch, wenn beide Brüder in den Zelten waren, sicherlich auch einmal etwas von den ihn beschäftigenden Dingen erzählte, also die Geschichten von Gott, den Engeln und den ersten Menschen wiedergab, und sie mit liebevollen Details ausschmückte, die Esau aus den Erzählungen seiner Eltern nicht kannte und sie ganz sicher auch auf das bezog, was er tagtäglich im Zelt und seiner unmittelbaren Umgebung erlebte, muss er als Spinner, Träumer und Phantasten wahrgenommen haben, der von Isaak und Rebekka verwöhnt und schlecht aufs Leben vorbereitet wurde. (Möglicherweise liegt hier schon der Ursprung der Idee für die erst in der DDR, dann auch in der BRD sehr bekannten und auch mehrfach verfilmten Geschichte "Jakob, der Lügner".  Auch, wenn Jurek Beckers Jakob nicht im klassischen Sinne lügt, versucht er doch im Glauben an eine sinnvolle Welt, die von einem mütterlichen Gott regiert wird, mit kleinen Notlügen von einem Radio, das er angeblich besitzt, die anderen KZ-Gefangenen davon zu überzeugen, dass die Absichten der Nazis nicht so schlimm sind, und die rote Armee schon auf dem Weg ist. Dies ist auch genau die Taktik, die dem biblischen Jakob eigen war. Die Menschen um sich herum befrieden und beruhigen können mit einem Gottesbewusstsein, dass aber in der von ihm vertretenen Form der Realität nicht ganz stand hielt.) Ganz sicher wird es zu handfesten Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn etwa Jakob seinem Bruder Esau ihren Konflikt anhand der Geschichte von Kain und Abel erklären wollte. Ich kann es mir lebhaft vorstellen. Wie muss sich ein halbwüchsiges Kind fühlen, das täglich in die Wildnis geschickt wird, weil es so unruhig ist, dort aus seiner Not heraus gezwungen ist, Tiere zu töten und sich dann zuhause von seinem Bruder anhören darf, er sei ja wie Kain, und er, Jakob, hätte deswegen Angst vor ihm.

Diese Geschichten waren beiden Brüdern wertvoll, denn für beide waren sie der Grundstock ihrer kulturellen Identität. Während jedoch Esau das, was sie vermittelten, draußen im Freien erleben, erproben, verifizieren oder verneinen musste, und dadurch zu einem Tatmenschen wurde, der sich an den aktuellen Gegebenheiten orientierte, konnte Jakob sie mehr in sich hineinnehmen und in sich wirken lassen, sodass sie als intakte Bilder in ihm erhalten blieben. Deswegen war er eher dazu prädestiniert, ein Träger und Bewahrer dieser Bilder zu sein, und damit ein Sinn-und Kulturstifter, der für das Überleben seines Volkes und sogar der Menschheit aber ebenso wichtig war, wie der, der durch Taten und schnelles Handeln eine Entwicklung voranbringen und rechtzeitig die richtigen Entscheidungen treffen kann. Derjenige, der schnell handelt, garantiert die materielle Machbarkeit eines Vorhabens, und derjenige, der die kulturellen Bilder in sich bewahrt, garantiert den Wiederaufbau dieser Kultur, möglicherweise an einem anderen Ort.

In der Bibel ist all dies in folgendem kurzen Absatz zusammengefasst:

"Und als nun die Knaben groß wurden, wurde Esau ein Jäger und streifte auf dem Felde umher, Jakob aber war ein ruhiger Mann und blieb bei den Zelten.  Und Isaak hatte Esau lieb und aß gern von seinem Wildbret, denn es war nach seinem Mund ; Rebekka aber hatte Jakob lieb."

Jakob und Esau sind beides Getriebene, Unvollendete und Ringende, die aber auch auf vollkommene Weise die beiden großen Gegensatzpaare und Dualitäten des Lebens abbilden, und die vor allem deswegen getrieben sind, weil sie sich nicht lösen können von Althergebrachtem, da sie noch zu deutlich erkennen, oder spüren, dass das Alte richtig ist, aber sie bereits ihre eigenen Eltern als äußerst unvollkommene und charakterschwache Vertreter des kulturellen Erbes erleben, ohne dies in Worte fassen zu können. Sie sind beide zeitlebens abhängig von Lob und Tadel und reizen beide ihre ihnen absolut erscheinenden Eigenheiten bis zur Neige aus.

Synthese und Versöhnung finden sie beide in der konkreten Lebenserfahrung, die sie aber erst getrennt voneinander und ohne die Eltern machen können, und die erst dann in ihrer beider Leben die volle Kraft und Gnade Gottes freisetzt, die ihnen ermöglicht, sich vertrauensvoll ins Leben fallen zu lassen und ihnen erlaubt, Gott in und mit ihren ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Daseinsmodi zu finden, im Erfahren, Ausleben und Da-Sein-Dürfen, um wirklich begreifen und erleben zu können, dass Gott trägt und alles rundet, auch wenn nicht immer alles rund läuft.

Das Joch des Treibers, wie Jesaja es später nennt, kann erst für sie gebrochen werden, als sie erkennen, wer ihr jeweiliger Treiber, Antreiber oder Antrieb ist. Das können sie erst, als sie ihn bzw. sie in etwas anderem sehen lernen können, als in dem Bruder, auf den sie projizieren und den sie jeweils tendenziell hassen und ablehnen, weil auch er zu viel unerlöste Aspekte der Eltern in sich trägt. Solange die Eltern noch wertend, liebend, ablehnend und sie gegeneinander ausspielend dazwischen stehen und dennoch von beiden als Integratoren, Ausgleicher und Bindeglieder wahrgenommen werden, können sie sich mit ihrem jeweiligen inneren Antrieb nicht rückhaltlos bejahend verbinden .

Das Joch des Treibers wird gebrochen, wenn man sich eingesteht, wer oder was einen antreibt. Man begegnet dann immer Gott.  Und auch dem, der einen von dem Sich-Verbinden mit Gott abhält. Den ungeläuterten Wünschen aus dem Ego, von denen man meint, ein anderer außer Gott könnte sie besser befriedigen.

Das muss nicht immer etwas Böses, Anrüchiges oder Verurteilenswertes sein. Manchmal, wie in Jakobs und Esaus Fall ist es schlichtweg Esaus Erfahrung, dass er sich seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse am besten und passendsten selber befriedigen kann, und Jakobs Erfahrung, dass dies die Eltern besser können. Da beide Haltungen und Lebenswege aus einer inneren Not heraus entstehen, die sich bereits bei der Geburt ergibt, und nicht aus freier Wahl oder vorherbestimmtem Charakter eingeschlagen werden, stellt sich hier weder die klassische Schuldfrage, noch kann und darf das Ego und seine Wünsche im Falle beider als negativ, niedrig, unrein, moralisch verwerflich oder im üblichen Sinne als "egoistisch" mit Tendenz zur Verschlagenheit und bewussten, lustvollen  Fremdschädigung gewertet werden. Dass dies bei beiden dennoch die Versuchung darstellt, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Esau hat schon früh die Tendenz zur Rücksichtslosigkeit und zur Gewalt, Jakob die Tendenz zur List und zur Übervorteilung anderer. Beides entsteht aber nicht auf dem Boden eines "Plus", sondern eines "Minus". Aus Not, Angst und Hilflosigkeit, die beide in Muster hineintreibt, aus denen sie alleine nicht wieder herauskommen. Sie sind auf ihre Weise beide Solitäre, weil sie abhängig bleiben und zwar die Schauplätze ihrer Handlungen wechseln, aber ihre Muster nicht hinter sich lassen können und es beide immer wieder mit der quasi selben Vaterfigur und derselben verdrängten Mutterfigur zu tun haben, und somit eigentlich die ganze Zeit in der selben, im eigenen Saft schwärenden Zeltstadt bleiben, die mal mehr Wüste, mal mehr Oase, mal mehr Farm und mal mehr Oligarchenparadies ist.

 Esau kommt rein kilometermäßig weiter vom Ursprung weg, unter anderem, weil er mithilft, die ursprüngliche Wüste zu bepflanzen, Waffen und Werkzeuge konstruiert, und Nahrung heranschafft, was alles Aufgabe des Vaters gewesen wäre. Er tut dies nicht aus Bewusstsein und erstrebter Selbständigkeit, sondern schlichtweg, weil er den Schatten der Bepflanzungen braucht, sich gegen wilde Tiere wehren muss, die Gegenstände, die er im Freien als Waffen verwendet, in den Zelten aber als Kulturgegenstände und Werkzeuge verwenden muss (z.B. als Essbesteck oder Bratspieß), um andere und insbesondere seinen Bruder nicht zu gefährden (Dies ist wahrscheinlich auch der Ursprung aller "schmelzt Schwerter zu Pflugscharen"-Metaphern). Als er daher seine erste Arbeit bei fremden Leuten annimmt, wird er dort bereits als Herr gesehen, der ausgereifte Fähigkeiten hat, deswegen jedoch ständig überschätzt, weil niemand begreift, dass er diese Fähigkeiten nicht in Ruhe erlernt, sondern sich in der Not und Getriebenheit angeeignet hat, ohne zu überblicken, was sie im Einzelnen bedeuten, und was ihr bewusster Einsatz bewirken kann. Er ist entscheidungsfreudig und wechselt nicht oft zwischen den Frauen hin und her, die aber bei ihm eher Besitzstatus haben und als von einander abgegrenzte, in ihrem Wesen erspürbare Personen kaum erwähnt werden. Er findet keinen Gott außer sich, weil er keinen Vater findet, der seine Hilflosigkeit durchschaut, und keine Frau, die er als Person, Ergänzung und Antipoden ernst nehmen kann, die ihn sowohl mit ihrem Liebreiz anziehen könnte (dazu ist er zu hart und zu wenig offen dafür, gezogen zu werden), und ihm auch das Weiblich-Mütterliche ergänzen könnte.

Daher nimmt auch Jakob ihn unbewusst innerlich als Gott und Herrn an, weil er ihn als seinen ihn quälenden und beherrschenden "Dominus" erlebt. Dies empfindet er schon als Kind unbewusst als so widernatürlich, dass er anfängt, seinen schwachen Vater auf eine giftig-hinterhältige Weise zu hassen (das erklärt seinen ja schon etwas verschlagenen Betrug an ihm) und seine ihn liebende, aber auch eigennützig dem Esau vorziehende Mutter zu vergöttern, und in ihrem Schutzraum zu versinken. Er kann sich weder eingestehen, dass er seinen Vater nicht als Vater akzeptiert, noch seine ödipale Hingezogenheit zu seiner Mutter, und Esau, den er als unkalkulierbares Risiko fürchtet, als Bruder - wenn auch ambivalent - liebt, und als Mann zutiefst respektiert, bleibt sein von ihm verdrängter Jäger und Schatten, den er nur loswird, wenn er tagsüber in der angenehm dunklen, Kühle, Wärme und Schutzraum gleichzeitig spendenden, mütterlichen Zelt-Welt versinkt und Kraft an inneren Bildern und erzählten Geschichten tanken kann.  Er ist ein muttergeprägter Mann, dem die Vorstellung eines personifizierten Vatergottes nicht so leicht zugänglich ist. Das hat jedoch den Vorteil, dass er die Demut vor der Wunderbarkeit und Größe Gottes, und den Glauben an seine Liebe und helfende Allmacht nie komplett verliert, eben, weil er ihn nicht mit einem fehlbaren Menschen assoziiert, den er hinterfragen und überwinden müsste, wenn er seine Fehlbarkeit durchschaut.

 Vatergeprägte Söhne assoziieren automatisch ihren Vater mit Gott, egal, ob er ein souverän weise in sich ruhender oder ein streng autoritärer Vater ist. Söhne eines schwachen, unsouveränen, kränklichen oder aufbrausenden Vaters werden immer mehr zur Mutter tendieren und im Falle Jakobs, wenn ein schwacher, nachgiebiger und selber traumatisierter Vater ihn nicht vor dem aggressiven und gefährlichen Bruder beschützen kann, werden sie die Mutter und die bergende, weibliche Seite als einzige denkbare und überzeugend erlebbare Gotteskraft wahrnehmen. Eine konkrete Frau, wie in diesem Fall Rebekka, wird von dieser nahezu gläubigen Hingabe ihres Kindes einfach weggespült, unterwirft sich natürlich trotzdem alleine nur hormonbedingt seiner männlichen Ausstrahlung und wird -irritiert von der nicht benannten Vergöttlichung, und dem Hin und Her zwischen der Mutterrolle und in dem „Im-Sohn-einen-attraktiven-und-seelisch-besonderen-Mann -sehen-können“, überfordert und versinkt gleichfalls in der Symbiosen kreierenden Zelt-Welt und konditioniert ihren Sohn mit Lob und Tadel, in dessen anziehenden und abstoßenden Sog sie selber auch gerät, weil ihr die Mitte eines dem Sohn geschlechtsgleichen Vaters fehlt.

Als Jakob nach Jahren Anstellung bei Laban findet, kann er auch ihn nicht als Blaupause für eine Vatergott-Identifikation nehmen, die es brauchte, um das "Jahwe"-Bewusstsein (also das "Ich bin, der ich bin"-Bewusstsein) irgendwann als souveränes, eigenes Ich ergreifen zu können.  Dennoch überzeugt auch er irgendwie in seiner Taktik und kommt zu dem Erfolg, den er sich wünscht. Zutiefst von Frauen angezogen, die er heiß begehren und mit Eros, Sex und fürsorglicher Liebe umsorgen kann, ist er der eindeutig bessere Ehemann. Auch, dass er sich nicht festlegen kann, bindet die Frauen mehr an ihn, als dass es sie abstößt. So bleiben Jakob und Esau zunächst zwei aufeinander angewiesene, aber auch gleichzeitig voreinander fliehende Charaktere.

Sie sind Gestalten, die in Notzeiten zum Einsatz kommen, und keine idealen Repräsentanten der beiden Gehirnhälften (das sind Brüder-oder-Freundespaare in der Symbolik immer), da sie für die allzu wache (Esau) und die allzu träumend herabgedämpfte  (Jakob) Seite stehen, die beide auf ihre Weise spüren, dass irgend ein Zustand, der sich überlebt hat, zu lange aufrecht erhalten wurde, und die daher beide in eine Art Notfallprogramm abgleiten. Esau in eine Hyperaktivität, und Jakob in eine Dissoziation. Dennoch sind sie für das Meistern dieser konkreten Situation ideal, unter anderem, WEIL sie die Eltern und die anderen allzu konservativ verharrenden  Menschen in ihrer Umgebung spüren lassen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Lediglich, dass das Umfeld und die Konservativen nicht merken, dass SIE es sind, die krank sind und sich ändern müssten, macht die Situation für Jakob-und - Esau - Charaktere so schwer. Sie sind stets Vorboten einer drohenden kulturellen Katastrophe, kollektivem und persönlichem Wahnsinn, dem Zerbrechen einer Kultur und dem Abgleiten in Chaos, Gewalt und Bürgerkrieg. Gleichzeitig sind sie aber auch die Garanten und die Chance dafür, dass es dazu nicht kommen muss. Jedoch darf man nicht allzuviel von ihnen erwarten, was klassische "Erwachsene" der jeweiligen Kultur zur Rettung derselben tun würden. Denn sie sind Symptomträger einer Zeit, in der die Eltern noch hilfloser und unwissender sind als ihre Kinder, und greifen daher auf deutlich tiefer liegende Muster, Bilder, Geschichten, Mythen, Glaubenssätze und Verhaltensweisen zurück, als alle anderen in ihrer Umgebung.

Esau identifizierte sich sicherlich mehr als Jakob mit der Geschichte von Adam und Eva und ihrer Vertreibung aus dem Paradies und sah Gott darin nicht als Beschützer der Menschen, der ihnen alle Früchte gönnt bis auf eine, weil er sie vor Gefahr und Tod bewahren will, sondern als einen ungerechtfertigt wegen einer Kleinigkeit hart strafenden Vater, der sie wegschickt mit den unbarmherzigen Worten, das Leben würde ab jetzt hart werden.  Den einzigen Trost mag er aus der Tatsache empfangen haben, dass Gott sie vor ihrer Vertreibung wenigstens noch kleidete (Esau dürfte dies als Bild für die Ausstattung mit Fähigkeiten zum Überleben verinnerlicht haben).

Esau kannte daher die "East of Eden"-Erfahrung intensiver als Jakob, die Erfahrung, von Gott verlassen, angelogen und im Stich gelassen worden zu sein. Deswegen nämlich, weil keine einzige von den kulturprägenden Geschichten sich so im praktischen Leben erfüllte, wie sie erzählt worden war. Keine. Bis nur auf die Negativen. Diese jedoch wurden noch ungleich negativer wahr, als sie geschildert worden waren.

Während Gott zwar in der Paradiesgeschichte vom hart und mühsam zu bebauenden Acker spricht und von den Schmerzen beim Kinder bekommen, ist dies aber wenigstens noch ein Acker, und was dort anliegt, ist das Anbauen von Gemüse und Getreide. Damit bleibt das Gebot zur Nicht-Antastung des Lebens gewahrt und ist ein Wert, ein Heiligtum und etwas, das man kostbar in sich hegen und daraus Kraft ziehen kann.

Daher dürfte Esau auch die Geschichte von Kain und Abel von jeher ganz anders empfunden und gewichtet haben als seine Eltern, sein Bruder, und alle bis auf den heutigen Tag, die diese Geschichte im sicheren Zelt oder in der sicheren Wohnung erzählt bekommen. Für all jene ist Kain der böse Unmensch, der seinen sanften Bruder erschlägt, aus purer Eifersucht, weil Gott sein Opfer lieber annimmt, als das, welches Kain darbringt.

Ihnen entgeht jedoch, dass es ja Kain ist, der dem ursprünglichen Auftrag Gottes gemäß den Acker bebaut und sich mit Pflanzen und mit der Erde beschäftigt, und mit ihnen umgehen lernt. Dass Abel hingegen Tiere anvertraut werden, und dann auch noch so sanfte wie Schafe, ist ein unglaubliches Privileg und eine Ehre für ihn. Auf lebende und beseelte Wesen hat man anders aufzupassen, als auf Pflanzen. Daher dürfte für Kain klargewesen sein, dass es in Ordnung ist, Gott Feldfrüchte (also Getreide und Gemüse) in einem Brandopfer darzubringen, dass es jedoch eine Sünde wäre, wenn Abel eines der ihm anvertrauten Schafe töten, opfern und verbrennen würde.

Der Auftrag Gottes nach der Vertreibung aus dem Paradies war ja: "Lernt mit meiner Schöpfung umzugehen. Ihr könnt es noch nicht!" Vielleicht hat sich bis heute die wohlwollende und besorgte Absicht Gottes dahinter noch nicht schlüssig offenbart, denn es ging ihm wohl nur darum, die Menschen davon abzuhalten, eine giftige Frucht zu essen, von der sie mindestens schwere Halluzinationen bekommen würden, irgendwann ganz sicher aber daran sterben würden. Also brachte er sie erst einmal weit genug von dem Baum weg, an dem diese Früchte wuchsen und sorgte dafür, dass sie sich zum Bebauen der Erde bücken mussten, damit sie ohnehin nur an Essbares kämen, das ihnen nicht schaden könne. Natürlich steckt dahinter immer jener "Besorgte-Eltern-Impuls", der die Kinder erst recht zum Rebellieren und Ausprobieren bringt.

Abel tut aber genau dies. Er opfert , ebenso wie Kain, Gott von den Erstlingen des ihm anvertrauten. Während dies bei Kain aber die ersten reifen Kornähren sind, sind dies bei Abel die ersten, kleinen neugeborenen Lämmchen. Beide wenden ein und dasselbe Gebot in ein und derselben Weise auf zwei ganz unterschiedliche "Gegenstände" an. Kain erntet und verbrennt seinen Weizen, Abel tötet und verbrennt seine Schafe. Alleine, dass also Abel für sein Opfer tötet, dürfte Kain empört haben. Dass aber sein Feuer unruhiger brannte als das von Abel, und der Rauch von Abels Brandopfer gleichmäßiger aufstieg als der von Kains, setzte dem ganzen noch die Krone auf. Denn das wurde als Beweis dafür gewertet, dass Abels Opfer angenommen wurde, das von Kain aber nicht. Kains Zorn auf seinen Bruder war also nicht nur Eifersucht, sondern auch das ungläubige Entsetzen darüber, dass er für das Töten eines ihm anvertrauten Lebewesens von Gott sogar noch belohnt wurde. Dennoch ist sein Mord an Abel wieder ein Schlusspunkt und ein endgültiges Versagen mehr, nach dem eine weitere Vertreibung aus einem weiteren Paradies erfolgt. Gott schickt Kain in das Land Nod, im Osten von Eden.

Der aufmerksame Leser dürfte hier bereits denken, dass man ein solches Scheitern an letztendlich fremden Maßstäben und Ansprüchen eigentlich nur beenden kann, indem man mit diesen Maßstäben bricht, und von dem, der sie aufgestellt hat, freiwillig weggeht.

Für Esau wird der entscheidende Trost an dieser Geschichte allerdings gewesen sein, dass Gott Kain ein Zeichen an die Stirn gibt, das verhindert, dass er von anderen Menschen erschlagen wird, und somit für seine Erfahrungen in Nod gerüstet ist.

Umso heftiger dürfte seine Ernüchterung ausgefallen sein, als er es draußen gleich mit wilden Tieren  und einem dem Leben nicht zuträglichen Klima zu tun bekam, aber keinen Gott vorfand, der ihn irgendwie bewahren oder beschützen konnte. Das Gebot, nicht töten zu sollen, war damit für ihn vom ersten Moment an in Freiheit  hinfällig, irrelevant und illosorisch. Auch Ermahnungen zur Selbstbeherrschung, zur inneren und äußeren Ruhe, zu würdevollem Auftreten  und zu gesittetem Handeln und Benehmen dürfte er als Schlag ins Gesicht und als direkte Verhöhnung seiner täglichen Erfahrungen erlebt haben. Dass man das Leben tatsächlich mit der Gnade Gottes und dem Getragenwerden von ihm meistern kann, konnte er nie erfahren, solange er immer noch zum Zelt seiner Eltern zurückkehrte und den Kontrast des Lebens und Redens, der Geschichten und Werte der Menschen in den Zelten, zu denen auch sein Bruder gehörte, zu seinem eigenen Leben mitbekam , das ja nur wenige Meter von den Zelten entfernt stattfand, und doch so ganz und gar anders und viel heftiger war als ihres und er deutlich erlebte, wie weltfremd sie waren und durch ihre Abgeschottetheit, Geborgenheit, ihrem ständigen Aufeinandergehocke  in den dunklen, gemütlichen Zelten, und dem Sich-gegenseitig-immer-wieder-dieselben-Geschichten-Erzählen gehemmt und in ihrer Entwicklung gebremst waren. Er ging schlussendlich als erster, indem er sich eine Frau nahm.

Jakob kann sich erst loseisen, nachdem er Esau zuvor sein Erstgeborenenrecht für eine leckere Mahlzeit abgeschwatzt hatte, und seinen Vater Isaak mit den Fellen auf der Haut betrogen hatte, um seinen Segen zu bekommen, ohne etwas dafür getan zu haben und die Kriterien zu erfüllen, losgehen zu dürfen. Er schlägt sich, wie schon erwähnt, mit seinem Wunderglauben durch, der sich für ihn auch jedesmal bestätigt. Esau verlässt sich zur selben Zeit nach wie vor auf sein Können und seinen Realismus. Beide hängen jedoch die ganze Zeit auf unbewusste und fatale Weise aneinander. Jakob wird  von der Angst vor Esau getrieben, und Esau von den Rachengedanken in Jakobs Richtung. Jakob treibt dies in die Verzögerung und das Leben in Träumen, Tagträumen und real erlebten Visionen, Esau in die Beschleunigung und ins immer unüberlegte Handeln.

Jakob gelangt schließlich zu seinem Onkel Laban, für den er zu arbeiten beginnt. Dieser hat bereits eine große Nachkommenschaft und viele Knechte und Mägde, mit denen er Landwirtschaft betreibt. Seine Arbeit verrichtet Jakob mit den ihm eigenen Strategien. Langsamer als andere, und im immer wieder Wechseln der Aufgabenbereiche. Er fragt sich nicht einmal, warum sein späterer Schwiegervater und Onkel Laban ihn wohl als Parasiten begreift, der zwar gut mitarbeitet, der aber zur Patriarchenrolle nicht unbedingt taugt.

Laban erschließt sich nicht, dass Jakob sehr wohl das Sich-Bewähren auf dem Boden der Tatsachen und der Realität kennt, dass dies aber in einem mütterlich geprägten Umfeld geschah und er seine lebensentscheidenden Erfahrungen sehr schlecht vorbereitet, und angewiesen auf einen etwas wahnwitzigen Glauben machen musste.

Dass er darin aber siegreich und äußerst erfolgreich war, mag Laban ihm schlichtweg nicht glauben. Denn Laban ist ein aufs Machbare "ohne Gott" fokussierter Mensch, beziehungsweise ein Mensch, der nicht mehr an einen eingreifenden, bergenden und gestaltenden Gott glaubt. Er ist ein deutliches Symbol für einen zu lange in patriarchalen Strukturen arbeitenden Mann, der zu allem Überfluss auch noch selber der Patriarch ist.

Immer wieder stellt Laban Jakob auf Proben, um sich überhaupt zu trauen, ihm irgendeine von seinen Töchtern zur Frau zu geben. Jakob entscheidet sich zunächst für Lea, dann mal für die eine oder die andere und schließlich für Rahel, die er am schönsten findet, jedoch nicht ohne auch weiterhin zwischen Lea und ihr hin und her zu wechseln, und zwar nicht im Sinne eines "tollen Hechtes", der alle mal ausprobieren will, sondern deutlich mit selbstquälerischen und an sich selber verzweifelnden Tendenzen.

Laban hingegen wird fast wahnsinnig an der Tatsache, dass Jakob sich noch für den popeligsten Seitensprung seine Erlaubnis einholt, und sich penibel an die Regeln für das Umwerben, "Verloben" und "Heiraten" hält, was dann manchmal wirklich faktisch nur heißt "Schnell ins Zelt, kurz höflich gefragt: 'Darf ich dich ficken?', noch schneller rammeln und sich dann von Laban eine Scheidungserlaubnis schriftlich einholen".

Jeder gläubige und schriftbewanderte Jude wird daher verständlicher Weise den Kopf geschüttelt haben, als Mohammed viele Jahrhunderte später die Gesetze der "Mehrehe" und "Stundenehe" wieder einführte, die in dieser Form nie ihren Eingang in den klassischen, jüdischen Gesetzeskanon gefunden hatten. Man fand es von jüdischer Seite her erst lächerlich und willkürlich an Mohammeds privaten Interessen orientiert, und erschrak  dann zutiefst ob der in ihrer Konsequenz  blutigen Ernsthaftigkeit dieser Koran-Gebote, obwohl auch Mohammed nichts anderes tat, als mit großer Liebe, Sorgfalt und Genauigkeit dem Genüge tun zu wollen, was er aus den jüdischen Schriften herauslas, ohne dabei noch die von ihm gleichfalls geliebten und als Jünger anvisierten Christen zu verprellen. Er war zweifellos ein Prophet mit echter Gotteserfahrung, aber eben auch ein Jakob-Charakter, der mütterlich-weiblich geprägt war, und die klassisch epiphanische Gotteserfahrung erst mit 40 Jahren hatte, weswegen sie stark durchmischt war mit allen möglichen Geistern und Ungeistern, denen er zuvor gefolgt war.  Dennoch war er ein ernstzunehmender Mann seiner Zeit, und aus meiner Sicht auch keinesfalls ein Analphabet. Er war es als Kaufmann jedoch eher gewöhnt, Zahlen, Bilanzen und Abrechnungen zu lesen, natürlich auch in Schriftsprache, etwa beim Formulieren eines Vertrages. Jedoch nach seinen überwältigenden Gotteserfahrungen in einer Höhle konnte er Zahlen und Geschäftsformulierungen nur noch geringachten und merkte, dass er die wirkliche Sprache und Schrift erst erlernen müsse.  Zeit seines Lebens tat er sich jedoch schwer, den Spagat zwischen seinen inneren Eingebungen, dem Studieren und Abgleichen von ihm nur sehr spärlich zugänglichen Heiligen Schriften der Juden und Christen und der Tatsache, dass er als sich selbst so verstehender Friedensbringer und Vereiner der arabischen und semitischen Völker mit der Rückbesinnung auf den gemeinsamen Stammvater Abraham mehrere Kriege zu führen hatte, die ihn letztlich zum Umschreiben und ins Ungnädige wandeln einiger entscheidender Koransuren brachte.

Jedenfalls verzettelte sich Jakob bei Laban durch seine unerlöste Vaterfixierung und das unhinterfragte, ins spinnerte abgleitende Einhalten von tradierten Gesetzen über die Maßen, und irgendwann hatten entweder Laban, Gott , Jakobs Schatten, der heraneilende Esau oder der kosmische Vateraspekt keinen Ziegen-oder Lamm-Bock mehr auf diese ganze Prozedur, die einfach kein Ende nahm, und da Laban sich dann auch schon zu zer-labert fühlte, um selbst vollmächtig einzugreifen, zwang Gott Jakob einen Kampf mit ihm bzw sich selber am Fluss Jabbok auf, wodurch noch einmal bewiesen wurde, dass jemand, der noch nicht mal merkt, dass ein Fluss fast genauso heißt wie er selber, schon von Realisten gerne mal begriffsstutzig genannt werden darf.

Zuvor hatte Jakob erfahren, dass Esau mit vielen Männern nahte. Da zeigte sich endgültig, dass Jakob die Güter, Tiere und Frauen, die Laban ihm anvertraut und ihn zuletzt mit ihnen in die Heimat zurück hatte ziehen lassen, nicht händeln konnte und seine ihm anvertrauten Knechte, Tiere und Frauen zersplitterten sich in zwei Lager, von denen er eines am Jabbok zurücklassen musste. Das drückte deutlich seine eigene Zerteiltheit und Uneinigkeit mit sich selbst aus. Er wusste, dass er ohne eine Versöhnung Esau als seinem Herrn zu begegnen hatte, der ab da für ihn Gott repräsentieren würde, weil er es nicht geschafft hatte, seinen eigenen Vateraspekt souverän zu integrieren.

Da kam es dann im Morgengrauen zum Kampf mit einem ihm zunächst unbekannten Mann. Jakob lag sehr lange im Ringen vorne, und berührte das Hüftgelenk des fremden Mannes. Da wurde Jakobs Hüftgelenkt im Kampf ausgerenkt, und Jakob begann zu hinken. Dennoch ließ er nicht nach und rief "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!", was in heutigem Deutsch heißt:  "Ich ringe mit dir, bis du mich segnest". Und er gewann den Kampf. Da fragte der andere ihn nach seinem Namen, und Jakob sagte ihm seinen. Der andere nannte seinen aber nicht, gab ihm aber den Segen.  Er segnete ihn mit den Worten: "Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und warst siegreich. Von nun an soll dein Name "Israel" sein, und du sollst Stammvater eines eigenen Volkes werden." Da ging Jakob die Sonne auf, und er wusste, dass er Gott begegnet war und weihte diese Stätte Gott.  Daraufhin konnten sich auch Jakob und Esau miteinander versöhnen, freuten sich und weinten vor Glück.  Jakob gab Esau als Geschenk etwas von seiner Herde ab, was dieser zunächst abwehren wollte. Da sagte Jakob zu ihm: "Du hast mir heute vergeben, und als ich dein Gesicht sah, war mir, als sähe ich das Gesicht Gottes." Da versöhnten sie sich endgültig.

Das, worum es in der Geschichte von Jakob und Esau geht, ist das Einswerden mit dem inneren Vater. Beide Brüder schaffen dies nur auf ungewöhnliche Weise, und im Sich-Einander -Stellen, indem Gott zwischen ihnen vermittelt und ihre jeweiligen Einseitigkeiten zwischen ihnen ausgleicht.

Je mehr ein Mensch von der Natur entfremdet ist, und zur Natur gehört immer auch Gott, desto mehr zweifelt er, und desto mehr leidet er. In der heutigen Zeit kranken wir sowohl an einer Vernachlässigung des weiblichen Pols, als auch an einer Trieb-und Lust-Armut und einem "in Fleisch, Blut und Geist" übergegangenen Gottesbezug. (Der dann in seiner organisierenden und leitenden Funktion eben DOCH männlich und vom Kopf her kommend sein muss. Eine Ferse oder ein Bauch kann einfach nicht so gut entscheiden, selbst wenn das heute immer noch gerne propagiert wird.)

Die Menschen der damaligen Zeit (zur Zeit, als der Mythos von Jakob und Esau entstand) dachten und empfanden allerdings auch nicht in "Seiten" "Hierachien", "männlichen" und "weiblichen" Aspekten Gottes, die sie erst mühevoll festlegen und definieren müssten, oder der Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit, dass das Kind schon den richtigen Beruf ergreift oder sich der richtigen Standeszugehörigkeit bewusst wird. Das ließ man Gott regeln. Ob man ihn sich dabei eher als Mann, Frau, Vater oder Mutter vorstellte, war ganz sicher zweitrangig. DASS man ihn aber immer mit etwas aus der eigenen Lebenswelt assoziierte, dürfte auch klar sein. Und dass Menschen, die in einer wüstenähnlichen Umgebung in Zelten leben, sowieso eher auf den mütterlichen Aspekt Gottes angewiesen sind, ist, denke ich, auch verständlich.

Dass aber der Großvater dieser Sippe, Abraham, in all dieser Zeit auch noch lebte, insgesamt 175 Jahre alt wurde, mit diversen Frauen und Nebenfrauen -auch nach dem "Ausrutscher" mit der Magd Hagar und dem Tod seiner über alles geliebten Sara - noch Kinder zeugte, die Wüste sich unterdessen in einen blühenden Garten verwandelte und diverse Erfindungen gemacht wurden, sowie Berufe sich etablierten, die aber immer auch wieder in Vergessenheit gerieten und alles ringsum wieder zu Wüste wurde, zeigt vor allem eins: Uralte Menschen sollten nicht zwangsläufig noch immer älter werden, Männer sein, die als Magnet alles anziehen und jede sinnvoll fortschreitende Entwicklung unterbinden, sondern gerne auch mal Platz machen für jüngere Männer und auch Frauen mit guten Ideen.

Diese wissen zum Beispiel im Zustand der Gesundheit, dass sie als Magnet viel besser taugen als der Mann, als tätige Organisatorinnen auch, als allein entscheidende Organisatorinnen aber gar nichts, als körperliche Kämpferinnen überhaupt nichts, dass sie aber den Mann, wenn er im aufbrausenden Zustand zu Fehlhandlungen neigt, davon abbringen können, mit Sanftheit, Ruhe oder Verführungskünsten.  Jedoch Zeiten, in denen die Frauen die Mutterrolle entweder vehement bekämpfen oder zu gluckenhaft einnehmen, sind in jedem Fall dekadent.

Die männliche Pfeil-Energie führt  von einem Punkt A immer zu einem Punkt B, nämlich abgeschossen und gut austariert immer ins Ziel (ins Schwarze). Die weibliche Kreis-Energie sorgt dafür, dass das nicht nur ein einziges Geschieße wird, und in Krieg und Schnell-Abspritz-Sex führt, sondern sich in eine menschgemäß langsame "Wanderung" zum Ziel verwandelt, wobei das wichtigste und rundeste Organ  - das Herz -geschont , umsorgt und geschützt wird. Eine in Kreisen herumtapernde Suche nach einem gerade mal um die Ecke liegenden Heiligen Land, wie es das Volk Israel nach dem Exodus aus Ägypten unter Mose hingelegt hat, müsste man bei den heutigen, deutschen Gegebenheiten als trantütig bezeichnen. (Und viele tun das ja auch zurecht...)

Entwicklung will irgendwo hin. Und zwar nicht im Sinne des Schlagers "Wir zwei fahren irgendwohin", sondern, "Wir bewegen uns bitteschön doch mal wieder genau da hin, wo wir hin wollen."

 Wenn wir das als Volk, Kontinent oder Weltgemeinschaft gerade nicht wissen, haben wir mindestens Rede-wenigstens Klärungs-und auf jeden Fall Entscheidungsbedarf.

Und vor allem den Bedarf danach, mal wieder so zur Ruhe kommen zu können, dass vernünftige, fühlende und die Wahrheit ganzheitlich ergründende Stimmen überhaupt gehört oder gelesen werden können, ohne, dass vorher ein Irrer, ein Gewalthansel oder ein Diktator das Ruder herum-oder gleich abreißen kann. Genauso kontraproduktiv sind im verstärkten Maße auch  Psychopathinnen, Hau-Drauf-Weiber, Kreisch-Frauen, "Auf Augen - und -Ohren-Rumsitztanten", Amazonen und "Macht-nicht-wieder-hergebe-wolle-Schnarchtassenfrauen", die Männern überhaupt erst ermöglichen, so viel Zeit zu haben, derartig lange Artikel zu schreiben.

Die Situation, in der wir uns zur Zeit befinden, ist der Zeit um 1968 und auch der Zeit um 1900 durchaus ähnlich. Es handelt sich in allen drei Fällen um "Borderline-Zeiten". Deswegen erscheint es mir auch wenig hilfreich, überhaupt noch wesentlich mehr voneinander abweichende und immer spezieller werdende psychiatrische Diagnosen zu stellen, denn die Erfahrung sollte doch zeigen, dass psychische und geistige Störungen und Krankheiten immer temporär sind und mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun haben. So, wie ich es empfinde, gibt es beispielsweise das klassische Krankheitsbild der Schizophrenie bereits schon so lange nicht mehr, dass es, als es zwischendrin einmal wieder auftauchte, in völliger Unkenntnis in "Multiple Persönlichkeitsstörung" umgetauft wurde. Kein Mensch, den ich persönlich kenne, außer den echten "Multiplen", hat sich nach Stellen dieser Diagnose (Schizophrenie, bzw. Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis) je damit identifizieren können, ganz einfach, weil man die in den Lehrbüchern beschriebenen und von den Psychologen und Psychiatern benannten Symptome alle nicht hatte. Wie viele andere, habe ich erst aufatmen können, als ich das erste Buch über Borderline las. Wirklich überzeugt hat mich jedoch erst das Buch "Borderline-Störungen, Theorie und Praxis" von Birger Dulz und Angela Schneider. Darin sah ich beschrieben, was ich erlebte, und fand auch die Begründungen und Erklärungen plausibel und fundiert. Da ich Dr. Birger Dulz persönlich kennenlernen durfte, hoffte ich eine Zeitlang auf Änderung meiner Diagnose und Behandlung auf einer Borderline-Station. Leider gelang dies nicht.

Viele Borderliner sind zudem robustere Persönlichkeiten als die meisten ihrer Behandler, projizieren weniger, unter anderem deswegen, weil sie das dahinterliegende Prinzip verstehen, und können sich dementsprechend auch besser abgrenzen und Menschen besser einschätzen, eben WEIL sie keine klassischen Mystiker oder Telepathen sind. Jeder Borderliner würde lieber in eine authentische Hölle, als in einen gefälschten Himmel gehen. Daher verstehe ich auch jetzt, warum es mit einer Therapie auf einer Borderline-Station bei mir nie geklappt hat. Erstens sind zu viel Trubel und zu viele immer wieder wechselnde Personen um sie herum immer kontraproduktiv bei diesem Krankheitsbild, egal, ob es sich dabei um Behandler oder Mitpatienten handelt, und zweitens habe ich auch irgendwann begriffen, dass die Methode von Dr. Dulz nicht wirklich gut war und ist, egal wie genial auch sein theoretischer Ansatz ist. Er hat zwar sehr richtig erkannt, dass Borderliner Geborgenheit und Gehaltenwerden brauchen, aber offenbar nie begriffen, dass das ein stationärer Aufenthalt nicht leisten kann, egal, wie lange er geht, und egal, wieviel man dort lernt und erfährt.

Zudem basiert seine Therapie auf Manipulation und dem Stecken allzu hoher Erwartungen in die Behandler und die Fähigkeiten des Patienten, „gesund“ zu agieren. Manipulation ihrer Umwelt und Mitmenschen ist ein klassischer Zug von Borderlinern. Die Therapie nach der Methode Dulz geht von der Überzeugung aus, dass man Borderliner vom Manipulieren abbringen kann, indem man sie ebenfalls manipuliert und ihre Lügengebäude sowohl unterstützt, als sie auch gleichzeitig einreißt. Man meint, das tun zu können, weil man die Intelligenz der Borderliner erkennt und glaubt, sie bräuchten lediglich emotionalen Halt und körperliche Berührungen, und wenn man dies im stationären Alltag, der in den „gutenJahren“ der „Methode Dulz“ bis zu drei Jahren gehen konnte, und dann später noch bis zu einem Jahr, gut hinbekommt, könnten die Patienten das danach außerhalb der Psychiatrie in gleicher Weise überzeugend händeln.  Das ist ein fataler Irrtum. Aus zwei Gründen: Erstens sind viele Symptome von Borderline, die mit dem aktiven Überschreiten von Grenzen zu tun haben, ein Sich-Wehren gegen und ein Sich-befreien-Wollen von Kontrolle durch andere, die als repressiv und in ihre Persönlichkeit eingreifend erlebt werden.  Symptome wie unkontrolliertes Trinken, Mutproben oder wilder, haltloser Sex dienen unter anderem der (gesunden) Rebellion gegen dahinter liegenden Unterdrückungen im Elternhaus, durch die Gesellschaft oder die Zugehörigkeit zu religiösen Parallelwelten wie den fundamentalistisch christlichen oder klassisch muslimischen. Das „Halten“ von Borderlinern kann nur gelingen, wenn sie berechtigt vertrauen können und sich nicht in Gefahr fühlen, auf solchen Stationen nun ihrerseits wieder neu manipuliert und in eine andere Richtung ideologisch umgeformt zu werden.

Fällt nach dem stationären Aufenthalt die „haltende“ Bezugs-und Vertrauensperson weg, ist nicht gewährleistet, dass der betreffende Borderliner nicht wieder in extremes Verhalten zurückfällt.  Denn seine Verhaltensweisen sind, wenn bei ihm die Tendenz, leben zu wollen der suizidalen Tendenz überwiegt, ja gerade ein Versuch, sich aus symbiotischen Beziehungen und seelischen Verkettungen freizustrampeln, und nach einem solch behandler-fixierten Stationsaufenthalt wird die Seele berechtigter Weise versuchen, sich nun von diesem Behandler  freizustrampeln. Dabei wird sie wahrscheinlich auf Strategien zurückgreifen, die sie vor der Behandlung hatte, und nicht mit den „Skills“und Strategien des zuvor haltenden Behandlers arbeiten, eben, weil sie sich ja nun von der Symbiose mit IHM befreien will.  Dass es dieses Verhalten ist, das von der Umwelt des betreffenden Menschen als störend empfunden wurde, spielt entwicklungspsychologisch für ihn überhaupt keine Rolle. Das physiologisch-psychologisch gesunde Ziel ist die Freiheit der Person und des Individuums. Und dies erreichen zu wollen und zu erreichen, ist gesund.

Nur ein freier Mensch, der ganz er selbst geworden ist, ist auch moralisch mündig. Ein abhängig gebliebener Mensch ist in Gefahr, Unrecht, auch staatliches Unrecht, nicht zu erkennen und gegebenenfalls sich dafür noch begeistern zu lassen, und es sogar mit zu unterstützen. Gesellschaftsordnungen und ärztliche Behandlungen, die auf Überwachung und Kontrolle des Indivduums basieren (letztendlich ist auch das „Halten“ auf der Borderline-Station Kontrolle)sind immer zu hinterfragen, weil sie den Bedürfnissen von Menschen nicht gerecht werden und die Tendenz haben, ins Eigenblinde und Verbrecherische abzugleiten.

Wenn einem Menschen die Rebellion gegen Eltern, Prägung und Staat in voller Gönnung zugestanden wird, immer unter der Maßgabe, dass dabei vermutlich etwas und jemand ganz anderer herauskommen wird, als sich die Erzieher erhofften und erwünschten, wird er im Ergebnis eine freie, mündig und fundiert handelnde und sich entscheiden könnende Persönlichkeit sein.  Eine Gesellschaft, die solche Menschen nicht will, ist latent oder offen menschen-ungemäß.

Borderliner haben eine gravierende Schwäche darin, einschätzen zu können, wie es jemand mit ihnen meint, wenn sie bereits spüren, dass er ihnen nicht die Wahrheit sagt. Ihnen ist das Erfassen von Wahrheit und Wirklichkeit für ihre innere Stabilität noch wichtiger, als der emotionale Halt, aber nicht, WEIL sie psychotisch wären, halluzinierten oder Gegebenheiten nicht einschätzen könnten, sondern gerade, WEIL sie es können. Menschen, Situationen und Gegebenheiten, die authentisch sind, können Borderliner gut einschätzen und bewältigen. Sie hören aber sofort auf, zu vertrauen, wenn sie merken, dass jemand sie anlügt, oder ihnen etwas komplett Unauthentisches erzählt oder vorlebt. Den Unterschied zwischen Lügen, Phantasie, Literatur, Allegorien und dem übertragenen Sinngehalt von Märchen, Sagen, heiligen Büchern und Darstellungen in Filmen kennen sie und fühlen sich beleidigt, wenn man ihnen das nicht zutraut. Ihr Vertrauensdefizit geht nicht in Richtung ihrer Wahrnehmung oder der korrekten Einschätzung von Realität, sondern in Richtung von Menschen, die sie anlügen, manipulieren, benutzen und missbrauchen.

Einen Borderliner mit Gegenmanipulation, Umprogrammierung, Affirmationen und unrichtigen Glaubenssätzen heilen zu wollen, die zwar vordergründig zunächst Halt geben und stabilisieren, bei näherer Prüfung aber lediglich schaler Trost sind, wie ihn eine hilflose Mutter geben würde ("Alles wird wieder gut" oder "Puste einmal, dann fliegt das Aua aus dem Fenster") oder ein grausamer Vater ("Sie wollen doch nur provozieren! Wenn sie sterben wollen, springen sie doch aus dem Fenster! Es wird sowieso niemand um sie weinen!") ist sinnlos. Jeder Behandler wird da irgendwann auf Granit beißen. Denn Borderliner wollen gar nicht das Verhältnis zu ihren Eltern klären, schon gar nicht mit Personen, die überhaupt nicht ihre Eltern sind, sondern, sie wollen Eltern HABEN, die es gut mit ihnen meinen, bzw. die Fähigkeiten von guten Eltern, das heißt, authentisches und verantwortlich gelebtes männlich und weiblich sein in sich selber finden und etablieren.  Von den schlechten und unfähigen, zu schwachen oder zu grausamen Eltern(-bildern) wollen Borderliner sich freischwimmen. Das Werden zu einer ganzen, im tiefsten Sinne des Wortes gesunden und mündigen Persönlichkeit  geht SELBSTVERSTÄNDLICH  nur über den Weg der Integration und Ganzheit, also in der Akzeptanz und der Erlaubnis des Lebendürfens von Härte, Weichheit, Dominanz und Demut (Finde ich als Gegensatzwort besser als "Devotion") sowie von homosexuellen und Bi-Neigungen, der Möglichkeit, auch die eigene Veranlagung zur "Schlampe", zur "Hure" , zum "Womanizer" und zum "Stecher"  ausleben zu dürfen und sich selber auch so bezeichnen zu dürfen, ohne sich unterstellen lassen zu müssen, man könne nicht lieben, keine Verantwortung tragen oder man würde seine eigene Würde untergraben und selbstverletztendes Verhalten kultivieren. Dass eben Menschen wie z.B. Charlotte Roche oder Billie Eilish als Vorreiterinnen von selbstbewusster Weiblichkeit und einem neuen Verständnis von Feminismus gelten, ist ebenso klar und symptomatisch, wie ihnen immer wieder auch Blindheit, Verrat am eigenen Geschlecht und das Hereinfallen auf versteckten, männlichen Sexismus vorgeworfen wird. Mir erscheint das lustvolle Ausleben und Benennen von Sex als menschengemäß, konstruktiv und integrierend sowie ausstrahlend, egal, ob von Männern oder von Frauen. Daher nehme ich es bei Frauen als stark und dem Feminismus zuträglich wahr. Das übertriebene „Nicht-sexualisiert-werden-wollen“ und die dem Mann latent beabsichtigten Missbrauch unterstellende, von Metoo befeuerte Haltung, finde ich hingegen Neo-spießig, neo-reaktionär, unkonstruktiv und in Wahrheit die eigenen Bedürfnisse – z.B. des Angeschaut-werden-Wollens- untergrabend. Wenn Männer und Frauen sich auf unsouväräne Weise sexuell präsentieren – d. h. mit viel zu kurzen Miniröcken oder Strapsen bei Frauen, oder eingeölten Oberkörpern, überproportional herausgearbeiteten Muskeln und String-Tanga bei Männern, ist das eher auf ein Nicht-Einschätzen-Können der eigenen Wirkung und auf eine Hilflosigkeit zurückzuführen, als auf den Wunsch, sich zur „Hure“ oder zum „Schlamperich“ zu machen. Und selbst wenn – auch das hat eine freie Gesellschaft hinzunehmen und es nicht ideologisch-politisch kommentieren und reglementieren zu wollen. Wenn ein Mensch, der so handelt, sich darin als stark und stimmig erlebt, ist es berechtigter Weise sinnlos, ihm oder ihr vorzuwerfen, man mache sich zur Hure und zum Objekt.  Ebenso ist es aber auch wichtig, nicht ständig alles sexuell herzuleiten und zu begründen, und gerade auch Menschen zu schützen, die sehr bewusst eben KEINE Schlampe und KEIN Stecher sein, sondern treu und sexuell eindeutig sein wollen. In beiden Fällen finde ich es falsch, als deutsche Gesellschaft einen Kniefall vor militant christlichen oder muslimischen Forderungen und Wünschen zu machen. Dass man heute beispielsweise eine Anzeige riskieren kann, wenn man als Mann im Hochsommer mit freiem Oberkörper rausgeht, empfinde ich als extrem repressiv. So viel „Willkommenskultur“ ist unzweckmäßig.

Sowohl politisch, als auch sexuell und religiös erleben wir eine Zeit des ständigen Vor-und Zurückruderns, nicht einmal, weil wir unsere Meinungen und Ansichten ständig ändern würden, sondern weil wir oft einfach nur Angst haben, von militanten Verfechtern einer anderen Meinung auf die Schnauze gehauen zu bekommen. Menschen mit einer gut begründeten Meinung, die sie nicht ständig ändern, und die noch dazu integer und verlässlich sind, sind heute eher selten. Ebenso aber auch die Fähigkeit zur Flexibilität und zum unbefangenen Dazulernen. Das liegt natürlich auch am Laufen lassen von bereits als falsch erkannten Zuständen aus Bequemlichkeit, ebenso aber auch an dem immer deutlicher werdenden Empfinden von gesellschaftlicher Destabilisierung durch den Anspruch, alles toll finden zu sollen, alles integrieren zu müssen, alles tolerieren zu müssen und sich an alles anpassen können zu sollen.

Die in der Christenheit einseitig hochgehypten Werte von Liebe und Gnade hinterfragt man zurecht immer mehr, gerade auch in der sinnvollen Dazunahme der jüdisch-hebräischen Schriften (Altes Testament) und der Synopsis von beiden Werken. Wenn man sie nämlich genau studiert und nicht gegeneinander ausspielt, verliert sich sehr schnell die typisch christliche Angst vorm angeblich überstrengen jüdischen Richter-und Rachegott, dessen Gebote man weder auswendig lernen, noch je einhalten könnte. Wer diese Schriften nämlich wirklich unbefangen liest, wird sehr schnell merken, dass sich die Ansagen "Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung."  und "Barmherzigkeit will ich, keine Opfer!" durchziehen und der, dass die Gebote eben weder Befehle, noch justiziable Gesetze sind, aber auch nicht nur lieb gemeinte Empfehlungen mit völliger Freilassung von Interpretation und Anwendung , die beliebig verändert, ausgetauscht oder weggelassen werden können.

Was nur wichtig ist zu begreifen, ist, dass das keine Anordnungen eines unbarmherzigen, sich selber nicht erklärenden, hierarchisch über uns stehenden, sich nicht wandelnden  und wie ein willkürlicher Diktator agierenden Gottes sind, sondern ein Kompendium von Weltweisheit, das von unzähligen Menschen zu ganz unterschiedlichen Zeiten geschrieben wurde, und das daher nie homogen sein kann, oder als direkte, ungefilterte Aussage Gottes gelten kann, die keinerlei Widerspruch, oder in sich begründete Revision enthält, das aber gerade deswegen nicht wertlos, unlogisch und für das Leben unbrauchbar ist. Es ist lediglich illusorisch, ständig die gesamte Bibel im Kopf zu haben, sie als Leitfaden und gesetzliche Richtlinie und Direktanweisung zu begreifen und zu befolgen und dann noch zu versuchen, die EINE, VERBINDLICHE AUSSAGE  dieses Buches da herausdestillieren zu wollen. Davor zu kapitulieren, und sich einzureden, genau DAS sei der Sinn heiliger Schriften, ist aber genau so ein Unsinn. Die Notwendigkeit der Einsicht und der im Leben verwirklichten Einheit von Liebe, Weisheit, Gnade, Gerechtigkeit, Gesetzlichkeit, Freiheit und so weiter erschließt sich jedem Menschen ab einem bestimmten Alter. Das geht eben nur nicht unter Ausklammerung des scheinbar störenden, dunklen und Bösen, sondern nur mit ihm. Die Bibel braucht man fürs Verständnis des Lebens  nicht unbedingt, und die Kirche schon gar nicht. Aber Geist und die Einsicht in die Abläufe des Lebens auf jeden Fall.

Und der Geist ist göttlich – ja, ist Gott selbst. Dies aus reformerischen oder angstbesetzten Gründen aus der Menschheit extrahieren oder wegerziehen zu wollen, halte ich für unmöglich, schädlich und deplaziert. Die Frage ist nur, ob es Sinn macht, wenn religiöse Gemeinschaften sich gegeneinander abschotten. Das geschieht ja auch immer aus der Angst davor, die eigene Originalität einzubüßen oder in den religiösen Anschauungen und Regeln seiner eigenen Gruppe von anderen widerlegt oder korrigiert zu werden. Dass Gott in der jüdischen, bzw. israelischen Religion(der „12-Stämme-Israels“-und „Offenbarungen- an-Mose“-Logik folgend), sich als höchsten Namen den Namen Jahwe, also „Ich bin“, oder „Ich bin, der ich bin“ ( wobei letzteres bereits eine modifizierte Übersetzung mit einer Doppelung  ist), ist auf positive Art bezeichnend für das Judentum und deutet auf die das Individuum wollende, bejahende und fördernde Seite Gottes hin, die sich im echten, korrekt und wesensgemäß verstandenen Christentum fortsetzt und ausbaut. Sowohl die Variante des Koran, Gott nur noch „Allah“ zu nennen (das ist schlichtweg lediglich das arabisch-aramäische Wort für “Gott“ und nicht im eigentlichen Sinne ein Name; die anderen Namen, wie z.B. der Allerbarmer, die es auch in der jüdischen Bibel gibt, sind hier lediglich Bezeichnungen der Eigenschaften Gottes, der höchste – und tiefste- Name Jahwe, also „Ich bin“ fehlt dort ganz), als auch die jüdische Variante, den höchsten Namen nicht mehr auszusprechen oder die christliche Variante, den/die Namen Gottes nur noch mit „Herr“ zu übersetzen, geht in eine falsche Richtung.

Deswegen nämlich, weil sie insgeheim das Ich, das Eigensein und das Selber-Herr-Sein des Menschen , als auch das Geheimnis vom Göttlichen im Menschen und seiner sich daraus ergebenen Würde untergräbt und ableugnet. Im Prinzip sind solche Anschauungen oder religiösen Tendenzen immer dann präsent, prägend und in der Gesellschaft vorherrschend, wenn der Mensch in seiner sozialen Umgebung oder seine gesellschaftlichen Führer das Vertrauen in die Richtigkeit des Individuums verlieren und sich Besseres von einem omnipotenten Staatsführer oder einem autoritären, anonymen und das Individuum verwerfenden Gott erhoffen.

Solche Tendenzen führen aber zu Unrechtsstaaten, Verleugnung des Menschlichen, Rassismus und Intoleranz,  Schädigung und Ausbeutung der Natur und unkontrolliertem Speziezismus, d.h. Geringachtung anderer Lebewesen. Das Bewusstsein um die Ich-Haftigkeit Gottes und das Nennen seines das Ich preisenden Namens ermöglicht ein Bewusstsein für die Wesenhaftigkeit und die Würde von allem, was ist und die liebevolle Hinwendung  zum Mitmenschen und zur gesamten Schöpfung. Die Tendenz, diesen Namen und das, was er bedeutet, verschleiern, verbergen, unkenntlich zu machen oder zerstören zu wollen, führt zur gesellschaftlichen und individuellen Bewusstlosigkeit und dem Hineintaumeln in inhaltlich nicht mehr verstandene Vorgänge und in sich chaotischen oder menschenverachtend-verbrecherischen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Das Bewusstsein, dass Gott das Ich und das Individuum will und im tiefsten selber ist, fördert ein reifes und verständnisvolles Miteinander, ohne einander die Würde oder das jeweilige “Anders-Sein“ absprechen, untergraben oder dagegen handeln zu müssen.

Zum Ich, zum Leben und zu Gott und dem göttlichen und ganzen Bewusstsein und Dasein gehört auch immer das Dunkle, „Böse“ und zunächst Unverstandene. Eine Gesellschaft, die dies unterdrückt und durch Gesetze verhindern, reglementieren und ausschalten will, erschafft im Endeffekt schlimmere Monstren, als die, die vorher da waren. Im Vertrauen dahinein, dass jedes Individuum die Phase des chaotischen, bösen und nicht einschätzbaren durchlaufen muss, um ein ganzer Mensch zu werden und dem Kosmos konstruktiv und zum Wohl aller dienen zu können, könnten wir von den uns schädigenden Einflüssen wieder mehr loslassen, und aufhören, uns gegenseitig das Individuelle und Autonome absprechen, unterdrücken und zerstören zu müssen. Das Aberkennen, Unterdrücken und Gleichschalten des Individuums und die Leugnung Gottes in realen Bezügen führt zu gesellschaftlicher Destabilisierung, individueller und kollektiver Dummheit, und zu nicht verstandenen und zunehmend weniger händelbaren Phänomenen wie der Corona-Epidemie, in deren unsachgemäßer Bewältigung sich bereits unsere gesamte aufgeriebene und hysterisierte Grundhaltung zeigt. Die Welt kann erst in Einigkeit „schwingen“, wenn wir erkennen und beherzigen, dass NICHT alles eins ist, und dass es keinen Unisonoweg gibt. Die spirituellen Wege der Menschheit weisen uns in ihren heiligen Schriften Wege zum Umgang mit dem Schatten, dem Bösen und dem Unbekannten. Nur unreife Menschen und Gesellschaften nutzen Spiritualität zur Ausklammerung, Unterdrückung und „Ausmerzung“ des “Bösen“. Der Mythos von Jakob und Esau ist, ähnlich wie die Versuchungsgeschichte über  Jesus in der Wüste, ein Beispiel und ein Entwurf, wie man sich dem stellen kann und auf reife und gereifte Weise zum Ziel kommt. Unsere Gesellschaft, die mehrheitlich auf Vermeidung, Verneinung, Unterdrückung und das Erreichen von „Ordnung“ auf der Grundlage  gesetzlicher Reglements basiert, ist hingegen dringend reformbedürftig.

 

© by Patrick Rabe, 19. Juli 2020, Hamburg.

 

Segnen

 

Paulus empfiehlt im Römerbrief: „Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden!“ Allerdings macht er einen Nachsatz, wohl im besorgten Wissen darum, dass das nicht so einfach ist: „Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes! Denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr.‘   ‚Wenn nun deinen Feind hungert, so speise ihn; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken! Denn wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.‘   Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten!“ 

 

Was Paulus da schreibt, ist in erster Linie eine Empfehlung für den Umgang mit Feinden, und beruht auf der Erkenntnis der alten Israeliten, dass man sich selber schadet, wenn man jemanden, der einem Böses getan hat, aktiv bestraft. Ihr Gedanke hinter diesem Satz (er ist nicht von Paulus selbst, sondern ein Zitat aus den „Sprüchen“), ist, dass man, wenn man jemanden, der einem Unrecht getan hat, trotzdem segnet, Gott, dem Leben und den Umständen seine Bestrafung überlässt.  Dass dies dennoch problematisch ist, zeigte Jesus in seiner Bergpredigt auf. Er hätte Paulus sicher widersprochen, hätten sich die beiden persönlich kennen gelernt. Wenn man nämlich einen Segen sendet mit einem daruntergelegten impliziten Fluch, das heißt, dass man dem, den man da segnet, eigentlich etwas Schlechtes wünscht, oder hofft, Gott möge ihn strafen, weil man selber so großmütig war , ihm Gutes zu wünschen, obwohl er einem vielleicht Böses getan hat, tut man weder dem anderen, noch sich selbst etwas Gutes. Denn egal, ob man jemanden aktiv verflucht, also mit der Aktivierung von spiritueller Energie (Gott, Teufel, Engel, Dämonen,  geistliche Kräfte, psychische oder geistige Energien) jemandem etwas Böses oder ein Unglück wünscht, oder ob man jemanden segnet, und dabei nicht mit ihm im Reinen ist, sondern insgeheim hofft, ihm möge etwas Schlechtes widerfahren, man schadet in beiden Fällen sich selber und dem anderen. Also, wenn man gerade jemandem grollt, sollte man ihn in dem Moment nicht unbedingt segnen, schon gar nicht im zwanghaften Gefühl, das jetzt gerade deswegen tun zu müssen. Denn wer einen bösen Wunsch aussendet, bekommt auch Böses zurück. Anders ist es mit sogenannten „schlechten Gedanken“, die manche Christen ja geradezu panisch fürchten. Dagegen kann man aber erstens nichts machen, und zweitens haben sie keine weitreichende geistliche Wirkung auf einen selber und Menschen in der Umgebung. Das sind Dinge, die muss man in sich und mit Gott klären. (Und manchmal ist es für das eigene Wohlbefinden auch gar nicht schlecht, wenn man im Inneren mit Leuten grollt. Alles, was nicht ehrlich ist, also unterdrückte oder verheuchelte Gefühle, machen einen krank.) Schwierig wird es nur wenn ich diese Gedanken und Wünsche, die ich über jemanden hege, einer geistigen/geistlichen Macht anvertraue, und sie „losschicke“. Denn dann kommen sie garantiert irgendwo an. Und gemäß des Bumerang-Prinzips kommen sie auch zu mir zurück. (Ihr werdet ernten, was ihr säät.)

 

Jesus empfiehlt ja aus guten Gründen eine andere Praxis des Segnens, als seine Vorväter. So geht sie:

 

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben, und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

 

 

© by Patrick Rabe 16. September 2020, Hamburg.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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